Archiv für den Monat September 2016

Schimon Peres

Manchmal wünsche ich mir, schon tot zu sein. Natürlich weiß ich, dass ich dann nicht mehr mitkriege, was über mich gesagt wird. Aber ich weiß auch, dass mein Tod meine Chancen ungemein erhöhen würde, dass auch mal etwas Gutes über mich gesagt würde. Vielleicht sogar nur Gutes. Wie man jetzt an Schimon Peres sieht. Keine Rede mehr davon, dass der israelische Altpräsident und Friedensnobelpreisträger durchaus als maßgeblich dafür bezeichnet werden kann, dass Israel eine Atommacht ist. Tatkräftig unterstützt übrigens von Frankreich, den USA, Großbritannien und der BRD.

Und ich bin mir natürlich im Klaren darüber, dass ich mit dieser Marginalie aus dem Leben des einstigen israelischen Verteidigungsministers jetzt gute Chancen habe, in Verdacht zu geraten, ein Antisemit zu sein. Glücklicherweise muss ich heute keine Rede bei einem Benefizkonzert für Gaza in der Münchener Erlöserkirche in Schwabing halten. Wie die in Deutschland lebende israelische Künstlerin und Kritikerin des Vorgehens Israels in Gaza, Nirit Sommerfeld. Sie wurde kurzfristig wieder ausgeladen mit dem Hinweis, dass es in der evangelischen Landeskirche „Vorbehalte“ gegen ihre Person gebe.

Vielleicht sollte ich also wenigstens einem Schützenverein beitreten oder einer Wehrsportgruppe, um wirklich wie ein Schimon Peres nach meinem Tode nur positiv gesehen und hoch gelobt zu werden. Und vor allem ist mir klar, dass ich nie wieder etwas gegen Israels Politik sagen darf, wenn ich jemals in Deutschland eine Rede halten möchte. Nicht nur die evangelische Landeskirche, auch Kaninchenzüchtervereine oder Lesezirkel sollen da sehr sensibel sein.

Urlaubspläne

Endlich mal wieder Brötchen vom Bäcker. Und gute Nachrichten von Helmut. Der jetzt eine Jacke von der Firma mit den drei Streifen und dem Emblem des Deutschen Fußballbundes trägt. Er sagt, dass Deutschland ganz offensichtlich den Flüchtlingsstrom weggesteckt hat. Zumindest finanziell. Schließlich habe man festgestellt, dass genug Geld da ist, um die Stromtrassen in den Süden der Republik unter die Erde zu verlegen. Was ja bekanntlich einige Milliarden mehr kosten würde als die Stromleitungen überirdisch zu führen. Aber halt viel schöner aussieht. Und dass jetzt auch noch der Horst Seehofer entschieden hat, dass der Münchener Flughafen unbedingt eine dritte Startbahn braucht, weil er so boomt, das wäre ein ganz sicheres Zeichen dafür, dass Geld wie Heu da wäre.

Helmut vermutet, dass die öffentlichen Kassen das Geld bei den versprochenen Sprach- und Integrationskursen für Flüchtlinge einsparen können. Weil es ja kaum noch Länder gäbe, die einen plausiblen Grund für eine Flucht liefern. Sagt Helmut. Weil aus den anderen Ländern ja kaum noch jemand raus käme. Wenn jetzt auch noch Ägypten und Libyen sichere Drittländer sind, sagt Helmut, dann kann man endlich wieder mal im Mittelmeer baden. Ohne Angst haben zu müssen, dass einem eine Leiche entgegen schwimmt. Wenn die Entwicklung so weitergeht, sagt er, dann fährt er nächstes Jahr wieder nach Jesolo.

