Archiv für den Monat November 2017

Hannah ist schwanger

Die Angst. Der beständige und treue Begleiter alles Unbekannten. Es gibt eine herrliche Szene in der Serie „Girls“. Hannah ist schwanger. Und ihr Ex-Freund Adam hat gerade entdeckt, dass er wieder ihr Freund sein will und das Kind mit ihr aufziehen möchte. Sie sitzen auf einer Bank, hinter ihnen vermutlich der Hudson-River. Schließlich leben sie in New York. Gerade waren sie noch in einer Mall, haben nach Baby-Wiegen und Kommoden geschaut. Und jetzt erzählt Adam voller Enthusiasmus , dass er das alles selber bauen will, und sie eine Wohnung suchen sollten, und wie das Kind heißen könnte, wenn es ein Junge wird.

Die Kamera verharrt auf dem Gesicht von Hannah. Bis ihr die Tränen die Wangen runter laufen, ihre Lippen zittern, sich die Augen irgendwo an einem Horizont verzweifelt festkrallen. Sie hat Angst. Eben noch voller Vorfreude, ausgelassen fröhlich, jetzt hat sie eine wahnsinnige Angst. Vor dem, was kommt. Weil sie nicht weiß, was kommt. Weshalb sie diese Angst überschwemmt wie ein Fluss, der über die Ufer tritt. Weil diese Angst Menschen irrationale Dinge tun lässt. Weil sie sich nicht von Ratio, von der Vernunft einhegen lässt wie eine Herde von Schafen. In den meisten Fällen bleibt nichts anderes als sie auszuhalten.

Abenddämmerung

Will man sich einmal für einen Moment von AfD-Gedankentum lösen und der Presse glauben, so hat die britische Regierung die heimischen Banken mit 500 Milliarden Pfund unterstützt, als 2008 der große Crash drohte. Und wie man heute sieht, hat es sich gelohnt. Prächtig steht das Londoner Bankenviertel in der herauf ziehenden Dämmerung da. Und die Londoner Banker können sich problemlos die Mieten in der britischen Hauptstadt leisten. Auch weil die Londoner Börse im vergangenen Jahr 1.905 Millionen Pfund Umsatz gemacht hat, nachdem sie im Jahr zuvor 709 Millionen Pfund Gewinn verzeichnen konnte.

Zwar mussten die Regierungen damals und später ein bisschen sparen und in manchen Ressorts die Ausgaben um bis zu 35 Prozent kürzen. Weshalb jetzt ein Drittel der Kinder in England in Armut lebt. Schulen Geld fehlt. Mieten das Einkommen auffressen. Wohingegen der Tourismus nicht gelitten hat. 17 Millionen Besucher kamen beispielsweise vor zwei Jahren nach London, die Stadt liegt weltweit auf Platz zwei der Beliebtheitsskala für Städtereisen. Touristen kommen eben nicht, um sich Schulen anzuschauen. Sie möchten sich vor einer imponierenden Skyline ablichten.

Bayern zeigt den Weg

Ob Glyphosat krebserregend ist, das scheint nach wie vor strittig zu sein. Dass das Unkrautvernichtungsmittel das politische Klima vergiftet, ist sei heute bewiesen. Dem CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt und seiner Entscheidung, den weiteren Gebrauch von Glyphosat in Europa für fünf Jahre in Brüssel zu befürworten, obwohl SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks strickt dagegen war, sei Dank. Nur am Rande: Wenn zwei Ministerien unterschiedlicher Ansicht sind, dann sieht die Geschäftsordnung vor, dass sich Deutschland in Brüssel der Stimme enthält.

Es gibt allerdings noch keine Hinweise darauf, ob sich die geschäftsführende Bundeskanzlerin, die gerne wieder eine Große Koalition hätte, bereits bei CSU-Minister Schmidt für diesen Alleingang bedankt hat. Dank derer sie jetzt wohl eine viel bessere Ausgangsposition für die Verhandlungen mit der SPD hat. Jetzt wissen die Sozis nämlich ein für allemal, was sie im Falle einer GroKo für die nächsten vier Jahre von CDU/CSU zu erwarten haben. Vielleicht hat ja Schmidt mit dem Glyphosat dafür gesorgt, dass die Bundesrepublik doch noch eine MiHeiReg (Minderheitsregierung) bekommt. Was einmal mehr zeigen würde, dass, auch wenn Seehofer schwächelt, die Politik für Deutschland in Wahrheit in Bayern gemacht wird.

