Sinkender Stern

Was haben wir dereinst als Kinder sehnsüchtig nach oben geschaut. Wo verheißungsvoll ein Stern in der Sonne funkelte. Versprach, dass auch wir irgendwann einmal dem Vorstadtviertel entkommen würden, uns nicht mehr nur von A nach B bewegen, sondern auch zeigen könnten, dass wir es geschafft haben. Dass das Wirtschaftswunder auch an uns nicht spurlos vorüber gegangen ist. Und als wir dann größer waren, haben wir die Sehnsucht auf eine gerechtere Welt damit gestillt, dass wir die Sterne von den Motorhauben holten, weil jene, die man uns versprochen hatte, unerreichbar blieben.

Und jetzt das. Nicht nur, dass das, was unter diesem Stern fährt, mehr tödliche Abgase in unsere Innenstädte bläst, als die Hochglanz-Broschüren all die Jahre versprochen hatten. Jetzt wurde auch noch publik, dass unter diesem Stern mit seinem hellen Glanz auch gegen das Kartellrecht verstoßen und damit letztendlich ein ganzes Volk, dem Redlichkeit das höchste Gut ist, geblendet wurde. Unter Tränen habe ich heute Morgen meine Sterne-Sammlung in meinem kleinen rostigen Japaner zum Recyclinghof gefahren.

Recht und Gerechtigkeit

Zum Glück kenne ich ja eine Kollegin in Polen. Bloggerin. Sie habe ich gefragt. Also der Namen der derzeit regierenden Partei in Polen spricht sich „PiiiS“ aus. Nicht „PiSSS“. So viel dazu. Und mit den Stimmen dieser Partei wurde jetzt ein Gesetz verabschiedet, das der Regierung die Kontrolle über das Oberste Gericht verschafft, neben dem Verfassungsgericht höchste Instanz in Polen und unter anderem für die Prüfung von Wahlergebnissen zuständig.

Außerdem sieht es vor, dass künftig der Staatspräsident die Kandidaten für die Richterposten bestimmt. Weshalb schon mal von der PiS-Regierung angekündigt wurde, nicht wenige der aktuellen Richter in den Ruhestand zu schicken. Worüber die nicht so ganz traurig sein dürften, denn in Zukunft soll eine Disziplinarkammer Richter bei „Vergehen“ abstrafen. PiS steht übrigens für „Recht und Gerechtigkeit“. Das lässt hoffen.

Auch dass ihr Vorsitzender Jaroslaw Kaczyński jetzt bei der Debatte über die Justizreform ohne zu fragen ans Rednerpult stürmte und Oppositionspolitiker als „Kanaillen“ und „Verräter“ beschimpfte. Und bei der Gelegenheit auch gleich noch klar machte, wer für den Tod seines Bruders Lech, einst Staatsoberhaupt, der 2010 bei einem Flugzeugabsturz starb, verantwortlich ist. Er sagte: „Nehmt den Namen meines verstorbenen Bruders nicht in eure verräterischen Mäuler, ihr habt ihn zerstört und ermordet.“

Es zeigt, dass die Demokratie in Polen doch noch lebendig ist. Diesbezügliche Bedenken von Seiten der EU also völlig übertrieben sind. Ebenso wie übrigens auch die Proteste gegen die Justizreform auf der Straße in zahlreichen polnischen Städten. In Warschau sollen es laut Angaben der Stadtverwaltung vor dem Präsidentenpalast 50.000 Demonstranten gewesen sein. Die Polizei spricht von 14.000 Menschen.

Was wahrscheinlicher ist, da eine PiS-nahe Reporterin in einem Interview sagte, dass 70 Prozent der Bevölkerung für die Justizreform wären. Während sich nur noch 40 Prozent der Bevölkerung für die PiS-Partei begeistern können. Was wieder einmal belegt, dass alles nur eine Frage der Wahrnehmung ist. Abgesehen vom Tod von Chester Bennington, der Stimme von Linkin Park. Und dass es momentan niemand gibt, der die Einsamkeit und die innere Finsternis so unmissverständlich hinausschreien kann, wie er.  Warum sich nur so oft die Falschen verpissen?

 

Rohrpost

Das klingt jetzt natürlich unheimlich „retro“. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum ich in einer halben Stunde in Berlin sein muss. Also selbst wenn ich überraschend erfahren würde, dass in 45 Minuten der englische Prinz William und Herzogin Kate durch das Brandenburger Tor laufen werden, deswegen würde ich doch nicht mit Schallgeschwindigkeit in einer Röhre durch ein Vakuum rasen wollen. Das möglich zu machen, wird aber momentan versucht. Münchener Studenten arbeiten an einem sogenannten „Hyperloop“, der Menschen wie einst die Rohrpost befördern soll. Aber mit Schallgeschwindigkeit.

Also jedenfalls bräuchte ich da jede Menge Argumentationshilfen. Ich weiß ja noch nicht einmal, warum es erstrebenswert ist, in einer Stunde von A nach B zu fliegen. Wenn ich vorher zwei Stunden am Flughafen vertrödeln und hinterher zwei Stunden im Stau stehen muss, um zum Brandenburger Tor zu kommen, um Kate und William winken zu sehen. Aber das scheint mir ein Syndrom unserer Zeit zu sein. Es wird beschleunigt auf Teufel komm raus. Doch wir sparen dadurch keine Zeit.

Beispiel Email. Geht sekundenschnell, und wir könnten uns anschließend etwas Sinnvollem zuwenden. Surfen stattdessen aber mehr oder minder blödsinnig und so lange durchs Internet, dass man mitunter getrost einen Brief hätte persönlich vorbeibringen können. Ich träume nicht von Postkutschen. Aber auch nicht davon, Zeit zu sparen. Soll ich die dann auf ein Zeit-Konto legen? Ich dachte immer, dass jeder Tag 24 Stunden hat. Ich gebe meine Zeit lieber aus und liege lieber mit einem Buch im Liegestuhl als in einer Röhre nach Berlin zu düsen, um Zeit zu sparen.

