Archiv für den Monat Oktober 2015

Verständigungsprobleme

Eine eher alltägliche Situation, die aber das ganze Ausmaß dessen, was auf uns zukommt, mehr als deutlich macht. Ein Besuch beim Arzt. Zwei junge Männer, allem Anschein nach afrikanischen Ursprungs, wollen wahrscheinlich wegen gesundheitlicher Probleme einen Arzt konsultieren. Da sie anstatt einer Gesundheitskarte nur ein Formular des Sozialamtes haben, gestaltet sich dieser Arztbesuch etwas problematisch.

Weder das Formular noch der daraus resultierende weitere Vorgang sind der sympathischen Sprechstundenhilfe geläufig. Doch das eigentliche Problem tritt erst zutage, als die beiden jungen Männer in sehr gutem Englisch versuchen, der jungen Dame den Sachverhalt zu erklären. Sie beherrscht nur ganz wenige Brocken Englisch.

Schelte im Shelter

Warum nur werden Menschen – und dazu auch noch Würdenträger – dafür kritisiert, dass sie den Mut haben zu sagen, was gesagt werden muss. Wenn zum Beispiel ein CSU-Landrat Probleme anspricht, die unter den Nägeln brennen und einen Namen haben: Flüchtlingskrise. Alleine wenn man bedenkt, wie oft dieser Begriff in den Nachrichten fällt, dann sollte es doch keine Frage mehr sein, dass es sich hier wirklich um eine Krise handelt. Und erst recht, wenn in einem sogenannten Warteraum für Flüchtlinge das „reine Chaos“ herrscht, wie dieser Landrat entsetzt feststellen musste.

Doch den eigentlichen Skandal hat dieser unerschrockene Politiker erst aufgedeckt, als sich Bundesinnenminister de Maizière bei einem Besuch in Lobhudelei für die freiwilligen Helfer erging, anstatt sich mit den wirklichen Problemen zu beschäftigen. Vor laufenden Fernsehkameras sagte er dem Bundesminister nämlich ins Gesicht, dass der Bau der als Warteraum genutzten Baulichkeiten nicht mit der bayerischen Bauordnung vereinbar ist. Was nichts anderes heißt, als dass die Flüchtlinge in Schwarzbauten untergebracht werden. Die hilflose Reaktion des Bundesministers: „Was sollen denn dann jetzt die Konsequenzen sein? Sollen wir das alles hier jetzt wieder abreißen, oder was?“

Sprach’s und ergriff die Flucht, wie eine Zeitung meldete. Ließ den Landrat also zurück mit der Last, dass die betroffene Kommune seines Landkreises für Krankenhaustransporte und anschließende Behandlungen aufkommen muss, dass sie plötzlich für bis zu 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge pro Woche zuständig ist. Wie der Landrat sagte. Was nichts anderes bedeutet, als dass in einem Jahr mehr als 2000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut werden müssen. Weshalb dann nicht nur im Warteraum sondern auch beim Jugendamt das „reine Chaos“ herrschen wird. Das Wort Chaos stammt übrigens aus dem Griechischen, wie ich überrascht festgestellt habe, und stand ursprünglich für „der unendlich leere Raum“.

Die Heimat, die ich meine

Es dürfte wohl keine Frage sein, dass Heimat sehr viel mehr ist als nur eine Ortsbestimmung. Der Begriff„Heimat ist kaum loszulösen von einer damit verbundenen gewünschten oder erhofften Befindlichkeit. Nicht nur dem Auge soll die Heimat gut tun sondern auch der Seele, dem Gefühl. Was dann vielleicht des Öfteren und durchaus etwas abträglich als Heimat-Idylle bezeichnet wird, ist im Grunde nur Synonym für eine Hoffnung, einen Wunsch, einen Traum, eine Sehnsucht.

