Archiv für den Monat April 2015

Walderdbeeren

Wenn man hört, wie Reporter über die katastrophalen Zustände in Nepal berichten, mit Kopfschütteln erzählen, dass sogar die Handy-Netze unzureichend wären, da kann man sich wieder einmal nur glücklich schätzen, dass es in unserem Lande solche Missstände nicht gibt. Und das liegt vor allem daran, dass wir Politiker haben, die sich um den Bürger sorgen. Die Gesetze verabschiedet haben, die – fast alles – auf eine Art und Weise regeln, dass es den Menschen an nichts mangelt.

Nehmen wir zum Beispiel ein Hotel der gehobenen Klasse in München. Dort wird dem Gast zur Begrüßung eine Obstschale mit erlesenen Früchten aus aller Herren Länder hingestellt. Er kann sich aber auch zum Kaffee eine ganze, ebenso erlesene Torte aufs Zimmer kommen lassen. Und hat er dann von der nur kurz mit dem Finger genascht oder nur eine einzige Walderdbeere aus der Schale genommen, dann wird der Rest natürlich weggeworfen.

Circa 42 Kilometer entfernt von diesem Hotel gibt es eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Die zusammen mit den Betreuern mittags das Essen kochen. Hier gibt es zwar keine Walderdbeeren, aber es werden gerne Fischstäbchen gemacht oder auch Erbseneintopf aus der Dose. Das wird durch das für Essen vorhandene Budget möglich, das völlig ausreichend ist, wenn nichts weggeworfen wird.

Und nachdem bei uns keine Zustände wie in Nepal sind, gibt es natürlich für beide Verfahrensweisen gesetzliche Grundlagen. Weshalb man das gute Gefühl hat, dass das so auch alles in bester Ordnung ist. Ganz zu schweigen davon, dass auch unsere Handy-Netze besser sind. Übrigens, diese Sachverhalte wurden vor Ort recherchiert, das stammt nicht aus Zeitungsartikeln. Falls jemand wenig Vertrauen in die Presse hat.

Naturereignis

Es ist mir aus aktuellem Anlass wieder eingefallen. Wenn die Kinder mal wieder nicht machten, was die Eltern sagten, dann setzte es nämlich in früheren Zeiten schon einmal ein Donnerwetter. Und selbst noch heute wünscht mancher Zeitgenosse einem Mitmenschen, der ihm besonders auf die Nerven geht, dass ihn doch endlich der Blitz erschlagen möge.

Mit kaum einem anderen Naturphänomen kann man so eindrucksvoll seine Meinung sagen. Zumindest die Generationen, die sich nicht nur in SMS-Kürzel ausdrücken. 4 kids bedeutet ein Gewitter hingegen zumeist noch immer, dass sie sich trotz bestandenem Härtetest beim Rock-Konzert direkt vor der 1000-Watt-Box bei einem nächtlichen Donnerschlag ganz uncool in’s elterliche Schlafzimmer retten.

Doch zugegeben, es hat schon auch für Erwachsene etwas furchterregendes, wenn so einem grellen Blitz ganz unmittelbar ein Donner folgt, der die Gläser in der Vitrine klirren lässt. Nicht zu vergessen der eventuell prasselnde Hagelschlag oder der von Sturmböen gepeitschte Starkregen. Die sich ganz besonders beeindruckend gestalten, wenn man von ihnen bei einem Spaziergang auf weiter Flur überrascht wurde.

Dabei hört sich die Geschichte wissenschaftlich gesehen wenig beeindruckend an. Demnach entsteht ein Gewitter nämlich durch starke Labilität bei hoher Luftfeuchte, durch die ein Zirkulationssystem ausgelöst wird mit kräftigen Aufwinden im Zentrum und Abwinden in der Umgebung. Interessant vielleicht auch noch, dass es zu einem Blitz kommt, wenn das Spannungsgefälle in einer Wolke oder zwischen Wolke und Erdboden die Grenze von 2000 bis 3000 Volt pro Zentimeter übersteigt.

Was einem Menschen, der schon einmal einen Blitzeinschlag in freier Natur und in nicht allzu großer Entfernung erlebt hat, allerdings ziemlich egal ist. Befindet er sich zu dieser Zeit in einem Mischwald, wünscht er sich wohl nur noch, dass wenigstens ein einziges Mal eine alte Volksweisheit stimmen möge. „Vor den Eichen sollst du weichen; vor den Fichten sollst du flüchten. Doch die Buchen sollst du suchen“, besagt diese nämlich. Allerdings bleibt der leise Verdacht, dass diese Weisheit vielleicht weniger auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert also vielmehr den Gesetzen des Reimes zu verdanken ist. Die ja bekanntermaßen keinen Schutz vor Blitzeinschlag bieten.

