Archiv für den Monat April 2016

Zukunft ist die neue Gegenwart

Was für eine Woche! Selten standen die Weichen so auf Zukunft wie in diesen Tagen. Österreich besinnt sich auf seine Tradition, und die FPÖ stellt voraussichtlich den Bundespräsidenten. Der im Gegensatz zu unserem Staatsoberhaupt nicht nur reden darf sondern auch handeln. Zum Beispiel kann er Neuwahlen anordnen. Und ihm untersteht das Bundesheer. Also in Zukunft aufgepasst bei Schmähgedichten. Auf jeden Fall ist in Österreich schon gelungen, woran hierzulande noch hart gearbeitet wird. Nämlich die rechten Populisten stark zu machen, indem die sogenannten oder realiter einstigen Volksparteien versuchen populistischer zu werden und so weit nach rechts abzudriften, dass die Leute sich sagen: Da wählen wir doch lieber gleich das Original.

Und apropos wählen. Jetzt besteht kein Zweifel mehr, die Wahlschlacht hat schon richtig begonnen. Und unter den ersten Nutznießern haben es die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes ganz besonders gut getroffen. Die stehen jetzt nach den 4,75 Prozent plus alle wie ein Mann hinter ihrem Dienstherren. Auch die Frauen. Und die Sozialdemokraten mussten mal wieder mit Schrecken erkennen, dass sie schon wieder die falschen Ressorts haben. Wenn Nahles etwas Gutes tun will, merkt das meistens kein Mensch. Und ihr Parteivorsitzender und Wirtschaftsminister ist so sehr damit beschäftigt, sich zu positionieren, dass er gar nicht mehr so genau weiß, wo und wofür er überhaupt steht.

Weshalb er sich mal ein Beispiel nehmen sollte an Donald Trump. Der ist ganz er selbst, auch wenn er selber nicht immer so genau weiß, was das denn bedeuten könnte für sein politisches Programm. Und gerade das finden die Menschen in den USA so sympathisch. Vielleicht sollte man so langsam überlegen, für Russland oder die Türkei ein Visum zu beantragen. Denn wird Trump Präsident, dann kann es nicht schaden, sich in die Obhut eines starken Mannes zu begeben. Insbesondere wenn man unerklärlicherweise Vorfahren mit hispanischem Hintergrund hat. Man weiß ja nicht, ob da so sensibel differenziert werden wird. Auf jeden Fall habe ich schon lange nicht mehr so zuversichtlich in die Zukunft gesehen wie momentan. Ich laufe nur noch mit einer braun getönten Sonnenbrille rum. Vorsichtshalber auch nachts.

Bock wird Gärtner

Wenn Sie eine Hochzeitstorte brauchen für ihren angeblich schönsten Tag im Leben. Würden Sie da zu einem Metzger gehen, um sie in Auftrag zu geben? Oder würden Sie mit ihrem Auto zu einem Fliesenleger fahren, um es reparieren zu lassen? Natürlich gibt es Allroundtalente. Aber sie sind wohl eher die Ausnahme. Ansonsten macht es schon Sinn, danach zu schauen, wie kompetent jemand ist. Ob er Zugang hat zu den gestellten Anforderungen, um nicht gleich von Qualifikation zu sprechen.

Heute wird im Bundestag über das Gesetz zur Verschärfung des Sexualstrafrechts debattiert. Das Justizminister Maas auf den Weg bringen will. Das aus einem Ministerium kommt, in dem Frauen nun nicht gerade in der Mehrheit sind. Wer sich die Mühe macht und einmal das Organigramm dieses Ministeriums studiert, wird sogar feststellen, dass, einmal abgesehen von den Sekretariaten, Frauen hier in der Minderheit sind, in der höheren Ebene sogar die Ausnahme.

Weshalb die Annahme wohl nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass dieser Gesetzesentwurf vor allem von Männern stammt. Denen man nichts unterstellen möchte. Aber zumindest vorwerfen könnte, dass sie wohl nicht im Geringsten nachvollziehen können, was es für eine Frau bedeutet, wenn sie sexuell „genötigt“ wird. Ein Terminus, der übrigens auch von einem Mann stammen dürfte und vielleicht darauf verweisen soll, dass eigentlich der Mann das Opfer ist. Weil er aus einer Not heraus gehandelt hat. Und auch das Strafmaß gebietet, besser eine Frau zu nötigen als in der Not einen Ladendiebstahl zu begehen.

