Archiv für den Monat Juni 2016

Donald planscht

In deutschen Landen regt man sich über Frauke Petry und Beatrix von Storch oder Herrn Gauland auf. Offenbar sind wir Deutschen sehr leicht erregbar. Zumindest was Bemerkungen von öffentlichen Personen im öffentlichen Leben angeht. Was sind hingegen die US-Amerikaner für ein glückliches Volk. Die sind nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Obwohl sie einen Donald Trump als Präsidentschaftskandidaten haben. Der gerade erst bei einer Wahlveranstaltung in Ohio gemäß der Untertitel eines leicht gekürzten Videomitschnitts gesagt hat:

„Sie fragten mich, was ich von Waterboarding halte. Ich antwortete, mir gefällt das sehr, ich glaube, es ist mir nicht hart genug! Wir leben in einer mittelalterlichen Zeit. Wir müssen das stoppen und wir müssen stark sein. Wir müssen bösartig und gewalttätig kämpfen, weil wir es mit gewalttätigen Menschen zu tun haben. Wir haben Gesetze, die uns sagen, was wir alles nicht machen dürfen. Deren Gesetz lautet: Mach was du willst, und je bösartiger du dabei bist, desto besser. Waterboarding dürfen wir nicht. Zugegeben, es ist nicht die netteste Sache der Welt. Aber es ist Peanuts verglichen mit anderen Dingen. Wir dürfen also niemanden waterboarden, aber sie dürfen Köpfe abschneiden, Menschen ertränken, was immer sie möchten. Diese Menschen denken wahrscheinlich, wir seien schwach und wüssten nicht, was wir tun. Wir hätten keine Führung. Man muss Feuer mit Feuer bekämpfen.“ (Quelle: Spiegel Online)

Abgesehen davon, dass die Übersetzung vielleicht etwas schludrig ist, hat mich bei diesem Video auch die Reaktion des Publikums beeindruckt. Nachdem ich das gehört und gesehen habe, rate ich jedem, nicht mehr ohne Taucherausrüstung in die Vereinigten Staaten zu fahren. Und um einen vagen Eindruck davon zu bekommen, wovon Trump spricht, werde ich heute Nachmittag zum Baumarkt fahren und einen Mörtelbottich kaufen. Meine Frau hat sich bereit erklärt, den Part eines CIA-Mannes zu übernehmen, der kurz nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA einen Muslim verhört. Ich hoffe, ich habe in jüngster Zeit nichts getan oder gesagt, was die Aktion außer Kontrolle geraten lassen könnte. Vorsichtshalber bringe ich vorher noch den ganzen Müll runter und räume meine schmutzigen Socken und Unterhosen weg.

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Menschliche Fähigkeiten

Eine der menschlichen Eigenschaften ist die Fähigkeit zu differenzieren. Vielleicht nicht gerade bei Ausländern im eigenen Land. Aber auf jeden Fall, wenn es darum geht, Empathie zu zeigen, Verbundenheit. Und natürlich Betroffenheit. Schließlich kann man nicht alle über einen Kamm scheren. Der Sohn ist mir näher als der Neffe. Die Ehefrau Kraft des Ehegelübdes näher als die Nachbarin. Mein Hund ist mir näher als der Affe im Labor. Anders geht das auch gar nicht. Deshalb ist Belgien auch näher als die Türkei. Und vom Kongo weiß man auf Grund der Entfernung gar nicht, dass dort in der jüngeren Zeit millionenfach Frauen und Kinder vergewaltigt wurden und werden.

Deshalb ist jetzt auch die große Frage, ob Deutsche unter den Attentatsopfern in Istanbul sind. Sollte es sich heraus stellen, dass keine deutschen Urlauber oder Geschäftsleute betroffen sind, können wir uns wenigstens morgen wieder auf das EM-Spiel zwischen Deutschland und Italien freuen. Mehr als ein Tag Betroffenheit und Fassungslosigkeit ist auf Grund der derzeitigen Entfernung zwischen Berlin und Ankara auch nicht erforderlich. Außerdem kann es ja heute Abend zu einem Unwetter im Bayerischen Wald kommen.