Was natürlich gleichzeitig eine Unruhe mit sich bringen kann, Verlustängste. Sei es, weil etwas als Bedrohung empfunden wird, oder Gefahr besteht, dass das eine oder andere Stück von dieser Heimat Veränderungen unterworfen werden könnte, die das Bild stören würden, das man von einer Heimat hat. Und dann auch immer wieder bei einem beliebten Spiel auftaucht, wenn nämlich Menschen danach gefragt werden, was für sie Heimat ist. D

enn selbst wenn sich dann Antworten auf so banale Dinge beschränken wie ein gut gezapftes Bier oder einen weiß-blauen Himmel, sich auf die Familie, die Lieben berufen, es schwingt immer ein Unterton mit. Auch wenn es nicht ausgesprochen wird, explicit erwähnt wird, Begriffe wie „Frieden“ oder „Ruhe“ stehen da im Hintergrund, latent schwingt ein „behütet“ oder auch „akzeptiert“ mit.

Wohingegen sich da, wo die Heimat sich verändert, in seiner bisherigen Form in Frage steht, sehr häufig und fast zwangsläufig dann das Unwohlsein ins Bild schleicht, ein Unbehagen. Wird das mit dem Begriff Heimat verbundene Lebensgefühl bedroht, so glaubt man auch die Heimat bedroht. Aber auch wenn sich das äußere Bild verändert, kommt das Heimatgefühl schon ins Wanken, gleich ob die Veränderungen der Zeit geschuldete sind oder besonderen Umständen.

Und wer gar seine Heimat ganz verloren hat, der versucht dann zumindest erst einmal auf der Suche nach einer neuen Heimat mit Relikten noch kleine Fetzen von der alten zu bewahren, um nicht ganz mit leeren Händen da zu stehen. Um wenigstens in der Erinnerung einen Trost zu finden, den es aber nicht wirklich gibt, solange man nicht wieder eine Heimat gefunden hat. U

m dann gleichzeitig vor einer neuen, noch bittereren Erkenntnis zu stehen. Dass nämlich eine neue Heimat, der Ort, an dem man sich wieder heimisch fühlt, nicht nur gefunden werden muss. Es ist mindestens genauso wichtig, dass es auch Menschen gibt, die gewillt sind, mir eine Heimat zu geben, die mir helfen, mich wieder heimisch zu fühlen.

Verbraucherstimmung und Glöckchenklang

Es ist eindeutig die Nachricht des Tages. Um 8.28 ging sie über den Ticker: „Neueste GfK-Zahlen: Flüchtlingskrise drückt auf Verbraucherstimmung“. Und das hat mich insofern zutiefst berührt, weil ich ja auch ein Verbraucher bin. Und ich mich jetzt wieder einmal fragen muss: Was ist eigentlich mit mir los? Denn bei mir drückt die Flüchtlingskrise überhaupt nicht auf die Stimmung. Was meine Stimmung momentan und auch schon seit einiger Zeit trübt, das ist zum Beispiel die Tatsache, dass in acht Wochen Weihnachten ist.

Wobei es noch nicht einmal Weihnachten selbst ist, das mir die Stimmung versaut. Es ist wie jedes Jahr das Drumherum. Dieser Geschenke-Wahn, dass Menschen glauben, wochenlang Stollen und Plätzchen in sich rein zu fressen, das würde Weihnachtsstimmung erzeugen. Dass sie mit einem Smartphone eine App verschenken würden, die ihre Zuneigung und Aufmerksamkeit für ein Kind ersetzen kann. Und dass Weihnachten nur so gestaltet werden müsste, wie es Frauen-Zeitschriften vorschreiben, damit es das schönste Fest des Jahres wird. Weshalb dann wieder die Enttäuschung riesengroß ist, und der Weihnachtsabend den schlimmsten Tag des Jahres optimal abrundet.

Dagegen ist die Drohung aus Bayern, eine Verfassungsklage gegen die Bundesregierung in Erwägung zu ziehen, direkt ein Stimmungsaufheller. Die Absicht Österreichs, einen Zaun an der Grenze zu Slowenien zu errichten, entlockt immerhin ein müdes Lächeln. Dass CDU und CSU angeblich eine Koalition gebildet haben, kann auch nur bedingt den Trübsinn vertreiben. Nur die Vorstellung, vor Weihnachten vielleicht dorthin zu flüchten, woher die Flüchtlinge kommen, schafft da bei mir Abhilfe. Sie lässt mir Weihnachten geradezu wie ein Aufenthalt in einem Wellness-Spa erscheinen. Vielleicht hat man diese Variante bei den Erhebungen zur Verbraucherstimmung nicht berücksichtigt.

