Archiv für den Monat Januar 2016

Seltsame Blüten

Zuerst hielt ich das ja für eine dieser satirischen Überspitzungen, wie sie sich mittlerweile ja nicht wenige Fernsehzuschauer und notorische Seher von einschlägigen Comedy-Sendungen angeeignet haben. Doch ich habe sehr schnell begriffen, dass es bitter ernst war. Diese Frau tut das wirklich. Und da muss ich etwas ausholen. Sie wohnt etwas außerhalb einer Ortschaft, aber nun trotzdem nicht unbedingt in einer Einöde. Es gibt direkte Nachbarn. Außerdem noch Mieter im Haus. Und vor allem: Der einzige Flüchtling, der in der Gegend jemals gesichtet wurde, der hatte sich verirrt. Und er war auch nicht bewaffnet sondern hatte nur einen kleinen Rucksack dabei und war heilfroh, als man ihn in die Stadt zurück brachte.

Das alles hindert nicht daran, dass diese Frau Angst hat vor Flüchtlingen und sich jeden Abend in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Weshalb man ihr vorschlagen möchte, sich doch vielleicht mit den Eltern im niedersächsischen Bleckede zusammen zu tun, die so „heftige Vorbehalte“ äußerten, als jetzt ein Syrer als 1-Euro-Hilfskraft in einer Kita beschäftigt werden sollte, dass die Kita-Leiterin zurück ruderte und den Mann nicht einstellte. Anstatt die Sache selber in die Hand zu nehmen.

Ich verstehe einfach nicht, dass es diese Menschen nicht schon längst wie ich gemacht haben. Ich bin schon damals, als zu hunderttausenden Männer vom Balkan zu uns strömten, in einen Schützenverein eingetreten. Darf deshalb zu Hause scharfe Waffen haben und mit meinem „kleinen Waffenschein“ sogar eine Schreckschusspistole in der Öffentlichkeit tragen. Also wenn ich zum Beispiel an einer Flüchtlingsunterkunft vorbeigehen würde. So wie es schon fast anderthalb Millionen rechtschaffener Bürger in diesem Land gemacht haben. Und ich schließe die Eingangstür noch nicht einmal nachts ab. Obwohl es bei uns in der Gegend auch keine Flüchtlinge gibt. Aber man kann ja nie wissen. Vielleicht habe ich ja mal Glück. Manchmal verirren sich ja welche, wie man sieht.

 

Aus dem Nähkästchen des Hobby-Psychologen

Höchst erstaunlich, wie oft und wie schnell es immer wieder vergessen wird. Und dass es manche Menschen erst überhaupt nicht in Betracht ziehen. Weshalb sie ihr Leben lang hadern. Mit den anderen Menschen. Dabei ist es doch so einfach. Man muss es nur beherzigen, was sogar Hobby-Psychologen mitunter außer Acht lassen, sogar von notorischen Gutmenschen, hier einmal nicht als Unwort des Jahres gedacht, sträflich vernachlässigt wird. Aber noch nicht einmal logischer Denkweise widerspricht.

Hier ist die Rede von solchen, gerne auch als Filmklischees missbrauchten Taten wie einmal dem mehr oder manchmal auch minder geliebten Menschen eine Aufmerksamkeit zu widmen. Vielleicht Blumen mitzubringen. Unaufgefordert den Müll rauszutragen. Eine Frisur zu loben. Überraschungen bereiten. Ein Geschenk machen, obwohl weder Weihnachten, Geburtstag, Pfingsten, Mutter- oder Vatertag oder Valentinstag ist.

Und natürlich soll niemandem ausgeredet werden, dies alles zu tun. Nein, es soll sogar angeregt werden, es viel öfter zu tun. Und vor allem nicht nur, wenn man ein schlechtes Gewissen hat. Das man dann allerdings haben sollte, wenn man auf die gefährliche Idee verfällt, der so bedachte müsste nun so oder so reagieren. Mir auch etwas Gutes tun. Mir auch ein Geschenk machen. Mir eine Sünde erlassen. Denn in dem Moment, in dem ich diese Erwartungshaltung habe, ist meine Handlung schon zum Geschäft verkommen.

