Zucker in kleinen Dosen

Wer noch irgendeinen Zweifel hatte, der ist jetzt widerlegt. Denn selten ging eine Inszenierung so sehr zu Lasten des Ensembles. Weil sich nämlich alles, angefangen mit der Beleuchtung, über die Kulisse bis hin zum Text, auf den Hauptdarsteller konzentrierte. Man kennt ja Filme, in denen der Regisseur und die Hauptrolle in einer Hand liegen. Hier aber haben zwar andere Regie geführt – und trotzdem einem Mann die ganze Bühne überlassen. Was natürlich auch seinen Reiz haben kann, hier jedoch etwas abgestanden rüberkam, hat man diese Vorstellung schon an anderer Stelle, mehr als 6.000 Kilometer entfernt und dank großen Medieninteresse trotzdem überall auf der Welt gesehen.

Zumindest kann nach dieser „Befragung“, die eigentlich eher eine Anhörung war, weil nämlich die Fragenden vor allem andächtig zuhörten, was der Hauptdarsteller zu sagen hatte, die Geburt eines neuen Wortes verkündet werden. Um genau zu sein, eines Verbs: zuckerbergen. Was natürlich kein Begriff aus der Zuckergewinnung ist, sondern vielmehr Synonym für eine süß-klebrige Art, mit immer den selben Floskeln Fragen zu ignorieren. Basierend auf der Überzeugung, dass alle anderen Menschen ihm erstens nichts zu sagen hätten, weil er zweitens über so viel Geld regiert, dass er sich für unantastbar hält. Hat eigentlich schon mal jemand daran gedacht, dass sich Zucker in Flüssigkeit auflöst?

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Forza Italia

Es könnte spannend werden. Während auf Hawaii der Vulkan schon glutrote Lava spuckt, ist in Italien noch Ruhe vor dem Sturm. Auch wenn bereits die ersten Analysten von einer weiteren Euro-Krise träumen, Banker sich schon mal zumindest symbolisch die Ärmel hochkrempeln, damit sie beim Hände reiben nicht stören, es ist noch nicht Realität, dass diese Allianz aus Pest und Cholera, die sich Italien erwählt hat, wirklich für den finalen Rettungsschuss für dieses wunderschöne Land mit seiner prachtvollen Küche, den sonnigen Stränden und eleganten Frauen Gelegenheit haben wird. Sollte es dazu kommen, dann werden wir eventuell nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel verlieren, sondern vielleicht auch wieder eine Menge Geld an unsere Geldinstitute.

Wenn es aber den funkelnden fünf Sternen und den Fremdenfeinden der Nordliga – nicht zu verwechseln mit der Seria A – wider Erwarten doch gelingt, ein Füllhorn über das Land auszuschütten und jeder Italienerin und jedem Italiener ein Grundeinkommen, täglich eine Pizza und zwei Aperol Sprizz oder wahlweise eine Flasche Lambrusco zukommen zu lassen, ohne aus der Eurozone auszutreten, bin ich der Erste, der sich Richtung Brenner auf den Weg macht. So ein Wunder des Malachias möchte man sich doch aus der Nähe anschauen. So viele Menschen, die selbst im wahlfähigen Alter noch an den Weihnachtsmann glauben, die möchte man doch mal persönlich kennenlernen.

Hochzeit des Jahres

Es war schon schwer beeindruckend, als die Braut in diesem 600-PS-Boliden vorfuhr. Nur wenig beeinträchtigt von dem kleinen Missgeschick, als sich nämlich die Schleppe des blütenweißen Kleides etwas im Rost des Einstiegs verhedderte. Aber mit der ihr eigenen burschikosen Art meisterte die schöne Auserkorene dies mit Charme, während ihr zukünftiger Gatte in seiner schmucken Uniform aber sichtlich nervös vor dem Altar auf sie wartete. Es hatte im Vorfeld zwar einige Diskussionen gegeben, ob ein schlichter schwarzer Frack nicht angemessener wäre für ihn, doch am Ende hatte das Argument gesiegt, dass die Uniform, in der auch seine Kameraden nach der Trauung Spalier stehen würden,  genau das Richtige wäre.

