Wortklauberei

Manchmal kann es nicht schaden, etwas genauer hinzusehen. Also das Wort Pandemie können wir inzwischen schreiben. Auch wenn es manche nicht mehr hören können. Und was es bedeutet, daran haben wir jetzt auch keinen Zweifel mehr. Bekommen wir es doch tagtäglich in einem gefühlten 15-Minuten-Rhythmus erklärt, gezeigt, berichtet. Von klugen Köpfen vor allem, weshalb eine überwältigende Mehrheit im Lande hinter den Maßnahmen, Appellen und Anordnungen steht, die derzeit unser altes Leben zur Erinnerung verblassen lassen.

Ein Grund mehr, uns nicht nur damit zu beschäftigen, dass eine Pandemie eine „sich weit verbreitende, ganze Länder od. Landstriche erfassende Seuche; Epidemie großen Ausmaßes (Med.)“ ist. Denn es betrifft nicht nur „demos“, das Volk, viel entscheidender ist der Wortbestandteil „pan“. Und hier hilft das Fremdwörterlexikon, falls nicht gerade das Wörterbuch Altgriechisch-Deutsch zur Hand ist. Originalzitat aus einem diesbezüglichen Standardwerk: „Präfix mit der Bedeutung ‚ganz, gesamt, umfassend, völlig‘.“

Besonders bitte ich den beiden Wörtern „gesamt“ und „völlig“ die umfassende Aufmerksamkeit zu widmen. Ich finde, dass da die Seuche plötzlich irgendwie nicht mehr so wichtig daherkommt. Eigentlich wird sie zur Nebensache. Und insbesondere, wenn man sich anschaut, was in früheren Zeiten und Jahrhunderten nach einer Seuche geschah. Mein Vorschlag: Verabschieden wir uns von der Vorstellung, dass das jetzt ein bisschen dauert – und dann wird es wie früher. Das haut einfach nicht hin.

Was uns vielleicht bleibt, das ist mit allergrößter Wahrscheinlichkeit Amazon und Konsorten. Aber höchstwahrscheinlich in modifizierter Funktion. Denn ich vermute eher, dass unsere ganze Welt eine völlig andere sein wird. Die politischen Landschaften werden sich ebenso verändern wie die Märkte und das berühmt berüchtigte Kapital. Das leider nichts mehr mit Marx und Lenin zu tun hat. Ob dann „demos“ noch mitspielen darf, das hängt wohl vor allem davon ab, wie lange wir noch den Versprechungen glauben, dass Geld die Wunden heilen könnte. Die einzige Medizin sind Menschlichkeit und Solidarität. Die Heilungschancen sind also denkbar schlecht. Dann frohe Ostern.

Ein dreifach Hoch?

So zwischendurch muss auch mal Schluss sein. Wenigstens für einen Moment. Also wird heute nicht rumgemeckert, schwarz gemalt oder das Klagelied angestimmt. Heute ist Friede, Freude, Eierkuchen. Zumindest was diesen Blog betrifft. Und das erstaunliche: ich musste gar nicht so lange suchen. Geschweige denn etwas an den Haaren herbeiziehen.

Beispiel Fluglärm: Findet einfach nicht mehr statt. Oder in einem Maße, dass man interessiert zum Himmel schaut: Kuck mal, ein Flugzeug! Oder morgendliche oder abendliche Staus. Scheint ein Gesamtausfall zu sein, wenn man den Verkehrsdurchsagen glaubt. Und noch besser: Unfälle, sonst im Stundentakt durchgegeben, sind jetzt eine Ausnahme.

Und ich persönlich genieße es auch ganz besonders, dass ich jetzt einkaufen gehen kann, ohne dass mir andauernd Menschen auf die Pelle rücken. Ich hasse es, wenn mir beim Bäcker jemand die Kinnlade auf die Schulter legt, um nur ja nicht das letzte Croissant aus den Augen zu verlieren. Kommt jetzt nicht mehr vor.

