Archiv für den Monat März 2015

Das laute Getöse um die Schweigepflicht

Hysterie kann mitunter faszinierend sein. Wobei nicht unbedingt feststellbar ist, ob es Volkes Stimme ist, die sich im vorliegenden Fall in dieser Hysterie niederschlägt, oder es  eher die Medien sind, die einmal mehr etwas über die Stränge schlagen, auf der Suche nach immer neuen Aufregern. Doch wahrscheinlich ist es von allem ein bisschen, wenn jetzt die Frage diskutiert wird, ob man vielleicht nicht doch die ärztliche Schweigepflicht teilweise und in konkreten Fällen weitestgehend aufheben sollte, um Fälle wie jene des Co-Piloten des in Frankreich abgestürzten Airbus320 für alle Zukunft auszuschließen.

Selbst wenn man einmal davon absieht, dass man nichts für die Zukunft ausschließen kann, so kann es trotzdem nur ein klares „Nein“ in dieser Frage geben. Denn vor allem ist es der Sinn dieser ärztlichen Schweigepflicht, dass abgesehen von wenigen, vom Gesetz geregelten Ausnahmefällen, Ärzte nicht über die körperliche Befindlichkeit und Krankheiten eines Patienten reden. Sonst hieße es ja vielleicht „ärztliche Schweigemöglichkeit“ oder „ärztliche Auskunftsentscheidung“.

Doch es gibt einen Aspekt in dieser Angelegenheit, der von viel weitreichenderer Bedeutung ist. Dass nämlich ein Unglück geschehen ist, und jetzt alle Welt oder doch zumindest ein Teil von ihr so tut, als wäre dies das erste Mal. Und deshalb müsste jetzt alles getan werden, damit es nicht noch einmal passiert. Selbst wenn deshalb bestehendes und ausnahmsweise sogar ausgesprochen sinnvolles Recht ausgehebelt werden muss.

Sagen wir es mit aller Deutlichkeit und mit allem Respekt vor den Toten: Dies ist eine hysterische Reaktion. Denn warum wird nicht auch gefordert, dass alle Alleebäume gefällt werden? Schließlich finden immer wieder Autofahrer wegen dieser Bäume den Tod. Oder wäre es dann nicht auch eine gute Idee, alle Krankenhäuser zu schließen? Wo dort doch immer wieder und nicht wenige Menschen an Keimen sterben. Und was ist mit Männern? Wenn es sie nicht mehr gäbe, dann würden keine Mädchen und Frauen mehr vergewaltigt und ermordet werden.

Vielleicht sollte man diesen Menschen, die jetzt fordern, dass die ärztliche Schweigepflicht gelockert werden muss, sagen, dass sicher auch schon Menschen wegen vermutlicher psychischer Probleme anderer Menschen zu Tode kamen, als es noch gar keine ärztliche Schweigepflicht gab. Und vielleicht sollte man ihnen auch sagen, dass auf dieser Welt solange Menschen wegen anderen Menschen sterben werden, wie es Menschen auf dieser Welt gibt. Jeder Tote verdient Trauer. Aber Hysterie kann sie nicht verhindern.

Verbrechen auf dem Vormarsch

Tatort in der ARD und anschließend ein mordender Menschenhändler im ZDF. Das war die eine Möglichkeit der Abendgestaltung. Man konnte natürlich auch bei der ARD bleiben und anschließend bei Günther Jauch alles über die Gründe eines schrecklichen Flugzeugabsturzes erfahren. Oder sich auf einem der Privatsender ansehen, wie Christoph Waltz mordend durch die Lande zieht. Und das war nur ein Sonntagabend. Montags, dienstags geht das so oder so ähnlich natürlich weiter, es gibt keinen Wochentag, an dem auf dem Bildschirm nicht gemordet, gemeuchelt und gemetzelt wird.

