Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Tränen

So anspruchslos bin ich mittlerweile, dass es mir die Freudentränen in die Augen treibt, weil Twitter einem US-Präsidenten, von Autor Paul Auster nur das Monster oder „45“ genannt, endlich mal auf die Finger geklopft hat. Genauer gesagt, Twitter hat zum ersten Mal einen Tweet von therealDonaldTrump mit einem Link versehen, unter dem nachzulesen war, wie die Realität aussieht. Und es kam noch besser. Nach dem Aufruf der Nummer 45 an die Adresse der Nationalgarde, bei Gewalt von Demonstranten in Minneapolis zu schießen, gab es von Twitter den Hinweis, dass dieser Tweet Gewalt verherrliche.

Auslöser für die Ausschreitungen ist bekanntermaßen die Tötung eines afro-amerikanischen Mannes durch einen weißen Polizisten. Weshalb wieder einmal Schwarze und auch ein paar Weiße auf die Straße gehen. Und wahrscheinlich waren es ja gar keine Freudentränen, sondern nur ohnmächtige Wut. Darüber, dass in jenem Land, das dem ganzen Planeten seine „Werte“ oktroyieren wollte und will und sich als Wiege der Demokratie geriert, Rassismus immer noch alltägliche und für Menschen anderer Hautfarbe oder Herkunft tödliche Normalität ist.  

Grundrechte

Was waren das noch für Zeiten, als gegen Flüchtlingsströme demonstriert wurde. Für bessere Arbeitsbedingungen. Oder von mir aus auch für noch größere Pommes-Portionen. Zumindest wusste man da noch, um was es geht. Und wer dahinter steht. Ausländerfeinde und Rassisten. Pflegekräfte oder Paketausfahrer. McDonalds. Aber jetzt? Das Feld bei den aktuellen Corona-Demos ist so unübersichtlich wie mein Kleiderschrank. Ich bin seit Monaten nicht dazugekommen, ihn aufzuräumen.

Doch jetzt haben wir Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, ganz normale Rechtsradikale oder pseudo-linke Grundgesetz-Verteidiger vereint – und mindestens eine potentielle Zwangsneurotikerin mit Plakat und dem Slogan: „In Deutschland wird niemand verfolgt, Herr Spahn! Kein Jude, kein Virus! Keine Zwangsimpfung, keine Zwangsarbeit, keine Zwangssterilisation!“ Es dürfte wohl einen Grund haben, dass von Menschen, die wegen Zwang flüchten mussten, keine Rede ist. Ausgesprochen problematisch finde ich auch die Gleichsetzung von Juden und Viren. Ähnliche Vergleiche fanden sich auch schon in der NS-Propaganda. Wenn ich mich richtig erinnere. Ganz sicher weiß ich jedenfalls, dass das Anprangern von Personen damals auch sehr beliebt war.

Und vor allem treibt mich der Gedanke um, ob das, was bei diesen Demonstrationen praktiziert wird, nicht den Tatbestand der vorsätzlichen Körperverletzung erfüllt. Oder zumindest ein eklatanter Verstoß gegen das Seuchen-Gesetz ist. Denn unbestritten ist, dass das Recht auf Demonstration ein hohes Gut ist. Und bisweilen ja auch schon ganz einfach unter Berücksichtigung von den derzeit gebotenen Schutzmaßnahmen in Anspruch genommen wurde. Aber was sich da in Berlin, Stuttgart oder Dresden unter Aluminium-Hauben und zusammen mit grundsätzlich besorgten Bürgern versammelt, ist keine Gefahr für die Demokratie, sondern vor allem eine Gefahr für die Gesundheit anderer Menschen und eine große Herausforderung für psychiatrische Dienste. Schöne Grüße auch aus Ischgl.

Wohl bekomm’s

Gerade in unruhigen Zeiten ist es einfach etwas wunderbares, wenn man hin und wieder etwas Ruhe ins Leben bringen kann. Und wenn es nur für einen Moment ist. Einfach ein bisschen entspannen. Mit einem einem Gläschen Wein, einem Bierchen. Geht natürlich auch mit einem Cocktail oder einem kleinen Whiskey. Ist auf jeden Fall besser, als irgendwelche Drogen zu nehmen.

Das denkt sich vor allem auch der Staat – und erklärt Alkohol haushaltstechnisch zum Lebensmittel. In dieser Sparte ist Alkohol nämlich EU-Export-Schlager Nummer 1. Überhaupt sind Wein, Bier und ihre Freunde keine schlechte Einnahmequelle. Den Schaden, den Alkohol nämlich anrichtet, den bezahlen vor allem andere.