Galadinner

Zum Glück muss man ja hin und wieder zum Arzt. Und hat dort auf Grund der Tatsache, dass man meistens nicht der einzige Kranke ist, die gute Möglichkeit, sich im Wartezimmer die Wartezeit mit einigen Illustrierten zu vergnügen. Und so zu einem Wissensstand zu gelangen, der einen entsetzt fragen lässt, wie man bisher sein Leben gemeistert hat.

Die reinste Galavorstellung bot da ein Hochglanz-Magazin, das auf der Titelseite eine Frage stellte, die ich mir in meiner Unwissenheit und Unbedarftheit nicht einmal in meinen kühnsten Träumen gestellt hätte. Sie lautete: Zerbricht sie an ihrem Turbo-Leben? Und dann der Zusatz, der mir erst einmal die Haare zu Berge stehen ließ: Warum wir uns Sorgen machen müssen!

Also einmal davon abgesehen, dass ich auf Anhieb überhaupt keine Vorstellung hatte, was ein „Turbo-Leben“ sein könnte, wäre ich zumindest auf Grund des Fotos auch nie darauf gekommen, von wem hier die Rede sein könnte. Doch vorsorglich war der Name angegeben: Heidi Klum. Wobei ich zu meiner Verteidigung sagen kann, dass ich sie an ihrer Stimme sofort erkannt hätte. Ansonsten bin ich mit ihrer Person nicht so vertraut, und schon gar nicht mit ihrem Turbo-Leben.

Was aber letztendlich zweitrangig ist. Denn aufgestoßen ist mir an dieser Geschichte dieser geradezu kategorische Imperativ. Ich könnte es ja gerade noch akzeptieren, wenn es geheißen hätte: Müssen wir uns Sorgen machen? Da hätte ich schließlich mit einem klaren „Nein“ darauf antworten können, und der Fall wäre erledigt gewesen. Aber nein, es wurde impliziert, dass wir uns Sorgen machen „müssen“.

Und da muss ich in aller Deutlichkeit sagen, dass ich das auf gar keinen Fall tun werde. Und nicht einmal, wenn man mir Beugehaft androht oder Waterboarding. Weil es mir so etwas von egal ist, ob Heidi Klum an irgendetwas zerbricht, sich in Luft auflöst oder wie ein trockener Keks zerbröselt. Ich mache mir Sorgen um mein Hüftgelenk. Um den Klimawandel. Die Entwicklung der Renten. Und, und, und. Aber nicht um Heidi Klum. Und schon gar nicht, wenn man es von mir verlangt.

Sorry, Heidi. Das ist jetzt nicht persönlich gemeint. Aber mich nervt es ja auch brutal, wenn von mir verlangt wird, dass ich unter Schock zu stehen habe, fassungslos sein muss, oder was weiß ich, weil es angeblich ein ganzes Land tut. Wenn ich schon nur marginal Einfluss darauf nehmen kann, ob jetzt TTIP kommt oder nicht, dann möchte ich wenigstens selber entscheiden, um wen oder was ich mir Sorgen mache.

Einzelfahrer

Man kann ja nur hoffen, dass Herr Dobrindt diesen Blog liest. Andererseits gibt es ja keinen Grund, warum er das nicht tun sollte. Ich bin nicht nur christlich sondern auch katholisch getauft. Und ich habe es stets fest im Blick, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland durch meine kleinen Beiträge zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung keinen Schaden nimmt. Was gleichzeitig auch der Grund ist, warum ich mich heute mehr oder minder direkt an den Verkehrsminister wende.

Ich habe nämlich eine Lösung gefunden. Denn schließlich wissen er wie ich, dass mit seiner Maut nicht wirklich viel Geld zu verdienen ist und schon gar nicht, ob sie EU-Recht entspricht. Doch ich kann ihm aus dem Dilemma helfen. Mit einer simplen aber höchst effizienten Insassen-Maut. Mit der er nämlich die treffen würde, die er ja am liebsten ausschließlich getroffen hätte. Nämlich die Autofahrer aus dem Ausland, die auf unseren schönen Autobahnen Staus verursachen und den Asphalt ruinieren.