 

Ein Rezept zum Nachdenken

Sie tauchen momentan wirklich überall auf. Beim Gemüsehändler, am Straßenrand, im Supermarkt. Und nein, heute ist nicht von Flüchtlingen die Rede. Weil mir nämlich all das, was hierzu in den vergangenen Tagen gesagt oder geschrieben wurde, diesbezüglich die Sprache verschlagen hat. Ich will nur etwas zu Kürbissen sagen. Also wenigstens zu jener Spezies, die sich für den Verzehr eignet, also Hokkaido zum Beispiel, von dem man auch die Schale essen kann, oder Mandarin.

Ich nehme für vier Personen ein Stück mit etwa 400 Gramm, schneide es in kleine Würfel, die ich in einem Topf in Olivenöl zusammen mit einer klein geschnittenen Ingwer-Knolle etwa fünf Minuten andünste. Anschließend gebe ich etwa zehn Suppenlöffel Wasser hinzu und lasse die Kürbisstücke und den Ingwer ca. 20 Minuten leicht köcheln. Wenn ich sehe, dass kaum noch Flüssigkeit im Topf ist, lösche ich mit etwa 100 cl Rosé ab, man kann aber natürlich auch notfalls Wasser nehmen.

Parallel dazu bereite ich 1,5 Liter Gemüsebrühe vor, je nach Lust und Laune mache ich das auf die klassische Weise oder nehme dazu Fond oder auch mal Gemüse-Bouillon. Sind die zwanzig Minuten rum, püriere ich Kürbis und Ingwer so, dass auch noch ein paar kleinere Stücke bleiben. Sodann werden 350 Gramm Risotto-Reis zugegeben, eingerührt und eine erste Suppenkelle mit Gemüsebrühe hinzugefügt.

Dann noch einmal gut umrühren, warten, bis kaum noch Flüssigkeit vorhanden ist, und erneut eine Kelle Brühe hinzufügen, und so weiter, bis die Gemüsebrühe aufgebraucht ist. Und natürlich sollte auch zwischendurch immer mal wieder umgerührt werden, damit der Reis nicht verklumpt. Zum Schluss wird mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt und etwa 40 Gramm frisch geriebener Parmesankäse werden untergerührt.

Besonders gefällt mir an diesem Rezept, dass man sich auch die Zeit nehmen kann, während des Zugebens der Gemüsebrühe am Herd stehen zu bleiben und dem einen oder anderen Gedanken nachzuhängen. Ich habe mir aus aktuellem Anlass versucht vorzustellen, wie sich das wohl anfühlen muss, wenn ich zu dieser Zeit eine Nacht im Freien verbringen müsste, mit meiner Frau und meinen Kindern. Nur noch mit ein paar Keksen und einer Flasche Wasser im Gepäck, das sowieso nur aus drei Rucksäcken besteht, und einer ungewissen Zukunft.

Das hat dazu geführt, dass mir auf einmal wieder so richtig bewusst wurde, was für ein Glück das eigentlich ist, eine warme Wohnung zu haben. Einen Herd, auf dem man kochen kann. Die Zutaten, um etwas kochen zu können. Was ja letztendlich nicht daran hindern muss, dass einem dieses Essen schmeckt. Aber vielleicht den Entschluss unterstützt, beim nächsten Mal wieder den Mund aufzumachen, wenn gegen Menschen gehetzt wird. Auch wenn anderen deswegen vielleicht der Appetit vergeht.

Solidarität im Osten

Jetzt ist die Ostflanke komplett. Endlich haben sich auch die Wähler Polens für eine Partei entschieden, die sich um nationale Belange kümmert. Also zum Beispiel keine Flüchtlinge ins Land lässt. Mehr Nationalstaat praktiziert und sich noch weniger von Brüssel gängeln lässt. Wie der Nachbar Ungarn zeigt, kann man ja trotzdem Mitglied der EU sein. Und der Dritte im Bunde hat auch gerade erst durch seinen Vizepremier Andrej Babis verkünden lassen, dass auch Tschechien keinen Grund sieht, sich in der Flüchtlingsfrage von Brüssel reinreden zu lassen. Was im Klartext auch nichts anderes heißt, als dass dieser ganze Flüchtlingsstrom Tschechien überhaupt nichts angeht.