Und außerdem Enttäuschung programmiert. Wenn ich wirklich jemandem Freude machen will, dann kann das nur gelingen, wenn ich keine Gegenleistung erwarte. Meine Freude daran sollte noch nicht einmal davon getrübt werden, dass vielleicht keine Reaktion und auch kein Dankeschön folgt. Ist nicht einfach. Aber wichtig. Wenn ich nicht mein halbes Leben entweder ohne Freude oder mein ganzes Leben immer wieder beleidigt verbringen möchte.

Mann bleibt liegen

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer forderte gestern ein milliardenschweres Investitionsprogramm für die Integration der Flüchtlinge und kam damit bundesweit in die Schlagzeilen. Nur regional wurde die Nachricht verbreitet, dass im niederbayerischen Landshut ein 87-Jähriger mit seinem Rollator in einer belebten Straße gestürzt und reglos liegen geblieben war. Was laut Mitteilung der Polizei und nach Einschätzung der Rettungskräfte offensichtlich über einen längeren Zeitraum hinweg niemanden veranlasste, sich um den Mann zu kümmern.

Wohl erst nach geraumer Zeit informierte ein unbekannter Passant die Polizei, kümmerte sich aber ansonsten ebenfalls nicht um den Bewusstlosen. Der von den Rettungskräften reanimiert werden musste und  in lebensbedrohlichem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Ein Blogger hat daraufhin vorgeschlagen, ein milliardenschweres Investitionsprogramm für deutsche Staatsbürger aufzulegen, mit dem Empathie und Verantwortungsbewusstsein gefördert werden sollen. Er schaffte es mit diesem Vorschlag nicht einmal in die regionale Berichterstattung.

Fallende Marmeladenbrote

Bis heute haben weder Wissenschaftler noch Philosophen die absolut und für alle Fälle zutreffende Antwort auf die Frage gefunden, warum an manchen Tagen erst ein Missgeschick passiert und dann wirklich aber auch alles schief läuft. Menschen in Bayern haben es vielleicht mitunter etwas einfacher, sie haben notfalls den Föhn als Erklärung. Alle anderen müssen sich damit bescheiden, dass Missgeschicke ganz offensichtlich eine Eigendynamik entwickeln, der kaum etwas entgegen zu setzen ist.

Nach den Erfahrungen dieses Morgens habe ich eine andere Variante anzubieten: den Menschen. Es lässt vieles darauf schließen, dass er es ist, der den Missgeschicken die Dynamik erlaubt, um nicht zu sagen, erst für die Beschleunigung, das Tempo sorgt. Er sorgt dafür, dass sich problemlos ein Missgeschick an das andere reiht. Dabei hätte er alle Möglichkeiten, das Tempo raus zu nehmen, diese Talfahrt wahrscheinlich sogar gänzlich zu unterbrechen.

Es ist zugegebenermaßen ein Trick. Der aber funktionieren kann. Man muss nur das Missgeschick als das sehen, was es ist: einfach ein Ereignis wie viele andere. Das nur eine gewisse Dynamik entwickelt, wenn wir uns davon beeindrucken lassen. Es zulassen, dass sich die negativen Empfindungen dazu bei uns einnisten und dominieren. Das muss aber nicht sein. Gelassenheit wäre ein Wort, das einem dazu einfällt. Oder die Anregung, einfach mal in sich hinein zu horchen, was denn wirklich schief gelaufen oder im Argen ist. Schon lange vorher. Vielleicht an einem anderen Tag, an dem auch Föhn war.

Ein letzter Rest der Liebe

Eine gute Bekannte hat mich darauf hingewiesen. Es gibt da eine Fotografin, Carla Richmond heißt sie, und die hat Frauen fotografiert. Was ja eigentlich nichts Besonderes ist. Auch nicht, dass sie sie erst fotografiert hat, nachdem diese etwas angezogen hatten. Was ja bei männlichen Fotografen etwas anders läuft. Wie auch immer, die Frauen hatten sich für die Fotos Hemden oder T-Shirts oder ähnliches von ehemaligen Freunden respektive Ex-Partnern angezogen, die sie aufgehoben beziehungsweise bei der Trennung als Erinnerung behalten hatten.