Man kann sich also durchaus einmal fragen, warum so viele Menschen das Grauen auf dem Bildschirm so sehr lieben? Denn eines ist sicher. Wenn die Quoten nicht stimmen würden, wären solche Sendungen nicht so zahlreich im Programm. Ganz zu schweigen davon, dass bluttriefende Thriller auch beim guten, alten Buch für kriminell gute Auflagen sorgen, die sogar den einst so beliebten Liebesroman übertreffen. Ob sich inzwischen auch Heerscharen von gesetzestreuen deutschen Bürgern im Internet Enthauptungs-Videos auf YouTube ansehen, soll außeracht bleiben, es lässt sich natürlich nicht so leicht belegen.

Doch was man weiß und sieht, das reicht, um erschrocken die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass hier Millionen von Menschen einer geheimen, zum Glück noch nicht ausgelebten Neigung frönen. Und bevor sich das in irgendeinem Kopf festsetzt, hier doch lieber gleich eine andere These: Sieht man sich das letzte halbe Jahrhundert an, so muss man ohne wenn und aber feststellen, dass es in deutschen Landen noch nie so friedlich zuging. Es ist allein dieser Umstand, der die Menschen sich so gerne am Grauen erfreuen lässt. Ein Grauen, dass nur auf einem Bildschirm stattfindet und nicht vor der Haustür. Ein Grauen, das man abschalten könnte, wenn es zu viel wird.

Woraus sich ableiten ließe, dass eine große Anzahl von Menschen nur schwer oder gar nicht ohne Grauen und Mord und Totschlag vor Augen auskommt. Nur Idylle, so verlogen sie auch sein mag, ist offensichtlich einfach zu wenig. Weshalb wir uns alle freuen sollten, dass wohl in den meisten Fällen dieses Bedürfnis durch Bilder im Fernsehen kompensiert werden kann. In Fällen, in denen das nicht funktioniert, sehen wir das Ergebnis dann wieder im Fernsehen.

Sommerzeit und Wildverbiss

Alle Jahre wieder kommt im Frühjahr nicht nur der Osterhase sondern auch die Zeitumstellung. Und wem haben wir das zu verdanken? Natürlich den Amerikanern. Als es nämlich noch gar keinen Strom aus der Steckdose gab, da hat einer ihrer Gründerväter, Benjamin Franklin, trotzdem schon ans Energie-Sparen gedacht. Weshalb die Leute morgens früher aufstehen und abends früher ins Bett gehen sollten, damit sie weniger Kerzen verbrauchen.

Aber so richtig akribisch haben natürlich erst wir Deutschen es dann betrieben. Viele werden sich wohl nicht mehr erinnern, aber bereits im Ersten Weltkrieg wurden in deutschen Landen die Uhren vorgestellt. Damit weniger Kohle verbraucht wird. Allerdings ist weder dokumentiert, ob dieser Effekt wirklich eingetreten ist, noch welcher Zusammenhang da bestehen könnte.

Was dann bei den Nationalsozialisten schon eher der Fall war. Für sie bedeutete die Umstellung auf eine Sommerzeit eine Stunde mehr an Arbeitszeit in der Rüstungsindustrie. Was unter Berücksichtigung der vorrangigen Ziele ausgesprochen plausibel erschien. Wie auch die Aversion der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg gegen diese Regelung der Nazis verständlich ist. Auch wenn man sich aus heutiger Sicht gewünscht hätte, dass sie vielleicht die nationalsozialistische Sommerzeitregelung beibehalten und dafür weniger Nazis in Amt und Würden gelassen hätten.

Erfreulich ist hingegen, dass es bei der nächsten Einführung der Sommerzeit keines Krieges mehr bedurfte. Es reichte, dass von den Saudis der Ölhahn etwas zugedreht wurde, um wieder einmal zu glauben, dass eine Sommerzeit nicht nur Kriege gewinnen lässt sondern auch Energie spart. Dabei hätten es die Menschen damals wirklich besser wissen müssen. Nicht nur die Erfahrungen mit den beiden Weltkriegen sondern auch die Tatsache, dass jetzt ein F.D.P-Innenminister zusammen mit dem Schlager-Barden Howard Carpendale die Werbetrommel für die Einführung einer Sommerzeit rührte, hätte alle Alarmglocken schrillen lassen müssen.

