Archiv für den Monat Juli 2015

Humanistische Bildung

Man bekommt diese Gelegenheit nicht alle Tage. Und wird sie einem einmal gewährt, dann gebietet es der Anstand, dass man sich dafür bedankt. Was ich hiermit tun will. Unbeschadet meiner etwas getrübten Beziehung und eher geringen Wertschätzung für den Verursacher. Ich bedanke mich also in aller Form bei der türkischen Regierung, dass sie mir Gelegenheit gibt, an dieser Stelle – und damit vor aller Welt – zu demonstrieren, dass man humanistische Bildung auch durch Suchmaschinen erlangen kann.

Die Ausgangslage: Nachdem es monatelang eher heimlicher Unterstützer war, greift ein Nato-Mitglied in den Kampf gegen den IS ein, wofür es allenthalben von anderen Nato-Mitgliedern und insbesondere von den USA ausdrücklich gelobt wird. Als sich dann herausstellt, dass dieser Gesinnungswandel vor allem dazu benutzt wird, um die Kurden im eigenen Land und auch außerhalb der Landesgrenzen gezielt anzugreifen, wird die türkische Regierung sehr freundschaftlich ermahnt, doch die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren. Was auch immer das bedeutet.

So ermuntert, weitet die türkische Regierung seinen Kampf gegen Kurden auch auf den Vorsitzenden der HDP aus, der kurdischen Demokratischen Partei der Völker, und lässt laut Zeitungsmeldungen Anklage wegen Volksverhetzung und Kontakt zur Kurdischen Arbeiterpartei PKK erheben. Die Reaktionen von den anderen Nato-Partnern fallen wie sonst im Fall Israel aus. Will sagen, es werden zwar wieder ein paar mahnende Worte in Mikrofone gesprochen. Aber niemand zeigt sich wirklich gemüßigt, Erdogan und seine Politik zu kritisieren, ihn gar unter Druck zu setzen.

Und das ist jetzt der Moment, um mit meiner humanistischen Bildung aufzutrumpfen. Um nämlich als Erklärung für dieses Verhalten zu sagen: Quod licet Iovi, non licet bovi! Was etwas frei übersetzt nichts anderes heißt, als dass dem Erdogan erlaubt ist, was irgendeinem Rindvieh noch lange nicht erlaubt. Also zum Beispiel irgendwelchen Kurden oder anderen Volksgruppen, mit denen man keine Wirtschaftsbeziehungen von Bedeutung hat.

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Steine des Anstosses

Es war vorgestern. In Hamburg. Dort haben sie sie schon. Die Stolpersteine. Für einen Moment war ich durch so eine Messingplatte im Pflaster abgelenkt, in der Eppendorfer Landstraße. Und schon bin ich ins Stolpern gekommen. Zum Glück hatte ich meinen Rollator dabei. Sonst wäre ich vielleicht noch gestürzt. Nicht auszudenken, was da alles hätte passieren können.

Zum Glück haben jetzt in München die Vernunft und Frau Knobloch gesiegt. Dort hat der Stadtrat beschlossen, dass es keine Stolpersteine geben wird, mit denen auch in der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“ an Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden soll. Und das ist auch ein Sieg von Frau Knobloch, amtierende Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Sie kämpft seit Jahren vehement und erfolgreich gegen die Stolpersteine und sagt: „Für mich ist der Gedanke unerträglich, dass diese Menschen und die Erinnerung an sie erneut mit Füßen getreten wird“.

Doch dieses Argument ist nur vorgeschützt, da gibt es für mich jetzt keinen Zweifel mehr. Nach meinem Erlebnis in Hamburg ist mir klar geworden, dass der eigentliche Grund für ihren Kampf gegen Stolpersteine ein anderer ist. Sie hat einfach Angst, selber einmal ins Stolpern zu kommen. Schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste. Außerdem habe ich sie noch nie mit einem Rollator gesehen, der, wie in meinem Fall, das Schlimmste verhüten könnte. Ein Oberschenkelhalsbruch wäre für sie eine Katastrophe.

Denn wenn sie ernsthaft Bedenken haben würde, weil die Stolpersteine mit Füßen getreten werden könnten, dann müsste sie sich auch genauso vehement gegen vorhandene oder vielleicht noch zu errichtende Denkmäler, Erinnerungsstätten oder sogar Grabsteine aussprechen. Bei denen besteht schließlich auch immer das Risiko, dass zum Beispiel Hunde hier ihr Bein heben. Oder Vögel ihren Kot darauf ablegen.

