Der wahre Skandal

Ganze Bevölkerungsgruppen echauffieren sich über die Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft, dass niemand versucht dem Sterben in Syrien Einhalt zu gebieten. Dann gibt es natürlich auch nicht wenige Menschen, die es nicht hinnehmen wollen, dass Menschen in Not nicht in rettende Häfen gelassen werden oder gleich im Mittelmeer ertrinken. Während sich eine wahrscheinlich noch viel größere Gruppe von Autokonzernen getäuscht und betrogen sieht und deshalb Skandal schreit.

Doch erst bei meiner täglichen Lektüre der Promi-News im Internet wurde mir so richtig bewusst, dass das alles sekundär ist, wenn man sich ansieht, was aufmerksame Follower einer gewissen Sarah Lombardi auf Instagram entdeckt haben.

Die mir bis dato unbekannte junge Frau, die laut meiner Recherchen bei einem Promi-Backen einen ersten Platz belegt hat und ansonsten in ihrer Freizeit offensichtlich gerne mal ein Liedchen trällert, allerdings nur, wenn ihre Posts auf Instagram ihr Zeit lassen, ist dort nämlich mit einem Pferd zu sehen. Bei dem unübersehbar das Halfter etwas verrutscht war.

Und nachdem einer der Gurte in die Nähe eines Auges geraten war, diagnostizierten nicht wenige Kommentatorinnen und Kommentatoren Tierquälerei. Was natürlich ein Skandal ohne gleichen ist und die Fachzeitschrift „Bunte“ dazu veranlasste, beim deutschen Tierschutzbund nachzufragen. Und es kann nur eine Frage von Zeit sein, bis der Bundestag einen Untersuchungsausschuss gründet.

In der Zwischenzeit frage ich mich, wie viele Stunden wohl inzwischen die Menschheit täglich damit verbringt, sich mit solch lebenswichtigen Problemen zu beschäftigen, und ob es nicht vielleicht mal einer Überlegung wert wäre, per Gesetz Follower von Promis wie Sarah Lombardi dazu zu verpflichten, ebenso viele soziale Stunden abzuleisten. Von mir aus soll das dann auch für Blog-Schreiber gelten.

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Zollschranken

Erinnern können sich nur die älteren Semester. Alle anderen kennen nur einen müden Abklatsch von den Flughäfen in Thailand oder auf Mallorca. Und selbst der martialische Empfang in den USA kann nicht mithalten mit jenem Gefühl, das man dereinst hatte, wenn man in der langen Auto-Schlange stand und sich langsam aber sicher der Grenze zu Österreich oder der Niederlande näherte, oder aus diesen Ländern zurück kam und wieder in die Heimat wollte.

Mit jedem Moment etwas nervöser wurde, ausgelöst von der bangen Frage, ob es einen wohl dieses Mal treffen würde. Ob der Zöllner nach einem strengen Blick auf die weit aus dem Fenster gehaltenen Pässe noch einmal das Innere des Autos mustern würde. Um dann nach dem energischen Kopfschütteln auf die Frage, „haben Sie etwas zu verzollen?“, mit einer einladenden Bewegung Order gab, rechts oder links ranzufahren.

Wo dann Kofferraum und Innenraum akribisch untersucht wurden. Im schlimmsten aller Fälle sogar mit der Unterstützung eines schnüffelnden Hundes.  Während die Insassen des Auto mit gesträubten Nackenhaaren und Schweißperlen auf der Stirn im Geiste noch einmal durchgingen, was alles in den Tiefen des Kofferraums oder unter den Sitzen liegen könnte.

Dieses prickelnd aufregende Gefühl können wir zumindest jetzt an der Grenze zu Österreich hoffentlich bald wieder in vollen Zügen genießen. Mit langen Staus als Gratis-Zugabe. Und wir sollten uns dafür bedanken bei denen, die alles dafür getan haben, obwohl es ihren Job hätte kosten können. Im Herbst mit einem Kreuz an der richtigen Stelle. Und die ist nicht eine Wand.

Montagseinkauf

Montags gehe ich eigentlich immer einkaufen. Zuerst einmal in den Supermarkt meines Vertrauens, denn montags gibt es die Angebote der Woche, und diese Woche waren auch noch Artikel für den Heimwerker im Angebot. Wenn man nicht schnell ist, kommt man da zu spät. Ich bin immer schon um halb acht da. Weshalb ich auch heute einen alten Bekannten getroffen habe, mit dem ich über die geplante Umgehungsstraße, das sündteuer renovierte Freibad und sein Ischias gesprochen habe.

Semmeln und  Brot habe ich natürlich nicht gekauft, denn dafür gehe ich immer zu dem Bäcker in unserer Straße, der selber noch morgens früh in der Backstube steht. Hier habe ich die Frau Rohrer aus dem Haus schräg gegenüber getroffen, die ich fast immer montags hier treffe, und ich habe nachgefragt, wie es denn der Tochter geht, wo die doch jetzt schon ziemlich schwanger ist und wohl bald ins Krankenhaus muss.

Und auf dem Rückweg habe ich noch schnell in der Apotheke reingeschaut, weil der Apotheker so ein gescheiter Mann ist, der meint, dass er alles weiß und so gerne lange Vorträge darüber hält, wie man was am allerbesten macht. Und ich jedes Mal meinen Spaß habe, wenn ich ihm etwas erzählen kann, was er noch nicht weiß. Vielleicht war das ja auch der Grund, warum der Putin sich heute mit dem Trump getroffen hat.