Und das Ganze wäre mit einem äußerst preiswerten Überwachungssystem zu bewerkstelligen. Es würde völlig ausreichen, nur zu erfassen, wie viele Menschen in einem Auto sitzen. Denn meine Untersuchungen haben jetzt gezeigt, dass in deutschen Autos zu 97,3 Prozent immer nur eine Person sitzt. Und die wäre natürlich steuerfrei. Wohingegen unsere Freunde aus den Nachbarstaaten eigentlich immer zu mehreren in Urlaub oder sonst wohin fahren. Und da muss dann eben für jede weitere Person im Auto eine Gebühr bezahlt werden.

Es wäre deshalb zu empfehlen, dass deutsche Wochenend-Ausflügler, also wenn notgedrungen auch mal die Kinder oder Oma mitgenommen werden müssen, dann einfach nur die Landstraßen benutzen. Aber auf jeden Fall könnte die EU-Kommission gegen dieses Modell nun wirklich nichts mehr einwenden. Sollen sie halt dann mit mehreren Autos in Urlaub fahren, die lieben EU-Nachbarn, dann bräuchten sie auch keine Maut bezahlen. Wie 97,3 Prozent der deutschen Autofahrer.

Spargelspitzen

Es gibt Momente, da ist man einfach ratlos. Überfordert. Sonntags ist das häufig so. Während der Woche ist es ja noch relativ einfach, da ist sowieso keine Zeit. Also entweder gleich was aus der Tiefkühltruhe des Supermarkts, oder immerhin Wasser zum Kochen gebracht und ein paar Ravioli mit Ricotta und Spinat gezaubert. Übrigens auch aus dem Supermarkt.

Aber sonntags. Den klassischen Sonntagsbraten kann man sich abschminken, weil die Jüngste gerade nur noch semi-vegan isst. Also wäre vielleicht grüner Spargel mit gefülltem Kalbsschnitzel eine Option, sie kann ja das Kalbsschnitzel weglassen. Oder vielleicht gleich eine Spargel-Quiche mit Greyerzer und frischem Thymian?
Eine elegante Lösung wäre es natürlich auch, wenn man gleich nach Bad Aibling ins Erlebnis-Bad fahren würde oder an den Chiemsee. Da findet sich unterwegs immer irgendein Restaurant, und man wüsste außerdem gleich, was man den ganzen Tag so macht. Also wenn sich nicht noch irgendeine Schwiegermutter selber einlädt, wäre das durchaus eine Option.

Jedenfalls ist das sonntags immer extrem anstrengend, bis alleine schon das Problem mit dem Mittagessen gelöst ist. Und da dachte ich mir heute, dass es die Menschen in Katmandu zum Beispiel momentan wirklich einfacher haben. Mit solchen Problemen müssen sich die nicht rumschlagen.

Wort des Tages

Das Warten hat sich gelohnt. Denn sie haben es getan. Nach Bundespräsident Gauck nun auch Parlamentspräsident Norbert Lammert oder auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen. Der übrigens Mitglied der CDU ist. Weshalb bei seiner Rede Frau Merkel noch um ein Grad mehr erstarrt ist. Wohl mit ein Grund, dass unsere Bundeskanzlerin nichts sagen konnte zum Völkermord an den Armenien.

Wohingegen Ankara ziemlich schnell reagiert hat. Man werde es den Deutschen nicht vergessen und nie verzeihen. Hat Ankara verlauten lassen. Immerhin haben sie bis Redaktionsschluss noch nicht ihren Botschafter aus Berlin abberufen und Visa-Zwang für Deutsche eingeführt. Aber vielleicht hatte man dafür noch keine Zeit.

Denn schließlich musste man in der Türkei ja erst noch den Jahrestag der Schlacht von Gallipoli feiern, die wie der Völkermord ja auch vor 100 Jahren stattfand. Allerdings erst am 25. April. Doch man hat den Termin auf den Gedenktag an den Völkermord an den Armeniern vorgezogen, auf den 24. April, so konnte man trotz Genozid-Gedenktag in Armenien fröhlich feiern.

Was allerdings am meisten erstaunt, dass ist der rüde Jargon. Nicht nur, dass Erdogan höchstpersönlich den Papst „gewarnt und gerügt“ hat, nach dessen Völkermord-Aussage, und ihn bezichtigt hat, dass er Unsinn rede. Nein, prophylaktisch hat er auch schon mal US-Präsident Barack Obama Weisung erteilt. „Ich möchte von Obama so etwas nicht hören“, zitierte ihn die türkische Zeitung Hürriyet.