Wahrscheinlich wollten die Freien Demokraten aber nur einmal über sich hinaus wachsen und nicht nur immer etwas für den Mittelstand tun. Sondern für die Automobil-Industrie. Denn durch Einführung der Sommerzeit werden nachgewiesener Maßen das Risiko und die Zahl der Wildunfälle erhöht, was natürlich wiederum den Absatz von Neuwagen befördert. Sie konnten damals ja nicht wissen, dass die deutsche Automobil-Industrie auf solche Hilfe in der Zukunft gar nicht angewiesen sein würde. Weil sie ja schließlich inzwischen China hat.

Doch es gibt wenigstens einen positiven Effekt. Durch die Wildunfälle wird natürlich auch der Bestand an Rehwild vermindert und somit der Wildverbiss an Bäumen. Die eigentlichen Nutznießer der Sommerzeit sind also die Waldbesitzer. Daran, dass dieser Blog heute etwas später erschien, war allerdings kein Wildunfall schuld. Ich hatte nur aus Versehen gestern Abend die Uhr eine Stunde zurück gestellt.

PETs Wochenschau

Als Herr Alexis Tsipras wieder aus Berlin abreiste, sah es auf einmal nach Entspannung aus im deutsch-griechischen Verhältnis. Auch wenn die Mundwinkel von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht unbedingt den Eindruck vermittelten, dass ihre Besitzerin bei dieser Gelegenheit dem jugendlichen Charme des griechischen Ministerpräsidenten erlegen wäre, so schien zumindest wieder ein Dialog möglich. Der aber, so zumindest der Eindruck für Außenstehende, gleich wieder und jäh von einem Flugzeugabsturz unterbrochen wurde.

Die einzig wirklich gute Nachricht der Woche deshalb: Bei der Abstimmung über die Pkw-Maut im Bundestag am Freitag konnte Frau Merkel wieder lachen. Für einen Moment zumindest. Wahrscheinlich war ihr eingefallen, dass dieses Jahrhundert-Projekt zum Erhalt der deutschen Verkehrs-Kultur von Bayern-Ministerpräsident Seehofer und seinem Verkehrs-Statthalter Dobrindt sowieso wieder von Brüssel gestoppt werden würde.

Abgesehen von dieser einen Ausnahme war die Nation in Schock-Starre, der auch alle mehr oder weniger satirische TV-Sendungen wie „heute-show“ oder „extra 3“ zum Opfer fielen. Und aus der sie erst wieder gegen Ende der Woche von einer deutschen Tageszeitung geholt wurde, die aus mir unverständlichen Gründen seit geraumer Zeit auf das wohl vertraute, tägliche Frauen-Brust-Bild verzichtet. Die bange und von unzähligen Moderatoren und Reportern und anderen Menschen sehr oft wiederholte Frage nach dem „Warum“ dieses Flugzeugabsturzes wurde nämlich von dieser Tageszeitung dahingehend beantwortet, dass sie, die Tageszeitung, alle Unterlagen hätte, um sie zu beantworten. Klingt kryptisch, ist aber symptomatisch für diese Tageszeitung.

Weshalb sich der Rest der Republik weiterhin in Spekulationen übte, bis hin zu der Theorie, dass der Co-Pilot, der angeblich diesen Absturz herbeigeführt hat, vom griechischen Ministerpräsidenten höchstpersönlich rekrutiert worden sein soll, um so der griechischen Regierung mehr Zeit für ihre „Schularbeiten“ zu verschaffen. Worüber dann wiederum die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ausgesprochen erfreut war, da auf diese Art und Weise kaum spekuliert wurde,  ob das Debakel gegen die australische Mannschaft der Anfang vom Ende des amtierenden Fußball-Weltmeisters von 2014 sein könnte.