Und jetzt gibt es natürlich Menschen, die das nicht so gut finden. Aber man kann es durchaus auch als eine positive Entwicklung betrachten. Wenn man es nur aus einer anderen Sicht sieht. Denn Polen, Ungarn und Tschechien sind als EU-Mitglieder sogenannte Nettoempfänger. Das heißt, dass alle drei mehr von der EU bekommen als sie an die EU zahlen. Das waren vor ein paar Jahren immerhin schon mehr als 13 Milliarden Euro und ist mit Sicherheit aktuell nicht weniger sondern eher ein bisschen mehr geworden.

Und anstatt diese Summen auch im kommenden Jahr an diese drei Staaten zu zahlen, könnte man das Geld doch jetzt sinnvoll für Flüchtlings-Unterkünfte und Hilfsmaßnahmen in den Ländern verwenden, die Flüchtlinge aufnehmen. Respektive in denen sie den Boden der EU betreten. Und vielleicht würde ja so auch sogar noch ein bisschen Geld übrig bleiben, damit in Deutschland die Flüchtlingsunterkünfte wieder bewohnbar gemacht werden können, die von Leuten in Brand gesteckt wurden, die lieber in Polen oder Ungarn leben würden, aber dort nicht als Flüchtlinge anerkannt werden.

Wer hat an der Uhr gedreht?

Es ist ja eher eine Marginalie, über die zu schreiben es sich kaum lohnen würde. Wenn da nicht einmal wieder Wissenschaftler ihre wertvolle Zeit für eine Untersuchung geopfert hätten. Um herauszufinden, dass selbst einen ganzen Monat nach einer Zeitumstellung der menschliche Bio-Rhythmus sich „nur unvollständig“ wenn nicht sogar überhaupt nicht angepasst hat. Was mich allerdings nicht wirklich überrascht. Da brauche ich mir nur vergegenwärtigen, wie ich mich heute Morgen fühle.

Denn natürlich war es wieder einmal mehr als mühsam, mich bis drei Uhr wach zu halten, damit ich die Uhren im Haus pünktlich umstellen kann, um dann wenigstens um kurz nach Zwei ins Bett zu können. Und erfahrungsgemäß brauche ich dann immer Wochen, um mich von dieser nächtlichen Tortur zu erholen. Und das alles nur, um dann heute Abend um Fünf im Dunkeln zu sitzen.

Denn würde ich dann schon Licht anmachen, dann würde das ja den erhofften Effekt des Strom Sparens endgültig zunichtemachen. 0,03 Prozent des Energieverbrauchs sollen angeblich durch die Sommerzeit eingespart werden. Die wohl allein schon dadurch aufgefressen werden, weil die Menschen für die Zeitumstellung bis drei Uhr aufbleiben müssen, also so lange Fernsehen schauen, besonders viele Lampen anmachen, um sich wach zu halten, vielleicht sogar um Mitternacht noch etwas kochen, weil sie sonst die Nacht nicht durchstehen.

Aber noch viel gravierender ist, dass die optimale Wirkung des Stresshormons Cortisol nicht mehr gegeben ist. Weil die sich nicht an der Zeitumstellung sondern schlicht am Sonnenaufgang orientiert. Was wiederum schlecht für die entzündungshemmende Wirkung des Cortisols ist, für das menschliche Immunsystem. Und so haben meine Frau und ich beschlossen, dass wir nächstes Mal, wenn hier wieder die Zeit umgestellt wird, in die Türkei fahren, falls dort gerade Wahlen sind. Dann verschiebt nämlich Erdogan sicher wieder diese Zeitumstellung, damit ihn auch alle wählen können. Und wenn wir wieder zurück kommen, ist hier schon alles über die Bühne gegangen.

