Archiv für den Monat August 2018

Zurückhaltung

Dabei hatte ich mir ganz fest vorgenommen, mich zurückzuhalten. Gibt ja schließlich schon genug Leute, die sich äußern. Manche verbinden sogar eine Reise nach Chemnitz damit. Doch als ich gestern Abend jene Frau, die zum trauten Zwiegespräch mit Ministerpräsident Kretschmer ins Fußballstadion wollte, auf der Mattscheibe sah und sinngemäß sagen hörte, dass die Politiker den Kontakt zum „Volk“ verloren hätten, da brach mein Widerstand in sich zusammen.

Denn es war klar, dass sie mit „Volk“ sich meinte. Und sicher wohl auch all jene, die dann vor dem Stadion „hau ab“ skandierten. Aber natürlich nicht die Frau meinten, sondern den Politiker. Und das Volk sind natürlich auch all jene, die die Abende in den vergangenen Tagen in Chemnitz damit verbrachten, „Ausländer“ zu jagen und Hitler zu grüßen.

Weshalb ich für mich endgültig beschlossen habe, dass ich auf gar keinen Fall Teil des Volkes sein will. Dass ich lieber ohne Volk leben möchte als mit so einem Volk. Und während es dereinst ein Volk ohne Raum gab, gibt es dann eben jetzt einen Raum ohne Volk. Nämlich überall da, wo ich bin. Und schon gar nicht möchte ich zu einem Volk gehören, dass sich Politiker*innen wählt, die diesem Volk hinterher hecheln, um dann über die Zuwächse einer AfD bei Wählerumfragen zu staunen.

 Früher hätte man zu mir wohl gesagt: Dann geh‘ doch nach drüben! Es ist genau das, was ich jetzt unbedingt vermeiden möchte. Da gründe ich mir doch lieber mein eigenes Volk. Es finden bereits Gespräche mit möglichen Aspiranten statt. Die Frau aus dem TV-Bericht ist nicht dabei. Und auch niemand von „Pro Chemnitz“. Unsere Katze hat hingegen beste Chancen.

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Auffälligkeiten

Ist es eigentlich schon einmal jemand aufgefallen, dass in vielen Filmen Menschen abends nach Hause kommen, ihre Wohnungstür aufschließen – und in Räume treten, in denen Tischlampen Licht verbreiten, Stehlampen still vor sich hin leuchten, auch die eine oder andere Deckenleuchte erstrahlt. So als wäre gerade kurz zuvor jemand durch die Räume gegangen und hätte für diese wohlige Atmosphäre gesorgt.

Dabei wissen wir natürlich, dass auch in diesem Film die betreffende Person schon am frühen Morgen das Haus verlassen hat, das Licht also den ganzen Tag gebrannt haben muss. Und das ist auch nicht anders, wenn es ein Mensch ist, der den ganzen Tag anderen Menschen erklärt, was sie alles tun müssen, um diesen Planeten zu retten. Unter permanentem Hinweis darauf, dass natürlich bei jeder Gelegenheit Energie gespart werden muss.

Warum ich jetzt aber an den Ministerpräsidenten denken muss, den man jetzt täglich in einem der Filme sieht, ist mir allerdings ebenso schleierhaft. Aber jedenfalls kommt es mir da auch so vor, als würden schon Lampen brennen, damit auch gleich eine heimelige Atmosphäre herrscht, wenn er den Mund aufmacht. Um zu erklären, dass er schon immer alles getan hat, damit das nicht passiert, was jetzt eingetreten ist. Womit er sich als wahrer Politiker zeigt, als Mensch, der verstanden hat, was er anderen Menschen erzählen muss, damit sie weiterhin glauben, dass er ihnen nichts vormacht, wenn er abends nach Hause kommt und schon überall im Haus die Lampen brennen.

Unrecht

Was wünschen wir uns am meisten? Dass wir geliebt werden? Genug Geld haben? Vielleicht in anderer Reihenfolge. Aber auf jeden Fall steht auch ganz weit oben auf der Wunschliste, dass wir gerecht behandelt werden. Am besten nicht weniger sondern vielleicht eher etwas mehr geachtet werden als andere. Nicht benachteiligt werden. Was menschlich ist.