Und noch jemand profitierte von diesem tragischen Flugzeug-Absturz: Die Medien. Was in dieser Woche alles aus dem Programm genommen wurde, um der aktuellen Berichterstattung vom Flugzeug-Absturz Platz zu machen, damit kann in diesem Jahr gut und gerne das Sommerloch gestopft werden. Vorausgesetzt, es kommt nicht noch etwas anderes dazwischen.

Die wesentlichere Erkenntnis aus dieser Tragödie ist jedoch, dass offensichtlich ein Allgemeinplatz seine Gültigkeit verloren hat. Wer bisher noch glaubte, dass „Sex sells“, der wurde jetzt eines anderen belehrt: Zumindest die Medien verkaufen sich dem Anschein nach mit Entsetzen am besten. Mit Sex verkauft sich anscheinend nur noch Sex. Und auch nur dann, wenn er korrekter Weise Pornografie genannt wird. Weshalb sich mir aktuell die Frage aufdrängt, ob eigentlich auch die Berichterstattung über einen Flugzeug-Absturz pornografisch sein kann.

Montabaur wird weltbekannt

Ich hatte es mir so sehr erhofft. Aber zugegeben, ich war nicht sehr zuversichtlich. Jetzt ist es also passiert. Wieder muss ich mich einreihen in den Chor der Medien. Muss noch einmal ein Thema aufgreifen, das natürlich noch nicht „abgehakt“ sein kann. Aber so viel Respekt und Anteilnahme verdient hätte, dass die Menschen, die jetzt trauern müssen, in Ruhe gelassen werden. Mitnichten.

Es ist noch schlimmer geworden. Seit der Verdacht in die Welt gesetzt wurde, dass ein Mensch wissentlich und willentlich 149 andere Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in den Tod gestürzt hat. Und was mich in den Wahnsinn treibt dabei, das ist die Tatsache, dass fast alle jene, die jetzt vor die Mikrofone der Fernsehsender und Rundfunkanstalten gezerrt werden oder freiwillig treten, völlig „fassungslos“ sind, angesichts dieser „unbegreiflichen“ Tat.

Aber hundertprozentig überzeugt sind, dass es genau so geschehen ist. Geradezu mit felsenfester Überzeugung davon ausgehen, dass dieser Mann schuld ist am Tod von 149 Menschen. Und wenn das nicht völlig absurd wäre, könnte man fast glauben, dass sie dabei waren. In diesen letzten acht Minuten. Gesehen haben, wie der Pilot versucht hat, die Tür des Cockpits aufzubrechen, gehört haben, dass keine Reaktion aus diesem Cockpit kam.

Und zwar ebenso der Mann von der Straße, der, wenn er aus Montabaur stammt, natürlich auch weiß, dass jener Co-Pilot ein unauffälliger und stiller Mensch war; wie unser Staatsoberhaupt, das höchstwahrscheinlich noch nie in Montabaur war, aber ebenso überzeugt zu sein scheint, dass dieser Co-Pilot am Tod der anderen Passagiere schuld ist. Und während bei einem sogenannten Steuersünder in den Medien oder von Politikern stets bis zur letzten Sekunde der Urteilsverkündung von dem „mutmaßlichen“ Steuersünder die Rede ist, spricht hier schon jede vom Schuldigen, als wären Untersuchung und das gerichtliche Verfahren schon längst abgeschlossen.

Ich kann das nicht. Ich weiß nur, dass bis jetzt alles nur eine Vermutung ist. Plausibel vielleicht. Aber eine Vermutung. Was offensichtlich niemand daran hindert, so zu tun, als wären es Fakten. Man spricht schon vom Todespiloten. Aber es ist immer noch eine Vermutung. Die vor allem das Ansehen der beteiligten Firmen nicht so sehr ramponiert wie ein technischer Defekt oder Wartungsmängel. Ein psychisch kranker Mensch ist einfach wertneutraler und noch unbegreiflicher.

