Archiv für den Monat September 2017

Tiefschlaf

Es ist wirklich alles in Butter. Sie haben alles im Griff. Höchstens mal nicht sich selber. Weshalb sie dann schon mal jemandem auf die Fresse hauen wollen. Oder versuchen, Politik vom Lehnstuhl aus zu machen. Großartig auch der Schachzug von Merkel. Europa neu einordnen und für die Zukunft ausrichten, Flüchtlingsfrage klären und die Finanzen, die Verteidigung, wie es Frankreichs Präsident Macron verlangt, das kann warten. Jetzt geht es nach Tallinn erst einmal um das Internet und die digitale Zukunft. Da hat man dann auch viel mehr Zeit, über Jamaika nachzudenken.

Pressiert ja alles nicht. Ging doch die letzten gefühlten 100 Jahre auch mit dem Tempo einer guten alten Dampflok. Ist außerdem viel pittoresker als ein TGV. Und vielleicht lässt sich so ja auch die Sozialdemokratie weichkochen. Es kann nur noch Tage dauern, bis zum ersten Mal von der Verantwortung gesprochen werden wird. Und außerdem hätte eine Neuauflage der GroKo den großen Vorteil, dass die SPD in vier Jahren wirklich nur noch eine Splitterpartei wäre. Wahrscheinlich als Schwesterpartei von Die Linke.

Denn inzwischen haben doch schon alle Beteiligten gemerkt, dass Jamaika wirklich ein Schwachsinn ist. Eine Totgeburt. Viel zu heiß dort. Außerdem ein schwieriges Gelände für Homosexuelle. Und dann die Kriminalität. Bandenbildungen. Rauschgift. Ganz zu schweigen von der Musik. Und schließlich gibt es ja auch noch anderswo chillige Strände. Copacabana zum Beispiel. Käme doch auch von den Farben her einigermaßen hin. Besser als Hasch und Reggae wäre auf jeden Fall Volksmusik. Wie singt Heino so schön: Schwarz-braun ist die Haselnuss.

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Trinkgewohnheiten

Kann man sich so täuschen? Ich weiß ja, dass sich die Wahrnehmung im Alter verändern kann. Aber wenn das stimmt, was ich kaum glauben kann, dann wäre das wohl eher schon ein Fall für die Psychiatrie. Ich spreche von Temperaturen. Möchte aber gleich vorausschicken, dass ich nun wirklich kein Klimawandel-Leugner bin. Ich hatte auch Tränen in den Augen, als in Paris das Abkommen unterzeichnet wurde. Aber da gibt es ein Problem.

Denn wenn ich meine Mitmenschen betrachte, wie sie durch die Straßen laufen, in S-Bahnen oder auch in Parks oder anderen Grünanlagen sitzen, wenn sie sonntags auf dem Fußballplatz unseres Dritt-Liga-Vereins ein Spiel verfolgen, ein Museum besuchen oder sich einen Kinofilm anschauen, dann drängt sich mir der Eindruck auf, dass wir in Mitteleuropa bereits Temperaturen wie in der Sahel-Zone haben. Als ob die Gefahr des Verdurstens noch größer wäre, als Opfer eines Terroranschlags zu werden.

Weshalb überall und jederzeit die Menschen eine Flasche Wasser dabei haben. Manchmal mit Fruchtgeschmack oder Kohlensäure, oft aber einfach Wasser, wie es wohl aus dem Wasserhahn nicht sehr viel anders schmeckt. Das aber nicht aus dem Wasserhahn kommt, sondern aus ganz bestimmten Gesteinsschichten oder Gegenden. Weshalb es dann gerne auch mal das Hundertfache und mehr von Leitungswasser kostet.

Verkauft von Danone oder Nestlé oder einem anderen Konzern. Die sich überraschenderweise auch stark dafür machen, dass mehr Wasser getrunken wird. Mindestens zwei Liter pro Tag, lautet das Mantra. Und sie haben Erfolg. Vor 40 Jahren trank ein Deutscher gerade mal 12 Liter Mineralwasser im Jahr. Inzwischen sind es 150 Liter. Oder auch annähernd 300 PET-Flaschen pro Kopf, denn schließlich werden große Literflaschen ungern mitgeschleppt. Das würde außerdem die Gefahr des Verdurstens wahrscheinlich gut und gerne verdoppeln. Mein Problem: Ich finde es gar nicht so heiß, dass ich Angst habe, gleich zu verdursten.

