Funkloch

Es war eine Reise in eine andere Zeit. Was ein anderes Leben zur Folge hatte. Ein Leben nämlich, in dem man dereinst glücklich war, dass das Telefon nicht mehr fest an der Wand installiert ist, sondern dank eines längeren Kabels beim Telefonieren sogar eine bequeme Position in einem Sessel ermöglicht. Doch noch nicht einmal das war hier möglich, und keine Frage, dass es in diesem Leben respektive Haus auch kein WLAN gab, durch die idyllische Allein-Lage in einer Waldregion ein gigantisch anmutendes Funkloch sogar den Gebrauch des Smartphones auf das Versenden von SMS reduzierte. Die sich mitunter erst beim dritten oder vierten Versuch auf den Weg zum Empfänger machten, das seltsame Gefühl zurücklassend, dass die Nachricht wohl nicht zwingend ihren Empfänger erreichen würde.

Kurzum, es war eine Welt ohne Facebook, Twitter und Co., in der man sich einen Überblick über die Wetterlage nicht durch die entsprechende App verschaffte, sondern durch einen Blick aus dem Fenster. Und es bedarf wohl auch nicht mehr der Erwähnung, dass es in dieser Welt natürlich auch kein Fernsehen gab und auch keines dieser antiquarischen Radiogeräte, mit denen man eigentlich überall irgendeinen Sender hat, der mit neuesten Nachrichten versorgt. Doch wir hatten auf die mobilen Flachmänner vertraut, die jetzt eigentlich nur noch zum Sudoku spielen taugten.

Was dann aber auch niemand machte, obwohl wir plötzlich unglaublich viel Zeit hatten, denn wir mussten keine Emails checken und auch nicht auf WhatsApp chatten oder alle zwei Minuten irgendein wahnsinnig tolles Foto bei Instagram posten. Stattdessen widmeten wir uns genussvoll und ausgiebig der Zubereitung von Speisen, betrachteten die Natur ausgiebig und nicht durch das Fotoobjektiv des Smartphones, vergnügten uns ausgelassen im erfrischenden Wasser eines Baches, machten in den frühen Abendstunden lange langsame Spaziergänge unter dem Blätterdach der Bäume, saßen bis tief in die Nacht vor dem Haus und spielten ein seltsames Spiel: Zuhören und selber sprechen und diskutieren.

Schon am zweiten Tag wusste niemand mehr, wo denn eigentlich sein Smartphone lag, niemand riss sich darum, die dreiviertelstündige Fahrt in die nächst größere Konglomeration auf sich zu nehmen, die einen wieder in die gewohnte Zivilisation mit WLAN-Anschluss gebracht hätte. Zu essen und trinken gab es genug, sogar das Brot gelang nach dem zweiten Versuch. Statt „Gletscher Wasser still“ in der PET-Flasche gab es frisches Wasser aus dem Brunnen, Tomaten wuchsen im Garten und nicht bereits in Scheiben geschnitten hinter Cellophan. Vier Tage dauerte diese Expedition in die Vergangenheit, und bevor wir uns Gedanken machen mussten, ob wir diesen Geheimtipp nicht besser für uns behalten sollten, erfuhren wir bei der Abreise, dass der eigentlich zuständige Funk-Mast für dieses Gebiet gerade ein Upgrade bekam.

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