Archiv für den Monat September 2018

Zufriedenheit

Erdogan ist wieder abgereist. Der Fußballclub FC Bayern hat die Tabellenspitze in der Bundesliga abgegeben. Die Gnadenfrist für den Hambacher Forst wurde um einige Baumhäuser verlängert. Und höchstwahrscheinlich dürfen sich Autofahrer und Industrie die Kosten für eine bessere Luft redlich teilen. Wären nicht die Bilder aus Indonesien, man könnte sich zufrieden zurücklehnen.

Falscher Zeitpunkt

Schade, dass Maaßen nicht mehr im Amt ist. Der vormalige Verfassungsschützer hätte bestimmt seine Zweifel an diesem Video geäußert, das ein junger Mann hinterlassen hat. Er soll in der kurdischen Jugendbewegung gewesen sein, bevor er sich auf einem Feld im Landkreis Eichstätt mit einer brennbaren Flüssigkeit übergoss und anzündete.

In diesem Video soll er seinen Tod damit begründet haben, dass er damit gegen das Unrecht protestieren will, dass die Türkei an den Kurden verübt, mit Waffen aus der BRD. Doch rücksichtsvoll, wie Medien nun einmal sind, wurde im Großen und Ganzen darüber kaum bis nicht berichtet, wie es zumeist bei einem Selbstmord gehandhabt wird.

Dass dieser sehr wahrscheinlich einen politischen Hintergrund hat, das wurde wohl deshalb nicht berücksichtigt, weil gerade so gut wie alle Journalisten mit der Berichterstattung über den Besuch des türkischen Präsidenten beschäftigt waren – und dessen Bemühungen, alles bisher Geschehene vergessen zu machen.

Was natürlich überhaupt nichts damit zu tun hat, dass die Türkei gerade wirtschaftlich in Turbulenzen geraten ist. Weshalb anzunehmen ist, dass über die höchstwahrscheinlich politisch motivierte Selbsttötung berichtet wird – wenn überhaupt, wenn Erdogan wieder zu Hause ist.

Ballast abwerfen

Irgendwie war es einfach lästig. Man konnte nicht mehr in ein anderes Land reisen, ohne dass man gleich von den Medien daran erinnert wurde, dort die Menschenrechte einzufordern. Und natürlich die Pressefreiheit. Kann man sich jetzt endlich sparen. Zumindest was letztere betrifft. Und die Gelegenheit war günstig. Wenn man schon einen Staatspräsidenten da hat, der auf beides pfeift, dann kann man dem doch mal einen kleines Gastgeschenk machen. Und er hat sich richtig gefreut, als bei der Pressekonferenz ein akkreditierter Journalist abgeführt wurde. Da fühlte er sich wie zu Hause.

Wenn er gewusst hätte, dass bereits im Vorfeld ein Journalist befragt wurde, welche Fragen er denn dem Herrn Präsidenten zu stellen vorhabe, hätte er sich natürlich noch mehr gefreut. Aber auf jeden Fall wird er die kleine Geste zu schätzen wissen, dass man jetzt auch hierzulande endlich die Pressefreiheit neu definiert. Und deutsche Politikerinnen und Politiker können jetzt ins Ausland reisen und müssen nicht mehr so nachhaltig die Pressefreiheit anmahnen. Wäre ja unsinnig, bei anderen einzufordern, was man zu Hause auch nicht mehr so eng sieht.

Erfolgsmeldung

Endlich hatte er auch mal wieder Grund zu jubeln. Nachdem man ihm seinen Staatssekretär weggenommen hat, jetzt sieht Horst Seehofer einen „tollen Erfolg“. Die UEFA hat sich für Deutschland als Austragungsort für die Fußball-EM 2024 entschieden, der Mitbewerber Türkei war ihr zu unsicher. Und nachdem Seehofer als Innenminister ja auch für Sicherheit zuständig ist, hat er wohl nicht unwesentlichen Anteil an der Wiederauflage eines Sommermärchens.

Was einen anderen Erfolg etwas in den Hintergrund drängt. Denn Dank des aufopferungsvollen Einsatzes unseres Heimatministers konnten wieder einmal zwei Immigranten an der Grenze zu Österreich zurückgewiesen werden. In einem einzigen Monat. Doch die schönste Nachricht des Tages dürfte trotzdem sein, dass sich das Land, in dem die Fußball-EM stattfindet, höchstwahrscheinlich automatisch für die Teilnahme qualifiziert ist.

Demokratie

Manchmal ergibt sich das einfach so. Da sitzt man zusammen, spricht über das Wetter, vielleicht auch über die Familie, oder den nächsten Urlaub. Kann natürlich sein, dass man auch ein bisschen ins Politisieren kommt. Über die jüngsten Ereignisse plaudert. Über den Lachanfall bei der UNO. Als Trump seine Erfolgsstory erzählte. Dass jetzt in Österreich das Innenministerium Anweisung gab, bestimmte Medien nur noch sparsam mit Informationen zu versorgen. Weil die auch immer so negativ über die Polizei und überhaupt berichten. Also über diesen ganzen Wahnsinn, der momentan so die verschiedensten Länder durcheinander wirbelt. Bis dann jemand plötzlich sagt: Warum spielen wir heute nicht mal ein bisschen Demokratie.