Weltkrieg als Mystery-Saga

Natürlich sind ein paar Vorurteile meinerseits mit im Spiel. Zum Beispiel, was die Berichterstattung im Internet im Allgemeinen und auf Seiten, auf denen außerdem Diätprogramme und Treffen mit jungen Frauen angeboten werden, im Besonderen betrifft. Schließlich bin ich mir darüber im Klaren, dass es hier um Gewinnmaximierung geht und nicht unbedingt um investigativen Journalismus. Den es ja allem Lügenpresse-Gegröle zum Trotz immer noch gibt. Trotzdem könnte sich hier etwas abzeichnen, was Geschichtsbilder nachhaltig übermalen könnte. Sie vielleicht schon bei der gerade nachwachsenden Generation ziemlich verändert. Und wohinter noch nicht einmal eine konkrete Absicht stehen muss.

Dass es sich im vorliegenden Fall um eine Journalistin handelt, ist ohne jede Bedeutung. Nicht ganz bedeutungslos dürfte hingegen das Alter sein. Sie ist Mitte Vierzig. Und hat einen Beitrag für ein Online-Portal geschrieben über die Altlasten des Ersten Weltkrieges in Frankreich. Übertitelt mit “Mystery: Frankreichs verbotene Zonen – Betreten kann tödlich sein“. In dem sehr ausführlich geschildert wild, was dieser Erste Weltkrieg so alles in der französischen Erde um Verdun zurückgelassen hat. Und was Frankreich alles unterlassen hat, um dieses Kriegs-Erbe zu beseitigen. Wohingegen es bezüglich der Hintergründe gerade mal für zwei Sätze reicht. Immerhin erfährt man, dass das Deutsche Reich Frankreich erobern wollte, der Angriff aber vor Paris stockte. Und dass beide Seiten damals neue Waffentechnologien einsetzten, „so auch Giftgas“.

Ach ja, und natürlich erfährt man auch, wie viele Tote es an dieser Westfront gegeben hat. Und dann geht es ganz schnell zurück zu den Wäldern, die nicht betreten werden dürfen. Weshalb ich mir sehr gut vorstellen kann, dass wohl in nicht allzu ferner Zukunft auch das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg in Artikeln und Beiträgen in einer etwas abgeschliffenen, um nicht zu sagen, sehr vereinfachten Form vorkommen werden. Und das höchstwahrscheinlich dort, wo zukünftigen Generationen wohl vor allem Wissen vermittelt werden wird, nämlich im Internet. Sie werden also im günstigsten Fall über den Zweiten Weltkrieg erfahren, wie viele Tote es gegeben hat. Und dass Hitler expandieren wollte, der Vormarsch aber irgendwann stockte.

Ansonsten wird dann wohl ausführlich über die Umweltschäden berichtet werden, die der Krieg verursachte. Vielleicht auch noch die Frage erörtert, ob nicht auch der Klimawandel durch den Zweiten Weltkrieg ausgelöst wurde. Und ob es wohl immer noch Fliegerbomben gibt, die entschärft werden müssen. Und das ist mir zu wenig. Ich zweifle nicht daran, dass sich Geschichte in den Augen der Betrachter im Verlauf der Jahrhunderte zwangsläufig verändert. Doch in welche Richtung diese Veränderungen gehen, das muss man nicht dem Zufall oder dem Zeitgeist überlassen. Dass es Verbrechen an der Menschheit waren, und wer dafür Verantwortlich war, dass ein ganzer Kontinent ins Desaster getrieben wurde, dafür sollte stets noch ein Nebensatz möglich sein. Auch nach hundert Jahren.

Wenn die Welt aus den Fugen gerät

Die Welt steht Kopf. Also vielleicht nicht die ganze Welt, aber doch ein Teil von ihr. Zumindest jener Teil, der sich für den Nabel dieser Welt hält. Richtig geraten, ich spreche von Deutschland. Und was ist der Auslöser dafür? Das Wetter! Dass sich ganz offensichtlich weder an die Rechtslage noch an die Koalitionsvereinbarungen der GroKo hält. Sondern sich nur an der Jahreszeit orientiert oder am Wetterbericht. Es kann sich jedenfalls nur noch um Stunden handeln, bis der bayerische Ministerpräsident einen Brandbrief nach Berlin schickt und mit einer Verfassungsklage droht.