Ist eigentlich schon jemand aufgefallen, dass die Griechen allem Anschein nach ihren Haushalt saniert haben. Putin seine Truppen aus der Ost-Ukraine abgezogen hat? Man könnte es glauben, wenn man Nachrichten hört oder sieht. Was mich vermuten lässt, dass spätestens nächste Woche wohl wieder eine ganz andere Sau durchs Dorf getrieben wird. Vielleicht hält man sich ja wenigstens dann mal zur Abwechslung an Fakten.

Lynchjustiz und Gentechnik

Wer keine Lust hat, dauernd das Selbe um die Ohren gehauen zu bekommen, sollte hier gleich wieder aufhören zu lesen. Denn eigentlich wird hier nichts geschrieben stehen, was nicht in ähnlicher Form schon einmal gesagt wurde. Alle anderen sollen erfahren, dass ich im Rahmen einer Nachrichtensendung mit einem Video konfrontiert wurde, das den Lynchmord an einer jungen Frau in Kabul, Afghanistan, zeigt. Ihr Körper war mit Pixeln unkenntlich gemacht. Die Männer, die auf sie einschlugen, auf sie eintraten, waren relativ deutlich zu sehen.

Ich bin nicht so sehr der Typ, der sich auf YouTube die Videos von ISIS oder Boko Haram anschaut. Bin aber trotzdem durch Printmedien einigermaßen über ihre und andere Gräueltaten informiert. Es war das erste Mal, dass ich einen Lynchmord auf einem Bildschirm sah. Und ich danke dem TV-Sender dafür, dass er dieses Video gezeigt hat. Denn es hat mir eine wesentliche Erkenntnis gebracht. Es gab nämlich etwas, was ich mir nie so vorgestellt hatte.

Ich hatte immer an wutverzerrte Gesichter gedacht, an völlig enthemmte Menschen. Vielleicht sogar mit Angst in den Augen, wie jemand, der in die Enge getrieben ist. Was mich hier aber geradezu paralysiert hat vor Grauen, das war diese absolute Geschäftsmäßigkeit, mit der diese Männer zu Werke gingen, als sie die Frau totschlugen. Kein Furor, der sich da Bahn brach. Eher konzentriert als wutentbrannt erledigten sie ihre Arbeit. Erst noch ein taxierender Blick, bevor noch einmal mit dem Fuß auf die am Boden liegende Frau eingetreten wird. Ein kurzes, abwägendes Verharren, bevor der Arm mit der Holzlatte noch einmal auf den Körper einschlägt.

Ich bin nicht unbedingt ein Verfechter der Gentechnik. Nach diesen Bildern habe ich begonnen, meine Einstellung dazu zu überdenken. Insbesondere, was die sogenannte Synthetische Biologie angeht, einem relativ neuem Zweig der Gentechnik. Mit ihr soll es angeblich immer besser gelingen, Erbinformationen neu zu kombinieren und sie dann einzuprogrammieren. Ich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn man eines Tages eine Möglichkeit fände, die DNA von Menschen dahingehend zu verändern, dass ein Verhalten wie das dieser Männer im Video nicht mehr möglich ist. Und ich hoffe, dass dies möglichst bald der Fall sein wird. Auch auf die Gefahr hin, dass dann etwas anderes vielleicht nicht mehr funktioniert. Wahrscheinlich fällt es sowieso nicht auf.

Am Ort des Unglücks

Wieder einmal steht ein Land unter Schock. Ich nenne es Betroffenheit. Wenn so etwas Fürchterliches passiert, dann ist man betroffen, wenn man nicht direkt betroffen ist. Wenn Menschen durch einen Tsunami getötet wurden. Bei einem Terroranschlag. Durch einen Flugzeugabsturz. Aber keine Angehörigen durch die Flutwelle starben. Der Anschlag Schiiten galt. Niemand, den wir kannten, in dem zerschellten Flugzeug saß. Dann sind wir betroffen.