Kleine Eisberge

Man muss halt Prioritäten setzen. Und man kann sich nicht immer um alles kümmern. Deshalb konzentriert sich Deutschland und vor allem die Politik momentan vor allem auf Revolten in den Parteien (vorerst kein Aufstand in der Partei mit dem S in der Mitte und dem Doppel-S in der Parteispitze), auf gehen und gegangen werden beim rechten Newcomer – und natürlich auf Jamaika mit und ohne Bio-Rum.

Und außerdem gehen Donald und Kim sowieso langsam die Schimpfwörter aus, die Eisberge, die von der Antarktis abbrechen sind kleiner geworden, und Maria war bei weitem nicht so schlimm wie Harvey. Zumindest für die Amerikaner. Warum also soll man sich jetzt zum Beispiel damit beschäftigen, dass jährlich mehrere Millionen Hektar Land unwiederbringlich oder zumindest auf sehr lange Zeit für eine landwirtschaftliche Nutzung verloren gehen.

Mal ganz abgesehen davon, dass das wahrscheinlich auch wieder nur von den Medien aufgebauscht wird, wenn man jetzt nicht dafür sorgt, dass die BRD eine funktionstüchtige Regierung bekommt, die sich dann ja erst einmal um die darbende Autoindustrie kümmern muss, wenn jetzt nicht alle einen schönen Posten bekommen, die hart dafür gearbeitet haben, dann ist es sowieso egal, ob noch mehr Menschen vor dem Hunger fliehen. Denn die kriegen dann eben keinen Job bei uns. Falls sie es überhaupt bis zu uns schaffen.

Feste Feiern

Der Bierkonsum soll ja schon ein bisschen zurück gegangen sein. Wie es bei den Brathendln aussieht, weiß man noch nicht. Dass beim Münchener Oktoberfest bis zur Halbzeit weniger Maßkrüge gefüllt werden mussten, kann aber auch daran liegen, dass einfach mehr Champagner getrunken wird. Schließlich sieht man auch immer weniger Dirndl oder Lederhosen, die schon mehr gesehen haben als ein Bierzelt auf der Wiesn. Dafür aber immer mehr Kostüme, die auch für ein Faschingsfest oder eine Motto-Party taugen würden. Mit bayerischer Tracht aber kaum noch etwas zu tun haben.

Denn gestylte IT-Expertinnen und fesche Hipster haben nicht nur die Münchener Arbeiterviertel für sich entdeckt sondern auch das Oktoberfest. Dass deswegen aber in diesem Jahr weniger Italiener zum traditionellen Wochenende gekommen sind, ist ihnen nicht unbedingt anzulasten. Das kann vor allem an den kilometerlangen Staus an der Grenze liegen. Wenn insgesamt nur 48  Stunden Zeit bleibt, dann sind 20 Stunden Fahrt inklusive Stau vielleicht einfach zu viel. Die Münchener Frauen werden es verkraften.

Was aber immer weniger Menschen verkraften, und insbesondere wenn sie sie im Umfeld des Oktoberfestes wohnen oder arbeiten, das sind die Hinterlassenschaften der abendlichen fröhlichen Sause. Ohne ins Detail zu gehen, laut Augenzeugenberichten und Betroffenen ist es ekelerregend und veranlasst nicht wenige Menschen, während der Wiesn-Zeit entweder in Urlaub zu fahren oder zumindest das Gebiet rund um das Oktoberfest weitgehend zu vermeiden. Dass jeder Besucher in Zukunft eine Kotz-Tüte mit sich führen muss, ist allerdings noch nicht im Gespräch. Und wäre wahrscheinlich auch nicht die Lösung. Weil die Handhabung einer solchen doch noch gewisse feinmotorische Anforderungen stellen würde. Die ein anständiger Wiesn-Besucher einfach nicht mehr erfüllen kann.

