Archiv des Autors: peterklaertdiewelt

Nie genug

Einmal ist nicht mehr genug. Rücktritte werden vielfach angekündigt. Drohungen von anderen fast schon im Dauerbetrieb benutzt. Und gelogen wird so selbstverständlich, dass es beinahe schon wie Nahrungsaufnahme aussieht. Und der Protest dagegen hält sich in Grenzen. Wie schnell man sich doch gewöhnt.

Wir haben keine Weimarer Republik. Wir schreiben natürlich nicht 1933. Aber vielleicht sollten wir heute schon einmal daran denken, dass im 22. Jahrhundert beispielsweise das Jahr 2019 nicht für ein Ereignis stehen sollte, das unseren Kontinent wieder einmal in einen Abgrund gestürzt hat. Wie es dahin kommen kann, das wissen wir doch. Es fängt damit an, dass einmal nicht genug ist.

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Buchenwald – London

War heute in Buchenwald. In Gedanken. Habe Bücher gewälzt. Fakten zusammengetragen. Und mich gefragt, warum damals nicht 600.000 Menschen auf die Straße gegangen sind, um dagegen zu protestieren. So wie heute in London. Beziehungsweise, warum sie nur auf die Straße gegangen sind, um jenen zuzujubeln, die dafür verantwortlich waren, dass es Buchenwald gab.

Nachdem ich ein bisschen in mich hineingehorcht hatte, war ich mir fast sicher, dass damals die Menschen haargenau wussten, was dort passierte. Dass sie deshalb nicht auf die Straße gegangen sind. Wer heute in London gegen den Brexit demonstriert, muss nicht befürchten, in Buchenwald zu enden.

Es war trotzdem erstaunlich und hat mich begeistert, dass so viele Menschen überhaupt den Weg auf die .Straße gefunden hatten. Würden sie, wenn sie das öfter täten, sich eines Tages auch nicht mehr von einem Buchenwald abschrecken lassen? So wie sich viele Häftlinge in Buchenwald nicht davon abschrecken ließen, sieben Jahre lang jeden Morgen wieder aufzustehen.

Etwas Schönes

Ich habe heute einen TV-Bericht gesehen, über eine Frau, die Kinder bei sich aufnimmt. Deren Mütter im Gefängnis sind. Und weil sich der Staat nicht darum, landen dann die Kinder sehr oft auf der Straße. Und dabei ist es unerheblich, in welchem Land das ist. Wichtig ist nur, was diese Frau macht. Zum Beispiel auch, dass sie, wenn sie die Erlaubnis von den Behörden bekommt, mit den Kindern ins Gefängnis geht. Zu ihren Müttern. Und als sie wieder gehen mussten, hat ein kleiner Junge geweint. Andere Kinder waren nur traurig.

Aber sonst lachen diese Kinder oft. Und ich habe gemerkt, dass es gut tut, zu sehen, wie jemand Gutes tut. Und dass das animiert, auch etwas Gutes zu tun. Und ich mit ganz wenig anfangen möchte. Heute. Weil ich mir denken, dass wir vielleicht öfter mal etwas Schönes sehen müssen, um vielleicht etwas Schönes tun, etwas Gutes. Vielleicht mehr über solche Menschen zu schreiben, zum Beispiel.

Cum with me

Bei den sogenannten Cum-Ex- oder Cum-Cum-Geschäften, bei denen Finanzämter so schwindlig gespielt wurden, dass außer den Banken und Finanzjongleuren niemand mehr wusste, was da eigentlich passiert war, soll europaweit für den Fiskus und damit für SteuerzahlerInnen ein Schaden von 55 Milliarden Euro entstanden sein. Der einzige Nutzen für die Allgemeinheit könnte höchstens darin gelegen haben, dass Männer, die eigentlich zu ihrem Vergnügen Suchbegriffe bei Google eingegeben hatten, etwas über lukrative Finanzgeschäfte erfahren haben.

55 Milliarden sind eine erkleckliche Summe. Damit werden sich 275.000 Menschen eine Yacht mit einer Länge von 10 bis 14 Metern kaufen können. Vorausgesetzt sie waren an den Cum-Ex-Geschäften beteiligt. Es könnten mit dem Geld allerdings auch 190.972 Pflegekräfte eingestellt und 10 Jahre lang beschäftigt werden. Jens Spahn würde jubeln. Mit dem Coup könnte er Kanzler werden. Aber die Erfahrungen haben gezeigt, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass man jetzt gegen Banken und Finanzjongleure vorgehen und sich das Geld zurückholen wird. Dazu ist die Angst vor den Finanzmärkten zu groß. Vielleicht ist jetzt einfach ein guter Zeitpunkt, um Aktien von Unternehmen zu kaufen, die Yachten herstellen.

Kreislauf

Die Volksparteien im Stimmungs- und Stimmentief, der Volkssport vor dem Abstieg in die zweite Liga. Wenn jetzt auch noch der Export einbricht, mache ich mir ernsthafte Gedanken um unser deutsches Mütter- und Väterland. Vielleicht wäre es doch langsam Zeit, die Führungsriegen auszutauschen.

Aber möglichst nicht mit denen, die schon so lange in den Startlöchern stehen, dass sie Moos angesetzt haben. Ein Austausch würde nur Sinn machen, wenn endlich mal Köpfe zum Zuge kämen, in denen sich die Gedanken noch frei bewegen können. Und nicht zwischen Betonwänden im Kreis laufen.

Binsenweisheit

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Diese Binsenweisheit hat sich sicher schon rumgesprochen. Will nämlich sagen, dass das Leben weitergeht. Aber mit Sicherheit neue Herausforderungen warten. Weil eben nie derselbe Fluss an einem vorbeifließt. Oder so ähnlich. Und dabei ist es ganz egal, ob man in Paris ist, in Berlin oder in München. Natürlich auch in Castrop-Rauxel, Oberammergau oder Chemnitz.

Also im Gegensatz zu unserem Bundestrainer Joachim Löw hat das allerdings noch nicht jeder Markus Theodor Thomas begriffen. Und so bleiben wir, wie wir sind. Erfolgreich, glücklich und zufrieden im schönsten Land auf Erden. Vielleicht einmal abgesehen von Mecklenburg-Vorpommern. Aber irgendwie ist das ja auch menschlich. Wer gesteht sich schon ein, dass er selber daran schuld ist, verlassen worden zu sein. Das ist auch nach einer ermüdend langjährigen Beziehungen nicht anders.