Doch überraschend sind nicht die Aussagen des Märchenschloss-Besitzers Erdogan. Erstaunlich sind vielmehr die ausbleibenden Reaktionen auf dieses schulmeisterliche Benehmen außerhalb jeglicher diplomatischen Gepflogenheiten. Und ich frage mich so langsam, was für einen Trumpf dieser türkische Präsident in der Tasche hat, dass – fast – alle Welt vor ihm zu kuschen scheint. Vielleicht hat er ja angedroht, die Ausfuhr von türkischem Honig zu stoppen.

Größte Zeit also, zu den guten Nachrichten zu kommen. Zum EU-Gipfel in Sachen Mittelmeer. Was genauso sachlich klingt, wie das Sterben im und auf Mittelmeer abgehandelt wurde. Mit dem großartigen Ergebnis, dass man übereingekommen ist, dass etwas geschehen muss, und man sich wieder treffen wird. Und die finanziellen Mittel für Triton aufgestockt hat, damit die Grenzüberwachung perfekter wird.

Von einer Wiederaufnahme der Seenotrettung war übrigens keine Rede. Wahrscheinlich hat sich inzwischen ein Reiseveranstalter das Logo „Mare nostrum“ gesichert und gedroht vor ein Schiedsgericht zu gehen, wenn das Seenotrettungsprogramm unter diesem Namen wieder aufgenommen wird.

Schließlich ist nicht jeder so sensibel für die Belange anderer Menschen wie die bayerische Polizei. Für den G-7-Gipfel auf Schloss Elmau will man vorsorglich zeitweise mehr als hundert Richter bereit halten und Sammelstellen für randalierende und deshalb festgenommene Demonstranten einrichten. Die Zellen sind laut Bayerischem Rundfunk mit dimm-baren Lampen ausgestattet. Und bei Bedarf soll es veganes Essen geben.

Sex oder Völkermord

Eigentlich sollte heute ja „Sex im Alter“ das Thema sein. Dann fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass heute in Armenien des Genozids vor 100 Jahren gedacht wird. Weshalb das vorgesehene Thema ja mehr als unangebracht gewesen wäre. Dass ich mich jetzt trotzdem nicht dem Völkermord im Osmanischen Reich widme, liegt einfach daran, dass ich erst einmal abwarten möchte, wie sich jetzt Frau Merkel rausredet, nachdem sich der Bundespräsident schon so weit vorgewagt hat und den bisher vermiedenen Terminus „Völkermord“ gestern schon in einer Rede gebrauchte. Sinnvoll wäre es auch, erst zu wissen, ob die Türkei deshalb ihren Botschafter aus Berlin abzieht.

Also spreche ich über eine App. Und muss gestehen, dass manchmal nicht nur Lesen bildet sondern auch das Fernsehen. Jedenfalls weiß ich dank einer TV-Sendung davon und war gleich fasziniert von dieser Innovation. Ich kann mir nämlich seit neuestem eine App auf mein galaktisches i-Smartphone runterladen, die mich darüber informiert, wie es mir geht. Und das ist nun wirklich etwas, das ich schon lange mal wissen wollte. Jedenfalls lauscht diese App mit, wenn ich telefoniere, und analysiert mein Verhalten beim Telefonieren und meine Stimme. Und dann weiß sie, wie es mir geht.

Und nachts lege ich mein Smartphone dann neben mein Kopfkissen, und am nächsten Morgen sagt es mir, ob ich gut oder schlecht geschlafen habe. Sei hier angemerkt, dass diese App nicht von der NSA entwickelt wurde, aber sicher eine Vereinbarung mit dem Entwickler hat, wonach ihr alle Daten automatisch übermittelt werden. Aber das nur am Rande. Was mir jetzt allerdings noch ganz wichtig wäre, das ist eine App, die mir sagt, ob ich Sex gehabt habe, und wie er war. Vielleicht auch noch mit wem.

American Sniper

Lesen bildet. Ist ein alter, um nicht zu sagen für viele eher antiquierter Spruch. Und die Vertreter der gerade nachwachsenden Generation können sich wahrscheinlich nicht besonders viel darunter vorstellen. Denn für was braucht man Bildung, wenn es Google gibt. Und das musste jetzt sein, man ist seinem Alter schließlich etwas schuldig. Aber auch für sie könnte es sich als aufschlussreich herausstellen, wenn sie zu einem Buch mit dem ja durchaus griffigen und eigentlich richtig „coolen“ Titel „American Sniper“ greifen würden, sozusagen als Feature zum Film.