Besitzanspruch

All die Jahre und Jahrzehnte habe ich gerätselt, wem nun eigentlich dieses Deutschland gehört. Ich wurde auf eine harte Geduldsprobe gestellt, doch das Warten hat sich gelohnt. Gestern Abend kam die Erleuchtung, via Bildschirm und von einem Mann, der es wissen muss. „“Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen“, sagte der AfD-Spitzenkandidat Gauland vor laufenden Kameras. Und meinte damit natürlich Deutschland. Also gehörte es ganz offensichtlich der AfD, denn schließlich kann man sich ja nur zurück holen, was einem schon einmal gehört hat.

Aber andererseits gibt es die AfD ja noch nicht so lange. Doch wenn es also zwischenzeitlich jemand anderem gehörte, also den Amerikanern oder den Russen zum Beispiel, dann kann man das eigentlich nur so verstehen, dass sich die AfD womöglich in der Rechtsnachfolge der NSDAP sieht und deshalb jetzt Besitzanspruch auf Deutschland und das Volk erhebt. Das wäre wahrscheinlich die einzige logische Erklärung.

Bikini oder Burgunder

Heute entscheidet sich,  ob wir morgen noch gut und gerne leben. Frauen noch Bikini tragen und Burgunder saufen. Wir endlich neu denken. Dass es laut und fordernd wird und die Rente endlich sicher. Was mir gefehlt hat für all diese hoch interessanten Aussichten und Versprechen, das war der genaue Zeitpunkt. Gilt das ab Mitternacht? Oder erst ab Mittag zwölf Uhr? Gibt es vielleicht eine Übergangszeit von vier Jahren? Vielleicht kann das ja alles erst in Kraft treten, wenn die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen sind?

Vielleicht ist es das, was Demokratie ein bisschen schwierig macht. Die Zeitangaben sind so ungenau. Schließlich weiß letztendlich doch niemand, wie lange „niemals“ dauert. Wann „sofort“ anfängt. Und vor allem, wann es aufhört. Ganz zu schweigen von dem Phänomen, dass ein Versprechen ganz leicht von einem anderen Versprechen aufgehoben werden kann. Wahrscheinlich versprechen deshalb alle mehr Sicherheit. Glaubwürdig erscheint da nur die Partei, die mehr Glatze als Schulz und mehr Hitler als Erdogan verspricht. Das ist zeitlos.

Schicksalswahl

Morgen ist es also so weit. Gefühlt die 783. Schicksalswahl der Republik. Die banale Wahrheit sieht etwas anders aus. Zum Beispiel bedeutet der morgige Abend ein ziemliches Desaster. Wegen der Bundestagswahl fällt nämlich der Tatort aus. Und ist das wirklich eine Alternative, wenn Politikerinnen und ihre männlichen Pendants überraschende Aussagen machen zum Wahlausgang respektive wieder einmal erzählen, was sie zu tun gedenken, wenn sie in der Regierungsverantwortung sein werden beziehungsweise in der Opposition? Ich bin nicht ganz überzeugt, dass dies an Spannung einen Tatort übertrifft.

Und dann ganz zu schweigen von einem weiteren Dilemma. Denn sind wir doch einmal ehrlich: Alle, oder zumindest sehr viele sagen, dass man unbedingt zur Wahl gehen soll. Jetzt kenne ich aber einen Haufen Menschen, denen es schon sehr schwer fällt, sich bei Starbucks für einen bestimmten Kaffee zu entscheiden. Wie sollen die in einer so folgenreichen und verantwortungsvollen Frage zu einer Entscheidung kommen? Ist es nicht geradezu unverantwortlich, sie einer solchen Situation, einem solchen Druck auszusetzen? Wäre es für sie nicht sinnvoller, zu Hause zu bleiben und abends lieber einen aufgezeichneten Tatort aus dem Jahr 2008 zu schauen?

 Dann könnten sie in Zukunft wenigstens sagen, dass wieder einmal die anderen schuld waren. Dass sie von nichts wussten. Schließlich kann ja keiner nachweisen, was passiert wäre, wenn sie zur Wahl gegangen wären, wenn sie sich für eine Partei, eine oder einen Abgeordneten entschieden hätten. Die Welt ist nämlich nicht nur schwarz oder weiß. Es gibt nicht nur gut oder böse. Laut oder leise. Oder wie es eine Passantin aufgrund einer Reporterfrage formulierte: Nicht jeder Kanake ist schlecht.