Interessant ist nicht nur, dass die Gesichter der Fotografierten stets etwas von der einstigen Liebe oder auch dem Schmerz der Trennung widerspiegeln. Sehr viel interessanter ist es für mich persönlich, dass ich akribisch meine täglichen Tagebuchaufzeichnungen, die bis ins Alter von 14 Jahren zurückreichen, durchgesehen habe. Und keinen einzigen Hinweis darauf fand, dass mir irgendwann einmal ein Hemd oder ein T-Shirt oder ähnliches abhanden gekommen wäre.

Die Lage ist ernst

Der Orden wider den tierischen Ernst wird vom Aachener Karnevalsverein an bekannte nationale und internationale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verliehen, „die Individualität, Beliebtheit und Mutterwitz in sich vereinen, vor allem aber Humor und Menschlichkeit im Amt bewiesen haben“. Vor drei Tagen hat Markus Söder, bayerischer Finanz- und Heimatminister, den Orden verliehen bekommen. Ausschlaggebend dürften seine Aussagen zur Flüchtlingswelle gewesen sein.

Der Passauer Neuen Presse sagte er zum Beispiel, dass er überzeugt sei, dass „über das Grundrecht auf Asyl“ gesprochen werden wird. Im Focus forderte er in der Flüchtlingsfrage eine Diskussion über Schutzzäune und „grüne Grenzkontrollen“. „Ob das am Ende Zäune, Patrouillen oder andere Formen von Grenzkontrollen sind“, sagte er, „muss man dann sehen“.

Laut Söder „hätten wir die 86 Milliarden für Griechenland besser in den massiven Schutz der Grenzbereiche investiert“, außerdem verändere sich durch die Einwanderung die „kulturelle Statik“ in Deutschland. Zur Ordensverleihung erschien Söder übrigens als König Ludwig II. Für das kommende Jahr erwägt man nun wohl beim Aachener Karnevalsverein, sich den Orden wider den tierischen Ernst selber zu verleihen.

Der Dschungel ruft

Beatrix von Storch, Stellvertretende Bundessprecherin der AfD und MdEP, sagte gestern Abend in der Talk-Show „Anne Will“ über Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Das Gerücht war, dass sie nach Chile oder Südamerika geht. Ich glaube nicht, dass sie noch lange Kanzlerin ist.“ Und über Migranten, die über österreichische Grenzübergänge einreisen: „Die Menschen sind in Österreich in Sicherheit. Sie sind dann keine Flüchtlinge mehr.“ Beatrix von Storch veröffentlicht unter anderem auch auf dem Internet-Portal „Die Freie Welt“, der „Internet- & Blogzeitung für die Zivilgesellschaft“. Wo unter ihren Beiträgen zum Thema Flüchtlinge Kommentare zu finden sind wie: „Geradezu widerlich mutet es einen da manchmal an wie die Burschen vor Geilheit triefend einem hinterher laufen und obwohl man die Sprache nicht versteht, merkt daß sie obszöne Bemerkungen machen.“ Oder: „Was will die Kommunistin, Merkel, nur mit den vielen ausländischen Proletariern anfangen?“

David Ortega Arenas, Kandidat bei „Big Brother“ und „Deutschland sucht den Superstar“ und zeitweilig als Diego Cortez in der Reality-Soap „Köln 50667“ auf RTL II zu sehen, sagte hingegen während seines eher kurzen Auftritts in der RTL-Sendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, auch als „Dschungelcamp“ geläufig, nicht nur: „Orgasmus ist der Punkt, wo man sagen kann, ab hier … kann ich schlafen.“ Sondern auch: „Pflanzen sind die extremst intelligentesten Lebewesen. Sie Sind so introvertiert, dass sie sich gar nicht zeigen wollen.“ Eine logische Schlussfolgerung aus den Zitaten der beiden TV-Stars wäre, geht man einmal davon aus, dass die Aussagen zutreffend sind, dass weder Frau Beatrix von Storch noch Herr David Ortega Arenas Pflanzen sind. Und dies nicht nur, weil beide ganz offensichtlich eher extrovertiert sind.

Schöne neue Welt

Als wir zum Beispiel alle Charlie waren, und unbeschadet der Tatsache, dass es einige immer noch sind, weil das Abonnement noch läuft, waren wir da nicht sicher, dass nichts mehr sein würde wie zuvor? Und wer noch nicht davon überzeugt war, hat er diese Einschätzung nicht spätestens übernommen und bei Facebook mit der französischen Flagge ein Zeichen gesetzt, als mehr als hundert Passanten und Konzertbesucher in der Hauptstadt Frankreichs ermordet und sogar ein Länderspiel auf deutschem Boden abgesagt wurde?