Zeit steht still

So viel gäbe es zu sagen. Zu kritisieren. Zu beklagen. Doch heute nichts davon. Einmal davon abgesehen, dass ich zwar durchaus den Eindruck habe, dass von Sokrates über Rousseau bis hin zu Michel Foucault immer wieder interessante Denkanstöße vom geschriebenen Wort ausgegangen sind, mir fehlt die Überzeugung, dass selbst revolutionäre Ideen wie jene von Marx und Engels oder Trotzki nachhaltig etwas verändert hätten auf diesem Planeten. Die Grundbedürfnisse der Menschen sind sich ähnlich geblieben. Die Art und Weise, wie versucht wird, sie zu befriedigen, übrigens auch nicht. Ich hatte also nie einen Zweifel daran, dass mein großer Bruder Sisyphos heißt, als ich begann diesen Blog zu schreiben.

Doch im Gegensatz zu ihm, kann für mich ein Sommertag Grund genug sein, den Felsen am Fuße des Berges einfach liegen zu lassen. Weil erstens die Möglichkeit besteht, dass es niemand merkt. Und weil es zweitens auch kaum jemand stört, wenn am Strand von Jesolo ein Sandkorn verschoben wird. Anstatt Felsbrocken einen Berg hinauf zu wälzen, werde ich mich vom Liegestuhl bis in die Küche quälen, um mir ein weiteres, schön kaltes Getränk zu holen. Und zumindest auf meinem Balkon wird so für einen Tag die Zeit still stehen.

Klingendes Leben

Es hat seinen Grund, dass der heutige Beitrag erst am Abend auf den Bildschirmen erscheint. Es ist wegen der Kinder. Für sie ist dieser Beitrag nicht geeignet. Denn er handelt von Musik. Und der Katholischen Kirche. Und Regensburg. Wo es eine kirchliche Einrichtung gibt, wo Kinder, genauer gesagt Knaben, die Gelegenheit haben zu erfahren, dass Musik etwas Wunderbares ist. „Lern die Domspatzen kennen und bring dein Leben zum Klingen!“, so steht es auf der Homepage. Und dass es ein „Harmonischer Dreiklang aus Schule, Chor und Internat“ wäre.

Auch im Repertoire der Regensburger Domspatzen: „Als wir jungst in Regensburg waren.“ Und von dieser schönen Erfahrung haben jetzt nicht wenige Domspatzen ein Lied gesungen. Sofern sie denn noch leben. Denn was jetzt ein Rechtsanwalt über die Art und Weise recherchiert hat, wie vielen Domspatzen nicht nur Noten, sondern auch Mores beigebracht wurden, das geht bis auf das Jahr 1945 zurück. Weshalb man zum Beispiel auch dem Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Georg Ratzinger, in diesem Bericht begegnet. Allerdings nicht als Domspatz. Er war von 1964 bis 1994 Domkapellmeister des berühmten Knabenchores. Mit durchschlagendem Erfolg.

Was die gewisse Disharmonie in den „harmonischen Dreiklang“ brachte und die Augen und Ohren der katholischen Geistlichkeit offensichtlich gänzlich überforderte, lässt sich am besten einer schriftlichen Aussage eines Domspatzen entnehmen. Er schrieb: „Ich glaube, dass es so viele Wahrheiten wie Domspatzen gibt und dass es vermessen wäre, zu glauben, dass sich der erlebte Schrecken in der Anzahl von Schlägen und durchschnittlichen Penetrationen pro Schuljahr messen lässt.“ Also nicht nur, dass der Katholischen Kirche Schafe davonlaufen. Auch Domspatzen konnten nicht auf sie zählen.

Telefonieren 5.0

Warum gibt es eigentlich so etwas nicht auch bei uns? Man ruft jemand mit dem Handy an, und dann meldet sich erst einmal Angela Merkel. Und sagt zum Beispiel: Wir schaffen das! Wobei Merkel mit einer reinen Sprachnachricht natürlich nur die halbe Merkel wäre. Da würde dann einfach ihre Raute fehlen. Aber Horst Seehofer, bei dem käme das toll rüber. Egal, was er sagt, Hauptsache er krönt es mit seinem berühmten Lachen. Wenn man ihn dabei nicht sieht, ist das ja kein so großer Verlust.

Auf jeden Fall ist es eigentlich eine Schande für den Innovations-Standort Bundesrepublik Deutschland, wenn uns da erst jemand aus einem Land, in dem Journalisten und Ziegen gleichermaßen gefährdet sind, zeigen muss, wie Telefonieren 5.0 aussieht. Denn diese Idee ist wirklich bahnbrechend. Zum Beispiel könnte auch Frau von Storch jedes Telefonat mit einem markigen Spruch über die „Schwulen-Lobby“ einleiten. VW auf diese Art und Weise Schadstoffwerte für ihre Dieselmotoren festlegen. Und Aldi die Schnäppchen der Woche mitteilen.

Bei genauem Hinsehen ist das auf jeden Fall eine Geschäftsidee, die ähnlichen Erfolg verspricht wie Apples iPhone, Googles Suchmaschine oder das Betriebssystem von Microsoft. Kann man jetzt nur beten, dass der Urheber dieser Idee noch nicht auf die Idee gekommen ist, sich alle Rechte dazu zu sichern. Ich setze mich jedenfalls heute noch in den Zug und werde den morgigen Tag beim Münchener Patentamt verbringen. Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät. Ich hätte sogar schon ein Firmenmotto: Pre-Call – laber dir einen auf!