Was mich aber besonders interessieren würde, das ist eine Antwort auf die Frage, wie Selbstmordattentäter differenzieren. Denn erstaunlicher Weise scheint es  bei ihnen anders zu laufen. Ist ihnen doch im Moment der Tat der unbekannte Passant näher als Frau und Kind oder Nachbarn. Andererseits ist häufig die Tendenz nicht zu leugnen, für Attentate durchaus die Nähe von Glaubensbrüdern zu suchen. Von Landsleuten. Was den Schluss nahe legen würde, dass Selbstmordattentäter nicht differenzieren können. Ich befürchte sogar, dass ihnen noch andere menschliche Fähigkeiten fehlen.

Eheprobleme

Auch wenn es nicht jede oder jeder für möglich hält, ich habe Freunde. Einer von ihnen hat vor einiger Zeit die Scheidung eingereicht. Er habe sich ständig von seiner Frau bevormundet gefühlt, gab er als Grund an. Sie hätten sich einfach auseinander gelebt, sagte er. Und wie das in unserer schnelllebigen Zeit nun einmal so ist, hat sich bald darauf seine Frau bei Tinder angemeldet und die gemeinsame Wohnung mit drei Koffern verlassen. Sie ist ausgezogen.

Nun ist mein Freund völlig verzweifelt. Er nimmt kaum noch Nahrung zu sich. Zumindest keine in fester Form. Gestern Abend habe ich wieder einmal mit ihm gesprochen. Und er hat sich bitter über seine Frau beklagt. Über ihre Reaktion. Dass sie so unangemessen reagiert habe. Als er die Scheidung eingereicht habe, sagte er, sei er nicht davon ausgegangen, dass ihn seine Frau deswegen auch verlassen würde.

Weitsicht

In Frankfurt am Main gibt es nicht wenige Hochhäuser. Frankfurt am Main ist der Finanzplatz Nummer Eins in Deutschland. Und da möchte man doch auch gerne hoch hinaus. Im 49. Stock des Commerzbank Towers residiert der Vorstand. Für die Herren des Vorstands gibt es eine Toilette, die ihnen einen beeindruckenden Ausblick auf umliegende Gebäude und sogar das Umland von Frankfurt bis zum Horizont ermöglicht. Diesen Blick können die Herren dank verglaster Toilettenwände genießen, wenn sie urinieren.

Als das Gebäude geplant wurde, hatte man offensichtlich noch keine Befürchtungen, dass es eines Tages auch einmal Frauen in den Vorstand der Commerzbank schaffen. Und sich dann beschweren könnten, dass sie nicht auch einen so herrlichen Blick auf die Frankfurter Skyline haben, wenn sie ebenfalls besagter Tätigkeit nachgehen. Vielleicht hat man aber auch einfach nur angenommen, dass es für Frauen nicht so wichtig ist, beim Urinieren auf die Menschheit herunter schauen zu können.

Hitzeschaden

Immer mehr und auf Grund mannigfaltiger Beispiele komme ich zu der unumstößlichen und deprimierenden Überzeugung, dass der Mensch an sich und leider auch im Allgemeinen ein vollkommen unvollkommenes Geschöpf ist. Wenn ich mich anderweitig in der Natur so umschaue, dann finden sich natürlich auch das Eine oder Anderes, was man sich durchaus leicht optimiert vorstellen könnte. Nur hat diese eventuelle Unvollkommenheit bei weitem nicht die Tragweite wie beim Menschen. Nachdem dieser ja am liebsten glaubt, die Welt nach seinem Gutdünken, das sich allzu oft als ausgesprochen schlecht entpuppt, gestalten zu müssen. Und die eigene Spezies gleich und vorrangig mit.

Eltern glauben, dass ihre Kinder ihrem Vorbild folgen müssten. In Beziehungen wird an Stellen Symbiose gesucht, an denen Gegensätzlichkeit höchst wahrscheinlich viel spannender wäre. Und Politiker gehen sowieso grundsätzlich davon aus, dass sie wüssten, wo es lang gehen müsste. Wobei es sie auch nicht beunruhigt, dass die Kollegin oder ein Kollege ganz andere Verfahrensweisen und Ziele anvisiert. Von Fanatikern, von denen es auch nicht gerade wenige gibt,  wollen wir gar nicht erst sprechen.

Weshalb ich für meinen Mikrokosmos ein Projekt gestartet habe. Ich will einmal sehen, was passiert, wenn ich nicht mehr allem und jedem erzähle, was er wie zu tun und zu lassen hat. Und besonders interessant finde ich dabei auch, was mit mir passieren wird, wenn ich das eine Weile durchhalte. Werde ich zu mehr Gelassenheit finden? Oder als Nächster in den Schlagzeilen auftauchen, der ein Massaker veranstaltet hat? Vorsichtshalber sollte ich mir vielleicht ein Beispiel an der Nachbarskatze nehmen. Die lässt sogar Vögel in Ruhe.