Und jetzt auch noch der Gipfel der Frechheit: Schnee!!!!! Schnee, der liegen geblieben ist! Und was droht, das ist nicht weniger als eine Lawine. Eine Lawine der Ausrufezeichen. Die wahrscheinlich sogar die Meldung von Zidanes geplatzter Hose unter sich begraben wird. Die so langsam die Frage aufwirft, ob denn nur Schwule in den Nachrichtenredaktionen sitzen, um die Meldungen auszusuchen, die sie für veröffentlichungswert halten. Das wäre zumindest eine vernünftige und akzeptable Erklärung dafür, dass wir aber auch wirklich jedes Mal darüber informiert werden, wenn irgendeinem Fußballtrainer zur Abwechslung einmal nicht der Kragen sondern die Hose platzt.

Meine These zu diesem Themenkreis: Könnte es vielleicht sein, dass Fußballtrainer Fußballtrainer geworden sind, weil sie das Fußballspiel mitunter erregt, bei ihnen zu Erektionen führt? Es würde zumindest im Einklang mit einer latenten Materialschwäche plausibel das Nachgeben des Stoffes respektive von Nähten erklären. Nicht aber, warum es wichtiger ist zu vermelden, dass eine Hose geplatzt ist, anstatt darüber zu berichten, dass die Zukunftsperspektive eines namentlich bekannten 15-jähriger Jungen in der Aussicht besteht, mit vielleicht 18 Jahren an einer Überdosis Heroin zu sterben. Ich vermute, das Wetter kann man nicht dafür verantwortlich machen. Was gleichzeitig der Grund dafür sein dürfte, warum darüber nicht berichtet wird. Sondern über 1,2 Zentimeter Schnee und eine geplatzte Hose.

Hochkulturen und Rosenblütenbäder

Da habe ich etwas losgetreten. Ich hatte gerade den gestrigen Beitrag gepostet, als auch schon der Reiseplan fertig war. Schon nach zwei Stunden standen wir dann vor dem Wellness-Bad, einem imposanten Glaspalast mit dem Charme einer Bahnhofshalle. Aber immerhin das einzige in erreichbarer Nähe mit einem Rosenblütenbad im Angebot. Laut Prospekt „stimmungsaufhellend und rückfettend“! Doch leider komme ich nicht in den Genuss herauszufinden, wie sich „rückfettend“ auf eine aufgehellte Stimmung auswirkt. Rosenblütenbäder gibt es nur auf Vorbestellung. Wahrscheinlich müssen dann erst einmal die Gärten in der Nachbarschaft geplündert werden. Dass man sich auch hier der ökologisch und ökonomisch nicht vertretbaren Blumenimporte aus Kenia bedient, möchte ich nun wirklich nicht hoffen.

Nur gut, dass es die Hot-Stone-Massage auch ohne Reservierungen gibt, sie beruhigt nach Ansicht der Wellness-Badbetreiber die Seele. Was bei mir aber nicht viel nützt. Denn außerdem gibt es eine Schokoladen-Massage im Angebot, die man auf keinen Fall auslassen darf, und mich zu einem „emotionalen und optischen Naschwerk“ macht. Doch während ich noch grüble, was ein emotionales Naschwerk ausmacht, erfahre ich außerdem, dass mexikanische Hochkulturen vor 500 Jahren Kakaobutter als Stoff für Heil- und Wundsalben verwendeten. Aber leider nicht, wie ich diese klebrige Soße wohl jemals wieder aus meiner zugegebenermaßen sehr männlichen Behaarung raus kriegen soll.

Auf jeden Fall gingen mir so auch auf der Heimfahrt die mexikanischen Hochkulturen nicht aus dem Kopf, und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich eigentlich dachte, dass vor 500 Jahren die Spanier den mexikanischen Hochkulturen schon den Garaus gemacht hätten. Aber das iPhone meiner Beifahrerin belehrte mich, dass erst um 1521 die Spanier und Epidemien für das Ende der Hochkultur sorgten. Einer Hochkultur, die erstaunlicherweise nicht unbedingt auf Unterwerfung andere Völker ausgerichtet war sondern sich zumeist damit begnügte, Tribut von anderen Völkern zu fordern. Was einen Verdacht in mir aufkeimen ließ. Vielleicht ist dieses Land mit seinem allmächtigen Herrscher vom Format eines Moctezumas, das gerade einen milliardenschweren Tribut von den Nachbarländern im Nordwesten seines Landes einfordert, ja auch eine Hochkultur? Aber wenn sich Geschichte wiederholt, wer wird dann den Part der Spanier übernehmen?

