Archiv für den Monat Juli 2016

Stolz und Ehre

Ich muss zugeben, es sind Begriffe, bei denen ich einschlägige Literatur zu Rate ziehen muss. Besonders aufschlussreich finde ich den Hinweis, dass man „alles hinnehmen, mit sich machen lasse“, wenn man überhaupt keinen Stolz habe. Wohingegen Ehre „Ansehen auf Grund offenbaren oder vorausgesetzten (besonders sittlichen) Wertes“ sei, oder auch „Wertschätzung durch andere Menschen“.

Eigentlich habe ich nichts, worauf ich so besonders stolz wäre. Nicht auf das Vaterland. Noch weniger auf die Vergangenheit. Es gibt Dinge, Eigenschaften, die ich an diesem Land und an Menschen mag. Auf meine Familie stolz zu sein, fällt mir auch nicht ein. Ich liebe sie. Auch weil es Individuen sind, die gute und etwas weniger gute Seiten haben und nicht alles mit sich machen lassen. Und warum ich auf mich stolz sein sollte, wüsste ich am aller wenigsten. Trotzdem lasse ich auch nicht alles mit mir machen. Davon können einige Menschen ein Lied singen.

Wertschätzung durch andere Menschen schätze ich. Aber nicht weil ich glaube, dass sich bei mir besondere sittliche Werte finden lassen. Ich bin ein Mensch wie alle anderen. Manchmal durchaus sittlich. Und oft und mit Leidenschaft lieber etwas unsittlich. Ohne allerdings andere Menschen damit in Mitleidenschaft zu ziehen. Das würde die Freude daran schmälern. Und an der Ehre missfällt mir vor allem, dass hunderttausende ihr Leben dafür gelassen haben. Zumindest haben sie das geglaubt. Gestorben sind sie in Wahrheit nur, weil sie alles mit sich machen ließen. Obwohl sie so stolz waren.

Wenn mir also jemand von Stolz und Ehre erzählt, schaue ich ihn nur verständnislos an. Ich verstehe auch nicht, warum man deshalb auf die Straße geht. Für mehr Brot. Ja. Gegen das Leid. Ja. Warum nicht auch für Demokratie. Doch für wen auch immer Stolz und Ehre wichtig sind, wäre es nicht völlig ausreichend, wenn er sich damit in seinen eigenen vier Wänden vergnügen würde. Wenn es unbedingt sein muss, im Kreis der Familie. Die hoffentlich stolz genug ist, nicht alles mit sich machen zu lassen.

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Putsch in Deutschland

Bei Anschlägen von Islamisten, so monierte gerade eine regierungsnahe Tageszeitung, habe man wenig von den vorwiegend islamistischen Türken in Deutschland gehört. Geschweige denn gesehen. Doch jetzt wäre zu erwarten, dass zehntausende Türken bei der für Sonntag angekündigten Demonstration erwartet werden. Die sich allerdings nicht gegen Terroristen wendet sondern einem Mann den Rücken stärken soll, der gerade im Begriff ist in der Türkei eine Säuberungsaktion durchzuführen, wie sie die gleiche Tageszeitung früher am liebsten bei kommunistischen Regimen moniert hat.

Ich bin kein Abonnent von regierungsnahen Tageszeitungen. Was aber nicht bedeuten muss, dass ich nicht manchmal nachvollziehen kann, was dort an Meinungen vertreten wird. Denn die derzeitigen Ereignisse in Deutschland lassen darauf schließen, dass offensichtlich erstaunlich viele Türken in Deutschland glauben, ihr Deutschland würde zur Türkei gehören. Und der Präsident würde nicht Gauck sondern Erdogan heißen. Weshalb Anhänger der Gülen-Bewegung, die Erdogan als Drahtzieher des Putsches betrachtet, bedroht, ihre Einrichtungen mit Hass-Parolen beschmiert werden. Im Internet wird zu Mord aufgerufen.

Doch natürlich darf man jetzt nicht alle Türken in Deutschland unter den gerne bemühten Generalverdacht stellen. Und schon gar nicht, um sich nicht in den Reihen der Alternative für Deutschland wiederzufinden. Falls es die überhaupt noch gibt. Man hat schließlich schon länger nichts Substantielles gehört. Es bleibt abzuwarten, wie die Demonstration am Sonntag in Köln verläuft. Erst dann lässt sich sagen, ob Erdogan, der ja alle Türken in Deutschland dazu aufgerufen hat, nicht vielleicht einen Putsch in Deutschland plant. Bevor noch länger sein Stolz und seine Ehre von hiesigen Medien und Politikern beschmutzt werden.

So wie er jetzt anderen Ländern unmissverständlich klar gemacht, dass es diese einen Scheißdreck angeht, was in der Türkei passiert, wäre es nicht verwunderlich, wenn er jetzt auch die in Innenpolitik in Deutschland in seine bewährten Hände nimmt. Ich habe mir vorsichtshalber schon einmal eine türkische Nationalflagge gekauft und ein Plakat mit dem Konterfei des türkischen Präsidenten. Das ich natürlich hinter Panzerglas gerahmt habe. Damit nicht irgendwelche Halbwüchsige es herunter reißen können und von Erdogan wegen Majestätsbeleidung vor den Kadi gezerrt werden.

