Archiv für den Monat April 2017

Einschlafhilfe

Schlaflosigkeit kann auch gute Seiten haben. Zum Beispiel, wenn sie zu einer Erkenntnis verhilft, die gerade zu Zeiten, in denen Rüstungskonzerne wie Rheinmetall gerne auch mal autokratischen Systemen unter die Arme greifen, um unliebsame Kritiker ins Jenseits zu befördern. Sich im Norden Afrikas wie in früheren Jahrhunderten die Sklaverei als ausgesprochen einträgliches Geschäft erweist. Oder das weltweite Töten und der Niedergang von liberalen Sichtweisen von der Aussage des angeblich mächtigsten Mannes der Welt gekrönt werden, er sei davon überzeugt, „dass die ersten 100 Tage meiner Regierung die schier erfolgreichsten in der Geschichte unseres Landes waren“ (Quelle: dpa).

Jedenfalls konnte ich dank dieser Schlaflosigkeit eine TV-Dokumentation sehen, in der über ein Projekt in China berichtet wurde. Wo in der Region um Hauptstadt Peking Sandstürme und der Vormarsch der Wüste mit einem gigantischen Bepflanzungs-Programm erfolgreich eingedämmt werden. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus vielen Teilen der Welt. Was doch ein sehr schönes Kontrastprogramm ist zu Mauern als Problem-Lösung. Auf jeden Fall bin ich anschließend ganz ohne Probleme mit dem tröstlichen Gedanken eingeschlafen, dass er kann, der Mensch. Wenn er will. Vielleicht sollte ich heute Abend wieder eine TV-Dokumentation anschauen.

Feinstaub

Der Diesel ist die Skandal-Nudel der Saison. Wenn man einmal von dem einen oder der anderen Politikerin absieht. Und das Hersteller-übergreifend. Mehr Feinstaub, als man sich über all die Jahre seines Siegeszuges vorstellen konnte. Oder wollte. Abgase bis zum atemlosen Abwinken. Der Hustenreiz in den Städten wird schließlich immer stärker. Und was kaum jemand erwartet hat, Deutschland hat das großartige Ziel von einst, weniger CO² ins Weltall zu blasen, nicht nur haarscharf, sondern meilenweit verfehlt. Und das auch, weil selbst für die Fahrt zum 1,2 Kilometer entfernten Kindergarten am liebsten und immer mehr PS-starke SUVs benutzt werden.

Weshalb sogar mein Golden Retriever kapiert hat, dass jetzt vielleicht ein guter Zeitpunkt wäre, mit aller Kraft an der Lösung des Problems zu arbeiten. Dafür zu sorgen, dass vielleicht nicht nur Dieselmotoren weniger Dreck zum Auspuff raus blasen. Dass Autos weniger verbrauchen, weil sie nur noch so viele PS haben, wie sie brauchen, um Personen zu befördern. Und nicht das Ego des Fahrers. Doch leider hat man es ganz schlecht getroffen. Denn dafür hat die Automobil-Industrie  zwar durchaus das Geld. Aber keine Zeit. Denn jetzt müssen erst einmal Autos entwickelt werden, die autonom fahren. Was natürlich auch Sinn macht. Kein Mensch kann mit einer Gasmaske anständig Auto fahren.

Hurra

Da werden sie aber jubeln, die abgehängten, arbeitslosen Arbeiter im sogenannten Rust Belt. Denen US-Präsident Donald Trump doch versprochen hatte, dass er ihnen nicht nur ihre Würde als Amerikaner sondern auch ein ausreichendes Einkommen zurück geben würde. Die Google-Mutter Alphabet hat jedenfalls im ersten Quartal dieses Jahres einen Gewinn von 5,43 Milliarden Dollar eingefahren, wie gerade bekannt wurde. Bei Microsoft belief sich der Nettogewinn immerhin noch auf 4,8 Millionen Dollar für die ersten vier Monate. Ob Alphabet seine Geldreserven von circa 92 Milliarden Dollar an die Arbeiter aus dem Rust Belt direkt auszahlt oder für den Bau der Mauer an der Grenze zwischen den USA und Mexiko spendet, ist aktuell noch nicht entschieden.

Feministin Ivanka

Wenn das nicht der Beweis ist, dass sich nicht nur die Haarfarbe vom Vater auf eine Tochter vererben kann. Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst soll die großartige Idee gehabt haben, die Präsidenten-Beraterin – vermutlich für Stil-Fragen – und -Tochter Ivanka Trump zum „Women20 Summit“ zu einer Podiumsdiskussion einzuladen. Dem Gipfel der Frauen im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft. Wo über die Förderung von weiblichem Unternehmertum diskutiert wurde

Und dort saß dann die US-amerikanische Modeexpertin neben der niederländischen Königin Maxima, IWF-Chefin Christine Lagarde, Angela Merkel oder  der kanadischen Außenministerin Chrystia Freeland. Und sie hatte einiges zu sagen. Dass zum Beispiel das Verhältnis ihres Vaters zu Frauen immer gut gewesen sei. Sie selber eine Feministin wäre. Ivanka Trump soll sich außerdem zu Frauenrechten bekannt und gesagt haben, sie sei für die Gleichheit der Geschlechter.