Entrüstungs-Entschleunigung

Wenn es nicht um Menschen ginge, um deren Schicksale, man müsste eigentlich ganz offen sagen, dass es so langsam wirklich nur noch zum Gähnen langweilig ist. Wen kann das noch interessieren, wer bei wem irgendwo im Gedärm zugange ist, um sich Flüchtlinge vom Hals und sie aus dem anlaufenden Wahlkampf heraus zu halten? Ob nun auch in Deutschland offen und in bester nationalsozialistischer Tradition türkische Einrichtungen zur Denunziation aufgerufen werden, damit ein Möchtegern-Macht-Politiker so viele Verleumdungsklagen anstrengen kann, wie Frau von Storch Follower bei Facebook hat? Ich habe übrigens schon eine Selbstanzeige gemacht, damit ich Strafmilderung bekomme. Mein Nachbar, der Busfahrer ist, hat gesagt, bei Verleumdungsklagen wäre das wie bei Steuerhinterziehung. Und der muss es ja wissen.

Auf jeden Fall scheint es auch keinen großen Sinn zu machen, gebetsmühlenartig Hungersnöte und Kinderarbeit anzuprangern, Gewalt gegen Frauen und die Macht der Märkte, das langsame Sterben der Um- und Tierwelt, die Gleichgültigkeit und Dummheit der Mehrheit der Menschheit. Ein Blick zurück genügt, um zu sehen, dass es zwar immer Menschen gab, die gegen schreiendes Unrecht gekämpft haben. Aber man sieht auch, dass manches zwar gelindert wurde, aber der Mensch immer Mensch blieb. Mit all seinen guten und den so oft überwiegenden schlechten Seiten. Was in meinen Augen und in seiner Konsequenz im Mythos von Sisyphos eine schöne Metapher gefunden hat.

Erlaubt sie mir doch eine fast angenehme Müdigkeit, ein Ruhebedürfnis, das zwar nicht unendlich andauern wird, für den Moment aber danach schreit, mich eher an dem Gekrähe eine Enkels zu erfreuen, an den vorsichtig knospenden Rosen, an der Aussicht auf eine wärmende Sonne. Alles Dinge, die man genießen kann, ohne das Elend und die Ungerechtigkeiten zu leugnen. Doch ich glaube mittlerweile, dass man die schönen Dinge des Lebens genießen muss, dass man sie pflegen und suchen muss, um überhaupt in der Lage zu sein, sich dem Elend und den Ungerechtigkeiten zu stellen, sich ihnen zumindest versuchsweise entgegen zu stellen. Etwas drastisch ausgedrückt: Wer immer nur in Exkrementen watet, wird sich irgendwann von diesen nicht mehr besonders unterscheiden. Ich werde mich also heute auf Rosen betten. Morgen und übermorgen vielleicht auch.

Momente des Glücks

Ich gebe es zu, ich habe geweint. Und das, obwohl ich ja überhaupt nicht so der emotionale Typ bin. Bei mir gibt es sonntags den Tatort, Rosamunde Pilcher kommt einfach nicht in Frage. Aber bei diesen Bildern war es um mich geschehen. Es war, als würde auf einmal dichter Nebel von gleißendem Sonnenlicht durchbrochen werden. Es war einer jener beglückenden Momente, wenn der junge Tag die schwarze Nacht vertreibt. Ein Kinderlachen ein großes Loch in die Wand reißt, die düstere Gedanken um einen Menschen gebaut haben. Kurzum, ich sah den Fernsehbericht von Merkels Reise in die Türkei, von ihrem Besuch in einem Flüchtlingslager, praktischerweise doch ein gutes Stück von der syrischen Grenze entfernt.

Wo, um das Glück perfekt zu machen, nicht nur den Flüchtlingen ganz offensichtlich türkischer Honig um den Mund geschmiert worden war. Was auch rein physikalisch deren anhaltendes Lächeln ebenso erklären könnte wie das der Politiker vor Ort. Dabei war es eigentlich nur sekundär, dass Merkel und ihr Begleiter, EU-Ratspräsident Tusk, voll des Lobes waren bezüglich der Anstrengungen der Türkei in der Flüchtlingsfrage. Und umgekehrt der türkische Regierungschef und offensichtlich mit Erlaubnis des Präsidenten Erdogan in Aussicht stellte, auch die EU zu loben, wenn diese endlich die Visa-Freiheit für Türken für den Schengenraum eingeführt haben würde.