Weshalb mich Politiker geradezu aggressiv machen, die „an den Ort des Unglücks“ eilen, Staatsbesuche unterbrechen. Auf allen TV- und Rundfunkkanälen im Sekundentakt beteuern, wie „geschockt“ sie sind, und dass sie alles tun werden, was in ihrer Macht steht. Glaubt denn wirklich ein Mensch, dass Frau Merkel „an dem Ort des Unglücks“ erscheinen wird? Vielleicht zwischen steilen Felsen nach Opfern sucht?

Wahrscheinlich fliegt sie im Helikopter über die Absturzstelle, sagt dann vor laufenden Kameras, wie geschockt sie ist, und steigt dann wieder in ein Flugzeug, um zurück nach Berlin zu fliegen. Hauptsache, da gewesen. Und weil das nicht so viel Bildmaterial hergibt, sehen wir erneut Menschen in einem Flughafen, die in die Kamera sagen, dass sie geschockt sind und nicht wissen, ob sie jetzt noch in den Urlaub fliegen sollen.

Was mich dann aber in einen Zustand versetzt, wie er auch durch eine Magen-Darm-Grippe verursacht wird, das sind die Medien. In stundenlangen Sondersendungen zeigt das Fernsehen in Endlosschleife Filmmaterial von 38 Sekunden Dauer. Die immer wieder gleichen geschockten Politiker. Moderiert von Menschen, die auch immer wieder das Selbe sagen. Wohingegen im Rundfunk zusätzlich Passanten von der Straße erschüttert sein dürfen, Prominente zitiert oder ihre Tweets vorgelesen werden.

Von Experten-Gesprächen bekomme ich Brechreiz. Experten wissen natürlich auch nichts Konkretes. Ergehen sich dafür aber umso länger in Vermutungen. Und manchem ist sogar unverhohlene Genugtuung anzusehen, dass er endlich mal wieder gefragt wurde. Und wenn ich dann von der Toilette zurück komme, könnte ich mir erneut mitteilen lassen, dass ein Land geschockt ist, würde wohl gerade ein anderer Experte befragt werden. Wenn ich das TV-Gerät nicht schon längst zertrümmert und das Radio im Klo versenkt hätte.

Es ist ein Zirkus, der da veranstaltet wird. Ein Medien-Zirkus, der ein Unglück ausschlachtet. So die Opfer des Unglücks missbraucht. Das Leid der Hinterbliebenen. Mitgefühl sieht anders aus. Vielleicht stimmt ja etwas nicht mit mir. Aber wenn ich betroffen bin, dann fällt mir nicht viel ein, was ich sagen könnte. Und sagen sollte. Dann sehe ich mich gerade noch in der Lage zu schreiben, dass es mich ankotzt, was da veranstaltet wird. Ein Schock sieht anders aus.

Diogenes und die Erben

Diogenes hat es richtig gemacht. Also der aus Sinope. Er hat sich ein ausrangiertes Fass besorgt und es dann zur Behausung ausgebaut. Erzählt man sich zumindest. Aber erstens liegt Sinope am Schwarzen Meer. Und zweitens wäre so etwas in Deutschland höchstwahrscheinlich nicht erlaubt, weil die Abwasser-Frage nicht geklärt ist. Auf jeden Fall müsste er aber Gebühren an die GEZ bezahlen, auch wenn er noch nicht einmal ein Smartphone hat, um Radiosender zu streamen.

Weshalb sich gewöhnliche Sterbliche eine Wohnung suchen müssen. Zum Beispiel in der bayerischen Metropole München. Und hier gleich die gute Nachricht. Es gibt noch welche. Zum Beispiel in Haidhausen. Zwei Zimmer, 87 m², für schlappe 1.480 Euro. In Obergiesing ist es noch billiger, gleiche Quadratmeterzahl auf drei Zimmer verteilt, nur noch 1.305 Euro.