Aber leider zumeist der subjektiven Betrachtungsweise unterliegt. Weshalb es vor allem in diesem Punkt weniger darauf ankommt, wie geachtet oder benachteiligt jemand wirklich ist. Sondern vor allem darauf, wie sich die oder der Betreffende selber sieht. Wer also gerne dazu neigt, die Schuld für eventuelle Schicksalsschläge bei anderen zu suchen, der ist auch schnell davon überzeugt, dass ihm Unrecht geschieht.

Was dann die denkbar optimale Konstellation ist, um selber Unrecht zu tun. Ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Klingt vielleicht etwas kompliziert, wird aber derzeit vielfach auf den Straßen einer deutschen Stadt praktiziert. Gerne auch von Parteien ausgenützt. Und ist ein in Partnerschaften durchaus nicht unübliches Verhalten. Dass es keine hundertprozentige Gerechtigkeit gibt, ist dabei nur ein schwacher Trost. Aber zumindest realistisch.

Chemnitz

Chemnitz kann eine einzigartige Geschichte erzählen – von bahnbrechenden Erfindungen im Automobilbau, Maschinenbau oder der Textilwirtschaft ebenso wie von mutigen Unternehmern wie Richard Hartmann, Carl Gottlieb Haubold oder Louis Schönherr. Als moderne Industriestadt hat Chemnitz weiter an dieser Geschichte geschrieben und gehört heute zu den wachstumsstärksten Städten Deutschlands. Die Stadt ist Technologiestandort mit den Schwerpunktbranchen Automobil- und Zuliefererindustrie, Informationstechnologie sowie Maschinen- und Anlagenbau.

Eigene Wege gehen, Neues wagen und Erfindergeist leben, dieses Rezept macht die Stadt und ihre Menschen erfolgreich: In Chemnitz erdacht wurden zum Beispiel die Thermoskanne oder das erste Feinwaschmittel, patentierte Ideen wie tausend weitere. Heute werden hier unter anderem exzellente Maschinen und Produktionsanlagen gebaut, mit deren Hilfe auf der ganzen Welt produziert wird.

Tradition und Moderne spiegeln sich auch in städtebaulich spannenden Gegensätzen wider. Einzigartige Zeugnisse des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit oder der Kaßberg als eines der größten zusammenhängenden Gründerzeitviertel Europas begeistern Architekturfans. Ebenso wie die in den vergangenen 20 Jahren von international renommierten Architekten wie Helmut Jahn, Hans Kollhoff oder Christoph Ingenhoven neu entworfene Chemnitzer Innenstadt.
(Quelle: Homepage der Stadt Chemnitz)

Kosmetik

Jetzt habe ich endlich das Prinzip verstanden. Die CSU will zwei Monate vor der Landtagswahl ein Familiengeld einführen, für das Bundesarbeitsminister Hubertus Heil von der SPD sich nicht „über Recht und Gesetz hinwegsetzen“ will. Weshalb es bei Hartz-IV-Empfängern als zusätzliches Einkommen eingestuft und mit den Sozialleistungen verrechnet wird.

Kein Wunder also, dass sich die CDU/CSU-Spitze echauffiert, wenn dann unter anderem von SPD-Finanzminister Olaf Scholz eine Rentengarantie bis 2040 ins Gespräch gebracht wird. Während sich Heimatminister Seehofer im Glanz seines Erfolges in der Asylpolitik sonnt, unbeeindruckt von der Tatsache, dass seine Rücknahme-Abkommen gerade einmal von Asylsuchenden im unteren dreistelligen Bereich in Anspruch genommen werden müssen.

