Archiv für den Monat Januar 2019

Glattrasur

Wer wissen will, wie es zumindest um den Großteil der Männer steht, was für sie Männlichkeit ist, der möge sich den Werbespot eines Herstellers von Rasierklingen ansehen. Und sich dann die tausenden Kommentare von Männern zu dem Werbespot zu Gemüte führen. Menschen, die momentan aufgrund irgendwelcher tragischen Erlebnisse etwas labil sind, wird allerdings davon abgeraten.

Denn es öffnet sich ein Abgrund, der es schwer macht einzugestehen, dass man ein Mann ist. Vorausgesetzt Mann ist noch fähig, sich zu schämen. Es ist bekannt. Aber immer wieder bestürzend, wenn Männer so geballt zeigen, wes Geistes Kind sie sind. Auf jeden Fall ein großes Dankeschön an Gillette für diese empirische Studie. Und für den Werbetrailer. Bitte mutig bleiben. Jetzt nicht einknicken. Und alle anderen: Ansehen!!! Und Kommentare lesen!!!

 

 

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Kohleausstieg

Die Erde ist gerettet. Also vielleicht nicht die ganze Erde. Aber doch zumindest ein Teil von ihr. Nämlich in erster Linie das Helmstedter Revier, das Mitteldeutsche Revier, das Lausitzer Revier und das Rheinische Revier. Sie sollen in den kommenden 20 Jahren 40 Milliarden Euro bekommen. Damit sie bis 2038 Kohlekraftwerke abschalten können, die zum Teil sowieso aus Altersgründen still gelegt werden.

 

Als Gegenleistung dürfen sie bis 2022 noch mal schnell circa 768 Millionen Tonnen CO² in die Luft blasen. Dann wird’s allerdings weniger, in zehn Jahren sollen es dann nur noch um die 90 Millionen Tonnen sein. Kein Wunder also, dass die Anleger sich auf die Aktien der Unternehmen, die Kohlekraftwerke betreiben, stürzten. Was zum Beispiel für die RWE-Aktie ein Plus von 5 Prozent bedeutete. Schließlich winkt ein zweistelliger Milliardenbetrag für den Ausstieg.

 

Aber nicht nur Aktionäre dürfen sich freuen, sondern auch Naturfreunde sind begeistert. Der Hambacher Forst wird vielleicht unter Umständen nicht abgeholzt. Und damit der Rest der Republik nicht abgehängt wird in Sachen Kohle, irgendwie auch das Gefühl hat, nicht vergessen zu werden, dürfen sich alle Stromverbraucher schon einmal seelisch und moralisch darauf vorbereiten, dass Fernsehen oder das Aufwärmen der Pizza höchstwahrscheinlich teurer werden.

Käse

Nicht wenige Menschen wundern sich, warum Populisten allenthalben auf dem Vormarsch sind. In Deutschland, in Italien, Ungarn oder auch Österreich. Ganz zu schweigen von den USA. Sie wundern sich, dass so viele Menschen auf das große Getöne und die leeren Versprechungen reinfallen.

Ich denke, das kommt einfach daher, dass sie es seit Jahrzehnten nicht anders gewöhnt sind als großes Getöne und leere Versprechungen. Braune Zuckerbrause beispielsweise wird ihnen seit ebenso langer Zeit ja schließlich auch mit dem Verheißung verkauft, dass es mit jedem Schluck für Spaß und jugendliche Unbeschwertheit sorgen würde. Tatsächlich sorgt es aber für Übergewicht und schlechte Zähne.

Was aber niemand daran hindert, das Zeug einkaufswagenweise zu kaufen und auch zu trinken. Die Verkaufsstrategien der Lebensmittelindustrie und anderer Branchen sind quasi die Trainingscamps des Populismus. Wer glaubt, dass ein billiger Scheibenkäse herzhaft ist oder in leckeren Fertigsaucen richtige Kräuter sind, der glaubt auch an die Versprechungen von Populisten.

Vorbild

Wie Schuppen ist es mir von den Augen gefallen. Und eigentlich hätte ich ja schon früher darauf kommen können. Aber immerhin, jetzt habe ich keinen Zweifel mehr. Zum Glück setzt der Präsident der USA hin und wieder ja einen Tweet ab. Und einer brachte mich auf die Spur:

@ilduce2016: “It is better to live one day as a lion than 100 years as a sheep.” – @realDonaldTrump #MakeAmericaGreatAgain

In einem Interview, das NBC mit dem Präsidenten führte, hat er dann gesagt, dass er nicht gewusst habe, dass es ein Zitat von Mussolini sei. Und er hätte auch kein Problem damit, dass es von dem italienischen Faschist sei. Er fände es einfach gut.

