Zeiten ändern sich – Hauptsache man merkt es

Wer weiß denn schon, wie die Hauptstadt von Burkina Faso heißt? Bei welcher Temperatur Benzin gefriert? Oder welche drei Tierarten zur Gattung der Zahnarmen gehören? Vor allem, wenn weder Computer noch Smartphone in der Nähe sind! Denn das macht den Unterschied. Einst hatte man – und selbstverständlich auch Frau – eine Art Allgemeinwissen. Selbstverständlich manche zugegebenermaßen auch nicht. Heute aber hat hierzulande fast jeder das Internet, Google und Wikipedia, die man ja zu jeder Tages- und Nachtzeit fragen kann.

Dementsprechend ist dann das Ergebnis, wenn sich mal jemand den Spaß erlaubt und Leute auf der Straße befragt. Nach Ministern, Ländern oder sogar nach Leuten, die schon tot sind. Da wird dann schon mal ein Schlagersänger zum Außenminister, Albanien EU-Mitglied und Trotzki zu einem russischen Maler. Aber da sollte man jetzt nicht mit dem Finger auf die jüngeren Generationen zeigen. Auch wenn es noch kleine, altersbedingte Verschiebungen gibt, ohne den Beistand des Internets ist das Rätselraten zum generationsübergreifenden Allgemeingut geworden.

Das, was man früher Allgemeinwissen nannte, ist eher auf der Strecke geblieben. Was natürlich auch nachvollziehbare Gründe hat. Wer einst die Spieler der Fußballnationalmannschaft, die Regierungsmitglieder und noch ein paar Geschichtsdaten kannte, der war schon mal auf der sicheren Seite. Wusste er noch explizit, wer 1933 Reichskanzler war oder welcher Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg den Nobelpreis für Literatur bekommen hat, dann hatte er sich schon Anrechte auf das Prädikat „Allgemeinwissen“ erworben.

Inzwischen sind – und das, ich wiederhole es, nicht nur bei jüngeren Menschen – die Daten und Fakten zu den Siegern von DSDS dazugekommen, von Dschungelcampern und Darstellern in Teeny-Komödien und Daily Soaps. Ganz zu schweigen von anderen Vertretern des Show-Business, denen ebenso ungebrochenes Interesse gilt wie gekrönten Häuptern oder den Köchen von Promi-Dinnern. Kein Wunder, dass da profane Politiker oder Schriftsteller auf der Strecke bleiben. Insbesondere wenn erstere nur in Nachrichtensendungen oder Dokumentationen zu sehen sind. Und letztere den Fehler begehen, sich nicht mit Feuchtgebieten auseinanderzusetzen.

Will einmal mehr sagen, auch wenn es manchem inzwischen schon gebetsmühlenartig vorkommt, dass die Welt sich eben nicht nur sehr verändert hat sondern auch sehr viel „größer“ geworden ist. Dank TV und Internet. Und wer dann auch noch täglich Stunden bei Facebook verbringen muss, um zu „liken“ und Fotos zu posten, der hat wirklich keine Zeit mehr, sich um Politik zu kümmern oder ein zeitraubendes Buch über deutsche Geschichte zu lesen. Außerdem gibt’s davon zur Not irgendwo im Internet eine Zusammenfassung in zehn Zeilen.

Also scheint Allgemeinwissen inzwischen eher was für Leute zu sein, die zu Günther Jauch wollen, um die Million abzustauben. Was dann allerdings doch selten gelingt, so ganz ohne Internetzugang. Aber sonst, zu was sollte es überhaupt gut sein, so ein Allgemeinwissen? Vielleicht weil es helfen könnte, geschichtliche und gesellschaftliche Zusammenhänge zu erahnen? Um notfalls mehr zu wissen, als die aktuellen Fernsehsendungen hergeben? Um zu merken, wann jemand Unsinn erzählt? Für das menschliche Gehirn wäre es jedenfalls kein Problem. Das kann sich locker die Hauptstadt von Burkina Faso und den Namen der neuen Dschungel-Königin merken.

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