Autor ist ein gewisser Chris Kyle, der im Dienste und Auftrag der Vereinigten Staaten von Amerika daran beteiligt war, dem diktatorischen Regime von Saddam Hussein im Irak den Garaus zu machen. Herr Kyle war als Scharfschütze eingesetzt und versuchte mit 160 bestätigten Todesschüssen dem irakischen Volk amerikanische Werte zu vermitteln.

Und bevor wieder über die permanente Amerika-Feindlichkeit gejammert wird: Scharfschützen gibt es in allen Armeen. Nur haben nicht alle so gute Übungsmöglichkeiten. Es ist also nur als beispielhaft anzusehen, dass Herr Kyle Bürger der USA war. Außerdem ist die Motivation dieses Scharfschützen viel interessanter als die Nationalität. Um diese zu umreißen, genügen dank der präzisen Aussagen von Herrn Kyle zwei Zitate aus seiner sogenannten Autobiografie. Zitat eins:. „Wen auch immer ich erschossen habe, war böse. Ich hatte einen guten Grund für jeden Schuss.“ Zitat zwei: „Sie hatten es alle verdient, zu sterben.“

Getragen wurde das Ganze offensichtlich von einer klaren Sicht auf die Welt und einer simplen Ordnung. In der für ihn ganz oben Gott stand. Dann kam gleich das Vaterland. Und zu guter Letzt und mit einigem Abstand Frau und Kinder. Weil sie ja schließlich keine Männer sind. Weshalb ein Psychologe hier wohl eine narzisstische Störung vermuten würde. In der Welt von Herrn Kyle ist es aber in Einheit mit seiner Kriegs-Mission offensichtlich die einzige Möglichkeit, ein richtiger Mann zu sein.

Was mich aber am meisten verstört hat an diesem Buch, das war der aus der Lektüre resultierende Gedanke, dass der Mann inzwischen aus der Navy entlassen worden und wieder in das bürgerliche Leben eingebettet worden war. Weshalb ich mir die Frage stelle, wie Herr Kyle es dann wohl schaffte, ein Mann zu sein. Wer es dann wohl verdiente, Ziel seiner Männlichkeit zu sein? Und ob es überhaupt jemanden gibt, der aus einem Krieg zurück kommt und nicht ein Fall für den Psychiater ist. Im schlimmsten Fall unheilbar. Übrigens: Kyle wurde von einem Veteranen des Irakkriegs erschossen.

Lokführer

Will man sich in unserer Welt einigermaßen behaupten, dann sollte man sich am besten an den Gegebenheiten orientieren. Mitschwimmen klingt zwar ein bisschen abträglich, trifft aber den Kern der Sache. Und wird von mir natürlich beherzigt. Deshalb heute kein Wort mehr von Flüchtlingsbooten. Denn wie ich gerade feststellen durfte, wurden nachrichtentechnisch die Ertrunkenen im Mittelmeer von den streikenden Lokführern abgelöst. Von diesen Toten heute also kein Wort mehr.

Was uns allerdings zu zwei wesentlichen Erkenntnissen verhilft. Dass nämlich nicht alle Toten gleich und Menschen aus Afrika keine Wähler sind. Und ich persönlich bin für solche Hilfestellungen ausgesprochen dankbar. Um nicht zu sagen, dass ich vermutlich mein Leben gar nicht mehr meistern könnte, wenn nicht andere für mich die besten und deshalb richtigen Entscheidungen treffen würden.

Was würde ich zum Beispiel ohne den Deutschen Wetterdienst machen. Früher ging ich aus dem Haus und hatte unter Umständen nicht einmal einen Regenschirm dabei. Und bin nass geworden. Kann mir nicht mehr passieren. Dank dem Wetterdienst und seinen Sturmwarnungen weiß ich jetzt sogar, wann der leichte Knirps reicht und wann ich das sturmfeste Model mitnehmen muss, das bis 100 km/h Windgeschwindigkeit getestet wurde. Und vor allem auch, wann ich am besten gar nicht mehr aus dem Haus gehe.

Ein anderes Beispiel ist die Kindererziehung. Was hat man da früher nicht alles falsch gemacht. Kann einem nicht mehr passieren. Jetzt wird einem sogar via Radioprogramm erklärt, wie ein Vater sein muss, damit der Nachwuchs nicht bei ISIS als Dschihadist landet. Oder Ernährung. Ich habe 37 Bücher über richtige Ernährung. Da kann doch wirklich nichts mehr schief laufen. Einmal davon abgesehen, dass ich meistens nicht mehr zum Essen komme, weil schon wieder ein neuer Ernährungsratgeber rausgekommen ist, den ich natürlich erst einmal lesen muss.