TV-Moderator

Es ist richtig, dass Deutschland und Frankreich 1870/71 Krieg gegeneinander führten. Und auch der Erste  und der Zweite Weltkrieg soll nicht geleugnet werden, dass sich auch da Deutsche und  Franzosen feindselig gegenüber standen. Doch spätestens seit den Élysée-Vertrag von 1963 hat sich da etwas geändert. Und heutzutage denkt hierzulande kaum einer mehr an Verdun oder die Maginot-Linie, wenn er Croissants kauft oder an einem französischen Strand liegt.

Außer einem Fußball-Moderator des ZDF, der jetzt beim WM-Finale in Moskau seine große Stunde gekommen sah und die Gelegenheit nutzte, um sich für alles zu rächen, was Franzosen jemals Deutschen angetan haben oder angetan haben könnten. Vielleicht sollte ihn sein Arbeitgeber endlich einmal auf den neuesten Stand bringen. Und ihm vor allem einmal klar machen, welche Aufgabe ein TV-Moderator hat. Sogar solche, deren Eltern aus Ungarn kamen.

Sorgen verschütten

Nach eher vorsichtigen Schätzungen sind 2,5 Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland alkoholkrank. An die zehn Millionen konsumieren alkoholische Getränke in einer Menge, dass sie gute Chancen haben, bald zu den alkoholkranken Menschen zu gehören. Und gefühlt 1,5 Millionen von denen arbeiten für das Fernsehen oder den Film.

Was da an alkoholischen Getränken gekippt oder durchaus auch mal mit geschlossenen Augen zu sich genommen wird, wie da zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ein Fläschchen gekorkt oder Gläser gefüllt werden, das ist beeindruckend. Geradezu zelebriert wird das Ende der Arbeit stets mit einem Gläschen Wein, einem Bierchen, in gehobenen Kreisen gerne auch mal mit einem „Drink“.

Man stelle sich einmal vor, es würde in gleicher Menge und Häufigkeit in Filmen Kokain geschnupft oder Heroin injiziert werden. Oder nehmen wir nur einmal die leichtere, mitunter sogar helfende und trotzdem immer noch verteufelte Variante Cannabis inhaliert wie Alkohol die Kehlen hinunter gegossen wird.

Was wäre das für ein Aufschrei von all diesen Saubermännern und Sauberfrauen, die sich jeden Abend erst einmal ein Gläschen einschenken, bevor sie auch nur einen Gedanken an ein Nahrungsmittel verschenken. Ganz zu schweigen, dass es zu oft nicht bei diesem einen bleibt. Aber dass das allem Anschein nach kaum jemand stört, vielleicht liegt das einfach daran, dass mit Alkohol einfach mehr verdient wird. Von Herstellern und Staat.

Einladungen

Mir hat man beigebracht, dass man unter Umständen ein kleines Gastgeschenk mitbringt, wenn man bei jemandem eingeladen ist. Nach Möglichkeit auch gute Laune mitbringt und ebenso gute Manieren. Weil man nämlich durchaus davon ausgehen kann, dass die oder der Besuchte oder auch mehrere davon einen freundlich empfangen und ihre Aufgaben als Gastgeber gebührend ernst nehmen werden.

Und erstaunlicherweise hat sich diese Einschätzung in all den Jahren als richtig erwiesen. Und das Leben ausgesprochen angenehm und auch interessant gemacht. Habe ich doch so viele verschiedene Menschen kennengelernt, aus anderen Berufen und sozialen Schichten, aus anderen Regionen und Ländern oder sogar von anderen Kontinenten. Sich zu besuchen heißt schließlich im wahrsten Sinne des Wortes, aufeinander zuzugehen.

Bis heute ist mir deshalb nicht in den Sinn gekommen, jemanden zu besuchen, um ihn zu beschimpfen, zu maßregeln, bloß zu stellen, zu brüskieren oder zu beleidigen. Noch nicht einmal mit der Maßgabe, kurz darauf und noch während des Besuchs so zu tun, als wäre das alles nicht gesagt worden. Zumindest so lange, bis man die Haustür hinter sich zugemacht hat. Dieser Trend ist neu. Und ich habe seinen Sinn noch nicht so ganz begriffen. Als einziger Grund fällt mir ein, dass solche Besucher wohl sehr ungehobelt und flegelhaft sein müssen und auf keinen Fall irgendeine Erziehung genossen haben dürften.  

Schweigen

Tage gibt es, da wäre so viel zu sagen. Ein Blick über die Straße. In eine Zeitung. Auf einen TV-Bildschirm. Und dann macht man vielleicht noch eine Email auf. Und hat schon wieder etwas, worüber man sprechen müsste. Aber es kommt kein Wort über die Lippen. Weil man das Gefühl hat, das jedes Wort nur wieder das Fass zum Überlaufen bringen könnte. Und dann eine Flut losbricht, die Dämme einreißen kann.

Und alles überdeckt, was einem eigentlich wichtig ist. Was einem eigentlich sehr viel mehr wert ist als dieses Gerede, das einem den letzten Nerv raubt. Weil man es wieder und wieder hört.  Seit Jahren. Seit Jahrzehnten. Seit Jahrhunderten. Es will einem einfach nicht in den Kopf, dass die Menschen nicht damit aufhören. Und weil man alles sein möchte, nur nicht so wie sie, deshalb schweigt man. Vielleicht aber auch, weil man weiß, dass man genauso ist wie sie.