Für Neurologen, diesen alten Spaßbremsen, ist Alkohol nur eine Droge wie alle anderen. Der die Gesellschaften allerdings mehr kostet als jede andere Droge. Hat zumindest eine Untersuchung in mehreren europäischen Städten ergeben. Und woanders dürfte das nicht sehr viel anders sein. Afrika beispielsweise hat kräftig aufgeholt und europäischen Standard erreicht.

Um das zu schaffen hat eine europäische Brauerei Prostituierte engagiert, um eine bestimmte Biersorte anzupreisen. Weil es angeblich potent macht. Was ihre Kunden dann auch gleich mit ihnen ausprobieren konnten. Was man sich hierzulande sparen kann. Hier trinken jede Bürgerin und jeder Bürger freiwillig und statistisch gesehen 10 Liter reinen Alkohol im Jahr.

Also Säuglinge, Kinder und alte und sehr alte Menschen auch. Weshalb also mancher wohl 20 Liter und vielleicht sogar mehr trinken muss, wenn er Kinder liebt. Fakt ist: Zu viel Alkohol bekommt vielen Menschen schlecht. Genau gesagt: Weltweit sterben Jahr für Jahr drei Millionen Menschen daran. Da muss sich manches Virus gewaltig anstrengen, um da mitzuhalten.

Besondere Tage

Sie sind einfach Gold wert. Diese Tage, an denen in ganz besonderer Weise einer Sache gedacht wird. Der Tag der Pfannkuchen, der Kinder, des Autos, der Spülmaschine oder der Pressefreiheit. Der war übrigens vor kurzem, und vor lauter Corona hat es kaum jemand gemerkt. Ich übrigens auch nur, weil ich einen Newsletter abonniert habe, der mich auf dem Laufenden hält.
Um also denselben Fehler nicht noch einmal zu machen, hier also schon einmal der Ausblick auf den Muttertag. Vor allem auch, weil ich mir ganz sicher bin, dass der in diesem Jahr ganz groß gefeiert wird. Heldinnen werden sie genannt werden, egal ob Mutter oder nicht. Weil das einfach billiger ist als sie wie Männer zu bezahlen. Weshalb sicher angefügt wird, dass ihr Einsatz in der Corona-Krise sowieso unbezahlbar ist.

Ungesagt bleiben wird an diesem Tag weitgehend, dass nach der Krise Gott sei Dank wieder alles wie früher sein wird. Was für viele Frauen eine gute Nachricht sein wird, weil das Home-Schooling bald wieder wegfällt. Frauen sind schließlich für alles dankbar. Und in der auf uns zukommenden Wirtschaftskrise gibt es sowieso wichtigeres.

Also liebe Männer, denkt daran, ein paar Blümchen zu kaufen, Essen gehen kann man ja Gott sei Dank am Muttertag noch nicht. Und dass es wohl bald wieder Bundesliga geben wird, ist sowieso ein Riesengeschenk für alle Mütter. Da haben sie endlich wieder viel Zeit, sich ganz den lieben Kleinen zu widmen.

Viel Zeit hat jetzt übrigens wohl auch Deutschlands erste Frau in einem Dax-Vorstand. Jennifer Morgan räumte gerade ihren Platz. Ob sie gefragt wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls hat den jetzt ein Mann. Weil in der momentanen Krise „schnelles, entschlossenes Handeln“ nötig sei. Corona und die Männer sind ein gutes Team.

Schlüsselposition

 

Das trifft sich doch. Heute ist der Internationale Tag der Feuerwehr. Und mir brennt es auf den Nägeln. Mir kommt diese Zeit wie ein Brennglas vor. Unter dem ich Realitäten in einer geradezu unverschämt aufdringlichen Klarheit sehe. Ohne dass ich darum gebeten hätte. Und immer die Augen verschließen kann ich auch nicht. Ist wenig ratsam, wenn man am oberen Ende einer Treppe steht. Denn es geht abwärts. Ein Geländer kann ich weit und breit nicht entdecken.

 

Vielmehr sehe ich unter anderem einen Kontinent, den Kolonialmächte ausgebeutet haben, um ihn dann väterlich wieder unter die Fittiche zu nehmen. Zumindest um die jeweils genehmen Politiker und Gesellschaftsschichten mit Geld zu mästen. Das Entwicklungshilfe genannt wurde. Und damit dieser Kontinent lernt, mit Geld umzugehen, wurden Kredite gewährt. Die es natürlich nicht ganz umsonst gab. Nein, wie es Väter gerne machen, wurde die Bedingung daran geknüpft, dass es Geld nur gibt, wenn gespart wird.