They did it

Glaubte man manchem Kommentatoren oder Analysten, so stehen wir kurz vor einer Apokalypse. Die Gott sei Dank einen Namen hat, der sich leicht merken lässt. Brexit, das kommt griffig daher und ist auf jeden Fall einprägsamer als wenn jetzt Deutschland aus der EU ausgetreten wäre. Deutschlandexit? Dexit? Ersteres würde mal wieder etwas sehr nach Großdeutschem Reich klingen. Die Kurzversion eher wie ein Toilettenreiniger. Jedenfalls haben es die Briten getan. Sie haben für ihre Unabhängigkeit gekämpft und sie wiedergewonnen. Behaupten jedenfalls die Befürworter des EU-Austritts.

Was für mich ein bisschen so klingt, als ob hier jemand zu viel Guinness getrunken hätte. War bis jetzt Großbritannien eine Kolonie? War es nicht umgekehrt so, dass Großbritannien viele Kolonien hatte und sich auch mitunter ausgesprochen vehement gegen deren Unabhängigkeitsbestrebungen einsetzte?  Was mitunter zu den Verwerfungen geführt hat, deren Auswirkungen Europa jetzt das Leben so schwer machen. Was die Briten aber nicht dazu veranlasste, sich besonders oder überhaupt mitverantwortlich zu zeigen.

Kurzum, sieht man einmal von den Reaktionen der Finanzmärkte ab, die uns alle Geld kosten können, hat nach meiner Einschätzung die in letzter Zeit besonders laute Mehrheit, die sich jetzt heraus kristallisiert hat, eine kluge Entscheidung getroffen. Wenn in absehbarer Zeit zum Beispiel die Londoner Immobilienblase platzt, muss man wenigstens nicht befürchten, dass sich die Banken unter einen EU-Rettungsschirm flüchten.

Und sollten sich Befürchtungen bewahrheiten, dass Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson nach Camerons Rücktritt dessen Platz einnimmt, so hätten wir im Herbst vielleicht zwei neue Staatenlenker, die sich nicht nur ähneln, was die Frisur betrifft. Man möchte sie beide nicht mit im Boot haben, auch wenn es die leicht schwankende Fregatte EU ist. Bleibt nur zu hoffen, dass die EU jetzt nicht noch ein Flüchtlingsproblem bekommt. Noch eine Operation Sophia zur Rettung von Flüchtlingen wie jetzt schon im Mittelmeer könnte sich die EU vielleicht nicht mehr leisten.

Sonnenseelen

Es ist ein Dilemma. Meine preußische Herkunft ist ebenso wenig zu leugnen wie die Tatsache, dass ich diese sympathische bayerische Art zu leben und leben zu lassen, wenn es denn keine Migranten oder andere Ausländer sind, ebenso verinnerlicht habe. Kurzum, es ringen zwei Seelen in meiner Brust, wenn nun endlich der Dauerregen von strahlendem Sonnenschein abgelöst wurde. Soll ich drin am Computer sitzen und mir schwitzend Gedanken über das Weltgeschehen oder meinen ganz persönlichen Mikrokosmos abringen? Oder lieber die Gelegenheit nutzen und mir schon einmal den Hauch von Bräune holen, der es mir erlaubt am Strand im anstehenden Urlaub auf Kuba oder auf Mallorca, das ist noch nicht ganz klar, mich nicht gleich als Bleichgesicht aus Deutschland zu outen?

Es darf drei Mal geraten werden, wofür ich mich entschieden habe. Verbunden mit der Erkenntnis, dass es mitunter noch nicht einmal einer Fußball-EM bedarf, um das eine oder andere Elend in der Welt zu vergessen. Es gibt Tage, da reicht ein Sonnenstrahl, um zwar nicht alles aber doch vieles auszublenden. Und das ist auch gut so. Mag man es Seele nennen oder Psyche, was für nicht wenige sogar das Gleiche ist, beide bedürfen der Ruhepausen. Sonst dreht der Mensch durch und bringt Orlando in die Schlagzeilen oder einen französischen Polizisten und seine Frau. Also lasst uns heute der Sonne huldigen, damit wir morgen nicht handeln wie gerade den tiefsten seelischen Abgründen entstiegen.