Steht Europa schon wieder am Abgrund?

Zur Panikmache neigt nun kaum jemand weniger als ich. Aber nach dieser Meldung muss man einfach sagen, dass es in Europa zurzeit wohl an allen Ecken und Enden brennt. Es kann nicht mehr lange dauern, und Europa steht in Flammen. Jetzt haben wir geglaubt, dass wir nach dem verhinderten Grexit endlich mal wieder ein wenig verschnaufen können. Mancher hat sogar wieder seine alten Moustaki-Platten raus gekramt und die Videokassette mit Alexis Sorbas schon mal für Samstagabend auf den Rekorder gelegt.

Und jetzt sieht manches danach aus, als würden nun ein Dexit und der schon lange vermutete Brixit drohen. Denn wie eine Sprecherin der EU-Kommission der Nachrichtenagentur AFP mitteilte, wird derzeit der Vorwurf geprüft, ob im Vergnügungspark Disneyland Besucher aus Deutschland und Britannien bei den Eintrittspreisen deutlich mehr zahlen müssen als Franzosen. Es soll hierbei um dreistellige Beträge gehen. Zumindest beim Premium-Paket, wie die britische „Financial Times“ berichtete.

Wie aus EU-Kreisen verlautete, sei die französische Regierung dafür verantwortlich, dass im Disneyland Paris EU-Recht befolgt werde. Und sollten sich die Vorwürfe als berechtigt erweisen, würde das mit Sicherheit die deutsch-französischen Beziehungen wahrscheinlich noch mehr belasten als die jüngste Krise anlässlich und ausgelöst von unterschiedlichen Auffassungen im Griechenland-Konflikt.

Wie aus unbestätigten Quellen der deutschen Regierung durchsickerte, ist die Bundeskanzlerin bereits auf dem Abstieg von den Südtiroler Bergen, um umgehend nach Berlin zurück zu kehren. Heftig dementiert wurde allerdings von ihrem Sprecher, dass der Skandal von Wolfgang Schäuble aufgedeckt worden wäre, der als Dagobert Duck verkleidet inkognito im Vergnügungspark recherchiert habe. Fakt ist jedoch, dass Europa auf die nächste, immense Zerreißprobe zutaumelt. Während rundherum um unseren Kontinent alles Friede, Freude, Eierkuchen ist.

Die Lösung ist gefunden

Man braucht einige Zeit bis man das kapiert hat. Doch ist man endlich dahinter gekommen, dann sieht man, dass es genial ist. Denn es ist die Umkehrung von Ursache und Wirkung, von Täter und Opfer, von Subjekt und Objekt. Und könnte zu einem wesentlichen Teil der Flüchtlingspolitik hierzulande werden, wenn nicht sogar zur Lösung für das Flüchtlingsproblem.

Jüngstes Beispiel: eine Flüchtlingsunterkunft in Mainstockheim im Landkreis Kitzingen. Ich muss zugeben, ich wusste bisher nicht, wo Mainstockheim liegt. Doch dank der Tatsache, dass es dort kürzlich zu einem „Menschenauflauf im Umfeld einer Flüchtlingsunterkunft“ gekommen ist, wie eine Zeitung berichtete, bin ich jetzt ins Bild gesetzt. Geahnt hatte ich es schon, Mainstockheim liegt in Bayern, genauer gesagt im Norden Bayerns.

Weshalb dann auch nach offizieller Sprachregelung „die Vorfälle keinen fremdenfeindlichen Hintergrund haben“, vielmehr sind laut einem Polizeisprecher die Gründe für die Auseinandersetzung „eher in einer Privatfehde zu suchen“. Und weil eine Gruppe von Flüchtlingen aus Mainstockheim „in einem Kitzinger Freibad handgreiflich geworden und Frauen sexuell belästigt“ haben soll, war die logische Konsequenz, dass jetzt alle Flüchtlinge weggebracht wurden.

Was natürlich auch an den Bürgermeister von Tröglitz denken lässt, der sein Amt niederlegte, nachdem die NPD ihr demokratisches Grundrecht in Anspruch genommen und vor seinem Haus eine Demonstration geplant hatte. Oder an das junge Paar, dass sich in Hoyerswerda für Flüchtlinge und gegen besorgte Bürger aus der rechten Szene engagiert hatte. Nachdem Letztere eines Abends vor ihrer Wohnungstür standen, konnte die Polizei das junge Paar endlich davon überzeugen, dass es besser sei, sich in einem anderen Ort niederzulassen.