Doch wie auch immer, es entsteht auf jeden Fall der Eindruck, dass die Politik in Deutschland etwas bewegt, anstößt, in Angriff nimmt. Und verdeckt somit, dass das, was im Moment wirklich wichtig wäre, was wirklich auf den Nägeln und zum Teil als Feinstaub in den Augen brennt, also was heute in Angriff genommen werden müsste, um morgen nicht der Zündstoff zu sein, der diese Gesellschaft explodieren lässt, dass das also nicht wirklich passiert. Vielleicht sollte man sich daran erinnern, dass man noch so viel Puder oder Make-up auftragen kann, die Falten darunter, die uns irgendwann sehr alt aussehen lassen, bleiben.

Flüchtlings-Monopoli

An den Temperaturen kann es nicht liegen. Erstens steigen sie derzeit sogar in Rom nicht über die 30-Grad-Marke. Außerdem ist man dort Hitze gewöhnt und hat sich deshalb schon lange mit den Arbeitszeiten darauf eingestellt. Es muss also einen anderen Grund geben, dass Italiens 5-Sterne-Regierung der EU droht, die Beitragszahlungen einzustellen, wenn nicht bis zum gesetzten Termin eine Lösung für die 150 Flüchtlinge gefunden wird, die auf dem italienischen Schiff „Diciotti“ im Hafen von Catania festgesetzt wurden. Und auf jeden Fall darin bestehen soll, dass andere EU-Länder die Flüchtlinge übernehmen. Also so eine Art Flüchtlings-Monopoli gespielt wird.

Vielleicht hat ja der Vorsitzende der 5-Sterne-Bewegung, Luigi Di Maio, von dem diese klare Ansage stammt, mit dem US-Präsidenten telefoniert. Der weiß nämlich, wie Erpressung geht. Siehe Iran. Was er sich seinerseits möglicherweise von der New Yorker Mafia abgeschaut hat. Auf jeden Fall findet dessen Einsicht, dass Verbündete oft die wahren Feinde sind, immer mehr Anhänger in der EU. Was die Europäische Union immer mehr zu einem Geschäftsmodell macht, das dem von Investoren gleicht: Sparten, die nicht kostendeckend arbeiten, werden abgestoßen.

Man sollte sich also so langsam von der Idee befreien, dass dieses angeblich vereinte Europa etwas anderes zusammenhält als wirtschaftliche und politische Interessen. Die ihrerseits mehr und mehr von nationalistischen Tendenzen geprägt sind. Doch heißt es nicht, dass ein Ende mit Schrecken besser sei als ein Schrecken ohne Ende sei? Warum also nicht noch einmal mit einer Europäischen Union von vorne anfangen. Jetzt weiß man ja einigermaßen, wie es nicht so gut oder gar nicht funktioniert. Und Italien könnte mit seinen eingesparten EU-Beitragszahlungen die Häfen zu Bollwerken gegen Flüchtlingsschiffe ausbauen.

Sommer-Feeling

Was haben wir uns schnell daran gewöhnt. Kaum hält mal eine hochsommerliche Schönwetterfront länger als acht Tage durch, schon hat man das Gefühl, irgendwo auf der Welt zu sein, nur  nicht in Deutschland. Es sind sogar die Straßencafés nach 21 Uhr noch wohl gefüllt. Kaum noch ein Männerbein zeigt sich unverhüllt. Und wer das Glück hat, in Sachsen zu leben oder gar Urlaub zu machen, der kommt schon gar nicht mehr auf die Idee, in die Türkei zu fahren. Wenn er doch nur zu einem Pegida-Aufmarsch gegen Merkel nach Dresden muss, um sich wie am Bosporus zu fühlen.

Also zumindest, wenn gerade eine ZDF-Team filmt und sich ein LKA-Mitarbeiter auf sein Recht auf anonymes Pöbeln gegen die Lügenpresse beruft. Tatkräftig unterstützt von Polizisten, die eine dreiviertel Stunde brauchten, um zwei Presseausweise zu kontrollieren. Was Sachsens Ministerpräsident vorbildlich fand. Weshalb es dann doch direkt etwas beruhigendes haben kann, dass es mit dem hochsommerlichen Wetter erst einmal Schluss zu sein scheint.