Letzteres dürfte wohl dem Vater und US-Präsidenten nicht so sehr gefallen haben. Denn wenn es wirklich eines Tages so weit kommt, dass alle Geschlechter gleich sind, wer wird dann noch wissen können, wem man wo hinlangen muss, um trotzdem noch ein ganzer Kerl zu sein. Ob dann überhaupt noch Frustabbau durch das Versenden von Flugzeugträgern möglich ist, das ist die große Frage. Vielleicht bleibt dann nur noch das Zünden einer Atombombe.

Willkommen im Club

Laut Meldungen soll sich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ernsthaft überlegen, ob er nicht besser ein vorgesehenes Treffen mit dem Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Sigmar Gabriel, absagen sollte. Dieser hatte die Absicht geäußert, anlässlich seines Besuches in Israel auch mit Nichtregierungsorganisationen zu sprechen. Unter denen auch welche sind, die die israelische Siedlungspolitik kritisieren. Mit der Völkerrecht verletzt wird. Nach einem Bericht des israelischen TV-Senders Channel 2 habe Netanjahu Außenminister Gabriel vor die Wahl gestellt, sich entweder mit den Menschenrechtlern zu treffen – oder mit ihm.

Allerdings scheint die Entscheidung sowieso schon gefallen zu sein. Auf dem von Netanjahus Büro veröffentlichten aktuellen Terminplan des israelischen Ministerpräsidenten ist ein Treffen mit Außenminister Gabriel nicht aufgeführt. Eine wirkliche Überraschung ist jedoch, dass Meldungen in Deutschland über dieses Ereignis damit aufgemacht werden, dass der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland bei seinem Besuch in Israel für Aufregung respektive Ärger sorgen würde. Und dass Netanjahu noch nicht von Nazi-Methoden gesprochen hat.

Emmanuel und Marianne

Auch so etwas gibt es: Ein Mann rettet eine Frau. Zumindest vorläufig. Dank Emmanuel Macron hat die französische Marianne bis zum 7. Mai noch eine weitere Schonfrist. Dann ist natürlich erneut die Frage, ob Frankreich im Chaos aus Xenophobie, Nationalismus und Islam-Hass versinkt. Oder Europa doch noch vor Marine Le Pen gerettet wird. Und frankophilen Urlaubern sei jetzt schon  einmal gesagt, dass die gesamte Côte d’Azur fest in der Hand des Front National ist.  

Bürgerkrieg in Köln

Und jetzt das Wort zum Sonntag, heute aus der Schublade eines abgehängten deutschen Wutbürgers und nicht redigiert: „Doofland steht kurz vor einem Bürgerkrieg. Linke gegen Rechte, Türken gegen Deutsche, Ossis gegen Wessis ,jeder gegen jeden ,Es wird Zeit dass dieser Staat endlich von der Bildfläche verschwindet .Ich schäme mich deutscher zu sein…“

Der Mann, der so einen Beitrag im Internet über den AfD-Parteitag in Köln kommentierte, hatte wohl eine stark alkoholgetränkte Nacht hinter sich, als er das geschrieben hat. Zumindest wäre es ihm zu wünschen. Denn wenn dies seinem naturgegebenen Geisteszustand entsprechen würde, müsste man ernsthaft über therapeutische Maßnahmen nachdenken. Zu seiner Entlastung sei außerdem gesagt, dass er diese Zeilen schrieb, bevor die große Party der AfD-Gegner zu Ende war.

Die Zahlen schwanken. 50.000 sollen es gewesen sein, die in Köln protestierten. Gesichert ist eine Zahl: In diesem Bürgerkrieg gab es zwei leicht verletzte Polizisten. Ansonsten viele Reden und, wie bereits angedeutet, Party-Feeling. Und bei Anhängern der AfD viel Enttäuschung. Man vermisste es, dass der Mob nicht die Gewalt gelieferte, die die korrekt gekleideten AfD-Delegierten zu Märtyrern und Opfer gemacht hätte.

Und das, obwohl die AfD-Württemberg einen Aufruf gestartet hatte: „Linke Gewalt – Parteitag Köln
Wir veröffentlichen Eure Aufnahmen. Ob Videos oder Bilder : Wir geben dem Terror ein Gesicht!
Kontaktiert uns über den Nachrichtbutton. Wir veröffentlichen die Aufnahmen das ganze Wochenende.“ Akribische Recherche zeigte allerdings, dass offensichtlich kein Beitrag über den Terror aufzutreiben war.

