Archiv für den Monat Juli 2017

Wunder des Alltags

Solche Tage sind zwar selten. Aber es gibt sie. Man wacht morgens auf mit dem Gefühl, dass ab jetzt alles anders ist. Mit kleinen Einschränkungen natürlich, wie der erste Blick in den Kühlschrank beweist. Doch schon gleich nach dem Frühstück ist der Elan unübersehbar, mit dem die Aufgaben des Tages angegangen werden. Was sich auch bis in den späten Vormittag fortsetzt, zumindest bis zu dem Moment, da man eigentlich einen Gesprächspartner bräuchte, der die Sache mit demselben Elan angeht. Ist aber leider Fehlanzeige, weshalb die Angelegenheit erst mal zurückgestellt werden muss. Ist halt eine Behörde.

Doch der Eindruck, dass ganz offensichtlich nicht alle Menschen gleich sind, setzt sich auch beim Einkauf fort, erfährt bei der Fahrt zum Arzt weitere Bestätigung, um dann im Wartezimmer zu einer Gewissheit zu werden, die ähnlich unumstößlich zu sein scheint, wie die Behauptung von Kopernikus, dass die Erde um die Sonne kreise.

Wohingegen sich dann nach der Heimkehr und der Sichtung der virtuellen und papierbasierten Post die Erkenntnis hinzugesellt, dass im Gegensatz zur Erde ganz offensichtlich der Großteil der Menschheit um sich selber kreise. Weshalb sich das Gefühl breit macht, dass eigentlich alles wie immer sei, und es somit also auch keinen Grund gebe, zum Nachtisch nicht mehrere Löffel aus der XXL-Box mit köstlichem Mango-Eis auf den Teller zu wuchten. Beim Löffeln lässt sich dann wohlig an die morgendliche Aufbruchsstimmung denken.

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Ein sauberes Dorf

Diese Idee ist großartig. Ansätze dazu gab es ja schon seit geraumer Zeit. Man baute ein Hotel in einer mitunter durchaus großzügig bemessenen Anlage. Sorgte dafür, dass alles für einen Urlaub Notwendige vor Ort war, also Restaurants, Schwimmbecken, Friseur und Massagesalon. Und erleichterte durch ein all-inclusiv-Angebot den Hotelgästen die Entscheidung, ob sie es sich zumuten sollten, das Areal zu verlassen und sich vielleicht sogar unter die einheimische Bevölkerung zu mischen.

Jetzt wurde das Prinzip perfektioniert. In der Toskana ist aus einem verlassenen Dorf ein Urlaubsdorf entstanden. Ein deutsches Reiseunternehmen hat das organisiert und finanziert, das Dorf mehr oder minder gekauft und dann renoviert. Jetzt ist dort, wo früher die Besamungsanstalt war, ein Café. Und ein paar Italiener gibt es trotzdem. Im Dienstleistungssektor. Alles sieht also bilderbuchmäßig nach Toskana aus. Aber eben ohne Altbaumängel und so sauber, dass man überall in den Straßen barfuß gehen kann.

Man bleibt also unter sich in diesem Dorf in der Toskana, ist aber nicht in einer Hotelanlage eingesperrt. Man kann das Hotel verlassen, ohne Angst haben zu müssen, mit dem ja oft deprimierenden Leben von Einheimischen konfrontiert zu werden. Kann also die Toskana genießen, ohne verlassene Häuser sehen zu müssen, Arbeitslose, die vor Cafés rumlungern. Oder, noch schlimmer, von Flüchtlingen aus Afrika belästigt zu werden, die einem Regenschirme verkaufen wollen, damit sie sich was zu essen kaufen können.

Das einzige Problem ist eigentlich nur noch die Reise dorthin. Mein Vorschlag: Flug bis Florenz. Wo Shuttle-Busse mit geschwärzten Fenstern warten. Im klimatisierten Inneren werden zu italienischer Musik und bei einem Gläschen Montepulciano Filme mit toskanischer Landschaft gezeigt. Über die Klimaanlage wird der Duft von italienischen Kräutern ins Businnere geblasen. Wenn dann der Gast in dem deutschen Toskana-Dorf aussteigt, besteht kein Zweifel mehr, dass er am Ziel seiner Träume angekommen ist.

Endlich Urlaub

Es soll ja Menschen geben, die nicht in Urlaub fahren können. Weder an den Gardasee noch nach Tibet oder zu den Osterinseln. Weil sie entweder alt und gebrechlich sind. Oder einfach kein Geld für eine Urlaubsreise haben. Und angeblich soll es dann auch noch ein paar wenige Menschen geben, die einfach nicht wegfahren wollen. Weil es ihnen zu Hause so gut gefällt. Ich persönlich kenne zwar niemanden, der das behauptet, aber wollen wir es einfach mal glauben. Alle anderen fahren jedenfalls in den Urlaub.