Kein Wunder also, dass sich manche Menschen lieber gleich eine Wohnung kaufen. Sind aber nicht allzu viele, verständlicherweise. Denn da ist man schnell mal bei einer halben Million. Für eine Zwei-Zimmer-Wohnung wohlgemerkt. Aber ein paar, die sich das leisten konnten, kennt man doch. Und da ist mir etwas aufgefallen. Sie haben nämlich eines gemeinsam: Ihre Eltern sind oder waren reich. Die Wohnungen sind vom Erbe bezahlt oder vom Vorschuss auf das Erbe.

Es gibt nämlich nicht nur minimale Unterschiede bei den Gehältern. Also bei einer Krankenpflegerin und einem Manager zum Beispiel. Von richtigem Reichtum kann in deutschen Landen meistens nur dort gesprochen werden, wo geerbt wurde oder noch geerbt wird. In den nächsten zehn Jahren geschätzte 3 Billionen Euro werden es sein. Also jedes Jahr 300 Milliarden. Und das erfreulichste dabei: meistens steuerfrei.

Weshalb sich der Blick auf die eigenen Eltern natürlich etwas verändert. Von Partnern kann man sich trennen und dann eine/-n Neue/-n suchen. Geht bei Eltern leider noch nicht. In der Sprache der Straße heißt das für den Großteil der Menschen hierzulande: Sie haben die Arschkarte. Ich suche übrigens derzeit einen Bauwagen in gutem Zustand und möglichst mit Camping-Toilette. Die GEZ-Gebühren werde ich schon irgendwie zusammenkratzen.

Kant und die Faltencreme – die Montagsglosse

Es gibt Themen, die scheinen irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein. Keiner spricht darüber. Aber für viele Menschen ist es ein Thema. Wie zum Beispiel Faltencremes. Viele benutzen sie. Doch niemand verliert ein Wort darüber. Obwohl es für die Einen ein Fass ohne Boden ist, eine Investition ohne Rendite. Und für andere eine Glaubensfrage, ähnlich fundamentalistisch vertreten wie manche Parole auf Montagsmärschen.

Was aber in beiden Fällen auf der Strecke bleibt, das ist quasi die philosophische Tiefenwirkung von Faltencreme. Der Bezug, der allen großen Philosophen von Kant bis Marcuse entgangen ist. Dem ersteren, weil damals Faltencremes noch nicht so sehr en vogue waren. Dem anderen vermutlich, weil vor allem die Frauen in seiner Umgebung, vom Geist der 1968-er Jahre umweht, diesem Utensil aus dem Beauty-Case des Establishments völlig entsagten.

Dabei genügt doch schon ein philologisch umflorter Blick auf den ersten Teil des Wortes, um den Philosophen zu wecken. Auf die Falten nämlich! Denn während bei einem jungen Menschen noch gerne behauptet wird, dass eine Körperpartie glatt sei wie ein Baby-Po, wird ein derartiger Vergleich angesichts eines 72-Jährigen eher selten gezogen. Falten sind nun einmal Ausdruck und Synonym für das Altern, für körperlichen Verfall, und somit für die Endlichkeit menschlichen Daseins, sprich den Tod.

Also ist eine Faltencreme und seine Anwendung oft nichts anderes als der unbewusste Versuch des Menschen, gegen seine Vergänglichkeit anzukämpfen. Mit Ausnahmen natürlich. Wer zum Beispiel nach einer alkoholreichen Nacht versucht sich das Gesicht, das vielleicht unterhalb der Augen in fataler Weise an einen einstigen Fernsehkommissar erinnert, mit Faltencreme aufzubügeln, der ist einfach nur verzweifelt. Und ebenso wenig geht es um philosophische Aspekte, wenn etwas reifere Damen in einer Werbung behaupten, eine Faltencreme habe es geschafft, sie um Jahrzehnte jünger aussehen zu lassen. Dieses Aussehen haben sie nämlich nur Computerprogrammen zu verdanken, die auch noch aus einem Pekinesen ein aalglattes Geschöpf machen könnten.