Dresden

Konnte mich heute immer noch nicht dazu aufraffen, zum Bäcker zu gehen. Weshalb ich wohl nie erfahren werde, was Helmut davon hält, dass die freche Carolin Kebekus die AfD-Chefin Frauke Petry in einem Werbe-Video für ihre aktuelle Sendung, die am morgigen Donnerstag ausgestrahlt wird, als Bitch bezeichnet. Oder ob ihn die Tatsache beunruhigt, dass nach 71 Jahren in Dresden wieder Bomben explodieren. Dieses Mal allerdings höchstwahrscheinlich von Landsleuten gezündet, getrieben von der Angst um ein Deutschland, das kein Mensch von durchschnittlicher Intelligenz und mit einem Hauch Empathie wirklich haben möchte. Aber zumindest bin ich heute Morgen, als ich mein Porridge löffelte, zu der Erkenntnis gekommen, dass ich nicht anders bin als die anderen Menschen. Sie sind nur nicht so wie ich. Welche Erleichterung.

Viel Lärm um nichts

Bin heute noch einmal der Bäckerei fern geblieben und habe Porridge gefrühstückt. Obwohl mich brennend interessiert hätte, was Herr Helmut sagt. Aber nach dieser anstrengenden Nacht konnte ich mich einfach nicht dazu aufraffen. Um drei Uhr aufstehen und dann anderthalb Stunden auf dem Computer ein Rededuell der Giganten verfolgen, das in etwa so aufregend war wie die Sonntagspredigt unseres Pfarrers, das schlaucht ganz schön. Und ich muss zugeben, dass mich der schmalzgelockte Donald Trump mehr enttäuscht hat als die dauergrinsende Hillary Clinton. Ich hatte mir von ihm zumindest ein paar verbale Entgleisungen im bewährten Stil erhofft. Aber nichts, was einen Shit-Storm wert wäre. Wohingegen Frau Clinton leider alle meine Erwartungen erfüllte.

Ihr Auftritt war offensichtlich bis ins letzte Detail vorbereitet und tagelang geprobt. Trump hätte sagen können, was er wollte, sie wäre keinen Millimeter aus der Rolle gefallen. Was eben auch ein bisschen enttäuschend ist. Allerdings konnte ich doch eine nicht unerhebliche Erkenntnis aus diesem TV-Wahlkampftheater gewinnen. Bei Hillary Clinton ebenso wie bei Donald Trump war die Frisur zu keinem Zeitpunkt des Rededuells, das höchstwahrscheinlich nicht unerheblich für den Wahlausgang ist, in irgendeiner Form gefährdet. Die Frisuren sind nach meiner Einschätzung also nicht ausschlaggebend für die Entscheidung der amerikanischen Wähler, wer Präsidentin bzw. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Immerhin.  

Verhandlungsergebnis

Um wenigstens einen Beschluss vorweisen zu können, hat der UN-Sicherheitsrat darüber abgestimmt, in Zukunft das Wort „Zynismus“ durch „Aleppo“ zu ersetzen. Es wurde außerdem vorgeschlagen, dies auch für den allgemeinen Sprachgebrauch auf Länderebene zu übernehmen, da oft bezüglich Schreibweise und Bedeutung des Wortes „Zynismus“ Unsicherheit bestehe. Was im Zusammenhang mit dem Wort „Aleppo“ inzwischen wohl nicht mehr zu befürchten sei. Selbst Russland hat nicht gegen diesen Beschluss gestimmt sondern sich nur der Stimme enthalten.

Meerjungfrauen

Wer angesichts von Krieg und Vertreibung, Hunger und Elend, Klima- und sonstigen Katastrophen befürchtet, dass diese Welt aus den Fugen gerät, der kann beruhigt werden. Es gibt noch starke Anzeichen dafür, dass nicht alles den Bach runter geht. Dass Menschen noch fähig sind, dem Leben schöne Seiten abzugewinnen. Dass es nicht nur Zerstörung gibt sondern glücklicherweise immer noch Menschen, die die Menschheit mit Kreativität und innovativen Ideen beglücken können. Zum Beispiel mit den 1. Deutschen Meisterschaften im Meerjungfrauenschwimmen, die jetzt im thüringischen Suhl ausgetragen wurden.