Oder wie oft wurde man auf der Straße angerempelt, ohne dass es für die Rempler der Rede wert war. Jetzt werde ich eher argwöhnisch angeschaut, man macht einen Bogen um mich. Wunderbar! Und ich kann mich inzwischen kaum noch daran erinnern, dass mir regelmäßig an den Supermarktkassen ein Einkaufswagen in die Fersen gerammt wurde. Was man da Schmerzgel spart.

Schade nur, dass Kinos oder Theater nicht geöffnet sind. Ich stelle mir das paradiesisch vor. Da wo sich dereinst mit allergrößter Wahrscheinlichkeit zumindest im Kino ein zumeist gewichtiger Mensch mit einem noch gewichtigeren Eimer Popcorn und einem bis zwei Litern Coca-Cola mit Strohhalm hinsetzte, da wären jetzt ein, wahrscheinlicher noch zwei freie Plätze.

So schlecht kann kein Film sein, dass diese Vorstellung für mich nicht ein Genuss wäre. Außerdem würde ich dafür plädieren, dass zwischen zwei belegten Reihen immer eine freie Reihe sein müsste. Endlich könnte einem keiner mehr ins Genick husten oder die Knie in den Rücken bohren.

Deshalb bin ich für einen Mittelweg. Es muss ja icht gleich so bleiben, wie es jetzt ist. Und schon gar nicht aufgrund politischer Entscheidungen. Aber wenn ich jetzt mal kurz träumen darf: Wie wäre es, wenn wir selbst dann, wenn die Pandemie Vergangenheit ist, immer noch so tun würden, als wären Coronazeiten. Mit dem kleinen Unterschied, dass Nähe durchaus möglich ist, wenn sie gewünscht wird.

Also zum Beispiel in der Nord- oder Südkurve eines Fußballstadions. Bei zwei oder drei Liebenden. Um zu helfen, wenn jemand in Not ist. Und das Ganze getragen von der Erkenntnis, dass mehr nicht immer besser ist. Dass beispielsweise nicht immer Massen auf riesigen Dampfern rumschippern oder in riesigen Flugzeugen durch die Gegend fliegen müssen. Da könnte doch diese Katastrophe auch eine kleine gute Seite bekommen.

Schwindel

Mir ist schwindlig. Hier 800.000 Euro für eine Firma in Not. Zig Milliarden für Kurzarbeit oder Soloselbständige, für kleine Betriebe und Geschäfte. In dreistelliger Milliardenhöhe. Was da von der Politik hierzulande momentan aufgeboten wird, ist gigantisch. Und hätte man sich gewünscht, als es noch um den Klimawandel ging, um Kohlekraftwerke, Straßenverkehr oder alternative Energien. Aber vielleicht wusste die Politik schon damals mehr und hat sich das Geld aufgespart für die Coronakrise.
Jedenfalls habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass diese Coronakrise Synonym für ein Wirtschafts-Stützungsprogramm ist. Denn ginge es in erster Linie um die Kranken, dann müssten doch vor allem Krankenhäuser, Ärzte, Pflegepersonal oder Wissenschaftler die Milliarden bekommen, damit sie die Kranken versorgen können. Aber vielleicht liegt es einfach daran, dass den Investoren Personen respektive Einrichtungen aus dieser Branche nicht so wichtig sind.
So richtig erbärmlich finde ich allerdings, was mit den Kindern in den griechischen sogenannten Flüchtlingslagern geschieht. Nämlich nichts. Stopp! Stimmt nicht. Luxemburg hat zehn Kindern die Einreise erlaubt. Oder waren es sogar zwölf? Wie auch immer, irgendwie scheint man dort das Geld dafür aufgebracht zu haben. Aber wahrscheinlich hat Luxemburg auch nicht so viele Corona-Infizierte.
Eines ist jedenfalls unübersehbar: Corona hat die absolute Priorität. Überlagert alles. Es scheint keine Flüchtlinge mehr zu geben, ihre Kinder sowieso nicht. Auch keine Kinder und Frauen, die geschlagen und missbraucht werden, keine Menschen, die nicht wissen, wo sie was zu essen kriegen. Für sie ist momentan kein Platz in den Finanzplänen, noch nicht einmal in den Pressekonferenzen der Politiker. Vielleicht ist das einfach zu viel verlangt, in einer Krise auch noch an etwas anderes zu denken als an die Krise.