Auch wenn solche haltlosen Versprechen von den Herstellern von Faltencremes gerne mit dem hochtrabenden Begriff „Unternehmensphilosophie“ verbunden werden, geht es dabei nur um Gewinnmaximierung. Und nicht um die Vergänglichkeit des Menschen. Allerdings wäre es auch mal eine Überlegung wert, ob nicht auch das Wort Gewinnmaximierung einen philosophischen Hintergrund haben könnte. Vielleicht fällt ja jemandem was ein, wenn er vor dem Spiegel steht und Faltencreme aufträgt.

Werte schaffen mit kaputten Sachen

Ich schätze Recycle-Höfe. Ja, ich liebe sie. Sie sind das, was früher der Brunnen vor dem Tore war. Ein Kommunikations-Zentrum allererster Güte. Es gibt inzwischen viele Bekannte, Verwandte und Freunde, die ich nur noch auf dem Recycle-Hof treffe. Und am besten finde ich dabei den Trend zum betreuten Recyceln. Also die Recycle-Höfe, wo gestandene Männer im Rentenalter mit Argus-Augen darüber wachen, dass auch nichts im falschen Container landet. Ich glaube, so etwas gibt es nur in Deutschland und dort vor allem auf dem flachen oder auch leicht hügeligen Land. Und das war mit einer der Gründe, warum ich die Stadt verlassen habe.

Bezeichnenderweise heißen diese Stätten der Kommunikation und Ausdrucks manch schlechten Gewissens offiziell „Wertstoffhöfe“. Was natürlich viel besser klingt als „Recycling“. Die deutsche Bezeichnung gibt einem nämlich das gute Gefühl, dass man hier Werte schafft. Und nicht nur einfach seinen Schrott und Abfall da lässt. Ein Gefühl, das natürlich mehr als berechtigt ist. Denn mit jedem Toaster, der nur noch rabenschwarze Brotscheiben produziert, mit jedem Fernsehgerät, das dunkel bleibt, das wir zum Wertstoffhof bringen, tun wir auch etwas für Menschen, die nichts zum Recyceln haben.

Zum Beispiel in Afrika. Alleine in Agbogbloshie am Rande von Ghanas Metropole Accra haben tausende Menschen so ein regelmäßiges Einkommen. Die grüne Lagune von einst, an der Agbogbloshie eigentlich lag, gibt es heute zwar nicht mehr. Aber dafür liegt nun ein leichtes, bläuliches Grün über der Landschaft. Weil nämlich der Kunststoff verbrannt werden muss, um Kupferleitungen und anderes, wiederverwendbares Metall frei zu legen. Und die Kinder, die das tun, sie brauchen sich nicht um das Morgen zu sorgen.

Denn der Nachschub ist ihnen sicher. Schließlich geben die Industrienationen gerne und völlig uneigennützig und außerdem illegal von den ca. 50 Millionen Tonnen Elektroschrott, der jährlich weltweit produziert wird, ca. 34 Millionen Tonnen an Entwicklungsländer ab. Und nachdem beim Recyceln im schönen Afrika ein paar Schadstoffe entstehen, die Grenzwerte um das 50-fache überschreiten, ist gleichzeitig dafür gesorgt, dass dauernd auch neue Arbeitsplätze entstehen. Und das ohne jegliche betriebsbedingte Kündigungen.

Was sich also deutsche Unternehmer oft erträumen, hier ist es bereits Realität. Und jeder von uns kann etwas dazu beitragen. Also raus mit dem alten LCD-Fernseher und her mit dem 3-D-Smart-TV mit 1,28 Meter Diagonale. Denn es ist doch so einfach, etwas für  Entwicklungsländer zu tun. Ich denke bereits über die Gründung eines Vereins nach: „Freunde treffen und Gutes tun auf dem Wertstoffhof e.V.“. Dieses Wort hat jedenfalls eine ganz andere Bedeutung für mich, seit ich weiß, was dahinter steckt.