Archiv für den Monat April 2020

Fürs Leben lernen

Lern was Anständiges. Haben sie damals immer gesagt. Wenn ein junger Mensch auch nur andeutete, dass er vielleicht gerne Schauspieler werden würde, Musiker, Bühnenbildner. Oder – schlimmster Fall – Schriftsteller. Was waren das für kluge Leute. Und vor allem so weitsichtig. Ja, geradezu hellseherisch. Sie haben so recht gehabt.

Denn Kultur ist was wunderbares. Dieses ganze Zeug. Also Literatur, Kino, Theater, Malerei, Skulpturen. Auch wenn man meistens nicht weiß, was einem da jemand sagen will. Mal abgesehen von Pornos und Action-Filmen. Doch erst wenn es zu einer Pandemie gekommen ist, erfährt man wirklich, welchen Stellenwert die „Kultur“ für einen Staat hat.

Erstens ist sie nicht systemrelevant. Und da kann ja ein Staat nichts dafür. Das wurde halt einfach so festgelegt. Weshalb dann erst einmal Airlines, Autohersteller, Möbelhäuser, Fußballvereine und andere systemrelevante Konzerne und Betriebe gerettet werden müssen. Denn so lange Filme gestreamt werden können, ist ja auch irgendwie für Kultur gesorgt. Und außerdem sind die meisten Künstlerinnen und Künstler sowieso gewohnt, am Existenzminimum zu leben.

Reicht doch völlig, wenn demnächst mal wieder ein paar Kultur-Preise per Video-Konferenz vergeben werden. Da wei0 die Welt da draußen, dass wir immer noch das Volk der Dichter und Denker sind. Weshalb wochenlang Theater, Konzertsäle, Clubs, Kinos, Galerien und Museen einfach mal geschlossen werden konnten, ohne dass sich jemand großartig was dabei gedacht zu haben scheint. Mit Ausnahme von Kulturstaatsministerin Grütters. Sie will für Künstler Anträge auf Hilfeleistungen etwas einfacher gestalten.

Gesinnungswandel

Wahrscheinlich ist jetzt wieder einmal so eine Zeit, in der es dringend notwendig ist, das eine oder andere Vorurteil über Bord zu werfen. Auch wenn man auf dem flachen Land wohnt. Ich jedenfalls hätte nie gedacht, dass ich eines Tages Worten des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble applaudieren würde. Und damit mich voll und ganz hinter die Person stellen würde. Auch wenn ich dort nicht sichtbar bin.

„Nicht alles muss vor dem Schutz von Leben zurücktreten“, hat er jetzt gesagt, und dass die im Grundgesetz verankerte Menschenwürde nicht ausschließe, „dass wir sterben müssen“. Um dem hinzuzufügen: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig.“ Und ich finde, dass man ihm da nicht widersprechen kann. Es sei denn, man fragt nicht danach, wo denn der Schutz von Leben ist, wenn zum Beispiel Frauen und Kinder ermordet werden.

Und dann gibt es da noch eine andere Geschichte. Im belgischen Brügge hat es eine Frau geschafft, dass sie in ihrem Hotel trotz Corona Gäste begrüßen konnte. Sie hatte sich gefragt, wo denn Obdachlose hin sollen, wenn es verboten ist, auf öffentlichen Plätzen zu verweilen. Ihre Antwort: Am besten in einem Hotel wohnen. Und die Stadt Brügge hat mitgespielt. Weshalb jetzt die Obdachlosen, die in den städtischen Unterkünften keinen Platz finden, ihre Nächte im Hotel verbringen. Frühstück inklusive. Tagsüber können sie dann in eine Tagesstätte.

„Ich hatte noch nie eine so respektvolle Klientel“, sagt die Hotelbesitzerin, und ist voll des Lobes, dass ihre Gäste auch noch freiwillig aufräumen und abwaschen. Aber es gibt noch mehr gute Nachrichten. Denn die Airline Condor wird vom Staat mit 550 Millionen Euro vor der Pleite bewahrt. Wohl auch um Leben zu schützen. Und jetzt die allerbeste Nachricht: Der Verteidigungshaushalt stieg im vergangenen Jahr um 10 Prozent. Was erklärt, warum es für die eine oder andere Maßnahme im Kampf gegen den Klimawandel leider nicht gereicht hat.