Was dann?

Eine junge Frau sitzt auf den Stufen, die zum Eingang eines Museums hinauf führen, in der Frühlingssonne. Das Museum ist geschlossen. Die junge Frau ist alleine. Bis sich Polizeibeamte nähern. Sie wird aufgefordert, den Ort zu verlassen, am besten nach Hause zu gehen. Es könnte sonst eine Geldstrafe drohen. Die junge Frau folgt der Aufforderung, die Polizeibeamten setzen ihren Weg fort.

Die Schengen-Verträge, das Grundgesetz, das sind Begriffe geworden. Ihre Bedeutung ist weitgehend aufgehoben. Grenzen werden nach Belieben geschlossen, ohne Absprachen. Menschen werden gehindert, ihrer Arbeit nachzugehen, auch wenn diese „systemrelevant“ ist. So wie jetzt im Saarland, an der Grenze zu Frankreich. Auf der anderen Seite ist jetzt ein Hochrisikogebiet.

Hauptsache das Geld kommt weiter aus Brüssel, denkt man sich auch an den Grenzen von Polen oder Ungarn. Solidarität, das ist was für Träumer. Also alles zu seiner Zeit. Auch die Grundrechte. In diesen Zeiten hat man nicht die Zeit für so ein langes Wort wie „Verhältnismäßigkeit“. Bis das einmal gesagt wurde, haben sich schon wieder zwei Menschen infiziert.

Lieber macht man jetzt Putzfrauen zu Helden. Da braucht man sie nicht besser zu bezahlen, wenn man sie nur noch als Putzfrauen braucht. Gilt übrigens auch für andere prekäre Berufe. Wer jetzt auf keinen Cent verzichten kann, das sind die Vorstände, die um Arbeitsplätze kämpfen. Schließlich wurden Daimler, Aldi Nord und Süd oder Bayer nur geschaffen, um Menschen Brot und Arbeit zu geben..

Was wird man wohl machen, wenn das Virus nicht mehr mitspielt? Wenn es nicht mehr herhalten will für Verordnungen, die gültiges Recht aufs Abstellgleis schieben. Wer wird sich noch erinnern, was früher war. Wer hat dann noch ein Interesse, die guten alten Zeiten wieder aufleben zu lassen. Vielleicht hatte die junge Frau auf den Stufen des Museums ja einen Migrationshintergrund. Oder Mund und Nase mit einem Palästinensertuch geschützt.

Geistesnahrung

Das ist mein neues Lieblingswort: systemrelevant! Auch wenn ich mich frage, welches System damit gemeint sein kann. Das kommunistische System ist ja nicht mehr so angesagt. Fakt ist zweifelsohne, dass Toilettenpapier oder Nudeln systemrelevant sind. Die ja mit Kommunismus nichts zu tun haben. Aber immerhin dürfen Geschäfte, die diese Artikel verkaufen, ja wenigstens noch öffnen. Und Zigaretten sind offensichtlich auch systemrelevant. Die dürfen ja auch noch verkauft werden.

Sinn würde das eher machen, wenn nur Materialien, die man in Krankenhäusern braucht, in Pflegeheimen, Arztpraxen, für Sanitäter und Notärzte, systemrelevant wären. Schließlich haben wir immerhin ein Gesundheitssystem. Auch wenn sich dieses gerade selber als etwas absurd outet. Ist doch selbst für so einfache Gemüter wie dem meinen offensichtlich, dass ein gewinnorientiertes Gesundheitssystem seine Schwächen hat. Zum Beispiel, wenn es um die Gesundheit von Menschen geht.
Aber ich schweife ab. Denn was mich ganz besonders umtreibt in diesen Tagen, das ist die Frage, warum eigentlich Buchhandlungen schließen mussten. Ich finde, Bücher sind mindestens so systemrelevant wie Klopapier, Nudeln oder Zigaretten. Sie sind wichtig für die geistige Hygiene, eine durch nichts zu ersetzende Nahrung für Gehirnzellen und mindestens ebenso ein Genussmittel wie Zigaretten. Buchhandlungen sollten also sofort wieder geöffnet werden können. Aber vielleicht ist das ja doch ein ganz anderes System gemeint.

