Archiv für den Monat Mai 2016

Aussterbende Rassisten

Zuerst dachte ich mir ja, dass ich wohl wieder einmal nicht wenigen Menschen Unrecht getan hätte. Was für ein Sturm der Solidarität für Jérôme Boateng! Man fühlt sich fast an das Wetter während des Fußballspiels Deutschland gegen die Slowakei in Augsburg erinnert. Ich hatte wirklich überhaupt nicht erwartet, dass die Äußerung des AfD-Vize Gauland über den Fußballer mit väterlichen Wurzeln in Afrika, dass ihn die Leute als Fußballspieler zwar gut fänden, aber nicht als Nachbarn wollten, so viel Ablehnung erfahren würde. Waren es also nur wieder Vorurteile? Sterben sie vielleicht doch langsam aus, die Rassisten in Deutschland?

Mitnichten. Nachdem ich mich nun ein bisschen mehr mit dem Innenverteidiger Boateng beschäftigt habe, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es gibt nämlich Konstellationen, da greifen die herkömmlichen Muster einfach nicht. Anders ausgedrückt: Wenn sich jetzt so viele Menschen wünschen, Boateng als Nachbarn zu haben, dann heißt das nicht unbedingt, dass sie nichts gegen einen Nachbarn mit einem ghanaischen Vater haben. Es heißt nur, dass sie auch gerne in Nobelvierteln wie München-Grünwald oder München-Bogenhausen wohnen würden. Wie der Fußballer Jérôme Boateng.

Kalorienbomben

Man kann nur hoffen, dass das kein Trend ist. Erst die Storch. Jetzt auch noch Sarah Wagenknecht. In Deutschland scheint eine Tortenschlacht zu toben. Aber vielleicht ist es auch nur eine Werbekampagne der Konditoren. Auf jeden Fall sollte man den Anfängen wehren und etwas mehr Sorgfalt verlangen. Wurde doch die AfD-Frontfrau Beatrix von Storch von einer undefinierbaren Sahnetorte getroffen, während die Fraktionschefin der Partei Die Linke eine Schokoladentorte, die offensichtlich aus Konditorhand stammte, ins Gesicht bekam. Davon einmal abgesehen, dass es in beiden Fällen auf Grund der Kalorienbomben als ein Angriff auf die Gesundheit der beiden Frauen gewertet werden muss, der natürlich aufs schärfste zu verurteilen ist, muss den Tortenwerfern auf jeden Fall Stillosigkeit und gänzliche modische Unbedarftheit vorgeworfen werden.

Schließlich ist eine cremeweiße Sahnetorte ein absolutes No-go für eine Frau mit einem so hellen Teint, wie ihn Beatrix von Storch hat. Wohingegen es wenig modisches Geschick bedeutet, einer Frau wie Sahra Wagenknecht mit ihren sehr dunklen Haaren und dem ebenfalls dunklen Teint eine schokoladenfarbene Torte ins Gesicht zu werfen. Vielmehr wäre hier die Sahnetorte angebracht gewesen, die letztendlich mit einem schönen Kontrast überzeugt hätte.

Dass der Einwurf von Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch, es habe sich bei der Tortenattacke auf Frau Wagenknecht um eine „asoziale“ Tat gehandelt, trotzdem richtig ist, hat allerdings einen anderen Grund. Schließlich verfolgen auch Kinder sehr häufig diese spannenden Parteitage, und deshalb gibt dieser Umgang mit Lebensmitteln nicht nur ein schlechtes Beispiel. Er ist auch durchaus als „asozial“ zu bezeichnen, wenn man bedenkt, wie viele hungrige Kinder mit einer respektive zwei Torten glücklich gemacht werden könnten.

Rettung naht

Eigentlich wäre es doch ganz einfach, sich das Leben so richtig schön zu machen. Es muss ja nicht gleich ein Vermögen sein. Aber wenn man jeden Monat so circa 10.000 oder 15.000 Euro hätte, ohne dass man die Zeit mit einem Job vertrödeln muss, der einen fünf Tage die Woche acht Stunden lang mit Beschlag belegt, dann hätte man dafür doch schon mal eine gesunde Basis. Und weil nicht jeder einen Vater wie Donald Trump hat, bei Jauch Dauergast ist oder im Schlaf die richtigen Lotto-Zahlen träumen wird, liegt dieses herrliche Leben mit Luxusschlitten, Badestränden und Shopping-Touren in die Metropolen für viele Menschen in weiter Ferne, also für Anhänger der Reinkarnations-Theorie in etwa bei der siebten bis achten Wiedergeburt.