Spielend lernen

Jetzt kommt sie wieder, diese wunderschöne Zeit. Wenn am Sonntag die ganze Familie am Nachmittag nach dem Kaffeetrinken in der Wohnstube bei einer flackernden Kerze zusammen sitzt, weil der Vater immer noch nicht die Fenster abgedichtet hat. Der ausnahmsweise auch mit dabei ist und mit seiner Zeitung im Lehnstuhl sitzt. Sein Dritt-Liga-Lieblings-Fußball-Verein hat schon Winterpause.  Doch die Mutter hat eine gute Idee gehabt, da kann er sogar mitmachen, sein Talent als Handwerker in die Waagschale werfen: Sie bastelt mit den Kindern ein Haus.

Das hat sie im Internet gesehen. Und die Idee kommt von einer Firma namens NERF. Deren Produkte man auch beim Internet-Versandhandel bestellen kann. Dann muss man nur noch ein Haus basteln mit verschiedenen Etagen und großen Fenstern bis zum Boden. Das ist wichtig, denn nur so kann man dann auch die Spielzeugfiguren gut sehen, die man in die Fenster stellen soll. Sonst kann man sie ja nicht mit dem NERF Rebelle Blaster mit Lichtstrahl, hoher Schussweite und den AccuStrike Darts nacheinander abschießen.

Was übrigens durch eine „Aufbewahrung für schnelles Nachladen“ sehr erleichtert wird und noch eine Steigerung durch den N-Strike Elite Modulus Tri-Strike Blaster erfährt. Dieses Spitzenmodell ist neu auf dem Markt und bringt dank freier Wahl der Dart-Typen und dreier verschiedener Schussarten „volle Flexibilität in jedes NERF Battle“. Außerdem lassen sich mit einer Reihe von Zubehörteilen die „Blaster ganz individuell zusammenstellen“. Laut Angaben des Herstellers liegt das Mindestalter für den Einsatz mit den „gigantischen Blastern“ bei 36 Monaten. Natürlich auch für den Häuserkampf.

Duft von Tannennadeln

Eigentlich wollte ich ja über den Dieselgipfel schreiben. Darüber, dass dieses Instrument, mit dem Durchatmen in der einen oder anderen Innenstadt nicht mehr Gesundheitsrisiko sein soll, vor allem dazu dient, dass Aktionäre befreit aufatmen. Denn der Staat, repräsentiert von einer Bundesregierung, die momentan geschäftsführend, sprich kommissarisch tätig ist, tut alles, dass die Gewinne der Autokonzerne ihr hohes Niveau behalten. Und auf garkeinen Fall durch unnötige Ausgaben infolge fragwürdiger Praktiken der Konzerne beeinträchtigt werden.

Weshalb jetzt eine Milliarde in die – öffentliche – Hand genommen werden soll. Nachzulesen übrigens in einem atemberaubenden Papier vom August des Jahres, das in der berauschenden Aussage gipfelt, es sei „gemeinsames Ziel von Bund, Ländern und Automobilindustrie […], eine nachhaltige Mobilität zu sichern, pauschale Fahrverbote zu vermeiden sowie Beschäftigung und Verbraucherschutzrechte zu sichern.“

Doch dann bin ich erst einmal zu Bekannten zum Kaffee Trinken gegangen. Und da habe ich verstanden, warum so etwas und vieles anderes so klaglos hingenommen wird. Sie hatten schon unter dem Eindruck des auf uns in Windeseile zukommenden Festes dekoriert. Es gab natürlich Gebäck zum Kaffee. Denn Plätzchen gibt es erst zum ersten Advent. Richtig behaglich war es auf jeden Fall in der Wohnstube. Auch weil es draußen stürmte und regnete.

Und das ist es, was die Menschen vor allem anderen wollen. Sie wollen es gemütlich haben zu Hause. Da sich nicht auch noch mit allem auseinandersetzen, was schief läuft auf diesem Planeten. Oder in  einer Innenstadt. Lieber mit einem Bekannten Kaffee trinken. Die Vorteile einer Mikrowelle erörtern. Und wenn man dann doch einmal durch die Medien damit konfrontiert wird, wenigstens eine Fernbedienung zur Hand haben, um den Kanal zu wechseln. Auch wenn sie den eigentlich ziemlich voll haben.

 

Zwickmühle

So richtig begeistern konnte ich mich für diese Volkspartei zum letzten Mal als Willy Brandt Vorsitzender und deutscher Bundeskanzler war. Für alle Abiturienten: Vorsitzender der SPD war Willy Brandt von 1964 bis 1987, Kanzler war er von 1969 bis 1974. Also durchaus verständlich, falls jemand mit dem Namen nichts anfangen kann.