Wurden dann nicht sogar die ganz Hartgesottenen durch die Flüchtlingsströme (O-Ton Schäuble) endgültig mitgerissen und eingereiht in die Phalanx derer, die gar nicht mehr darüber diskutierten, sondern jedem, der es hören wollte oder auch nicht,  sagten, dass jetzt alles anders wäre, gedanklich quasi kein Stein mehr auf dem anderen sei, das Abendland neu gedacht werden müsse?

Sie haben sich alle geirrt. Das Korsett unseres Zusammenlebens, die Rückenstützen unserer Gesellschaft, sie sind die gleichen wie zuvor. Sie haben in keiner Weise an Stabilität geschweige denn etwas von ihrer Wirkung und heilenden Kraft eingebüßt. Denn die Probe aufs Exempel hat ergeben, dass der von mir bevorzugte linksdrehende Joghurt bei dem von mir bevorzugten Discounter immer noch am gleichen Platz im Regal steht. Die Bundesliga-freie Zeit von den meisten Frauen und wie zuvor als Belastung empfunden wird. Und noch nicht einmal das Interesse an einer Sendung wie „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ in irgendeiner Weise nachgelassen hat.

Oder um es etwas anders auszudrücken, ganz offensichtlich waren die Ereignisse noch nicht nachhaltig beeindruckend genug, um Bewegung in die Köpfe zu bringen, alte Krusten aufzubrechen, Verhaltensweisen zu ändern. Wir sitzen – im übertragenen Sinne natürlich nur – weiterhin mit unseren gut gepolsterten Ärschen auf den Sofas und schauen uns die Welt und sogar die eigene von außen an. Vergessen dabei immer noch völlig, dass wir mittendrin sind und eines Tages vor dem LED-TV aufwachen werden mit dem Gefühl, dass wir etwas ganz Wichtiges versäumt haben.

Weshalb es auch keine neue Aufrichtigkeit in der Literatur geben kann. Das ist, um auch der Herkunft dieses neuen Trends Rechnung zu tragen, einfach nur Bullshit. Denn zum einen ist sowieso schon alles einmal gesagt worden. Und außerdem würde Aufrichtigkeit bedeuten, dass die Ratlosigkeit thematisiert, zugegeben wird, die uns alle insgeheim schon längst überfallen hat. Vielleicht ist es ein erster kleiner Beginn, wenn ich sage, dass ich heute nicht in einer Jogginghose schreibe. Ich bin nackt. So fühle ich mich jedenfalls. Und sehr ratlos. Auch ausgelöst von einem neuen High-Light aus dem Repertoire des möglichen US-Präsidentschafts-Kandidaten Donald Trump. Der bei einer seiner Wahlveranstaltungen in Iowa laut The Guardian gesagt hat: „Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemand erschießen, und ich würde keine einzige Wählerstimme verlieren.“ Schöne neue Welt, du bist ganz die alte geblieben.

Die Aufrichtigkeit bleibt auf der Strecke

Es ist dasselbe Bild wie gestern. Nur die Betonwand hat sich verändert. Ich habe am Nachmittag während eines kreativen Schubs drei Schneebälle darauf geworfen. Dass das heute aussieht wie die Brüste einer Frau und ein Schamdreieck, das ist nicht meine Schuld. Das hat sich erst über Nacht durch das Atlantiktief Iris so ergeben. Außerdem gibt es keinen Hagebuttentee mehr. Ich trinke Pfefferminztee. Und verstehe überhaupt nichts mehr. Jetzt ist auf einmal überall Köln. Selbst in Städten, die keinen Dom haben. Wir haben aber den 23. Januar. Warum wird das also erst jetzt publik? Aus dem Dschungelcamp wird ja auch über jeden Pups berichtet. Und nicht nur darüber.