Aber warum verbringen Menschen Stunden im Stau? Warum bilden sie lange Warteschlangen an den Schaltern auf dem Flughafen? Riskieren oft auch ihre Ehe? Einfach nur, weil Goethe mal behauptet hat, dass Reisen bildet? Oder Immanuel Kant schrieb, es entwöhne von allen Vorurteilen des Volkes, des Glaubens, der Familie und der Familie? Wobei letzteres sich ja schon als höchst unwahrscheinlich erwiesen hat, denn schließlich sind wir Deutschen nicht nur Export- sondern auch Reiseweltmeister. Oder zumindest in der Spitzengruppe. Weshalb es eigentlich ja kaum noch Vorurteile geben dürfte.

Aber der Trend ist ja unüberseh- und hörbar eher rückläufig. Anstatt dass Reisen tödlich sind für Vorurteile, wie von Mark Twain behauptet, sind diese quicklebendig und vermehren sich wie Springkraut. Und ganz nebenbei arbeitet Reisen auch noch kräftig auf den Klimawandel hin. Weshalb sich die Vermutung aufdrängt, dass der Bildungsanspruch und die Entwöhnung von Vorurteilen eher zweitrangig geworden sind. Wie sich auch hier in unserem idyllischen Resort mit Pool und drei Restaurants in orientalischer Architektur zeigt, hat wohl eher Kurt Tucholsky Recht. Er sagte, dass man als deutscher Tourist im Ausland vor allem vor der Frage stehe, „ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon andere deutsche Touristen dagewesen sind“.Orientalische Architektur

Lust at least

Es war nun nicht gerade eine groß aufgemachte Meldung auf der ersten Seite. Aber mir ist sie schon ein paar Worte wert. Denn sie räumt wieder einmal auf mit dem Glauben, dass alleine das Propagieren von Sichtweisen auch bedeuten könnte, dass diese auch uneingeschränkt geteilt würden. Dass nämlich eine Frau bis vor den Europäischen Gerichtshof gehen musste, um zu einem Recht zu kommen, von dem wohl viele glaubten, dass es schon seit Jahrzehnten nicht mehr zur Debatte stünde, ist exemplarisch. Der Auslöser dafür ist heikel. Er spielt in einer Körperregion, die zum Beispiel von Facebook sofort gelöscht wird.

Dort wurde die Frau nämlich bei einem Eingriff so schwer verletzt, dass fortan jede Kopulation (notfalls googeln) mit Schmerzen verbunden war. Und dann hatte sie auch noch das Pech in Portugal zu leben und vor Richtern männlichen Geschlechts zu landen. Die befanden nämlich, dass für eine Frau in ihrem Alter (50 Jahre) Sex nun wirklich nicht mehr so wichtig sei, weshalb es ja auch nichts ausmache, dass die Vereinigung mit einem Mann schmerzhaft sei. Was beweist, dass Männer ein Fels in der Brandung sind. An ihnen perlen auch emanzipatorische Entwicklungen ab wie auf einem Blatt der Lotusblüte.

Fairtrade im Bauhof

Ein interessantes Thema. Fairtrade könnte schließlich ein Weg sein, Menschen in Afrika eine Existenz zu sichern. Und ganz nebenbei auch dafür sorgen, dass weniger Menschen im Mittelmeer ertrinken, und das BAMF vielleicht endlich mal mit den Asylanträgen hinterher kommt. Kein Wunder also, dass der kleine Saal voll war, als zu einer Diskussion geladen wurde. Und es war wirklich Interessantes zu erfahren. Nämlich von einem CSU-Politiker gefühlte 187 Mal, dass der CSU-Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gerd Müller heißt. Mein Sitznachbar hat mir übrigens bestätigt, dass es sich dabei nicht um den Fußballspieler handelt.

 Immerhin war von den Initiatoren auch noch etwas über die Kalkulation für Fairtrade Kaffee zu erfahren, und dass man eine Initiative starten könne, damit auch die Lufthansa nur noch Fairtrade Kaffee in den Flugzeugen ausschenkt. Dann wurde von den anwesenden Politikern und einer Politikerin darüber referiert, was nicht nur CSU sondern auch SPD und ÖDP alles zu tun gedenken, damit sie in Regierungsverantwortung kommen und somit Afrika geholfen wird. Weshalb mir plötzlich wieder einfiel, dass erstens im September Wahlen sind, und ich mich, zweitens, ja momentan in Bayern befinde.