Begeistert hat mich die SPD damals auch, weil sie Brandt als Kanzlerkandidaten aufstellte, während er von Vertretern der anderen einstigen Volkspartei gerne als Vaterlandsverräter verleumdet wurde, weil er im WK II nicht in Hitlers Auftrag an vorderster Front gekämpft hatte. Während sich von ihnen niemand über Alt-Nazis in Politik und Staatsämtern aufregte.

So viel zum besseren Verständnis dafür, dass ich mit meinem Brechreiz momentan am Limit bin. Ich kann es wirklich nicht mehr hören. Denn die derzeitige moralische Entrüstung über das Verhalten der SPD dürfte in etwa das selbe Ausmaß gehabt haben, wenn sich ihr Vorsitzender nach dem Wahldebakel für eine GroKo ausgesprochen.

Und liebe Freunde der Häme: reicht euch eine Partei nicht, die alles boykottiert? Dass die SPD nach dieser „Abwahl“ lieber Opposition wollte, ist mehr als nachvollziehbar. Wer möchte nach einer gescheiterten Ehe gleich wieder die Frau heiraten, von der er gerade geschieden wurde. Andererseits erscheint es mir dann doch durchaus ehrenwert, nach einiger Zeit wegen der Kinder zu überlegen, ob man es nicht doch noch einmal probieren sollte.

Über die Arroganz

Ein Politiker, der alles tut, um sich zumindest für einige Zeit als Nabel, wenn auch nicht der ganzen Welt, doch wenigstens eines Landes fühlen zu können. Konzern-Manager, die allem Anschein nach wie Autokraten vor allem die eigenen Pfründe im Auge haben und nicht unbedingt die Rechte von Kunden geschweige denn die Erfüllung gesetzlicher Normen. Oder last aber natürlich nicht least Redakteurinnen, die sich vehement in die Sexismus-Debatte einbringen und glauben, dass ihre Welt die einzige wäre. Dass Frauen wie sie und ihre Standesgenossinnen zu sein hätten, also tough und selbstbewusst. Und natürlich auch sein könnten, wenn sie nur wollten.

Um ein arroganter Mensch zu sein, ist es sehr von Vorteil, wenn man – und natürlich auch Frau – von sich überzeugt ist; gerne Überlegenheit demonstriert; sich für eher unersetzlich hält; andere schon mal abwertet und abschätzig über Mitmenschen spricht; der Blick auf die Wirklichkeit etwas verzerrt ist. Weshalb die betreffenden Personen auch am liebsten selbstbewusst auftreten. Was nicht in diesem Kontext vorzukommen scheint, das sind wohl Empathie und Selbstkritik, ein unerschrockener Blick über den Tellerrand hinaus.  

Erwähnenswert wäre vielleicht noch, dass dies Eigenschaften sind, die die Psychiatrie auch bei Narzissten als häufig gegeben sieht. Und dass Arroganz natürlich keine Frage der sozialen Schicht ist. Auch eine Putzfrau kann arrogant sein, der Mann an der Spüle im Restaurant. Allerdings haben sie meistens nur die Möglichkeit, ihre Arroganz als Kommentatorinnen und Kommentatoren im Internet auszuleben. Während die weiter oben erwähnten Berufsgruppen auf eine breite Öffentlichkeit als Spielwiese zurückgreifen können.

Im Internet kursiert dazu ein herziger Spruch: Seitdem ich perfekt bin, hält sich meine Arroganz in Grenzen. Dass er auf Facebook zu finden ist und nicht gelöscht wurde, überrascht dann allerdings nicht wirklich. Denn Arroganz kann auch von ganzen Unternehmen gelebt werden. Unbeschadet der Anzeigenkampagnen, die sie schalten. Und natürlich ist es auch arrogant zu behaupten, dass man die Welt erklären könne. Aber vielleicht liegt das daran, dass ich noch nicht ganz perfekt bin. Ich muss auf jeden Fall noch an meiner Haarpracht arbeiten.

Wunschliste

 

Wünschen würde ich mir das auf jeden Fall. Wenn auch nicht gerade für Weihnachten. Da steht schon das iPhone X ganz oben auf der Wunschliste. Dicht gefolgt von einem DJI Phantom 4 Pro Quadrocopter RtF Kameraflug. Aber ist es nicht das, was vielen Menschen die Politik verleidet. Dieses permanente Gefühl, dass Politikerinnen und Politiker zwar gerne darauf verweisen, dass sie ihren Wählerinnen und Wählern verpflichtet wären, für sie täten, was sie tun. In Wirklichkeit aber und in erster Linie an ihre Posten und die Organisation, die ihnen zu diesen Posten verhilft, nämlich an ihre Partei denken.