Jedenfalls waren diese Bilder herzergreifend. Diese ganzen adrett gekleideten Kinder, die mit einem glückseligen Lächeln im Kindergarten Bilder malten. Ganz wunderbar und nagelneu die Zelte in diesem Flüchtlingslager mit vermutlich hochmodernen sanitären Anlagen, in dem man keinen Moment daran zweifelte, dass es auch kostenloses W-LAN, verschiedene Restaurants, Schulen und ein Einkauf-Center mit Friseur und einem Maniküre-Salon gibt. Um es auf den Punkt zu bringen: Da können selbst wir Deutschen uns eine riesengroße Scheibe abschneiden. Einfach vorbildlich. Und der lebendige Beweis, dass die Türkei ihren Teil der Abmachungen mit der EU voll und ganz erfüllt hat. Dass das Wohlergehen von hunderttausenden Syrern mit Leichtigkeit die paar läppischen Journalisten im Gefängnis und den Tod von terroristischen Kurden, also auch Frauen und Kindern, aufwiegt.

Und wenn er auch nur einen Rest von Empathie in seinem verdorbenen Satiriker-Herz hat, wird Böhmermann angesichts dieser Bilder ohne jedes Murren eine Haftstrafe wegen Majestätsbeleidigung antreten. Amnesty International wird endlich aufhören, die Lüge zu verbreiten, dass von der Türkei Syrer nach Syrien abgeschoben würden. Und auch wir werden mit einem Lächeln zusehen, wenn hunderttausende Syrer einen türkischen Pass bekommen und in Züge nach Europa gesetzt werden. Schließlich war der Türkei Visafreiheit für ihre Bürger versprochen worden, damit es den Syrern endlich wieder gut geht. Geschäft ist Geschäft.

Alle Menschen werden Brüder

Wir sind immer mehr auf Augenhöhe. Allen Unkenrufen zum Trotz rücken die Länder der Erde zusammen. Hier die Erste und dort die Dritte Welt, das ist Schnee von gestern. Es muss nun wahrlich nicht mehr nach Rechtsstaat und Schurkenstaat unterschieden werden. Alles ist nur noch eine Frage der Abstufungen, der Nuancen. Panama böse! USA gut? Kann man getrost vergessen. In den USA, der weltweiten moralischen Instanz bezüglich Menschenrechte, Dieselmotoren-Abgase und des Rechts auf Privatsphäre,  gibt es so wunderbare Steueroasen, dass Panama schon seit Jahren voll Neid nach Norden schaut. Oder nehmen wir irgendeine dieser sogenannten Bananenrepubliken, zumeist in Afrika beheimatet, und unseren Rechtsstaat, die Bundesrepublik Deutschland.

In dem mehr als 450 rechte Straftäter, für die ein Haftbefehl vorliegt, auf freiem Fuß sind. Sie sind  fließend geworden, die Übergänge zwischen jenen und uns. Spätestens seit bekannt ist, dass hierzulande mafiöse Strukturen existieren, mit denen in der Pflege eine geschätzte Milliarde Euro von Kassen und Versicherungen ergaunert wurden. Oder zum Beispiel in Landshut in wahrscheinlich gerade einmal 50 Appartements in einem heruntergekommenen Wohnblock annähernd 250 Personen gemeldet sind, die Hartz IV-Leistungen in Anspruch nehmen. Und zu ihren Terminen im Job-Center mit dem Reisebus aus dem Ausland hierher gebracht werden. Und das nicht erst seit gestern und völlig unbemerkt und unbehelligt von den Behörden.

Oder erinnern wir uns an den engagierten Kampf des gesamten Westens gegen autoritäre Staaten und Potentaten, die die Menschen in ihrem Land knechteten und mordeten. Ist alles nicht mehr so schlimm. Unser Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nennt al-Sisi, Staatsoberhaupt Ägyptens, wo gerne auch mal hundert Hinrichtungen im Schnellverfahren angeordnet werden, inzwischen „einen beeindruckenden Präsidenten“. Und unsere Bundeskanzlerin lässt sich von einem türkischen Präsidenten diktieren, wann Klage wegen Majestätsbeleidigung erhoben wird.