Aber wahrscheinlich wollte man wieder einmal die Bevölkerung nicht verunsichern. Und hat deshalb verschwiegen, dass es in zwölf Bundesländern „Übergriffe“ gegeben hat. Öffentlich machten das erst jetzt die „Lügenpresse“ und das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen. Inzwischen ist also von weit mehr als 1.000 Fällen auszugehen. Laut dem diesbezüglichen BKA-Bericht haben von den inzwischen ermittelten Tatverdächtigen 12 eine deutsche und 60 andere Nationalitäten, darunter Algerier, Iraker, Syrer und Afghanen. Außerdem soll es in Frankreich, Griechenland, Schweden und der Türkei ebenfalls solche „Übergriffe“ gegeben haben. Wenn auch nicht in dieser großen Zahl.

Aber wenn man es genau nimmt, ist es auch hier dasselbe Bild wie zuvor. An dem noch nicht einmal das Atlantik-Tief Iris etwas ändern kann. Denn in Deutschland ist eine sexuelle Handlung nur strafbar, wenn der Täter Gewalt anwendet oder damit gedroht hat. Oder wenn das Opfer in einer schutzlosen Lage ist, aus der es sich nicht selbst befreien kann. Alles andere ist nur Spaß. Wenn auch nicht für eine Frau. Und selbst wenn eine der drei Bedingungen erfüllt ist, heißt das noch gar nichts. Etwa 8000 Vergewaltigungen wurden zwischen 2001 und 2012 jährlich in der BRD angezeigt. Anklage wurde durchschnittlich nur in 1300 Fällen erhoben. Verurteilungen gab es in diesen gesamten elf Jahren weniger als 1.000.

Weshalb die Polizei Frauen gerne rät, sich nicht zu wehren. Denn wenn sich eine Frau nicht wehrt, kommt es zumeist gar nicht erst zu einer Anklage. Das spart Zeit und Arbeit. Und setzt Kräfte frei, um vor Bahnhöfen und an anderen öffentlichen Plätzen in Silvesternächten Frauen vor Übergriffen zu schützen. Womit für die Zukunft gewährleistet wäre, dass ich endlich im Sinne der „New Sincerity“, also der literarischen neuen Aufrichtigkeit, über meine Sexualität und meinen Seelen-Haushalt berichten kann. Jetzt muss ich aber erst dem Glatteis trotzen. Und neuen Hagebuttentee kaufen. Die Jogginghose lasse ich an. Es ist wärmer geworden.

 

 

 

 

Nichts als die Wahrheit

Wenn man hierzulande seiner Zeit voraus sein will, dann muss man nach Westen und über den großen Teich blicken. Seit mit den GIs Kaugummi, Menthol-Zigaretten und Playboy zu uns gekommen sind, sind wir felsenfest davon überzeugt, dass dort der Fortschritt wohnt. Und da klammert sich die schreibende Zunft in keiner Weise aus, nicht einmal, wenn ihre Vertreter fröhlich vor sich hin dilettieren, wie zum Beispiel der Verfasser dieser Zeilen. Und jetzt haben sie in den USA zur Abwechslung mal keine Uhr zum Telefonieren sondern eine neue Literaturgattung erfunden.

„New Sincerity“ wird das genannt und bedeutet nichts anderes, als dass in „roboterhaftem Bekenntniston“ Sexualität und „Seelenhaushalt“ geschildert werden, wie es ein Rezensent in einer namhaften Wochenzeitung beschreibt. Und wenn nun auch mir meine traditionelle, von Namen wie Pappritz oder Knigge geprägte Erziehung verbietet, ersteres allzu breit auszuwalzen, ich habe beschlossen, mich dieser Bewegung der „Neuen Aufrichtigkeit“ anzuschließen und ab sofort im roboterhaften Bekenntniston schonungslos über mein Inneres und Äußeres schonungslos zu berichten.

Also sitze ich hier in meiner verblichenen, blauen Trainingshose und mit Morgenmantel an meinem Brusali-Schreibtisch von Ikea. Schaue ich auf, trifft der Blick auf eine graue Betonwand. Im Becher mit Mozart-Porträt dampft Hagebuttentee. Im Radio singt Gunter Gabriel. Ich habe Magenschmerzen und überlege krampfhaft, ob dieses „literarische Selfie“ roboterhaft genug ist. Und ob ich nicht vielleicht doch über Sexualität schreiben soll. Ich sehne mich so sehr nach den Zeiten zurück, als Kaugummi, Menthol-Zigaretten und der Playboy über den großen Teich zu uns kamen.