 

Und die cleveren Söhne sparten natürlich da, wo es am einfachsten ist. Nämlich bei der breiten Masse. Bei den Einrichtungen für sie. Wie zum Beispiel Krankenhäusern. Schließlich gibt es für Notfälle Privatkliniken in Europa. Und jetzt versorgt in einem dieser Länder ein Arzt 70.000 Menschen. Und mit den freigiebigen Vätern sieht es auch nicht mehr so gut aus. Denn die brauchen ihr Geld jetzt selber. Um unter anderem eine Fluggesellschaft mit 700 Millionen australischen Dollar zu unterstützen. Die daraufhin 20.000 Mitarbeiter entlässt.

 

In solchen Zeiten ist eben jeder sich selbst der nächste. Hauptsache, man hat genug Intensivbetten. Und am besten noch gleich ein Patent auf die Herstellung von Beatmungsgeräten. Denn auch wenn man nicht mehr so genau weiß, ob die jetzt wirklich so lebenserhaltend sind, die Herstellung stärkt Wirtschaftsstandorte. Weshalb Hedgefond-Manager gebannt auf Live-Ticker starren. Wer im Rennen um den Impfstoff gewinnt, der diktiert die Preise. Denn eine Pandemie, die muss man sich leisten können. Alle anderen haben zehn bis 15 Jahre zu warten, bis es bezahlbare Generika geben darf.

 

Die Anthropologin Shalini Randeria, Leiterin des Wiener Instituts für die Wissenschaft vom Menschen, hat die absurde Idee, dass ein Impfstoff als Gemeingut gesehen werden sollte. Und dass große Unternehmen „nur unter drei Bedingungen staatlich gestützt werden sollten: dass sie ökologische Standards einhalten, dass sie an ihrem Standort Steuern entrichten und dass sie ihren Arbeitern faire Löhne und Arbeitsbedingungen garantieren“. Und da sehe ich die Väter nur müde lächeln. Sie werden das machen, was sie am besten können.

Mann auf Couch

 

Das hat mir richtig imponiert. Der Mann war in Quarantäne gewesen. Positiv getestet. Also fern von Frau und Kind. Und jetzt saß er da auf der Couch und erzählte der Journalistin, was das mit ihm so gemacht hatte. Um es vorweg zu nehmen: Es hatte ihn verändert. Denn jetzt wollte er sich mehr den anderen Dingen widmen. Nicht nur immer Job und den Terminen hinterher hetzen. Sich auch mal Zeit nehmen für Andere. Auch für die Familie. Kurzum das Fazit: Geld allein macht nicht glücklich. Entschleunigung tut Not. Es muss nicht immer Abu Dhabi sein.

Also die Pandemie als Weckruf? Der Wandel als Folge der Gefahr? Was für ein Szenario! Die Menschen verkaufen ihre Autos, fahren nur noch mit dem Fahrrad, mit Bus oder Bahn. Unsere Innenstädte verwaisen zu Spielplätzen. Nicht Malle ist der Sehnsuchtsort, sondern das städtische Freibad oder der Weiher im Grünen. Nachhaltigkeit ist die neue Währung. Nachbarschaft das neue Freizeitvergnügen. Global soll nur noch die Empathie sein.
Ich weiß natürlich nicht, was der Mann gemacht hat, nachdem er die Couch und das Zimmer verlassen hatte. Aber denkbar ist es natürlich schon, dass durch diese Quarantäne bei ihm die Handlungskette gerissen ist. Weshalb sich die wohl nicht unberechtigte Frage stellt, ob die gerade praktizierten Lockerungen der richtige Weg sind. Dass jetzt sogar wieder Kinder spielen sollen, auf Spielplätzen. Denn da wird einmal mehr ein großes Manko sichtbar. Wir haben zwar offensichtlich genug Notfallbetten. Aber auf jeden Fall zu wenig Wohnraum, um alle in Quarantäne zu schicken.

Fürs Leben lernen

Lern was Anständiges. Haben sie damals immer gesagt. Wenn ein junger Mensch auch nur andeutete, dass er vielleicht gerne Schauspieler werden würde, Musiker, Bühnenbildner. Oder – schlimmster Fall – Schriftsteller. Was waren das für kluge Leute. Und vor allem so weitsichtig. Ja, geradezu hellseherisch. Sie haben so recht gehabt.