Und diese Verfahrensweise sollte Schule machen. Denn sie lässt sich auch auf andere Lebensbereiche anwenden. Wenn zum Beispiel für Frauen verboten wäre, sich nachts alleine in dunklen Straßen oder in der heimischen Wohnung aufzuhalten, dann käme es kaum noch zu Vergewaltigungen. Und würde man alle Kinder baldmöglichst nach der Geburt in Heimen unterbringen, dann wäre schnell Schluss mit häuslicher Gewalt und Missbrauch von Kindern in der Familie. Manchmal sind Lösungen halt ganz einfach.

Abschied von Leonie

Eigentlich ist es ja schade. Schließlich hatte es so schön angefangen. Nachdem in letzter Zeit der Strom gänzlich versiegt war, endlich mal wieder eine Freundschaftsanfrage. Leonie! Allein schon der Name. Dass sie außerdem noch hübsch und jung war, hat natürlich keine Rolle gespielt. Wenn man in meinem Alter ist und Übergewicht hat, dann hat man keine Illusionen mehr. Und ich war selbstverständlich davon ausgegangen, nachdem wir nur einen gemeinsamen Freund hatten, dass sie sich für den Blog interessiert und deshalb die Freundschaftsanfrage gestartet hatte.

Ist doch zu unterstützen, wenn eine junge, hübsche Frau sich für leichte Unterhaltung mit latent politischen Hintergründen interessiert. Dachte ich und klickte auf „bestätigen“. Und weil man in unserer Familie schon seit Generationen stets auf gute Erziehung geachtet hat, habe ich mich selbstverständlich auch noch für die Anfrage bedankt. Und dann erst einmal nichts mehr von Leonie gehört oder gesehen.

Bis gestern. Da hatte mich Leonie auf einem Bild markiert und es in meine Chronik gepostet. Was mich etwas überrascht hat. Ich war mir keiner Situation bewusst, in der wir zusammen auf einem Bild hätten erscheinen können. Weshalb meine Neugier geweckt war. Und ich mir das Bild in meiner Chronik angeschaut habe. Ich kann gleich beruhigen, ich war auch wie vermutet gar nicht auf dem Bild zu sehen. Nur Leonie. Etwas unorthodox gekleidet für die Tageszeit und offensichtlich gerade dabei, sich tätowieren zu lassen.

Ich habe nichts gegen Tatoos. Auch nicht unbedingt gegen unorthodoxe Bekleidung. Was mich gestört hat, dass waren die Kommentare von ihr und einem, mir unbekannten Mann, aus denen hervorging, dass man gegen eine „Gebühr“ weitere Bilder anschauen könnte. Womit sie natürlich bei mir an der falschen Adresse war.

Ich bin schon unwillig, dass ich Fernsehgebühren zahlen muss für Fernsehsendungen, die ich nie anschaue. Und das ist doch das Schöne an Facebook, dass es kostenlos ist. Weshalb sich der Betreiber eine goldene Nase verdient. Außerdem vermute ich, dass es sich bei diesen Bilder nicht unbedingt um Urlaubsfotos handelt. Also habe ich Leonie und unser gemeinsames Bild gelöscht.

Auf jeden Fall hat durch diese Angelegenheit Facebook für mich irgendwie seine Jungfräulichkeit verloren. Wenn ich nicht mal mehr eine Freundschaftsanfrage bestätigen kann, ohne vorher zu recherchieren, wie freundlich oder gewerbsmäßig diese Anfrage ist, dann ist für mich keine Vertrauensbasis mehr gegeben. Weshalb ich für die Zukunft bitte, Freundschaftsanfragen nur noch unter Vorlage eines Leumundszeugnisses einer mir persönlich bekannten Person an mich zu richten. Vielleicht besser noch mit einem polizeilichen Führungszeugnis.

Lebenstraum

Da habe ich wohl einen Fehler gemacht. Wenn ich mich bisher bei meinem E-Mail-Account ausgeloggt habe, dann habe ich immer gleich auf „Stopp“ geklickt. Und deshalb habe ich nie mitbekommen, welche Wunderwelt sich da auftut. Doch heute wurde ich beim ausloggen abgelenkt, die Seite konnte sich vollständig laden, und ich konnte zum ersten Mal bestaunen, was ich bisher versäumt hatte. Es wird mein Leben revolutionieren. Da bin ich mir ganz sicher.

