Archiv für den Monat August 2017

Gau-Land

Ich bin wieder sicher in Deutschland, Deutschland über alles gelandet. Doch schon während des Fluges habe ich mich zu Hause gefühlt. Herrn Gauland gebührt mein tiefster Dank. Habe ich doch dort im Flugzeug, eingekeilt von 237 Kilogramm deutschen Lebendgewichts, die Meldung bezüglich seiner Äußerung über Aydan Özoguz gelesen. Wie wir sicher alle wissen, hatte Frau Özoguz, Staatsministerin und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung mit türkischem Hintergrund, in einem Zeitungsbeitrag geschrieben, dass „eine spezifisch deutsche Kultur (…), jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“ sei.

Woraufhin AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland ihr anlässlich eines Besuches im thüringischen Eichsfeld entgegnete: „Das sagt eine Deutschtürkin. Ladet sie mal ins Eichsfeld ein, und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“  Dazu muss man anmerken, dass im Kreistag des Landkreises Eichsfeld die AfD nicht vertreten ist. Weshalb dieses Eichsfeld ja eigentlich schon mal wegfallen würde als Paradebeispiel für spezifisch deutsche Kultur.

Für eine spezifische deutsche Kultur spricht hingegen die Tatsache, dass man hier auch einige Pizzerien findet, der Inhaber eines Grills Mandy Rafati heißt, es eine mexikanische Bar gibt, im Picco Bello Inhaber Nondari Minasidis für seine Gäste sorgt, die griechische Küche natürlich ebenso wie die chinesische oder französische vertreten ist. Und als kleine Aufmerksamkeit für die „Deutschtürkin“ Aydan Özoguz darf  hinsichtlich der bei Deutschen so sehr beliebten Döner als Beispiel für nicht wenige andere auf den Euro-Döner von Aydar Derya verwiesen werden.

Und nachdem Herr Gauland noch einmal nachlegte, und an die Adresse von Frau Özoguz meinte, dass niemand in dieses Land gehöre, der von spezifisch deutscher Kultur nichts wissen will, muss man sich jetzt wohl Gedanken machen, wo man Herrn Gauland „entsorgen“ könnte. Anatolien kommt da natürlich nicht in Frage. Das kann man den Türken nicht antun, die haben ja schon Erdogan. Aber Nordkorea wäre vielleicht eine gute Wahl. Die haben auf jeden Fall eine ausgesprochen spezifische Kultur, die in einigen Belangen sogar ein wenig an das Dritte Reich erinnern. Das Nostalgiker Gauland ja zumindest noch als Kind erleben durfte.

 

Sprachproblem

Es gibt Menschen, die ein bisschen nerven. Manche auch ein bisschen mehr. Und dann gibt es Menschen, die man sofort erwürgen würde. Wenn es erlaubt wäre. Die Situation: Ein Ort, an dem verschiedenste Menschen zusammen gekommen sind. Paare, kleine Grüppchen, Familien. Die sich untereinander nicht kennen. Zum ersten Mal aufeinander getroffen sind. Und da gibt es dann zum Beispiel einen Tisch, an dem ein Mann und drei Frauen sitzen. Mittleren Alters. Wie man so wohlwollend sagt. Dass der Mann zuerst erwähnt wird, ist keine Unhöflichkeit, sondern weil er nicht weiter wichtig ist. Dass die drei anderen Personen in unserer kleinen Tragikomödie Frauen sind, war sicher nur ein Zufall.

Es hätten genauso gut drei Männer und eine Frau sein können. Auch wenn sich dadurch natürlich der Text geändert hätte. Jedenfalls telefonierte eine der Frauen mit einem gewissen A., der wohl sehr weit entfernt wohnte. Was sich aus der Lautstärke ableiten ließ, mit der das Gespräch geführt wurde. So etwas kann eben mal vorkommen. Nicht ganz alltäglich ist hingegen, wenn eine der beiden anderen Frau „mit-telefoniert“. Und deshalb die Nachrichten an den weit entfernten Empfänger noch lauter sein müssen, als das Gespräch an sich schon ist. Wer allerdings glaubte, dass sich der Lärmpegel irgendwann mit dem Ende des Telefonats auf übliches Niveau absenken würde, der wurde herb enttäuscht.

Es änderte sich nichts daran. Auch das daraufhin folgende Gespräch zwischen den drei Frauen vermittelte den Eindruck, dass es sich um ein Ferngespräch handeln würde. Ein Eindruck, der noch durch das Schweigen des Mannes verstärkt wurde. Die größte Unverschämtheit bestand allerdings darin, dass die Unterhaltung auch noch in einer Sprache geführt wurde, die nicht gerade zu den gängigsten gezählt werden darf. Obwohl man mehr hörte, als einem lieb war, verstand man also kein einziges Wort. Noch nicht einmal sein eigenes.

Der siebte Tag

Und Gott sprach – mehr oder minder sinngemäß: Am siebten Tag sollst du ruhen. Da wusste er allerdings noch nicht, dass es einmal eine 38-Stunden-Woche und Erlebnisbäder geben wird, Städtereisen oder Wochenendflüge in so ziemlich alle Metropolen der Erde. Heute lautet die Parole daher wohl eher: Sei vorsichtig bei der Wahl der Fluggesellschaft. Damit du auch und vielleicht nicht völlig erschöpft am Montag wieder an deinem Arbeitsplatz bist. Zwei Stunden und bei leicht tropischen Temperaturen am Flughafen zu warten, kann etwas anstrengend sein. Aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben. Auch wenn ich momentan überhaupt keine Ahnung habe, wer das gesagt haben könnte. Vielleicht mache ich das nächste Mal Urlaub in Bayern.