Doch ebenso wie heutzutage das Internet für jeglichen Schmerz eine Krankheit anbietet, so schafft es auch in diesem Fall Abhilfe. Und vor allem ist das ganz seriös. Dass es nämlich damit funktioniert, von zu Hause aus dem Stand 6.000 Euro im Monat und mehr mit einem täglichen zeitlichen Aufwand von einer Viertelstunde zu verdienen, das wird eindeutig von einem Foto bewiesen. Da sitzt nämlich ein Promi-Paar, das so diskret und zurückgezogen lebt, dass es noch nicht einmal eine gängige Suchmaschine kennt, in einem fetten italienischen Sportwagen. Vor einer Luxusvilla natürlich. Die haben es also auch geschafft.

Wie, das erzählen sie in einem Interview. Das eine Reporterin geführt hat, die für ein Online-Magazin arbeitet, das sich VIP Talk nennt. Und, was natürlich sehr praktisch und wohl aus Kostengründen so organisiert ist, von jener Firma betrieben wird, die die Menschen so richtig reich macht. Die ihrerseits nämlich auch eine Trading-Online-Plattform betreibt. Mit Sitz in Nikosia. Auf Zypern. Wegen der Steuern.

Und den griechischen Namen für ein Fabelwesen hat, das schon von Platon beschrieben wurde, und sich selber in den Schwanz beißt. Dieses Fabelwesen braucht angeblich keine Wahrnehmung, da außerhalb von ihm nichts existiert. Fressen muss es auch nicht, weil es sich von seinen Exkrementen ernährt. Füße sind ebenso wenig gefragt, denn dieses Fabelwesen kreist in sich und um sich selbst. Also treffender kann eine Erfolg versprechende Geschäftspraxis nicht symbolisiert werden. Und weil es im Internet natürlich auch jede Menge Kommentare gibt, wie toll das Ganze funktioniert mit diesem „Trader“, habe ich gleich mal die Sparbüchsen der Kinder geplündert. Sollte also in der nächsten Zeit der Blog verwaisen, dann bedeutet das nur, dass sie auf den Seychellen noch nicht überall W-LAN haben.

Nichts Neues auf dem Planeten

Höchste Zeit, es einmal unverblümt und in aller Deutlichkeit zu sagen: Es ist langweilig. Es ist alles so vorhersehbar. Da passiert einfach nichts mehr, was gut wäre für eine Überraschung. Auch wenn das ein wenig überheblich klingt: Ich war das letzte Mal wirklich überrascht, als eines der Kinder eine Eins in Mathe nach Hause brachte. Und das ist jetzt auch schon ein paar Jahre her. Und die Überraschung besteht vor allem darin, dass ich bis heute nicht weiß, ob der Herr Oberstudienrat bei der Korrektur total bekifft oder besoffen war. Aber „longum est“, wie der Lateiner sagt. Außerdem „tempi passati“, wie der Italiener sagen würde.

Und damit wären wir schon bei den Griechen. Kein Phoenix aus der Asche, keine Reinkarnation, kein Wandel vom Schuldenweltmeister zum aufsteigenden Schwellenland. Oder gehen wir zum Nachbarn. Langweilig, sage ich da nur. War doch klar, dass er droht: Wenn es keine Visafreiheit für Türken gibt, schicke ich alle syrischen Flüchtlinge und ein paar Ziegen noch dazu! Also alles wie immer. Wir können aber auch vor der eigenen Haustür kehren. Stichwort „Integrationsgesetz“. Das wurde wieder einmal so akribisch ausgearbeitet, dass jetzt schon kein Zweifel besteht, dass es zwar wieder einen riesigen Verwaltungsapparat geben wird. Aber keine Integration. Geschweige denn Arbeit und normales Leben für Flüchtlinge.

Klingt jetzt vielleicht ein bisschen vereinfacht, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Menschheit nicht in der Lage ist, etwas grundlegend zu ändern. Und wenn es jemand tut, ich denke da aus patriotischen Gründen zum Beispiel an Atomausstieg oder „Wir schaffen das“, dann doch nur, um nach einiger oder bereits kurzer Zeit wieder heftig zurück zu rudern. Egal ob es ein Trump, Brasilien, TTIP, Abgas, Glyphosat oder Eurovision Song Contest ist, ob Folter, Korruption, Fanatismus oder Hedgefonds, stets hat man das Gefühl, dass es das so oder so ähnlich schon mal gab, schon anderweitig gibt, spätestens morgen geben wird.