Neben den Daily News, dass Deutschland im Losglück ist und in Monaco irgendeine „verstohlene“ Hochzeit stattgefunden habe, gibt es nämlich jede Menge Angebote, die mich ohne Zweifel dem einen oder anderen Lebenstraum näher bringen werden. Da wäre zum Beispiel die Möglichkeit, in Kautschuk zu investieren. Mit der erstaunlichen Zuwachsrate von 287 Prozent. Und weil an anderer Stelle versprochen wird, dass ich beim Verkauf von altem Schmuck hohe Gewinne erziele, werde ich wohl gleich mal meine Mutter anrufen. Damit ich was zum Investieren habe. Sie trägt die Klunker sowieso kaum noch.

Und für den Fall, dass die Rendite nicht ganz ausreicht, um meinen Traum von einem Haus auf einer griechischen Insel zu verwirklichen, werde ich wohl das Angebot annehmen, mehr als 8.000 Euro im Monat zu verdienen. Steht auch auf der Seite. Und wäre ja nur vorübergehend. Bis ich das restliche Geld für das Haus zusammen habe. Anschließend reicht die Rendite sicher für den Lebensunterhalt. Und wenn die Griechen bis dahin wieder ihre Drachme haben sowieso.

Was ich mir auf jeden Fall aber gleich gönnen werde, das ist dieses Mittel, mit dem die Manneskraft auf natürliche Weise gesteigert wird. Denn ein anderer Anbieter ist sich ganz sicher, dass er eine neue Liebe für mich finden wird. Außerdem garantiert mir ein Freunde-Finder, dass 10 Millionen Singles auf mich warten. Auch wenn ich da nicht so ganz genau weiß, ob das alles Frauen sind, 5 Millionen Singles, die auf mich warten, wären ja auch nicht schlecht.

Aber damit bei den Dates dann auch nichts schiefgeht, hole ich mir auch gleich den Zuschuss von 1.500 Euro für ein neues Hörgerät und die Sofort-Leistung bei Zahnersatz. Und wer diese ganzen Angebote sieht, der fragt sich schon, warum immer noch so viele Menschen in Deutschland von Hartz IV leben müssen. Also entweder haben die kein Internet und keinen E-Mail-Account, wo sie sich ausloggen müssen, oder keine Mutter, die ein bisschen alten Schmuck hat.

Sokrates und Menschenkenntnis

„Die“ oder „den“ kenne ich gut. Sagt man gerne. „Sie“ oder „er“ ist wie ein offenes Buch für mich. Sagen oft Menschen, die mit einem anderen Menschen schon lange zusammen gelebt haben. Und Konfuzius, gern zitierter und altgedienter chinesischer Philosoph, meint: Menschlichkeit ist das Wesen der Sittlichkeit, Menschenkenntnis das Wesen der Weisheit.

Womit er mir mehr als deutlich macht, dass es bei mir mit der „Weisheit“ nicht allzu weit her ist. Was wiederum verständlich machen würde, warum ich seinen Spruch „Mit einem Menschen muss man zusammen leben, um ihn zu kennen“ absolut nicht nachvollziehbar finde.

Ich gehe vielmehr davon aus, dass das, was wir „kennen“ nennen, nichts anderes ist als das Ergebnis mehr oder minder empirischer Erhebungen. Wenn sie oder er so und so oft so oder so gehandelt oder reagiert hat, dann besagt das trotzdem nichts für die Zukunft. Das ist nämlich so ähnlich wie mit dem Gesetz der Schwerkraft. Das sogar nach Meinung von manchem Wissenschaftler eigentlich erst wirklich bewiesen wäre, wenn einmal das Gegenteil eingetreten ist. Bis dahin bleibt es Spekulation.

Warum aber behaupten Menschen immer wieder und selbst nach herben Rückschlägen, dass sie andere Menschen kennen würden, sogar für „durchschaubar“ halten. Ich habe da eine Vermutung. Es ist einfach das Unbehagen, das den Großteil der Menschen überfällt, wenn er mit etwas Unbekanntem konfrontiert wird. Da zieht er es lieber vor, so zu tun, als ob er etwas wüsste.

Als ob der Schweizer Reformator Zwingli nicht Recht hätte, wenn er sagt: Wer den Menschen studieren und erkennen will, der unternimmt ein so schwieriges Werk wie einer, welcher Tinte anfassen möchte, ohne sich zu beschmutzen. Was also Menschen betrifft, das ist, als würde man behaupten, man kennt den Mond, nur weil man einmal seine Oberfläche durch ein Teleskop gesehen hat.