Und dann habe ich mir einen Film mit Reden von Mussolini angesehen. Und es wurde zu einem „déjà vu“. Der Blick, wie er manchmal den Kopf hält, als ob er und Donald Trump verwandt wären. Was natürlich unwahrscheinlich ist. Weshalb es wahrscheinlicher ist, dass Trump geflunkert hat. Er hat sich stundenlang Filme mit Mussolini angeschaut. Und jetzt kopiert er ihn. Und gar nicht mal schlecht.

Zuversicht

Das kann einem vielleicht sogar den Glauben wiedergeben. Vergangene Woche, am Freitag, sind Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland auf die Straße gegangen. Während der Schulzeit. Weil nicht genug geschieht. Weil die Politik die Zahlen kennt, die Fakten, aber nicht wirklich etwas unternimmt. Und es könnte sein, dass ich mich entschuldigen muss. Was ich gerne tun werde. Wenn kommende Freitag wieder Schülerinnen und Schüler auf die Straße gehen. Weil sie finden, dass es keinen Sinn macht, in die Schule zu gehen und zu lernen, wenn die Zukunft so düster aussieht.

Die Schwedin Greta Thunberg hat also damit angefangen. Sie bestreikt seit Monaten jeden Freitag die Schule, um stattdessen für ein lebensfreundliches Klima zu demonstrieren. Ob das jetzt auch die Schülerinnen und Schüler in Deutschland so lange durchhalten, das ist die große Frage. Denn für die Bildung zuständige Minister und Nachgeordnete haben teilweise schon schwere Geschütze aufgefahren. In Deutschland herrscht schließlich Schulpflicht. Und Ordnung. Da muss selbstverständlich in der Freizeit demonstriert werden. Aber Ordnung hält den Klimawandel nicht auf.

Geprägte Länder

Die Libanesin Nadine Labaki, Regisseurin und Schauspielerin, hat einen Film gemacht. In Deutschland ist er jetzt unter dem Titel „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ in die Kinos gekommen. Er spielt in Beirut, und die Hauptrolle hat ein kleiner Junge. Der im Film seine Eltern verklagt, weil sie ihn in die Welt gesetzt haben, ohne für ihn sorgen zu können. Weshalb der Junge für sich selber und andere sorgt. Der kleine Junge ist in dieser Rolle wunderbar authentisch, vielleicht auch, weil er das Leben auf der Straße kennt.

Besonders vielsagend ist da der Kommentar eines in Deutschland lebenden vermutlichen Mannes im Zusammenhang mit einer Online-Filmbesprechung. Er schrieb: „Es ist wirklich schrecklich, was Kindern in muslimisch geprägten Ländern angetan wird.“ Diese Sichtweise verhindert nämlich bestens zum Beispiel zu sehen, was Kindern in westlich geprägten Ländern angetan wird. Aber das interessiert ihn wahrscheinlich auch nicht. Sonst müsste er ja vielleicht sogar Betroffenheit verspüren, wenn er sich eingestehen würde, dass es vor seinen Augen passiert.

Und ich nehme auch nicht an, dass dieser vermutliche Mann den Film gesehen hat. Denn wenn man ihn gesehen hat, wird man nicht solche Kommentare schreiben. Sondern sich einfach hoffentlich mal wieder nur noch schämen, dass überhaupt Kinder auf dieser Welt dem ausgesetzt sind, was Erwachsene ihnen antun. Und daran sind immer mehr Menschen beteiligt als nur die Eltern oder die Prägung eines Landes. Daran ist der Großteil der angeblichen Erwachsenen beteiligt. Es gibt also keinen Grund, sich diesen Film nicht anzuschauen. Er betrifft sie.

Himmelszeichen

Erst einmal kurz die Augen zusammen gekniffen. So hell war das plötzlich. Das erste Mal nach gefühlt sehr langer Zeit wieder Sonne. Man sieht sogar den Staub auf der Kommode. Als ob jemand eine gewaltige Lampe angemacht hätte. Natürlich mit Öko-Strom zum leuchten gebracht.

Es dauert keine fünf Minuten, und ich trällere ein Lied. Fand vielleicht nicht jeder schön, aber mir war einfach danach. Es war ein bisschen so, als wäre man aus einem düsteren Tunnel herausgekommen. Es war von da an ein wunderbarer Tag. Er lächelte, der Tag. Sodass auch ich lächeln musste.