Und dann die Politik. Ich wäre nicht in hundert Jahren auf die Idee gekommen, dass Atomenergie vielleicht ein kleines bisschen problematisch sein könnte. Schon gar nicht, weil man uns ja immer gesagt hat, dass alles halb so schlimm wäre. Jetzt sehe ich das dank der Politik natürlich ganz anders. Und habe vollstes Verständnis, dass der Atomausstieg natürlich von den Bürgern bezahlt werden muss. Schließlich haben wir ja auch den Nutzen gehabt, nämlich den Strom, den wir bezahlt haben.

Die Liste ließe sich noch endlos fortsetzen. Und ich frage mich allen Ernstes, wie die Menschen früher ihr Leben gemeistert haben. Den Beruf, die Ehe. Die hatten doch nur ihre Mutter oder den Vater oder vielleicht noch einen Onkel oder eine Tante, die ihnen irgendetwas erklärt haben. Heute reicht ein Mausklick, und ich weiß sogar, wie ich meinen Lungenkrebs mit einer Klangschale heile. Es gibt nichts mehr, das mir Dumpfbacke nicht erklärt werden kann.

Weil es nichts mehr gibt, wozu sich nicht schon ein anderer Gedanken gemacht hat. Und es mir so erspart, selber zu denken. Ich brauche es einfach nur noch so zu machen, wie andere sagen, dass es das Beste für mich wäre. Und davon lasse ich mich noch nicht einmal durch diese seltsame Geschichte abhalten, dass ich bei dem Wort „mitschwimmen“ immer unwillkürlich an die toten Flüchtlinge im Mittelmeer denken muss. Aber wahrscheinlich muss ich einfach nur oft genug Nachrichten hören, dann denke ich irgendwann nur noch an Lokführer.

Bootsunglück Römisch Zwei

Ich habe es doch schon immer gesagt. Wenn es die Situation erfordert, dann kann man sich auf diese Politiker verlassen. Die Außenminister der EU haben auf den Untergang des Flüchtlingsschiffes 200 Kilometer vor der Küste Italiens, bei dem vermutlich mehr als 800 Menschen ertrunken sind, sofort und entschieden reagiert und mit einer Schweigeminute der Opfer gedacht. Damit nicht genug, hat man beim Treffen der 28 EU-Außenminister auch einen Zehn-Punkte-Plan verabschiedet.

Er soll noch diese Woche beim „Sondergipfel zur Flüchtlingsfrage“ den EU-Staats- und Regierungschefs unterbreitet werden. In diesem Zehn-Punkte-Plan wird unter anderem vorgeschlagen, die Seenotrettung finanziell „zu stärken“ und eventuell auch noch den Einsatzbereich der „Grenzmission Triton“ ausweiten. Des Weiteren sollen „systematische Anstrengungen“ unternommen werden, Boote zu beschlagnahmen und zu versenken. Ob dies erst geschehen soll, nachdem die Flüchtlinge die Boote verlassen haben, ist nicht explizit ausgeführt.

Ein ganz wichtiger Schritt: Die Bearbeitung von Asylanträgen in den „Ankunftsländern“ Italien und Griechenland soll massiv unterstützt werden. Gleichzeitig sollen Mitgliedstaaten verpflichtet werden, von allen Flüchtlingen Fingerabdrücke zu nehmen. Wahrscheinlich, damit dann später Tote leichter identifiziert werden können. Und es ist ein „freiwilliges Pilot-Projekt“ im Gespräch, bezüglich der Umverteilung von Flüchtlingen auf andere Länder, unterstützt von der Maßnahme, für eine Beschleunigung der Rückführung abgelehnter Asylbewerber zu sorgen.

Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat jedoch bereits im Vorfeld des Treffens gesagt, dass er keine schnelle Lösung sehe, und es wichtig sei, den Blick auf Transit- und Herkunftsländer der Flüchtlinge zu richten. Dass sich ab sofort die Entwicklungshilfe in Afrika auf die Förderung von Schwimmunterricht beschränken soll, wurde von Regierungskreisen allerdings ebenso wenig bestätigt wie die von einer französischen Zeitung verbreitete Meldung, dass bereits eine langfristige Lösung im Gespräch sei. Danach würden Berechnungen angestellt, wie viele Ertrunkene nötig wären, damit das Mittelmeer eines Tages trockenen Fußes überquert werden kann.