Und nicht nur beweisen, dass man selbst im Osten der Republik dem Fremden durchaus auch offen gegenüber steht. Sie zeigen auch, dass die Gender-Diskussion allenthalben Erfolge feiert. Denn schließlich sind sogar Knaben und Männer bei dieser Meisterschaft zugelassen, und es wird in sechs Altersklassen geschwommen, die von 8 bis 100 Jahre reichen. Auch wenn nicht in Erfahrung zu bringen war, ob auch Meerjungfrauen im Burkini zugelassen waren, die 1. Deutschen Meisterschaften im Meerjungfrauenschwimmen sind ein Sinnbild für unsere offene Gesellschaft und die Gleichberechtigung der Geschlechter.

 

Verlust

Obwohl heute Samstag ist, habe ich den Bäcker und Herrn Helmut ausfallen lassen. Ich habe mir Porridge gemacht. Denn schon gleich nach dem Aufstehen habe ich erfahren, dass Max Mannheimer tot ist. Fragen sich jetzt natürlich nicht wenige, wer um alles in der Welt Max Mannheimer ist. Oder sie sagen: Na und! Marylin Monroe ist auch tot! Aber wenn auch die Jugend von Marylin Monroe ebenfalls nicht gerade die schönste war, immerhin war sie nicht im KZ. Aber Max Mannheimer. Und danach hat er den Rest seines Lebens mehr oder minder damit zugebracht, das Erlebte dadurch zu verarbeiten, dass er jungen und natürlich auch älteren Menschen von seinen Erlebnissen erzählt hat. Vom sogenannten Dritten Reich.

Und das, damit vielleicht die Eine oder der Andere sich ein paar Gedanken macht, sich eventuell sogar ebenfalls und in Zukunft dafür einsetzt, dass sich dieser Teil deutscher Geschichte nie wieder wiederholt. Max Mannheimer hat ohne jede Larmoyanz von dem erlitten Leid erzählt, lieber mit jüdischem Humor gewürzt das eigentlich Unsagbare gesagt. Und ich frage mich, wer das jetzt übernehmen soll. Auch weil ich diverse Male das Privileg hatte, ihm zu begegnen. Mit ihm zu sprechen. Ihn und die Reaktionen seines Publikums, vorrangig junge Menschen, zu beobachten. Ich hätte ihm das ewige Leben gewünscht, damit er mit seiner Arbeit fortfahren kann.

Brangelina

Kein guter Tag. Nicht nur, dass es heute Morgen keine Sesambrötchen mehr gab, es hat sich auch herausgestellt, dass sich Helmut nicht nur für Politik interessiert. Er sieht sich offensichtlich auch Sendungen wie „Brisant“ oder „Exklusiv: Das Starmagazin“ an. Jedenfalls hat er sich beim Brötchenkauf kurz aber eindrucksvoll zur Trennung von Angelina Jolie und Brad Pitt geäußert. Dass er, Helmut, nämlich keinen Zweifel daran habe, dass sie, Angelina, das mit der Kindesmisshandlung und den Ausrastern von Brad unter Alkohol und Drogen nur erfunden hat. Einmal abgesehen davon, dass eine Ohrfeige einem Kind noch nie geschadet habe, wie man an ihm sehen könnte.

Weil sie nämlich, sagt Helmut, gemerkt hat, dass sich bei ihr so langsam die Cellulitis nach oben arbeitet. Es also nur eine Frage von Zeit ist, bis sie keine Filmangebote und auch keinen neuen Mann mehr kriegt. In Hollywood die Filmangebote und die Ehen aber immer zeitlich begrenzt sind. Die Scheidung jetzt ist nichts anderes als ihre Altersvorsorge. Sagt Helmut. Denn mit Kindesmisshandlung könnte sie dem Brad in den USA so richtig das Geld aus der Tasche ziehen. Damit könnte sie ihm auch noch die letzte Traube von ihrem Weingut in Frankreich raus pressen. Er habe da so seine Erfahrungen, sagte Helmut beim Rausgehen und vergaß sogar, einen schönen Tag zu wünschen. Er schien sehr aufgewühlt.