Erst schauen alle ganz erstaunt, aber dann fangen einige an, mit dem Kopf zu nicken. Ja, klar doch. Warum nicht mal Demokratie. Und kurz darauf gehen sie los, um den Vorsitzenden ihrer Fraktion zu wählen. Und, ups, auf einmal ist der alte Vorsitzende, der langjährige Weggefährte der Kanzlerin, doch wirklich und entgegen allen Erwartungen abgewählt. Und der neue Fraktionsvorsitzende weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Weshalb er auf Fragen, ob das jetzt eine Ohrfeige für die Kanzlerin sei, die sich vor der Wahl ja hinter den alten Fraktionsvorsitzenden gestellt hatte, sagt, dass das auf keinen Fall eine Ohrfeige für die Kanzlerin wäre. Sondern nur Demokratie. Und da musste ich an Spaziergänge denken, wenn riesige Köter mit Schaum vor dem Maul auf mich zurasten. Und die Besitzer geschrien haben: Der will nur spielen.

#gesichtzeigen

Was der guten Sarah Wagenknecht links ist, das kann mir doch eigentlich nur recht sein. Wobei „Aufstehen“ schon ein sehr hoher Anspruch ist. Da ist Bewegung gefordert, körperlicher Einsatz. Das klingt ja fast schon nach Revolution. Jedenfalls habe ich mich ja im letzten Blog zu dem erneuten Gezerre in der GroKo auch über die lässige Apathie eines Großteils der Bevölkerung ausgelassen. Moniert, dass doch letztendlich der überwiegende Teil gemütlich zu Hause sitzt und sich in der warmen Stube bestenfalls über pöbelnde Rassisten aufregt.

Und wenn man einmal davon absieht, dass ich zumindest täglich einmal zum Einkaufen fahre, um mich im Supermarkt über die Preise und die lange Schlange an der Kasse aufzuregen, vielleicht sollte ich mich doch etwas mehr an Frau Merkel orientieren. Also mich weniger mit der Funktionalität und den Abläufen beschäftigen. Und mehr mit dem, was mich wirklich beschäftigt. Sogar noch einen Schritt weiter gehen und vielleicht sogar das, was mich und den Rest der eher schweigenden Mehrheit in Deutschland wirklich betrifft, nach außen tragen.

Auch wenn es natürlich begrüßenswert ist, wenn ein Mensch nicht spricht, weil er gerade den Mund voll hat. Und viele Menschen, wenn man das Straßenbild berücksichtigt, sehr oft den Mund voll haben: Es ist höchste Zeit, dass ihn mehr Menschen endlich einmal aufmachen. Und zwar dort, wo sie gehört und gesehen werden.

Also nicht im heimischen Umfeld, wo von den Lieben sowieso kaum jemand zuhört, weil gerade wieder ein Chat auf dem Smartphone am Laufen ist. Ich denke auch nicht an Internet-Foren oder ähnliches, wo unter dem Deckmäntelchen der Anonymität Sprechblasen ohne Gefahr wie CO² abgesondert werden. Und noch weniger denke ich an Stammtische, über denen ja gar keine Rauchschwaden mehr wabern.

Mir schwebt eher eine Bewegung vor, die raus geht auf die Straße. Dorthin, wo man die größte Aufmerksamkeit erhält. Wo nämlich der Autoverkehr behindert wird. Und das Kind hat auch schon einen Namen: #gesichtzeigen! Bin jetzt mal auf erste Reaktionen gespannt. Wenn sich das Ganze wie bei Sarah Wagenknecht entwickelt, werde ich richtig durchstarten. Dann gibt es für mich kein Halten mehr. Dann wird nicht nur zum Einkaufen das Haus verlassen.   

Hamsterrad

Mir ist langweilig. Maaßen geht in die dritte Runde respektive vierte Woche. Der US-Donald ist unverändert und unbeeindruckt der US-Donald. Die Volksparteien suchen weiterhin unverdrossen und verzweifelt nach einem neuen Volk. Und ein winziger Regenwurm, als Schlange getarnt, kriecht grölend durch deutsche Straßen, was das große fette Kaninchen in Schockstarre versetzt.

Oder lässt sich das anders interpretieren, wenn nicht mal tausend Hitler-Hooligans und Pegidas, moralisch unterstützt von einer Partei rechtsnationaler Populisten, in der Lage sind, die gewählten Politiker vor sich her zu treiben, als würden hunderttausende Hunnen über das Land hinwegfegen. Sollte man nicht wieder etwas die Relationen in den Focus rücken?

Es gibt mehr als 80 Millionen Menschen in diesem Land, die nicht mit Hitlergruß demonstrieren. Auch wenn selbstverständlich auch nicht geleugnet werden soll, dass einige von ihnen durchaus schon mal geistig den Arm in die Höhe recken. Und natürlich ist auch Antisemitismus eine absolut hässliche Erscheinung, die nicht geduldet werden kann.

Aber wenn in Berlin ein jüdischer Schüler verunglimpft und beleidigt wird, dann heißt das auch, dass wenigstens 90.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde an diesem Tag Tateunbehelligt in deutschen Landen leben. Was mich in diesen Tagen im Zeichen des Hamsterrades eher beunruhigt, das ist die behäbige Tatenlosigkeit einer nicht einmal schweigenden Mehrheit. Deren Vertreter sich am liebsten per Maus-Click aufregen, damit sie ihren Hintern nicht vom Sofa heben müssen. Die sich hinter ihren riesigen LCD-Bildschirmen verkriechen, um nur ja nicht ihr Gesicht zu zeigen.