 

 

 

 

Standpunkt

 

Es liegt wirklich nicht daran, dass ich keine Lust habe, mir selber etwas einfallen zu lassen. Ich übe mich eher in der schweren Disziplin, die Arbeit anderer Menschen als wertvoller zu betrachten als die eigene. Sind wir doch einmal ehrlich: Hier der fröhlich dilettierende „Welterklärer“, dort der Sohn von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein und Literat Martin Walser. Ich zum Beispiel habe nur einen Vater. Und der war weder Literat noch Journalist mit dem Potential, Minister zu stürzen. Also nutzt diesen herrlichen Tag, den wir zu Hause in den vertrauten vier Wänden verbringen dürfen, um euch die Sichtweise von Jakob Augstein, Verleger und Chefredakteur der Wochenzeitung „der Freitag“ zu Gemüte zu führen. Lesen bedeutet ja noch nicht zustimmen. Es besteht keine Infektionsgefahr.

https://www.freitag.de/autoren/jaugstein/rausch-des-notstands

 

Fürs Leben lernen

So hätte ich das auch gerne gehabt. Prüfung, Schweißausbruch, Panik. Dann die göttliche Eingebung. Handschriftlicher Vermerk: Kann ich nicht wissen, das ist Stoff aus dem Corona-Jahr! Es ist faszinierend, Generation X, das war vorgestern. Demnächst haben wir “Generation C“. Die Generation, umfassend die jetzt Siebenjährigen bis zu den jetzt Siebzehn-, Achtzehnjährigen, denen einfach mehr oder minder der Lehrstoff fehlt, der im Corona-Jahr dran gewesen wäre.

Wer, bitte schön, ist Brecht? Kenne ich nicht. Wahrscheinlich wäre der 2020 dran gewesen. Aber schließlich muss man ja nicht alles wissen. Und letztendlich, so richtig ändern wird es sowieso nichts. Bildungstechnisch war ja schon immer der Unterschied zwischen gut bemittelt und schlecht ausgestattet. Ersteres bezieht sich auf die finanzielle Ausstattung. Letzteres auf die Möglichkeiten, an Bildung teil zu haben.

Aber wahrscheinlich sind nach dem Corona-Jahr die Verhältnisse endlich allgemein klarer. Endlich mal wieder der kleine Unterschied unübersehbar. Ich deutscher SUV – du japanischer Kleinwagen. Wir Wochenendtrip nach Dubai – ihr Urlaub an der Adria. Wir Einkommen – ihr Hartz IV. Bei Aldi können wir uns ja weiterhin treffen, Schnäppchen lieben auch Millionäre. Und reiche Eltern haben schon immer die Bildungsdefizite des Nachwuchs ausgeglichen.

Aber es ist ja für einen guten Zweck. Hat Schatten-Kanzler Drosten gesagt. Es kann Leben retten. Da darf man nicht so pingelig sein, wenn dadurch Leben, gelinde gesagt, beeinträchtigt werden. Und was ist schon Zukunft, wenn wir uns noch nicht einmal in der Vergangenheit um die Vergangenheit gekümmert haben. Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg doch auch ein Wirtschaftswunder vollbracht. Jetzt haben Schülerinnen und Schüler die Chance, ein Schulwunder zu vollbringen.

Ego cogito ergo sum

 

Hat René Descartes behauptet: Ich denke, also bin ich. Obwohl er Franzose war, kein Grieche. Hat sich aber trotzdem geirrt. Wusste schließlich und aus zeitlichen Gründen ja nicht, wie sich der Mensch unserer Tage in dieser Hemisphäre verhalten würde. Doch dank der aktuellen „Krise“/Pandemie ist das unmissverständlich klar geworden.

 

Die Basis: Nach dem Shutdown (finde ich zutreffender, schließlich hat uns die Schließung der Geschäfte und Einrichtungen mitten ins Herz getroffen), offiziell als Lockdown bezeichnet, haben viele Menschen eine gewisse Sinnentleerung empfunden. Von der Langeweile ganz zu schweigen.