Bescheuert

Man könnte meinen, dass Herr Helmut die Zeitung zeitversetzt liest. Fängt er doch heute Morgen beim Bäcker an, sich über die Leute aufzuregen, die sich über den CSU-Generalsekretär Scheuer aufregen. Denn es könnte gar nicht anders sein, sagte er, als dass der Generalsekretär falsch zitiert worden wäre. Der würde niemals im Leben gesagt haben, dass das Schlimmste ein fußballspielender, ministrierender Senegalese wäre, der über drei Jahre da wäre, und den man nie wieder würde abschieben können. Denn schließlich, sagte Helmut heute Morgen beim Bäcker,  ist der Scheuer ein Mann mit Abitur, der sich auch mit Fußball auskennt.

Und deshalb würde er ganz genau wissen, dass es in der ganzen Bundesliga nur einen einzigen Senegalesen gegeben hat. Und schon gar nicht würde der Senegalese ministrieren. Weil er nämlich ein Muslim ist. Das habe er selber gegoogelt, sagte Herr Helmut. Und er, Helmut, würde viel eher glauben, dass es in Wirklichkeit ein Satz von dem Gerhard Polt wäre, den da jemand der Mittelbayerischen Zeitung untergejubelt habe. Wahrscheinlich war’s der Böhmermann, sagte der Herr Helmut, der Scheuer ist doch nie im Leben so bescheuert. Nahm seine Brötchen und ging.

 

Quelle: http://www.br.de/radio/bayern1/sendungen/mittags-in-niederbayern-und-der-oberpfalz/scheuer-senegalese-aussage-100.html

 

Kuhhandel

In einem Leben gibt es Ereignisse, die keinen Stein auf dem anderen lassen. Die alles über den Haufen werfen, was bisher ganz selbstverständlich zu diesem Leben gehörte. Und davon kann auch ich jetzt ein Lied singen. So elementar war dieses Erlebnis, dass ich sogar meine Frühstücks-Gewohnheiten geändert habe. Seit ich denken kann, habe ich morgens Porridge gegessen. Natürlich die klassische Version. Nur mit Wasser und ein klein wenig Salz. Doch jetzt bin ich zu der Auffassung gelangt, dass das Leben zu kurz ist, um immer nur Porridge zum Frühstück zu essen. Seit gestern gehe ich morgens zum Bäcker und kaufe mir Brötchen. Und nicht nur die aus Vollkorn. Auch ganz normale Schrippen. Oder sogar Brezen.

Aber es sind nicht nur die Brötchen, die mein Leben verändern. Ich habe auf diese Art und Weise auch Helmut kennen gelernt. Helmut kauft auch jeden Morgen Brötchen. Und nutzt seinen Besuch beim Bäcker, um alle, die es hören wollen, mit seiner Sicht auf die Welt vertraut zu machen. Natürlich auch die, die es nicht hören wollen. So lange, wie die Verkäuferin braucht, um seine morgendliche Bestellung zusammen zu stellen und einzupacken, referiert er über seine neuesten Erkenntnisse. Und hält auch mit seiner persönlichen Meinung nicht hinter den Berg.

So hat sich Helmut, von dem ich den Nachnamen nicht weiß, gestern also über die Meldung ausgelassen, dass jetzt Bauern 14 Cent für jeden Liter Milch bekommen, den sie nicht produzieren. Ich möchte wirklich gerne wissen, hat Herr Helmut gesagt, wie ein Bauer das seinen Kühen erklären will. Denn wenn zum Beispiel so eine Kuh stur ist, hat er gesagt, dann gibt sie doch einfach weiter Milch. Und für die würde ein Bauer dann ja kein Geld bekommen. Denn das Geld wäre ja wohl nur für Milch, die es nicht gibt. Was ein weiteres Problem ergäbe. Woher will man eigentlich wissen, hat der Herr Helmut gesagt, wie viel Liter Milch eine Kuh nicht gibt. Und als ich dann zu Hause meine Brötchen dick mit Marmelade bestrichen habe, war ich mir nicht mehr so sicher, ob dieser Helmut nicht vielleicht Recht hat mit seinem Einwand.