So blieb nur die Erkenntnis, dass der Protest gegen die Völkischen von der AfD in Köln mehr Volk auf die Straßen brachte als jemals die AfD-Newcomerin Alice Weidel bei ihren Auftritten Zuhörer hatte. Und dass, obwohl sie in Diktion und Gestik und mit ihrem BDM-Flair das Zeug hätte, nach dem fortwährenden Verblassen der Noch-Vorsitzenden Frauke Petry die deutsche Marine Le Pen werden. Doch zumindest hat die AfD von Donald Trump gelernt. Nach ihrer Zählung waren gerade mal 6.500 Demonstranten in Köln.

MARINE IS PEN

Besser hätte es für sie nicht kommen können. Würde man zur Riege der Verschwörungstheoretiker und Fake-News-Freunde gehören, man würde sofort und auf allen Social-Media-Kanälen behaupten, dass sie den Anschlag in Auftrag gegeben hat, für den sich der sogenannte IS für zuständig erklärt hat. Und vergegenwärtigt man sich die Geschwindigkeit, mit der Marine Le Pen auf den Mordanschlag auf französische Polizisten auf den Pariser Champs-Élisée reagierte, könnte man fast daran glauben. Natürlich waren ihre Versprechungen nicht ganz neu, aber für diesen Anlass wurden sie von der uneingeschränkten Führerin des rechten Front National noch einmal auf den Punkt gebracht.

Marine Le Pen fordert ein Ende des Schengen-Abkommens, damit sich endlich wieder Frankreich um die Grenzen kümmern kann. Wie erfolgreich das sein dürfte, zeigen zum Beispiel die Terroranschläge auf der britischen Insel. Außerdem will sie verdächtige Moscheen schließen, was im aktuellen Fall auch geholfen hätte, denn der Attentäter von den Champs-Élisée gehört zwar dem Islam an, wurde aber laut seinen Nachbarn dort so gut wie nie gesehen.

Sofort greifen würde sicher eine weitere Maßnahme, die Le Pen für den Fall ihrer Wahl zur Präsidentin Frankreichs versprach: Sofortige Ausweisung aller nicht-französischen „Gefährder“, Aberkennung der französischen Staatsbürgerschaft und Ausweisung bei Doppel-Pass. Denn nicht nur der Polizisten-Mörder von den Champs-Élisée sondern auch beispielsweise die Attentäter vom Bataclan hatten nur einen französischen Pass. Ihnen die Staatsbürgerschaft abzuerkennen erlaubt leider die Verfassung nicht. Aber immerhin will Le Pen etwas für französische Polizisten tun. Sie hat der Polizei gerade 10.000 weitere Stellen in Aussicht gestellt. Aber nur, wenn sie die Front-National-Front-Frau wählen.

Dichtung und Wahrscheinlichkeit

Irgendein kluger Kopf hat einmal gesagt, dass die Wirklichkeit seltsamer sei als alles, was erdichtet werden kann. Weil sich nämlich die Vorstellungskraft an Wahrscheinlichkeiten halten müsse. Aber die Wirklichkeit nicht. Weshalb es also nicht verwundern darf, wenn ein mutmaßlicher Täter darauf abzielte, Menschen zu töten und zu verletzen, um so an der Börse Gewinn zu machen. Das ist zumindest das Szenario, das sich nach aktuellen Erkenntnissen der Polizei hinsichtlich des Anschlags auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund ergibt. Der Plan: mit einem Kurssturz der BVB-Aktie wegen einer dezimierten und deshalb erfolglosen Fußball-Mannschaft Geld zu machen. Was mit sogenannten Put-Optionen, bei denen auf fallende Kurse eines bestimmten Wertpapiers gewettet wird, ganz legal möglich ist.

Weshalb man sich in diesem Fall nicht nur die Frage nach der Skrupellosigkeit von Menschen stellen darf. Viel interessanter erscheint die Frage, von welchem Geist Börsengeschäfte geprägt sind, dass solche Skrupellosigkeit von ihnen befördert wird. Wie krank muss ein Geschäftsmodell sein, um das kranke Gehirn eines Menschen derart zu beflügeln. Das Börsengeschäft soll der Verdächtige übrigens mit einem Verbraucherkredit finanziert haben. Daran sollte man sich vielleicht erinnern, wenn die Bank mal wieder bei einem Anschaffungsdarlehen Schwierigkeiten macht.

Wie sehr an der Wahrscheinlichkeit orientiert erscheint da hingegen der Terroranschlag in Paris am gestrigen Abend auf den Champs–Élisées, bei dem ein Polizist getötet und zwei weitere Polizisten verwundet wurden. Dieser Attentäter, den übrigens wieder einmal der sogenannte IS für sich beansprucht, hatte schon im Vorfeld kund getan, dass es ihm einfach nur darum ging, Polizisten zu töten. Habgier fällt also wenigstens weg. Was allerdings bleibt, das ist das fortwährende Gefühl, dass es einem mitunter also fast lieber wäre, wenn sich Menschen mehr darauf beschränken würden, was Dichtung und damit verbundene Vorstellungskraft wahrscheinlich erscheinen lassen. Denn die Vorstellung, dass der Mensch nur gut sei, das ist weder Dichtung noch Wirklichkeit. Das ist ein eklatanter Realitätsverlust.