Demokratie der Angst

Demokratie, so lehren Wikipedia und einschlägige Lexika, bezeichnet Herrschaftsformen, politische Ordnungen oder Systeme, in denen Macht und Regierung vom Volk ausgehen. Weshalb einem oft das Wort und insbesondere im Hinblick darauf, wer sich alles damit schmückt, und was alles unter diesem Begriff dahinsegelt, nur sehr ungern von der Zunge gehen will. Impliziert doch der Begriff Volk, dass alle beteiligt und gleichermaßen beteiligt wären.

Wirklich demokratisch erscheint mir deshalb nur die Angst. Angst haben schließlich alle. Reiche. Arme. Gesunde. Kranke. Junge. Alte. Dass sie zum Beispiel wieder arm werden könnten. Oder noch ärmer. Krank werden. An einer Krankheit sterben werden. Man kann Angst vor der Zukunft haben. Und dass das Leben bald Vergangenheit sein wird. Angst ist durch und durch demokratisch. Weil sich niemand aussuchen kann, ob sie oder er von ihr befallen wird oder nicht.

 

Männer und Gefühle

Männer sind pragmatisch. Warum sich mit Gefühlen beschäftigen, wenn es doch so einfach ist, auf die Frage nach der PS-Zahl des derzeit gefahrenen und aller früheren Autos zu antworten. Aber nein, sie sollen sagen, was sie fühlen. In einem bestimmten Moment. Für einen bestimmten Menschen. Als ob es nicht schon genug Philosophen, Psychologen und Astrologen gibt, die sich mit dergleichen beschäftigen. Und vor allem haben Männer einen sechsten Sinn für Gefahr. Und eine Gefühls-Frage ist immer gefährlich.

Denn selbst wenn die spontane  Antwort lautet: natürlich liebe ich dich, Liebling!, ist noch nicht gewährleistet, dass das auch einfach so hingenommen wird. Der Tonfall kann falsch sein. Oder der Mann hat vergessen, bei diesen Worten von der Zeitung aufzuschauen. Daraus aber zu schließen, dass Männer keine oder nur sehr selten Gefühle hätten, ist grundsätzlich falsch. Braucht man sich nur einmal die Gesichter von Männern anzuschauen, deren Fußballmannschaft in der letzten Minuten und nach einem nicht gegebenen Abseits verloren hat.

Aber Gefühle, wie sie Frauen Männern oft abverlangen – gerne auch in Tateinheit mit Sternen oder Kerzenlicht –, sind nun einmal für diese Spezies, die gerne in großen Räumen denkt, zu eindimensional. Weshalb es ihre Gefühlswelt und ihr Vermögen, über Gefühle zu sprechen, ausgesprochen belebt, wenn noch eine zweite Dimension hinzu kommt. Zum Beispiel eine spürbare Ausbuchtung in der Hose.

Prinzip Hoffnung

Das Prinzip scheint ein sehr ähnliches zu sein. Damals wurde einer ganzen Nation erzählt, dass man nur genug Vorräte im Haus haben müsse, vielleicht auch noch einen kleinen Bunker mit Filter in der Luftzufuhr. Und schon war das alles nicht so schlimm mit der Atombombe. Und weil ja eventuell auch eine gezündet werden könnte, wenn jemand gerade nicht zu Hause war, sondern und insbesondere als Kind beispielsweise in einer Schule, so wurden auch gleich noch Übungen in selbiger abgehalten, wie man sich am schnellsten unter einem Pult oder Tisch zusammenkauert und für alle Fälle auch noch den Schulranzen oder die Aktentasche über dem Kopf hält.

Es war der Kalte Krieg, der wieder mal gerade eine heiße Phase hatte, und eine Nation war allem Anschein nach durchaus überzeugt, dass man so gewappnet einem Atomkrieg schon gleich viel gelassener entgegensehen konnte. Die Bilder aus Hiroshima oder Nagasaki hatten mit uns ja nichts zu tun. Jedenfalls gingen alle schon brav zur Arbeit oder in die Schule, zählten abends zu Hause ihre Vorräte durch und verströmten ansonsten Zuversicht.

Wenn man die Vorräte weglässt und die Schulranzen oder Aktentaschen über dem Kopf, ist es also fast so wie heute. Außerdem brauchen wir ja keine Vorräte mehr, weil Amazon Essen ins Haus liefert. Und irgendein ein Eastpack, wie er heutzutage gebräuchlich ist, hat bestimmt den gleichen Effekt wie damals eine Aktentasche. Nämlich keinen. Und ansonsten gehen wir alle schön brav zur Arbeit oder in die Schule und verströmen Zuversicht. Irgendjemand oder irgendwas wird sie schließlich doch schon aufhalten, all die Säbelrassler, Kriegstreiber, Profitgeier und sonstigen Wahnsinnigen, die sich für Staatsoberhäupter und Menschen mit Entscheidungshoheit halten.