Wir schauen auf Jahrhunderte des Stillstands. Das einzige, was sich bewegt hat, das waren die unterschiedlichen Fortbewegungsmittel. Weshalb der Mensch immer mehr zum Stillstand zu kommen scheint. Was ja im Übrigen verheerende Auswirkungen auf das Gewicht der Menschen hat. Aber nun wirklich keine besonders innovative Entwicklung darstellt. Aber wenigstens ich werde jetzt ein Zeichen setzen. Ich habe einen Termin in einem Tattoo-Studio.  Und zwar lasse ich mir ein Tattoo an einer Stelle stechen, an der gewährleistet ist, dass es sich aus Altersgründen permanent verändern wird. Es ist nur ein kleiner Schritt, zugegeben, aber es könnte zumindest jeden Tag für eine kleine Überraschung sorgen.

Die Antwort

Was für eine Demonstration der Macht. Nicht dass ich glauben würde, dass es irgendjemand aufgefallen ist, dass der Blog bis zu dieser Sekunde öde und leer blieb. Ich gehe auch nicht davon aus, dass ihn nicht der eine oder die andere selbst dann öde findet, wenn etwas Neues dort steht. Aber darum geht es auch überhaupt nicht. Es ist das „warum“, das mich umtreibt. Mich zwischen Begeisterung und Angst meandern lässt.

Es ist die Antwort auf die Frage, warum es bis jetzt keinen neuen Eintrag in meinem Blog gab. Eine Antwort, die sich zwar auf ein paar Buchstaben beschränkt, aber für eine der letzten Instanzen steht, die der Mensch noch nicht in den Griff und nach seinem Willen zur Gänze geformt hat. Das Zauberwort: die Natur.

Nicht mehr und nicht weniger als die Natur ist der Grund dafür, dass ich heute noch nicht dieses, von mir so geliebte Spiel betreiben konnte, mich im Brustton der Überzeugung zu einem bestimmten Thema auszulassen, ohne mich auch nur im Entferntesten der Tragweite dieses Themas bewusst zu sein. Oder auch nur eine dezidierte Meinung dazu zu haben. Nichts half. Keine zwischenmenschlichen Kontakte. Noch nicht einmal das Internet.

Wie anders ist Natur aufgestellt. Kein Gelaber, keine Ausflüchte, nicht einmal eine Beschränkung auf Andeutungen. Stets klar und eindeutig. Nur wir Menschen sind zumeist zu blöde, um zu begreifen, was uns die Natur sagt. Doch zumindest heute habe ich einmal die Natur begriffen. Und war so deprimiert, dass ich keine Zeile schreiben geschweige einen einzigen Gedanken fassen konnte. Stattdessen habe ich dem Regen zugesehen. War wohl endlich mal wieder eine kluge Entscheidung.

Speiseplan

Es ist 11 Uhr 33. Zwar weiß ich jetzt, was ich heute Mittag essen werde. Aber noch immer kenne ich weder den Namen des neuen österreichischen Bundespräsidenten, noch habe ich irgendeinen Hinweis darauf, ob Merkel schon wegen Majestätsbeleidigung verhaftet wurde. Wahrscheinlich hat sie es in letzter Sekunde mit einem Gastgeschenk verhindert. Etwas Halva nach eigener Rezeptur vielleicht. Womit wir schon wieder beim Mittagessen wären. Zuerst sollte es ja Kaiserschmarrn geben. Aber ich habe sofort darauf hingewiesen, dass in Zeiten wie diesen Kaiserschmarrn nicht nur als politisch unkorrekt empfunden werden könnte sondern im Extremfall wohl auch zu nicht wünschenswerten rechtlichen Schritten Dritter führen kann.

Man weiß ja schließlich nicht, wie bewandert manche Staatsorgane in der Sprache und in der Kochkunst sind. Weshalb natürlich auch der Türkenspieß, der ausgerechnet von einem Pfarrer M. Krautwurst sogar schon einmal öffentlich als Delikatesse bezeichnet und empfohlen wurde, gleich wieder vom Speiseplan gestrichen werden musste. Außerdem wusste niemand in der Familie, woraus ein Türkenspieß besteht. Vielleicht aus Ziegenfleisch?

Höchst sensibilisiert von der Debatte um die Willkommenskultur habe ich es auch sofort abgelehnt, dass die beliebte einstige Vorspeise der Italiener und heutige Nationalspeise der Deutschen auf den Tisch kommt. Schließlich ist gerade uns etwas älteren Semestern noch der Begriff „Spaghetti“ in Verbindung mit einem eher unpassenden Wort in Erinnerung. Wohingegen meine Frau den eigentlich einheimischen „Maultaschen“ kritisch gegenüber stand. Sie hatte Bedenken, ob die nicht ein Herr in der Bayerischen Staatskanzlei in den falschen Hals bekommen könnte. Wir haben uns jetzt auf Nonnenfürzle geeinigt. Die Kirche scheint uns momentan noch die toleranteste Institution im europäischen Raum und darüber hinaus zu sein.  