 

Und da halfen auch nichts die Netflix-Flatrate und Sky im Sonderangebot. Die Verzweiflung ging bei einigen Menschen so weit, dass sie sogar versuchten, ein Buch zu lesen. Was natürlich misslang, weil in Büchern einfach die Farbe fehlt und das Grau in Grau noch mehr aufs Gemüt schlägt.

 

Doch heute Morgen wurden mir die Augen geöffnet. Als mich nämlich ein Weg an einem Baumarkt vorbeiführte. Wo eine Menschenschlange von DDR-Ausmaßen mit gebührendem Abstand auf Einlass in das geöffnete Geschäft wartete. Aufschlussreich waren allerdings die Gesichter, die mit vollgepackten Wagen den Baumarkt verließen. Heute würde auch Descartes sagen: Ego emõ ergo sum! Ich kaufe, also bin ich!

Endlich Hoffnung

Wir haben doch darauf gewartet. Auf ein Zeichen, das Mut macht. Eine klare Sprache spricht. Wieder an die Zukunft glauben lässt. Ich weiß, jetzt ist Vorsicht geboten, man darf nicht übertreiben. Und ein geöffneter Baumarkt oder ein Möbelgeschäft, das ist ja schon einmal ein Anfang.

Nur fehlte die Symbolkraft. Etwas, woran man sich in diesen kargen Zeiten ohne Wochenendtrip nach London oder Mailand, ohne Fußballbundesliga und einen Hauch von Ballermann in der Disco klammern kann. Doch zumindest in Rheinland-Pfalz hat man das begriffen. Dort hat man die Golf-Plätze wieder geöffnet. Die SPD-geführte Landesregierung hat verstanden, was die breite Masse jetzt braucht.

Sondermeldungen

Gerade hatte ich die Schutzmaske etwas nach unten geschoben, um den nächsten Bissen in den Mund zu schieben, als die Sendung auf BR Heimat für eine Sondermeldung unterbrochen wurde. Kanzlerin Angela Merkel hatte nämlich soeben die Diskussionen über weitergehende Lockerungen der Beschränkungen im Kampf gegen das Coronavirus „außergewöhnlich scharf kritisiert“. Außerdem zeigte sie sich laut Meldung sehr besorgt, dass sich zu wenige Menschen an die Kontaktbeschränkungen halten könnten.

Etwas verwundert, dass sie so gut informiert ist über das Gespräch, das ich gerade mit meiner Gattin führte, stand ich sofort auf, um den Abstand zwischen mir, meiner Frau und Alexa abzumessen. Schließlich hatte ich kurz zuvor zu meiner Frau gesagt, dass es schon seltsam sei, dass Kinos oder Theater, vom Staat weitgehend allein gelassen, ums Überleben kämpften, während Volkswagen eine staatliche Kaufprämie fordere, auch für „Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren“.

Was ja andererseits bestens zusammenpasse mit dem was kürzlich Gesundheitsminister Jens Spahn gesagt hatte: „Arbeiten gehen, für den Lebensunterhalt sorgen, darauf können wir weniger gut verzichten als auf die Party, auf den Club, auf das Fußballspiel.“ Was dann noch von der Mitteilung abgerundet worden war, dass Kultureinrichtungen und Tattoo-Studios geschlossen bleiben. Weshalb ich gleich nach der Suppe zu meiner Frau gesagt hatte: „Das ist ja langsam wie bei Stalin.“

„Alexa“, sagte ich deshalb, und um mich etwas zu beruhigen, „ spiele ‚Orphans‘ von Coldplay“. „Warum das denn?“ fragte meine Frau, „kann es sein, dass du Fieber hast?“ „Nein“, sagte ich, „habe ich nicht, ich will nur hören, wie Chris Martin singt ‚I want to know when I can go back and get drunk with my friends‘,“. Doch kaum hatte ich mir zum siebten Mal nachgeschenkt, da unterbrach Alexa die Musik für eine weitere Sondermeldung.

Söder hatte gerade bekannt gegeben, dass ab nächste Woche in Bayern Maskenpflicht ist. Und betont, dass Bayern das erste „westdeutsche Bundesland“ mit einer Pflicht für einen Mundschutz sei. Weshalb ich mich nun frage, ob wir alle so eine Maske im weiß-blauen Rautenmuster tragen müssen, wie sie Söder in die Kamera hielt – und ob da sein Name drauf steht?