Kaugummi und Schmetterlinge

Es gibt Dinge im Leben, die an einem hängen bleiben. Nicht wie klebriger Kaugummi sondern eher wie ein Schmetterling, der vergessen hat, wieder weg zu fliegen. Ich habe seit Jahrzehnten kein Gedicht mehr geschrieben. Doch kürzlich war ein Bekannter in Wien. Er hat mir in den höchsten Tönen von dieser Stadt vorgeschwärmt. Mich hat aber am meisten begeistert, dass mir ein Gedicht wieder einfiel, das ich vor gefühlt hundert Jahren geschrieben habe. Heute ist es mir in die Hände gefallen, weil ich etwas anderes suchte.

 

Eine Straße in Wien

 

Sie fiel vom Dach

Auf das Pflaster

Der Essiggasse

Der Sprung

Scheint logisch

Da sie

Auf das Leben

Sauer war

 

© peter b. heim

 

Kreisende Hubschrauber

Nachdem vorgestern Morgen zwei Mal ein Hubschrauber über unser Viertel geflogen ist, habe ich sofort bei der Polizei angerufen und gefragt, ob es einen Terroranschlag gegeben habe. Zwar wurde mir mitgeteilt, dass dies nicht der Fall sei. Aber seitdem Bundesinnenminister de Maizière nach dem eventuellen Anschlag in Hannover gesagt hat, dass er lieber nichts sagt, um die Menschen nicht zu beunruhigen, war ich mir gar nicht sicher, dass es auch bedeutet, dass es keinen Anschlag gegeben hat. Weshalb mir klar war, dass jetzt gehandelt werden muss. Wenn ich nicht das Leben meiner Frau und meiner Kinder aufs Spiel setzen will. Auch wenn die gar nicht mehr hier wohnen.

Jedenfalls habe ich daraufhin den weiten Weg zu unserer Eckkneipe nicht gescheut, weil ich weiß, dass dort um diese frühe Zeit so ziemlich alle Männer aus dem Viertel versammelt sind, die für mein Vorhaben geeignet sind. Dafür den ganzen Tag Zeit haben. Und nach der vierten Runde war dann die Gründung einer Bürgerwehr besiegelt. Es dauerte allerdings noch zwei weitere Runden, bis dann auch ein Einsatzplan aufgestellt worden war. Ich habe jetzt die Aufgabe, zusätzlich zu den nächtlichen Kontrollgängen eine syrische Familie und den jungen Türken und seine Freundin mit den kurzen Röcken in unserem Haus im Auge zu behalten. Was ein gewisser Ausgleich für die Kopftücher der jungen Mädchen aus der syrischen Familie ist.

Zum Glück haben unsere Eingangstüren noch einen Briefschlitz. Da bekommt man nicht nur akustisch einiges mit. Auf jeden Fall weiß ich jetzt schon, dass die syrischen Mädchen in der Wohnung kein Kopftuch aufhaben und morgens in Shorts rumlaufen. Und dass zumindest im Flur kein Sprengstoff gelagert wird. Das sieht man, weil der so ordentlich ist. Bei dem jungen Türken ist der Flur allerdings so voll gestellt, dass man nicht einmal sagen kann, ob nicht vielleicht doch ein Maschinengewehr im Schirmständer steht. Sicher ist bis jetzt nur, dass seine Freundin nackt in der Wohnung rumläuft und der Typ ziemlich viele neue Turnschuhe hat.

Weshalb ich mich frage, woher er das Geld dafür hat. Verdächtig finde ich auch, dass er morgens um Sieben aus dem Haus geht und erst abends um halb Sechs wieder nach Hause kommt. Vielleicht hat der IS jetzt ja auch schon seine Trainingslager für Selbstmordattentäter vor Ort eingerichtet. Das wäre jedenfalls eine plausible Erklärung dafür, dass der Typ den ganzen Tag weg ist. Und warum er nie in unserer Eckkneipe zu sehen ist. Weil er nämlich ein radikaler Muslim ist. Musst du ja auch sein, wenn du nie Alkohol trinkst. Und gerade jetzt fliegt schon wieder ein Hubschrauber über unser Viertel.

Entwarnung

Der Satz hatte etwas wirklich Beunruhigendes. Ließ an versiegende Ölquellen denken. Dass der Menschheit das Material für die Herstellung von Smartphones und anderer lebenswichtiger Geräte ausgehen könnte. Wälder verschwinden, von Wüsten geschluckt werden. „Über eine Ressource, die immer knapper wird“, lautete dieser Satz. Aber der dazugehörige Artikel befasste sich nicht mit Rohstoffen oder Teilen der Natur, die vom Menschen und den von ihm ausgelösten Entwicklungen gefährdet sind. Es ging um Zeit.