Sinneswandel

Irgendwie betrifft es uns ja auch. Schon längst ist fast alles, was Recep Tayyip Erdogan tut und lässt, auch deutsche Innenpolitik. Sogar wenn er das türkische Parlament wie gerade vergangenen Freitag die Aufhebung der Immunität von mehr als einem Viertel der Abgeordneten abnicken lässt. Die vor allem gleichbedeutend ist mit dem politischen Ende der HDP. Können doch jetzt Abgeordnete der Partei zum Beispiel wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, der PKK nämlich, strafverfolgt werden. Weil die HDP sich für die kurdischen Minderheiten einsetzt. Auch wenn das nicht bedeuten muss, dass die HDP auch die PKK unterstützt. Aber schließlich sind wir hier in der Türkei.

Wohin jetzt auch mal wieder Frau Merkel fährt respektive gefahren ist. Um mit dem türkischen Regierungschef über „alle wichtigen Fragen“ zu sprechen. Denn schließlich hat sie sich vor ihrer Abreise über die Lage in der Türkei sehr kritisch geäußert. „Natürlich bereiten uns einige Entwicklungen in der Türkei große Sorgen“, hat sie der FAS gesagt. Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Weshalb der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mindestens eine schlaflose Nacht hatte. Irgendeine Ziege soll vor seinem Palast extrem laut gemeckert haben.

Jedenfalls zeigt diese Angelegenheit, welche Fortschritte die Welt gemacht hat. Jetzt müssen die Türken nicht einmal mehr vor den Toren Wiens stehen, um eine Bedrohung für Europa zu sein. Es reicht, wenn es sich ein türkischer Präsident in seinen bescheidenen Gemächern gemütlich macht und an den Vorbereitungen für seine Inthronisation als präsidialer Herrscher arbeitet. Alleine mit der Drohung, die Wege für Flüchtlinge von der Türkei nach Europa wieder zu öffnen, falls irgendjemand versucht ihm bei irgendwas reinzureden, verändert er die politischen Landschaften in EU-Ländern.

Er sorgt so zum Beispiel für Zulauf bei FPÖ und AfD zum Beispiel. Denn nichts ist derzeit bedrohlicher für einen durch die Ereignisse des vergangenen Jahres traumatisierten Österreicher oder Deutschen, als eine Bedrohung, die noch nicht stattgefunden hat. Es hängt wohl weitestgehend von Erdogan ab, wie die Neuwahlen, die in Bälde vielleicht in Österreich stattfinden, und die Bundestagswahlen im nächsten Jahr hierzulande ausgehen werden. Weshalb sich Frau Merkel am besten wohl an das schöne Lied von Reinhard Mey erinnern sollte, und daran, dass die Freiheit über den Wolken grenzenlos ist, und alles, was wir für groß und wichtig gehalten haben, plötzlich nichtig und klein erscheint. Und sie ganz einfach vergisst, was sie vor der Abreise gesagt hat.

Hoffnungsschimmer

Ich denke, das Timing war einfach schlecht. Es ist jetzt einfach viel zu spät. Hatte man vor etwas weniger als 250 Jahren noch die Möglichkeit, ein Jean-Jacques Rousseau zu werden, oder etwas weniger als 100 Jahre danach zumindest die Chance, eine Glühlampe zu erfinden, so wird jede Idee inzwischen durch die Erkenntnis zunichte gemach, dass es das schon gab. Im zweiten Fall natürlich vorausgesetzt man wäre Schotte gewesen und hätte zufällig auch noch James Bowman Lindsay geheißen. Im Großen und Ganzen müsste man sich jetzt wohl auf Elektronik respektive auf IT kaprizieren. Künstliche Intelligenzen sind ja momentan besonders im Gespräch. Aber mir erscheint das nicht so richtig vielversprechend. Wie sollen ein Wesen ein anderes Wesen schaffen, das mehr Intelligenz als es selber an den Tag legt. Ganz zu schweigen von der moralisch-ethischen Seite der Angelegenheit.