Und so gaben sich dann der Bräutigam in der schmucken blauen Uniform und die Braut im schlichten weißen Kleid mit Schleppe das Ja-Wort, durchmaßen nach dem resoluten „Ich will“ gemessenen Schrittes das Kirchenschiff, um zwischen dem Spalier aus Brautjungfern und den Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr zu dem riesigen John-Deere-Traktor zu schreiten, der das Brautpaar in die Gastwirtschaft „Zum schrägen Eck“ bringen sollte. Wo dann spätestens nach dem Abendessen und der folgenden Einkehr in die Weinstube und dem vierten Schnaps allseits Einigkeit herrschte, dass dies die Hochzeit des Jahres war. Vor allem auch, weil es nach derzeitigem Stand keine weiteren Heiratskandidaten im Dorf gab.

Verstellte Sichtweise

Man muss nicht alles gut heißen, wofür man durchaus Verständnis hat. Ich finde es ein bisschen übertrieben, wie sich manche Menschen in gefühlter Dauerschleife mit sich selber beschäftigen, sich in Zeiten von Social Media anscheinend im Sekundentakt den Freunden oder auch der Welt präsentieren. Kann es aber rational durchaus nachvollziehen, dass es eine gewisse Genugtuung bedeutet, sich selbst in bestem Licht darzustellen. Schließlich schaue ich ja auch in den Spiegel, bevor ich für ein Blind Date das Haus verlasse.

Wo mir allerdings jeder Zugang verwehrt ist und jegliches Verständnis fehlt, das ist, wenn Menschen sich allem Anschein nach nicht satt sehen können am Leid anderer Menschen. Und auch noch alles daran setzen, die grausamen Bilder für sich als Foto oder Film zu bewahren, am besten gleich noch mit allen Facebook-Freunden zu teilen. Bevorzugtes Terrain für diese Abart menschlicher Neugierde: Deutschlands Autobahnen oder Landstraßen. Was jetzt auch von zwei jungen Filmemachern mit einem Video thematisiert wurde.

Die hoffentlich nachdenklich stimmende Pointe in diesem kleinen Film: Das so begeistert von einem jungen Mann und seinen Freunden fotografierte und gefilmte Unfallopfer ist die Mutter des jungen Mannes. Was zwar in der Realität kaum vorkommt, aber in dieser Überspitzung bestens die alles an Empathie außeracht lassende seelische Grausamkeit von sensationsgeilen Gaffern aufzeigt. Die wohl einem diesen Menschen erst bewusst werden kann, wenn der Schmerz sie selber trifft. Ein Verwandter oder geliebter Mensch das Opfer ist.

Man muss zugeben, dass sie Vorreiter haben. Dass es Medien gab und gibt, die mit ihrer sensationslüsternen Berichterstattung über Unfälle, Amokläufe, Terroranschläge und Morde Kasse machen. Aber es gibt auch Medien, die die Menschen auffordern, kein Essen gedankenlos wegzuschmeißen, und es interessiert sie nicht. Das ist also als Ausrede untauglich. Was bleibt, ist die Vermutung, dass das dokumentierte Unglück und Leid eines anderen Menschen vielleicht die Illusion nähren soll, man selber sei davor gefeit. Ein Irrtum.

Arroganz der Macht

Man stelle sich einmal vor, dass zum Beispiel ein junges Mädchen seinen Eltern ausdrücklich sagt, sie sollen doch bitte ihr Tagebuch nicht anfassen. Das, was sie da rein schreibt, sei für niemand anderen gedacht. Und am aller wenigsten für die Eltern. Worauf hin der Vater das Tagebuch bei nächster Gelegenheit im Zimmer seiner Tochter sucht und es liest, als er es gefunden hat.
Und nachdem er keine Veranlassung sieht, sein Verhalten zu verheimlichen, lässt er es einfach auf dem Tisch liegen. Weshalb die Tochter entrüstet und wütend ist, als ihr Vater dann auch noch ohne Umschweife zugibt, dass er ihr Tagebuch gelesen hat. Doch ihr Vater würde einen guten Diplomaten abgegeben.

Denn großzügig erklärt er nun seiner Tochter, dass er, wenn sie unbedingt will, gerne mit ihr darüber reden wird, warum es für ihn ganz in Ordnung ist, dass es ihn nicht die Bohne interessiert, was sie möchte. Dass es einfach notwendig gewesen ist, sich über ihre Wünsche hinweg zu setzen, quasi das Beste für sie ist. Hätte man so einen Mann nicht auch gerne als Landesvater?

