Der Weg zur Hölle

Soll keiner sagen, wir hätten keine Sorgen. Nicht nur, dass die für dieses Jahr vorgesehene Pkw-Maut das Autofahren zur Geisterbahnfahrt machen könnte. Die neueste Idee: Ein Fahrtenbuch, anhand dessen nachgewiesen werden muss, dass man keine mautpflichtige Straße benutzt hat. Kam gerade in den Nachrichten. Und ich sehe schon, wie hunderttausende von Autofahrern während der Fahrt die Bezeichnungen der befahrenen Straßen von den kleinen Schildchen am Straßenrand ablesen und ins Fahrtenbuch eintragen. Damit sie keine Maut zahlen müssen. Fragt man sich, mit welcher Hand die dann das Handy halten wollen, um zu telefonieren.
Aber das ist nicht die größte Sorge, die man derzeit hat. Die ist bedingt durch einen Kreislauf, der offensichtlich nicht zu durchbrechen ist. Der so unabänderlich ist wie der überraschend nach dem Herbst eintretende Winter. Wie der Sommer nach dem Frühling. Wie das große Vergessen von Politikern nach einer Wahl. Es fängt damit an, dass wir alle Jahre wieder im November einen größeren oder auch etwas kleineren Geldbetrag an die Welthungerhilfe oder eine andere derartige Einrichtung überweisen. Damit wir rechtzeitig im Neuen Jahr die Spendenquittung bekommen.
Und dann kommt der erste Advent im Kreise der Lieben und mit Stollen, Weihnachtsplätzchen und einem wärmenden Glühwein. Bald gefolgt von der Weihnachtsfeier vom Sportverein. Dem ersten ausgiebigen Besuch eines angesagten Christkindlmarktes, dem natürlich noch andere folgen, wenn es die noch anstehenden Weihnachtsfeiern mit den Arbeitskollegen, den Freunden und Parteigenossen zulassen. Und dann ist Weihnachtsabend. Ein Fest der Liebe – und der Bescheidenheit. Weshalb es in vielen Familien Heiligabend nur Würstchen gibt. Oder ein ganz bescheidenes Fondue. Raclette ist auch beliebt. Da ist dann am nächsten Tag, wenn die Einsätze der Polizei schon wieder etwas weniger werden, auf jeden Fall noch Raum und Zeit für einen kleinen Gänsebraten oder auch Rehrücken. Lamm hat übrigens auch nicht so viele Kalorien. Fisch noch weniger. Ist aber nicht jedermanns Sache.
Kann man sich aber sowieso nicht immer aussuchen, denn schließlich ist man mindestens am ersten und am zweiten Weihnachtsfeiertag eingeladen und Sylvester natürlich auch. Deshalb geht man zwischendurch einfach mal nur zum Italiener, weil man inzwischen keine Menüs mit drei und mehr Gängen mehr runter bringt. Weshalb man sich lieber an Getränke hält, nicht ahnend, dass diese Flüssigkeiten ja auch Kalorien haben. Und nicht zu wenig. Und so schließt sich spätestens im Neuen Jahr der Kreislauf nach einem dreitägigen Katerfrühstück und einem Moment der Schwäche und dem davon ausgelösten Gang zu einer Körperwaage endgültig.
Denn wenn man wieder aus der kurzen Ohnmacht erwacht, gibt es angesichts der nahenden Urlaubssaison nur eine Konsequenz: Den Vorsatz, abzunehmen. Was einem bis dato nicht so aufgefallen ist, da man ja zum Anziehen keine Brille aufsetzen muss, ist nun nämlich in digitalen Zahlen ins Gehirn gemeißelt. Nachdem man sicherheitshalber die Batterien an der eigenen Waage noch einmal ausgetauscht und zusätzlich jene der Schwiegermutter befragt hat, die seit Jahren behauptet, dass sie kein Gramm zunehmen würde. Was vielversprechend klang, aber zu keinem geringeren Gewicht führte.
Und so beginnt sie, die Zeit des Magerquarks und Knäckebrots. Üppig garniert mit einer dünnen Gurkenscheibe. Und es stellt sich auch bald ein Erfolg ein. Nach acht Wochen, als man schon den ersten warmen Hauch des kommenden Frühlings verspürt und das Reisebüro betritt, um den All-inclusiv-Urlaub mit abendlichem All-you-can-eat-Büffet zu buchen, hat die Waage am Morgen schon 300 Gramm weniger angezeigt. Es war übrigens der erste Morgen, an dem man sich traute, ohne die Hausschuhe auf die kalte Waage zu steigen.

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