Momente des Glücks

Ich gebe es zu, ich habe geweint. Und das, obwohl ich ja überhaupt nicht so der emotionale Typ bin. Bei mir gibt es sonntags den Tatort, Rosamunde Pilcher kommt einfach nicht in Frage. Aber bei diesen Bildern war es um mich geschehen. Es war, als würde auf einmal dichter Nebel von gleißendem Sonnenlicht durchbrochen werden. Es war einer jener beglückenden Momente, wenn der junge Tag die schwarze Nacht vertreibt. Ein Kinderlachen ein großes Loch in die Wand reißt, die düstere Gedanken um einen Menschen gebaut haben. Kurzum, ich sah den Fernsehbericht von Merkels Reise in die Türkei, von ihrem Besuch in einem Flüchtlingslager, praktischerweise doch ein gutes Stück von der syrischen Grenze entfernt.

Wo, um das Glück perfekt zu machen, nicht nur den Flüchtlingen ganz offensichtlich türkischer Honig um den Mund geschmiert worden war. Was auch rein physikalisch deren anhaltendes Lächeln ebenso erklären könnte wie das der Politiker vor Ort. Dabei war es eigentlich nur sekundär, dass Merkel und ihr Begleiter, EU-Ratspräsident Tusk, voll des Lobes waren bezüglich der Anstrengungen der Türkei in der Flüchtlingsfrage. Und umgekehrt der türkische Regierungschef und offensichtlich mit Erlaubnis des Präsidenten Erdogan in Aussicht stellte, auch die EU zu loben, wenn diese endlich die Visa-Freiheit für Türken für den Schengenraum eingeführt haben würde.

Jedenfalls waren diese Bilder herzergreifend. Diese ganzen adrett gekleideten Kinder, die mit einem glückseligen Lächeln im Kindergarten Bilder malten. Ganz wunderbar und nagelneu die Zelte in diesem Flüchtlingslager mit vermutlich hochmodernen sanitären Anlagen, in dem man keinen Moment daran zweifelte, dass es auch kostenloses W-LAN, verschiedene Restaurants, Schulen und ein Einkauf-Center mit Friseur und einem Maniküre-Salon gibt. Um es auf den Punkt zu bringen: Da können selbst wir Deutschen uns eine riesengroße Scheibe abschneiden. Einfach vorbildlich. Und der lebendige Beweis, dass die Türkei ihren Teil der Abmachungen mit der EU voll und ganz erfüllt hat. Dass das Wohlergehen von hunderttausenden Syrern mit Leichtigkeit die paar läppischen Journalisten im Gefängnis und den Tod von terroristischen Kurden, also auch Frauen und Kindern, aufwiegt.

Und wenn er auch nur einen Rest von Empathie in seinem verdorbenen Satiriker-Herz hat, wird Böhmermann angesichts dieser Bilder ohne jedes Murren eine Haftstrafe wegen Majestätsbeleidigung antreten. Amnesty International wird endlich aufhören, die Lüge zu verbreiten, dass von der Türkei Syrer nach Syrien abgeschoben würden. Und auch wir werden mit einem Lächeln zusehen, wenn hunderttausende Syrer einen türkischen Pass bekommen und in Züge nach Europa gesetzt werden. Schließlich war der Türkei Visafreiheit für ihre Bürger versprochen worden, damit es den Syrern endlich wieder gut geht. Geschäft ist Geschäft.

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