Zuerst dachte ich ja, dass vielleicht von einer wissenschaftlichen Sensation die Rede sei. Dass man festgestellt haben könnte, dass zwar das Universum unendlich aber die Zeit für die Menschheit jetzt so langsam abgelaufen wäre. Doch ich kann gleich Entwarnung geben. Der zugrunde liegende Gedankengang basierte leidglich auf der ja wohl eher subjektiven Wahrnehmung, dass immer mehr Menschen das Gefühl hätten, die Zeit reiche nicht aus, um alles zu erledigen, alles zu machen, was gemacht gehört.

Und natürlich ist es ein Wissenschaftler, der den Grund dafür kennt. Dass wir nämlich in einer Kultur leben, „in der unser Handeln…auf Effizienz angelegt ist. Dass es immer um „möglichst großen Ertrag“ ginge. Und da haben wir natürlich schon den Denk-Fehler. Nicht die Zeit wird knapper. Uns stehen nach wie vor 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Nur die Menschen sind immer weniger in der Lage, auch mal die berühmten „Fünfe“ gerade sein zu lassen. Was laut einer etymologischen Erklärung für dieses geflügelte Wort nichts anderes bedeutet, als alle Finger seiner Hand gerade sein zu lassen.

Sie zum Beispiel nicht um eine Handy zu krümmen. Um ein Lenkrad zu schließen. Eine Maus damit zu bedienen. Einen Schraubenzieher zu halten. Oder einen Cheeseburger. Sondern sie vielleicht gerade noch mit den anderen fünf Fingern ineinander zu verschränken und absolut nichts zu tun. In die Luft zu starren oder auf den Erdboden. Und das vielleicht auch einmal länger als drei Minuten. Um festzustellen, dass eigentlich nicht sehr viel passiert, wenn einmal nicht alles erledigt ist. Wir nicht auch noch dies und das getan haben. Weil es eigentlich nicht besonders elementar für unser Leben ist. Weil die Zeit nichts ist, was knapper wird. Sondern etwas, das man genießen kann. Wenn man sie sich dazu nimmt.

Große Vorbilder

Mindestens zwei besonders herausragende Beispiele gibt es aktuell. Sie besagen, dass man nur den Mut haben muss so richtig anzuecken, wenn man etwas erreichen möchte. Wenn man Erfolg haben will. Man muss Menschen vor den Kopf stoßen. Andere beleidigen. Lügen. Ob man nur Mut dazu braucht oder auch noch andere Eigenschaften, weiß ich nicht. Vielleicht sind auch noch komplette Verblödung oder eine psychische Störung notwendig. Eventuell eine total verkorkste Jugend. Jedenfalls scheint das Prinzip bei zwei Männern zu funktionieren. Der eine ist gerade dabei, sich sein persönliches osmanisches Reich zu kreieren. Mit Todesstrafe und allem drum und dran. Der andere ist auf dem besten Weg, ein Gefängnis ganz nach seinen Wünschen bauen zu können, das 9 Millionen Quadratkilometer groß ist.

Das weckt Begehrlichkeiten. Das will man auch haben. Weshalb ich ja neulich schon ein bisschen angefangen hatte. Erst nur mal ganz vorsichtig. Man muss ja nicht gleich übertreiben. Habe mich nur etwas über Menschen mokiert, die einem Trend hinterher laufen. Allerdings war der Erfolg mehr als mäßig. Offensichtlich war ich zu vorsichtig. Oder ich habe einfach die falsche Frisur. Jedenfalls haben die Massen noch nicht einmal virtuell die Fahnen geschwenkt. Um die Wahrheit zu sagen, es hat mir kein Einziger zugejubelt.

Und dann gab es Ereignisse, die mich davon abhielten, Menschen zu beleidigen und zu diskriminieren, andere zu belügen. Weil mir die Worte fehlten. Und ich muss zugeben, dass mir inzwischen die Motivation etwas abhanden gekommen ist. Wenn ich mir anschaue, was man tun muss, um in die Schlagzeilen zu kommen, bin ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob ein Leben in der Masse und als Unbekannter nicht vielleicht doch die erträglichere Variante ist. Wenn man das Wort „anständig“ nicht für unanständig hält. Nicht, dass ich nicht das Potential hätte. Aber ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob ich nicht alle Spiegel abhängen müsste, wenn ich auch so erfolgreich wäre, dass alle von mir sprechen.

Spaziergang

Es ist eine schöne Landschaft. Sanfte Hügel. Wiesen und Felder. Manchmal von einem kleinen Waldstück begrenzt. Sähe man nicht am Horizont einen Kirchturm, könnte man sogar glauben, dass es vielleicht eine menschenleere Gegend wäre. Eine Gegend, in der nur die Natur das Sagen hat. Was dem Ganzen einen friedvollen Anstrich gibt. So könnte man auf diesem Spaziergang alles vergessen, was sonst den Schlaf raubt. Man könnte sich im Blau des Himmels verlieren. Dem Gesang der Vögel lauschen. Sich mit einem zufriedenen Seufzer ins Gras sinken lassen und das alles von Herzen genießen. Was aber nur für einen kurzen Moment gelingt. Denn der Kopf spielt nicht mit. Er hat Bilder und Gedanken mitgenommen.