Allerdings hat auch die EU überhaupt kein Problem damit, sich mit dieser Türkei vertraglich zu verbünden, wo Pressefreiheit ein Fremdwort und die Ermordung von kurdischen Zivilisten ein Kollateralschaden ist. Sogar Libyen oder der Sudan sind gesuchte Gesprächspartner. Damit das Mittelmeer nicht zum weltweit größten Friedhof wird. Falls es jemand vergessen haben sollte, Libyen ist nicht gerade ein Hort der Sicherheit für seine Bewohner. Und Umar al-Baschir, Präsident des Sudans, wird wegen Völkermordes mit internationalem Haftbefehl gesucht. Aber sie sind einfach vorbei, die Zeiten der Besserwisserei, des moralischen Salbaderns. Wir haben offensichtlich erkannt, dass wir irgendwie doch alle Brüder und Schwestern im Geiste sind.

Prince

Jetzt ist mal wieder alle Welt total überrascht und natürlich auch zutiefst geschockt. Prince ist tot. Der kleine Mann mit dem großen Ego. Mit einer Kreativität, die ihn zu einem Riesen der Musik machte. Trotzdem ist er sehr viel älter geworden als Janis Joplin, Kurt Cobain oder Amy Winehouse. Jedes Mal, wenn ein Mensch stirbt, der besonderes geleistet oder unsere Welt bereichert hat oder auch nur und warum auch immer bekannt war, bekommt man den Eindruck, dass von diesen Menschen eigentlich angenommen wird, sie wären  unsterblich. Selbst wenn so jemand 80 oder 90 Jahre alt geworden ist, zeigt sich alle Welt stets aufs Neue ganz bestürzt.

Irgendetwas wehrt sich in mir, die Wertung zu akzeptieren, die damit verbunden ist. Denn – um Gertrude Stein zu missbrauchen – ein Tod ist ein Tod ist ein Tod. Egal, was ein Mensch geleistet hat. Nur weil er als Namenloser im Mittelmeer ertrunken ist, verliert sein Tod nicht seine Tragik. Warum muss man um einen großen Musiker oder Politiker mehr trauern als um ein kleines Kind, das irgendwo in Afrika verhungert ist? Ich kannte sie beide nicht.

Ein Tod sollte durchaus Anlass sein, noch einmal das zu würdigen, was uns der Mensch hinterlassen, geschenkt hat. Aber auch freundlicherweise auf gebetsmühlenartige Trauerbekundungen zu verzichten. Sie kommen mir einfach etwas schal vor. Von Beifall und Zuspruch zu Lebzeiten hätte der Betroffene wenigstens noch etwas gehabt. Jetzt sind alle Bekundungen eigentlich nur noch für uns selber und andere Lebende gedacht. Das Einzige was ich empfinde, das ist Bewunderung für das, was Prince als Musiker geschaffen hat. Und irgendwie auch dafür, dass er eigentlich ganz schön alt geworden ist. Obwohl er ein musikalisches Genie war.

Voyeurismus trifft Sadismus

Über diesen Jungen wurde schon im vergangenen Jahr berichtet. Sein Großvater ist sehr reich. Im Heimatland des Jungen, der inzwischen 17 Jahre alt sein müsste, nennt man ihn einen Oligarchen. Auch über seine Mutter wurde berichtet, dass sie vermögend sei. Ob das wirklich das auslösende Moment ist, müsste ein Psychiater klären. Denn die Summen, die der Junge für sein seltsames Hobby ausgibt, sind überschaubar. Er nennt es ein Projekt, wenn er jungen Leuten oder auch Obdachlosen 100 Euro oder auch mal mehr oder weniger gibt, damit sie seinen Urin trinken, sich junge Frauen vor ihm und in der Öffentlichkeit ausziehen, von ihm im Beisein ihrer Freunde küssen lassen oder sich Menschen klebrige Flüssigkeiten über den Kopf gießen.

Warum er solche Szenen dann auch noch bei YouTube einstellt und dort sogar eine eigene Seite hat, ließe sich vielleicht ebenso von einem Psychiater zu klären wie das Phänomen, dass diese Videos im Schnitt zwischen 5 bis 6 Millionen Mal angeklickt und von YouTube nicht gelöscht werden. Wobei es auch nicht sonderlich erhellend ist, dass seine „Opfer“ freiwillig mitmachen und sich für ihre Handlungen ja auch bezahlen lassen. Mit Not alleine lässt sich das nicht erklären. Ebenso wenig wie sich das große Interesse an den Videos dieses Jungens mit einer vermutlich sadistischen Neigung nur mit dem Hang zu einem alltäglichen Voyeurismus erklären lässt. Ein Psychologe hat einmal in einem Zeitungsartikel resümiert: Wir sind allesamt gestört! Es fällt manchmal sehr schwer, ihm zu widersprechen.