Ein deutlicher Hinweis darauf wäre zumindest die Tatsache, dass die immer gleichen, vorgestanzten Phrasen verwendet werden. Weshalb wir in unserer Familie Monopoly abgeschafft haben. Dafür spielen wir bei Talk-Shows lustiges Phrasen-Raten. Wer die Antwort einer Politikerin oder eines Politikers auf die Frage der Moderatorin oder des Moderators am besten vorhersagen kann, bekommt die volle Punktzahl. Wie es auch anders gehen könnte, das hat der stellvertretende Ministerpräsident aus Schleswig-Holstein gezeigt.

Robert Habeck vermittelte in einem Interview mit Marietta Slomka im Heute-Journal zumindest sehr glaubhaft den Eindruck, dass er sagte, was er dachte. Und fühlte. Und dabei so authentisch war, dass er in die Kritik sogar die eigene Partei und sich selber mit einbezog. Eine Sternstunde. Die etwas mehr als vier Minuten dauerte und unter https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/habeck-fuerchterlicher-tag-100.html geteilt werden kann.

Und wenn man jetzt einmal voraussetzt, dass er nicht die legendäre Schauspieler-Schule von John Strasberg summa cum laude absolviert hat, dann würde ich mir mehr solche Politikerinnen und Politiker wünschen, gleich welcher Couleur. Und außerdem, dass man endlich mal eine Lösung findet und man nicht jedes Mal die weibliche und die männliche Form angeben muss, um einen Berufsstand zu benennen.

 

 

Die große Angst

Es kommt zwar nicht mehr ganz so häufig vor, aber es gibt sie immer noch. Paare, die zehn Jahre und länger zusammen leben, sich nichts mehr zu sagen haben, sich nicht mehr ausstehen können, sich befehden, mitunter bis aufs Messer. Aber eben zusammen bleiben. Weil scheinbar nichts so schlimm sein kann, als das Leben zu verändern. Und die Angst vor diesem Schritt sitzt tief und ist auch schon viel früher da, nicht erst, wenn die Situation fast ausweglos erscheint.

Und es gibt natürlich noch andere derartige Situationen. Im Job zum Beispiel. Und immer nach dem gleichen Muster: Lieber aushalten, als etwas ändern. Fast könnte man den Eindruck haben, dieses Verhalten wäre in den menschlichen Genen eingraviert. Gesichert ist hingegen die Erkenntnis, dass auch die Politik nicht frei davon ist. Ein Beleg dafür wurde gerade in Berlin abgeliefert. Die Sondierungsgespräche der Jamaika-Parteien sind letztendlich an der Angst vor Veränderung gescheitert.

So wie auch jede Chance, vielleicht doch noch Kohlen aus dem Feuer zu holen, um zum Beispiel die Klimaerwärmung zu reduzieren, daran scheitert. Lieber rennen wir offenen Auges ins Verderben, als unser Leben zu verändern. Denn das müssten wir. Jetzt. Wir müssten damit aufhören, wahllos in der Gegend und in der Welt herum zu fahren und zu fliegen. Wir müssten uns fragen, ob wir wirklich alles brauchen, was wir haben. Alles kaufen müssen, was der Geldbeutel hergibt.

Wir müssten aufhören, Waren über aberwitzige Entfernungen zu transportieren, damit wir zwischen 35 Fleisch- und 73 Obstsorten auswählen können. Und vielleicht nicht mehr unser Büffet mit Rosen aus Afrika schmücken. Kurzum, wir müssten unser Leben verändern. Etwas ganz Neues machen. Etwas ganz Anderes. Und deshalb rennen wir lieber zum Psychiater und in die Apotheke, um die Situation auszuhalten. Als zu versuchen, unsere Angst vor der Veränderung zu besiegen.

Erfolgsmeldung

Natürlich wäre ein bisschen Jamaika nicht schlecht gewesen. Also etwas mehr Farbe und karibische Lebensfreude. Weitere vier Jahre die Uni-Farben von Frau Merkel, das Einheitsgrau der Männer und die weißen Blusen von Frau Von der Leyen, das ist eine schon sehr deprimierende Zukunftsaussicht. So aber hat auf jeden Fall erst einmal der Klimaschutz gewonnen – und natürlich auch viele Menschen, die Schutz suchen vor Hunger und Verfolgung.

Denn es hat sich doch mehr und mehr abgezeichnet, dass Jamaika hierzulande zum Synonym für eine ungebremste und kaum innovative Industrie und Strom aus Kohle werden würde. Und Migranten und Asylsuchende unbeschadet der farblichen Vielfalt in der Regierung mehr denn je auf eine graue Mauer gestoßen wären. Im Scheitern liegt halt immer auch eine Chance. Klimaschützer und Menschenrechtler können erst einmal aufatmen.