Glückwünsche

Kommt zwar ein bisschen mit Verzögerung, aber ist ja sicher noch nicht zu spät, um zum 70. Geburtstag zu gratulieren. Ein Tag früher oder später, das ist bei einem so jung gebliebenen Jubilar auch wirklich nicht von Belang. Insbesondere auch, wenn man bedenkt, dass das, was er in seinem Leben geleistet hat, wirklich mehr als ungewöhnlich und außerordentlich ist. Wobei es wohl vermutlich auch die Tatsache war, dass er in seiner Kindheit eher ungeliebt war und mit Argwohn betrachtet wurde. Weshalb er sich schon früh und vor allem mit seinem entschlossenen Auftreten Respekt verschaffte, um nicht zu sagen, seine Widersacher das Fürchten leerte.

Hilfreich war dabei, dass seine Erzeuger und deren Freunde und Bekannte bei ihm keine allzu strengen Maßstäbe anlegten, ihm manches nachsahen, was für andere Kinder sicher strenge Strafen nach sich gezogen hätte. Was dann sogar so weit ging, dass der Jugendliche dann sogar über Spielzeug verfügen durfte, das nicht nur Gleichaltrigen verweigert wurde, auch den meisten Erwachsenen war und ist es bis heute wegen seiner Gefährlichkeit verboten, damit zu spielen. Und die elterliche Nachsicht erfuhr auch dann keine Umkehr, als Verbote von ihm auch im späteren Leben oft einfach ignoriert, um nicht zu sagen, geradezu lächerlich gemacht wurden.

Aber vielleicht war es gerade das, was den heute Siebzigjährigen auch finanziell so erfolgreich werden ließ, es ihm ermöglichte, nicht nur erfolgreich in Immobilien und Industrien zu investieren oder in den Bau einer Mauer, wie sie sich ein US-Präsident bis heute nur erträumen kann. Ihm gelang es in seinem Leben auch, den Grundbesitz, den ihm seine Erzeuger als Existenzgrundlage zur Verfügung gestellt hatten, kontinuierlich und in beträchtlichem Maß zu vergrößern. So blickt er dann auch auf diese 70 Jahre mit einem Gefühl des Stolzes zurück. Mehr denn je unbeeindruckt davon, dass es nicht wenige gibt, die sich auf garkeinen Fall den Glückwünschen anschließen wollen. Ganz im Gegenteil, der Jubilar feierte seinen Geburtstag mit einem regelrechten Trommelfeuer.

Zu Ende gedacht

Warum regt sich jetzt alle Welt respektive unser beschaulicher germanischer Mikrokosmos inklusive gemischt-sozialem Netz schon wieder so auf? Was hat er denn getan, der Herr Lindner von der FDP? Mal abgesehen davon, dass ich es schon ein klein bisschen diskriminierend finde, dass er ausgerechnet Bäckereien genommen hat. Ich zum Beispiel habe ein sehr liebevolles und kindheitsgeprägtes Verhältnis zu Bäckereien. Allein schon wegen des Duftes. An den ich mich zumindest noch vage erinnern kann. Heutzutage hat man ja nur noch Dieselgeruch in der Nase. Weil gerade die Lieferung angekarrt wurde. Doch ich schweife ab. Kern der Sache ist, dass der Herr Lindner recht hat. AfD hin oder her. 

Fakt ist nämlich, dass man es ja eigentlich immer sieht, ob das da jemand aus dem Viertel ist oder aus dem Dorf, die oder der gerade seine Brötchen kauft oder das Dinkelbrot. Man weiß, wer da nicht hingehört. So wie man ja auch in der Fremde einen Landsmann oder eine Landsfrau immer gleich erkennt. Das sieht der Herr Lindner alles ganz richtig. Und was man eben nicht sieht, das ist der genehmigte Asylantrag. Oder die unbefristete Arbeitserlaubnis.

Das Einzige, was man also Herrn Lindner vorwerfen kann, das ist, dass er die Sache nicht zu Ende gedacht hat. Obwohl es doch so einfach wäre. Man bräuchte einfach nur mal wieder eine Art Kennzeichnungspflicht. Irgendwas zum Aufnähen. Vielleicht ein durchgestrichener Halbmond? Wenn der Asylantrag noch nicht anerkannt ist. Und schon wüsste man auch beim Metzger, ob man Angst haben muss. Oder nicht. Wäre ich eine Frau, würden mir allerdings auch IT-Spezialisten aus Indien außerhalb von Bäckereien Angst machen.