Bauklötze staunen

Darf man überhaupt über Kindergärten reden oder schreiben, wenn man bereits im Greisenalter ist? Aber natürlich. Im Gegenteil. Eigentlich sollte nur über Kindergärten sprechen, wer schon längst keine Kinder mehr im Kindergartenalter hat. Nur so ist Unbefangenheit garantiert. Zum Beispiel wenn man hört, was Eltern bei einem ersten Zusammentreffen mit den Kindergärtnerinnen für eine Idee hatten. Der Vorschlag lautete, dass doch die Damen – einen Kindergärtner gibt es nicht in der betreffenden Einrichtung – dokumentieren sollten, was die Kinder an so einem Vormittag alles gemacht haben.

Wohlgemerkt, es war ein Vorgespräch, für die lieben Kinder beginnt erst nächstes Frühjahr der Ernst des Lebens. Und die Idee war, vielleicht so eine Art Uhr zu basteln, auf der dann die Tätigkeiten angekreuzt werden sollten. Um so einen täglichen Überblick zu haben, was die Kinder zu welcher Uhrzeit gemacht haben. Durchschlag an die Eltern, nehme ich mal an. Der Gegenentwurf einer Mutter, im Bedarfsfall doch einfach mal bei den Kindergärtnerinnen nachzufragen, wurde abgeschmettert, da ja somit keine lückenlose Aufzeichnung gewährleistet sei.

Hinter vorgehaltener Hand soll nach dem Zusammentreffen dann auch der Verdacht geäußert worden sein, dass diese Mutter ein wohl eher indifferentes Verhältnis zu ihrem Kind habe, weshalb eine Familien-Therapie wohl mehr als angebracht sei. Ob im Verlauf des Abends allerdings auch noch eine Video-Überwachung angeregt wurde, ist leider nicht bekannt, weil der Informant die Veranstaltung vorzeitig verlassen musste. Aber es ist mehr als wahrscheinlich, dass ein solcher Vorschlag wohl wegen der hohen Kosten auch erst einmal auf Eis gelegt worden ist.

Vielleicht aber sollten Kindergärtnerinnen bei solchen Informationsabenden für die Eltern angehender Kindergartenkinder in Zukunft selbige auch darüber informieren, dass es die Möglichkeit gibt, über eine spezielle App auf dem iPhone jede Bewegung des Besitzers verfolgen zu können. So wären die Eltern nicht nur informiert, was ihr Kind gemacht hat. Sie wüssten dann auch immer, wo es sich gerade befunden hat, als es zum Beispiel Anna-Lena die Bauklötze an den Kopf geworfen hat.

Das wäre dann auch für den Anwalt wichtig, falls die Eltern von Anna-Lena vor Gericht ziehen, weil die Kindergärtnerinnen ihre Aufsichtspflicht verletzt haben könnten. Weshalb inzwischen ja auch im Gespräch ist, ob Kindergärtnerinnen nicht auch wie zum Beispiel Hebammen verpflichtet werden sollten, Rechtschutzversicherungen abzuschließen. Es bleibt abzuwarten, ob Kindergärtnerinnen dann auch wie Hebammen ihren Beruf aufgeben müssen, weil sie die Versicherungs-Prämien nicht mehr aufbringen können. Müssten dann allerdings Kindergärten wegen Unterbesetzung geschlossen werden, hätten betroffene Eltern zumindest nicht mehr das Problem, dass sie nicht wissen, was ihr Kind zu welcher Uhrzeit getan hat.

Ich kann es nicht mehr hören

Habe ich es eigentlich schon einmal erwähnt? Mir geht dieses Lamentieren, die ganzen Drohgebärden, das dumme Geschwätz, das nun schon seit gefühlten Monaten auf mich niederprasselt, so was von auf die Nerven, dass ich sogar jegliche sprachliche Kontenance verliere. Ich habe inzwischen den Eindruck, dass im Sekundentakt irgendjemand irgendwas zu Flüchtlingen sagt, nur kurz unterbrochen von Meldungen über Flüchtlinge. Und das auf allerhöchstem populistischem Niveau und am liebsten mit drei Ausrufezeichen.

Das Ganze natürlich geschmückt mit einem darüber schwebenden Heiligenschein, der aus einem LED-Schriftband besteht: Refugees Are Welcome! Und im Nachspann, in etwas kleinerer Schrift: Aber natürlich nicht alle! Weshalb ich mich frage, ob es denn inzwischen belastbare Beweise dafür gibt, dass auch zwei Drittel der Bevölkerung Chinas vorhat, in die BRD zu kommen.