Mangelware

Es langweilt, ich weiß. Und außerdem verstehe ich ja mittlerweile, dass die Menschen mehr Toilettenpapier gekauft haben, als sie in fünf Jahren trotz einer alljährlichen Diarrhö verbrauchen können. Ich gehe davon aus, dass diese Menschen glauben, man könne sich vor dem Virus schützen, wenn man sich in Toilettenpapier einwickelt. Warum aber in ganz Deutschland und noch nicht einmal bei dem US-Weltmarktführer des Onlinehandels ein kleiner Behälter simpler Flüssigseife, die einen nicht zum Anlaufpunkt für Insekten aller Art macht, zu bekommen ist, das ist mir schleierhaft.

Was glauben denn die Menschen, die jetzt Flüssigseife vermutlich Hektoliter weise ihr Eigen nennen, was passieren wird? Dass erst das Virus kam und jetzt stündlich mit dem Einmarsch der chinesischen Truppen zu rechnen ist? Deutschland jahrelang im Krieg versinken wird? So oft kann man doch gar nicht die Hände waschen, dass solche Unmengen benötigt werden. Der Bedarf ergibt sich noch nicht einmal, wenn jetzt von heute auf morgen alle Männer entdecken sollten, dass Mann nach dem Pinkeln sogar Hände waschen kann. Was natürlich ein immenser Schub in der Evolution wäre.

Und dann ist mir noch etwas ganz absurdes eingefallen. Das Geld, das in Deutschland für Hamsterkäufe ausgegeben wurde, das hätte man doch wunderbar dazu verwenden können, um beispielsweise ein paar tausend unbegleitete Kinder aus der Hölle von Lesbos, die sich im offiziellen Sprachgebrauch gerne hinter dem romantischen Namen Moria versteckt, zu befreien und nach Deutschland zu holen, hier ein bisschen aufzupäppeln. Das hätte doch hierzulande kein Arsch gemerkt, dass keine 27 Pakete Toilettenpapier das Kinderzimmer verstopfen.

Es wird aufgerüstet

Das macht doch viel mehr Sinn als Klopapier. In den USA haben viele Menschen Waffen und Munition gehamstert. Mit gutem Grund, wie von einem der Käufer in einer langen Schlange vor einem Waffengeschäft erklärt wurde. Er sagte: „Es geht eigentlich nur darum, dass die Regierung und die Polizei nicht in der Lage sein werden, uns zu schützen, wenn die Dinge in den nächsten Wochen bis Monaten schlecht laufen und die Menschen in Panik geraten und randalieren und plündern.“ Und wer hat schon mal gehört, dass ein Randalierer oder Plünderer mit einer Rolle Toilettenpapier niedergestreckt worden wäre. Noch nicht einmal, wenn es sich um Recyclingpapier handelt.

Laut der NSSF, der Handelsvereinigung der Schusswaffenindustrie in den USA hat sich der Umsatz des Waffengeschäftes alleine in der Zeit von Ende Februar bis Mitte März vervierfacht. Kein Wunder also, dass jetzt die NRA, die Waffenlobbyorganisation, gegen die auch Barack Obama nichts ausrichten konnte, während Trump von ihr unterstützt wird, Klage eingereicht hat. Weil in Kalifornien durch den Gouverneur Gavin Newsom im Rahmen der Maßnahmen gegen Corona nämlich die Waffengeschäfte geschlossen wurden.

Argument der NRA: Waffengeschäfte sind lebenswichtig! Und außerdem verstoße ihre Schließung gegen Verfassungsrecht. Denn man könne keine Waffen, wenn man sie nicht kaufen kann. Ersteres aber von der Verfassung garantiert werde. Weshalb Waffengeschäfte zu den „lebensnotwendigen“ Geschäften gehörten. Ob die Klage Erfolg haben wird, ist noch nicht bekannt, aber immerhin soll bereits ein Texaner ein Coronavirus mit einer Pumpgun eliminiert haben. Seine Frau soll dabei allerdings auch ums Leben gekommen sein.