Wo ein Mann 15 Jahre der Chauffeur eines Landrats war. Dem Vernehmen nach unfallfrei. Dann wurde er wegen seiner AfD-Zugehörigkeit in den Bauhof strafversetzt. Der Chauffeur ist seit der Gründung des AfD-Kreisverbandes Mühldorf im November 2016 Beisitzer im Vorstand. Der Landrat ist natürlich Mitglied der CSU. Weshalb dieser Vorgang nicht unbedingt der Erwähnung wert wäre, wenn jetzt nicht im Rahmen einer Klage des strafversetzten Chauffeurs entschieden worden wäre. Er kehrt nämlich nicht ans Lenkrad des Dienstwagens des Landrats zurück, sondern wird nun als Sachbearbeiter im Bereich Asyl eingesetzt. Vielleicht ist er dort ja zuständig für Afrika.

Bluthochdruck

Es ist Besserung in Sicht. Hatte ich mich doch gestern noch beschwert darüber, dass ich mich nicht mehr richtig aufregen könnte über all das, was man so erfährt von dieser Welt und den Menschen, die sie zugrunde richten, so bin ich heute schon sehr viel zuversichtlicher. Und es war ganz einfach. Ich habe mir die schriftliche Wiedergabe eines Interviews mit einem ungarischen Politiker zu Gemüte geführt. Und damit die Wirkung auch ein bisschen anhält, auch noch jene eines Interviews, das ein US-Präsident mit der New York Times gerade erst geführt hat.

Und das hat meinen Kreislauf so richtig auf Touren gebracht. Inklusive einer starken Phase von Bluthochdruck und anschließender Einnahme von Beruhigungsmitteln. Man kann nichts anders, als von Erregung zu sprechen. Ausgelöst von der leidlich schizophrenen Situation, dass hier in beiden Fällen sich zwar einerseits der Eindruck einstellte, es handele sich um zwei verstockte Knaben mit realem Realitätsverlust. Die Thematik aber die große Politik und nicht weniger bedeutsame Ideologien umfasste.

Um es etwas weniger aufwändig auszudrücken: Wäre ich bei den Interviews anwesend gewesen, so hätte ich permanent vor dem Dilemma gestanden, den beiden verstockten Lausbuben entweder eine runter zu hauen, oder sie, nachdem körperliche Züchtigung in der Erziehung zu Recht verpönt ist, zumindest ohne Essen und mit vierzehntätigem Fernsehverbot ins Bett zu schicken. Aber natürlich stellt sich einmal die Frage: Darf man das bei einem hochrangigen ungarischen Politiker und einem amtierenden US-Präsidenten? Zweitens: Wie haben es diese Lümmel in solche Positionen geschafft? Und drittens: Ob das ein gutes Zeichen ist, wenn man es nicht in solche Positionen geschafft hat?

Alterserscheinung

Vielleicht ist es ja eine Alterserscheinung. Oder sollte ich inzwischen einfach nur abgestumpft sein? Jedenfalls schaffe ich es momentan kaum, mich über irgendwelche Ereignisse zu wundern, mich darüber zu ärgern, wütend zu werden, niedergeschlagen. Es erscheint mir wie eine Art Völlegefühl. Ausschreitungen in Hamburg? Alter Hut. Hatten wir schon. Zum Beispiel in früheren Jahren und auch in anderen Städten.

Oder ein Terroranschlag in Kabul? Wäre man zynisch, könnte man sagen: Alltag. Und selbst wenn man es eine Nummer kleiner macht. Wer, um alles in der Welt, hat denn noch geglaubt, dass die global Player unserer Tage wie die deutschen Autokonzerne nach dem Prinzip von vorgestern: „Üb immer Treu und Redlichkeit“ verfahren. Warum jetzt also Entrüstung heucheln. Ist doch inzwischen eher der Tenor, dass man das Schlimmste annehmen muss, um von der Wirklichkeit vielleicht noch überrascht zu werden.

Auf jeden Fall werde ich das jetzt einmal im Auge behalten. Ob das nur ein vorübergehender Zustand ist, oder bleibt bis an das Ende meiner Tage. Zumindest, und das hat mich dann doch etwas tröstlich gestimmt, konnte ich mich vor einer Viertelstunde ein ganz klein wenig über das Wetter aufregen. Aber das so richtig zu genießen, war mir dann auch nicht vergönnt. Schon nach kurzer Zeit war der Regenschauer schon vorüber. Vielleicht sollte ich nach Berlin fahren. Denen hat man 70 Liter Niederschlag pro Quadratmeter versprochen. Das klingt doch vielversprechend.