Oder was soll zum Beispiel dieser Schwachsinn, dass jedes Mal, wenn die Staumeldungen durchgegeben werden, explizit angemerkt werden muss, dass da dort und Grenzkontrollen schuld sind? Wie muss jemand drauf sein, dass er allen Ernstes behauptet, dass wohl demnächst Fußballspiele abgesagt werden müssen, weil die Polizei nicht mehr für Recht und Ordnung auf den Fußballplätzen sorgen kann? Weil sie dauernd Flüchtlinge an irgendwelchen Bahnhöfen abholen muss.

Nimmt dieser Mensch Crystal Meth oder ist er von der Pegida geschmiert? Und dann die Mieten! Es war bisher schon schwer, preiswerten Wohnraum zu finden. Aber nachdem jetzt auch noch die ganzen Flüchtlinge untergebracht werden müssen, gibt es für anständige Deutsche überhaupt keine anständigen, bezahlbaren Wohnungen mehr. So lautet die Botschaft. Und ist im Grunde auch nicht so ganz falsch.

Nur vergisst man zu erwähnen, dass jahrzehntelang der soziale Wohnungsbau niemanden interessiert hat, weil mit Luxus-Wohnungen einfach mehr Geld zu machen ist. Und Kommunen lieber in millionen- und milliardenschwere Prestige-Objekte investiert haben. Alles und alle, die jetzt fehlen und so schmerzlich vermisst werden, haben schon vorher gefehlt. Nur fällt es jetzt offensichtlich erst so richtig auf. Und eignet sich deshalb auch so wunderbar zur permanenten Panikmache.

Weshalb es mich auch nicht wundern würde, wenn demnächst die Flüchtlingskrise auch dafür verantwortlich gemacht wird, dass unser Fußball-Sommermärchen noch zum Alptraum werden könnte. Wäre jetzt nicht der gute Moment zu konstatieren, dass nicht die Flüchtlinge das auslösende Moment sind? Dieses Land, dieser Kontinent, sie haben eine Krise. Und nicht erst seit gestern. Durch die Flüchtlinge ist sie erst so richtig sichtbar geworden. Kann sie jetzt nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden. Also hören wir auf, Tag und Nacht von den Flüchtlingen zu reden. Es reicht das Mögliche zu tun und nicht darüber zu reden. Sprechen wir besser über uns.

Die Geschichte lügt

Es ist das erste Mal seit langem, dass sich so etwas wie Zuversicht bei mir einstellt. Meine Überzeugung, dass Politiker auch nur Menschen sind, und deshalb davon auszugehen ist, dass sie unbeschadet ihres staatsmännischen Auftretens bei den großen Fragen unserer Zeit und Problemen oft ebenso vor sich hin dilettieren wie wir gewöhnlichen Sterblichen, ist ins Wanken geraten. Anlass ist eine Aussage von Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Kurz vor seinem Besuch in Berlin bei Bundeskanzlerin Angela Merkel hat er eine freie Minute genutzt, um vor einem Internationalen Zionistenkongress in Jerusalem auf einen Irrtum in der Geschichtsschreibung hinzuweisen. Dass nämlich entgegen der üblichen Darstellung Hitler eigentlich nur die Vertreibung und nicht den Massenmord an den Juden geplant habe. Erst auf Drängen des damaligen Großmuftis von Jerusalem, Amin al-Husseini, der noch heute von den Palästinensern als „Ikone“ und „Vater der Nation“ gefeiert und verehrt werde, habe sich Hitler zum Holocaust entschlossen.

Wenn man einmal von der Frage absieht, ob Netanjahu an den Gazastreifen dachte, als er in diesem Zusammenhang von einer „Nation“ der Palästinenser sprach, so lässt doch dieser Mut zur Wahrheit nun keinen Zweifel mehr zu, wie ernst und aufrichtig es Israels Ministerpräsident meint, wenn er in Berlin zusichert, dass er am Status der Heiligen Stätten in Jerusalem nichts verändern und den Zugang für alle offen halten will.