Verstellte Sichtweise

Man muss nicht alles gut heißen, wofür man durchaus Verständnis hat. Ich finde es ein bisschen übertrieben, wie sich manche Menschen in gefühlter Dauerschleife mit sich selber beschäftigen, sich in Zeiten von Social Media anscheinend im Sekundentakt den Freunden oder auch der Welt präsentieren. Kann es aber rational durchaus nachvollziehen, dass es eine gewisse Genugtuung bedeutet, sich selbst in bestem Licht darzustellen. Schließlich schaue ich ja auch in den Spiegel, bevor ich für ein Blind Date das Haus verlasse.

Wo mir allerdings jeder Zugang verwehrt ist und jegliches Verständnis fehlt, das ist, wenn Menschen sich allem Anschein nach nicht satt sehen können am Leid anderer Menschen. Und auch noch alles daran setzen, die grausamen Bilder für sich als Foto oder Film zu bewahren, am besten gleich noch mit allen Facebook-Freunden zu teilen. Bevorzugtes Terrain für diese Abart menschlicher Neugierde: Deutschlands Autobahnen oder Landstraßen. Was jetzt auch von zwei jungen Filmemachern mit einem Video thematisiert wurde.

Die hoffentlich nachdenklich stimmende Pointe in diesem kleinen Film: Das so begeistert von einem jungen Mann und seinen Freunden fotografierte und gefilmte Unfallopfer ist die Mutter des jungen Mannes. Was zwar in der Realität kaum vorkommt, aber in dieser Überspitzung bestens die alles an Empathie außeracht lassende seelische Grausamkeit von sensationsgeilen Gaffern aufzeigt. Die wohl einem diesen Menschen erst bewusst werden kann, wenn der Schmerz sie selber trifft. Ein Verwandter oder geliebter Mensch das Opfer ist.

Man muss zugeben, dass sie Vorreiter haben. Dass es Medien gab und gibt, die mit ihrer sensationslüsternen Berichterstattung über Unfälle, Amokläufe, Terroranschläge und Morde Kasse machen. Aber es gibt auch Medien, die die Menschen auffordern, kein Essen gedankenlos wegzuschmeißen, und es interessiert sie nicht. Das ist also als Ausrede untauglich. Was bleibt, ist die Vermutung, dass das dokumentierte Unglück und Leid eines anderen Menschen vielleicht die Illusion nähren soll, man selber sei davor gefeit. Ein Irrtum.

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