Lebendige Demokratie

Geben wir es doch zu. Haben wir nicht fasziniert und fast ein bisschen neidisch zugeguckt, wenn im Fernsehen Bilder zu sehen waren, wie sich in der Türkei, in Italien oder in Japan Abgeordnete wie richtige Männer benommen haben und mit den Fäusten aufeinander los gingen? Um endlose Diskussionen zu Ende zu bringen. War doch diesbezüglich und bisher der allzu kurze Auftritt von AfD-Chefin Alice Weidel als Rumpelstilzchen in Deutschland der eher frustrierende und einzige Höhepunkt.

Doch nun können wir Hoffnung schöpfen, dass es bald solche Bilder auch aus deutschen Land- und Bezirkstagen oder dem Bundestag geben wird. Jedenfalls ist ein Anfang gemacht. Und zwar, wer hätte das gedacht, im behäbigen Baden-Württemberg, im Landtag. Da wollte die AfD nämlich wissen, wie es denn eigentlich aussieht mit den „linksideologischen“ Einflüssen in Kindergärten. Weshalb im Verlauf der Debatte der AfD-Abgeordnete Stefan Räpple, unverkennbar ein Schwabe, in Richtung SPD sagte: „So sind sie, die roten Terroristen!“

Was ihm einen Ordnungsruf der Landtagspräsidentin einbrachte. Die nicht nur eine Frau ist, sondern auch noch Mitglied der Partei Die Grünen und außerdem Muhterem Aras heißt. Und dann auch noch Herrn Räpple des Saales verwies, weil dieser zu toben angefangen hatte, nachdem ein Abgeordneter von der FDP behauptet hatte, dass die geistigen Vorläufer von Herrn Räpple „im Stechschritt durch das Brandenburger Tor marschiert“ wären. Und die Landtagspräsidentin diese Bemerkung nicht sanktionieren wollte.

Also beschloss Herr Räpple nicht den Saal zu verlassen. Und folgte erst nach langer Diskussion der Aufforderung von zwei Polizisten, die herbeigerufen worden waren. Weshalb dann auch noch der fraktionslose Abgeordnete Wolfgang Gedeon, der sich an der Debatte rege beteiligt hatte, nach zwei Ordnungsrufen durch Frau Aras dieser vorwarf, dass sie so vielleicht „ein Parlament in Anatolien führen“ könne, aber „nicht in Deutschland“.

Was natürlich Humbug ist, denn Frau Aras ist Deutsche und kein AKP-Mitglied und dürfte deshalb nie einem Parlament in Anatolien vorsitzen. Jedenfalls weigerte sich auch Herr Gedeon, nach Ausschluss von der Sitzung den Saal zu verlassen und wartete lieber darauf, dass die Polizei ihn begleitet. Wir sind also ganz offensichtlich auf dem richtigen und besten Weg zu einer – im Wortsinne – lebendigen Demokratie.

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