Manchmal gibt es natürlich Situationen, da keimt ein Hoffnungsschimmer, da könnte man sich doch noch vorstellen, etwas ganz neues, bisher noch nie Dagewesenes zu kreieren, sich in all die großen Namen einzureihen von Aristoteles bis Frank Zappa. Gestern hatte ich ganz kurz so einen Moment. Bis ich einen Blick auf mein Bücherregal warf. Und feststellen musste, dass mir offensicht etwas Wesentliches entfallen war in diesem Zusammenhang und in meiner Euphorie. Wolfgang Herrndorfer hat ja schon diese wunderbar beeindruckende Buch „Arbeit und Struktur“ geschrieben. Also wieder nichts. Aber ich werde weitersuchen, auch wenn die Zeit jetzt langsam knapp wird.   

Jugendfreund mit Stadtvilla

Ein Jugendfreund hat mir kürzlich von dieser kleinen, eher unbedeutenden Episode erzählt. Er zog vor mehr als 30 Jahren mit seiner schwangeren Frau in das Haus seiner Eltern. Einer kleinen Stadtvilla in einer Kleinstadt. Aber gesegnet mit einem Garten, in dem Bäume und Sträucher zu finden waren, die dort schon länger wuchsen, als er auf der Erde war. Und natürlich war dies ein Paradies für die Kinder, die nun mit schöner Regelmäßigkeit das Licht der Welt erblickten, bis es zwei Mädchen und zwei Jungen waren. Weshalb es natürlich Spielzeug gab und immer wieder Bälle, die unter Hecken und im hohen Gras verschwanden, um dann irgendwie und zumeist an anderer Stelle wieder aufzutauchen.

Nur ein kleiner bunter Ball mit lustigen Figuren, Geburtstagsgeschenk für die Zweitjüngste, blieb erst einmal längere Zeit verschwunden. Bis er eines Tages unter der Konifere entdeckt wurde, die nicht rechteckig zusammengestutzt sondern weit ausladend hatte wachsen dürfen. Weshalb es sich zwar immer wieder jemand vornahm, den Ball mit einer langen Latte heraus zu angeln, dies aber nie geschah. Und so lag er dann mehr als zwei Jahrzehnte und erstaunlich widerstandsfähig in seinem Versteck, nur durch seine langsam verbleichenden Farben immer mal wieder ins Blickfeld gerückt und an die Kinderzeit erinnernd.

Bis etwas Erstaunliches geschah. Vor wenigen Wochen war der Ball eines Morgens nur noch wenig von den Koniferenzweigen verdeckt, einen Tag später befand er sich dann sogar im umgebenden grünen Gras. Es war ein Rätsel. Zuerst standen ja die frechen Amseln unter Verdacht. Doch eigentlich war der Ball für das gefiederte Volk zu groß. Auch ein Windstoß wurde als Ursache verworfen. Es hatte schließlich in diesen Tagen kaum ein Lüftchen geweht. Bis sich das Rätsel auflöste. Und die Frau meines Freundes eines Morgens einen frechen kleinen Kater mit rötlicher Tigermaserung entdeckte, der den Ball mit wuchtigen Tatzenhieben vor sich her trieb. Das Spielzeug hatte wieder jemand gefunden, der sein Vergnügen an ihm hatte. Dem weiterhin nichts entgegenstand. Das kleine Mädchen von damals hat jedenfalls keine Besitzansprüche angemeldet.

Sicht der Dinge

Vielleicht wollten sie Verwandte besuchen. Oder sie hatten daraufhin gespart, endlich einmal ans Meer zu fahren. An die Ostsee. Für so eine fünfköpfige Familie ist ein Urlaub im Süden zu teuer. Am Nachmittag waren die Eltern aus Baden-Württemberg mit ihren drei Kindern jedenfalls kurz vor Nürnberg, und an einer Baustelle auf der A6 hatte sich ein Stau gebildet.

Vielleicht war der Fahrer des Lastwagens schon in den frühen Morgenstunden losgefahren. Hatte noch zwei, drei Stunden bis zum Fahrtziel. Es hatte schon wieder viel zu viele Verzögerungen gegeben, bis er endlich das Hinweisschild für das Autobahnkreuz Nürnberg-Ost sah. Dass kurz darauf die Fahrzeugschlange zum Stehen gekommen ist, hat er dann zu spät gesehen. Die drei Kinder und die Mutter sind sofort tot. Der Vater schwebt in Lebensgefahr.

Ich habe an diesem Tag nicht an die Ostsee gedacht. Auch nicht an fünfköpfige Familien und ihre eventuellen Reisepläne. Daran, dass Kinder vielleicht mit ihrer Mutter im Auto singen, um die Zeit und die langweilige Autofahrerei etwas zu überbrücken. Dass sie ausgelassen waren, weil sie sich alle so gefreut haben über die Reise. Ich habe an diesem Tag in meinem Blog tiefschürfende Gedanken über einen Schlagersängerwettbewerb festgehalten.