Denn Kultur ist was wunderbares. Dieses ganze Zeug. Also Literatur, Kino, Theater, Malerei, Skulpturen. Auch wenn man meistens nicht weiß, was einem da jemand sagen will. Mal abgesehen von Pornos und Action-Filmen. Doch erst wenn es zu einer Pandemie gekommen ist, erfährt man wirklich, welchen Stellenwert die „Kultur“ für einen Staat hat.

Erstens ist sie nicht systemrelevant. Und da kann ja ein Staat nichts dafür. Das wurde halt einfach so festgelegt. Weshalb dann erst einmal Airlines, Autohersteller, Möbelhäuser, Fußballvereine und andere systemrelevante Konzerne und Betriebe gerettet werden müssen. Denn so lange Filme gestreamt werden können, ist ja auch irgendwie für Kultur gesorgt. Und außerdem sind die meisten Künstlerinnen und Künstler sowieso gewohnt, am Existenzminimum zu leben.

Reicht doch völlig, wenn demnächst mal wieder ein paar Kultur-Preise per Video-Konferenz vergeben werden. Da wei0 die Welt da draußen, dass wir immer noch das Volk der Dichter und Denker sind. Weshalb wochenlang Theater, Konzertsäle, Clubs, Kinos, Galerien und Museen einfach mal geschlossen werden konnten, ohne dass sich jemand großartig was dabei gedacht zu haben scheint. Mit Ausnahme von Kulturstaatsministerin Grütters. Sie will für Künstler Anträge auf Hilfeleistungen etwas einfacher gestalten.

Gesinnungswandel

Wahrscheinlich ist jetzt wieder einmal so eine Zeit, in der es dringend notwendig ist, das eine oder andere Vorurteil über Bord zu werfen. Auch wenn man auf dem flachen Land wohnt. Ich jedenfalls hätte nie gedacht, dass ich eines Tages Worten des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble applaudieren würde. Und damit mich voll und ganz hinter die Person stellen würde. Auch wenn ich dort nicht sichtbar bin.

„Nicht alles muss vor dem Schutz von Leben zurücktreten“, hat er jetzt gesagt, und dass die im Grundgesetz verankerte Menschenwürde nicht ausschließe, „dass wir sterben müssen“. Um dem hinzuzufügen: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig.“ Und ich finde, dass man ihm da nicht widersprechen kann. Es sei denn, man fragt nicht danach, wo denn der Schutz von Leben ist, wenn zum Beispiel Frauen und Kinder ermordet werden.

Und dann gibt es da noch eine andere Geschichte. Im belgischen Brügge hat es eine Frau geschafft, dass sie in ihrem Hotel trotz Corona Gäste begrüßen konnte. Sie hatte sich gefragt, wo denn Obdachlose hin sollen, wenn es verboten ist, auf öffentlichen Plätzen zu verweilen. Ihre Antwort: Am besten in einem Hotel wohnen. Und die Stadt Brügge hat mitgespielt. Weshalb jetzt die Obdachlosen, die in den städtischen Unterkünften keinen Platz finden, ihre Nächte im Hotel verbringen. Frühstück inklusive. Tagsüber können sie dann in eine Tagesstätte.

„Ich hatte noch nie eine so respektvolle Klientel“, sagt die Hotelbesitzerin, und ist voll des Lobes, dass ihre Gäste auch noch freiwillig aufräumen und abwaschen. Aber es gibt noch mehr gute Nachrichten. Denn die Airline Condor wird vom Staat mit 550 Millionen Euro vor der Pleite bewahrt. Wohl auch um Leben zu schützen. Und jetzt die allerbeste Nachricht: Der Verteidigungshaushalt stieg im vergangenen Jahr um 10 Prozent. Was erklärt, warum es für die eine oder andere Maßnahme im Kampf gegen den Klimawandel leider nicht gereicht hat.

 

 

 

 

Standpunkt

 

Es liegt wirklich nicht daran, dass ich keine Lust habe, mir selber etwas einfallen zu lassen. Ich übe mich eher in der schweren Disziplin, die Arbeit anderer Menschen als wertvoller zu betrachten als die eigene. Sind wir doch einmal ehrlich: Hier der fröhlich dilettierende „Welterklärer“, dort der Sohn von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein und Literat Martin Walser. Ich zum Beispiel habe nur einen Vater. Und der war weder Literat noch Journalist mit dem Potential, Minister zu stürzen. Also nutzt diesen herrlichen Tag, den wir zu Hause in den vertrauten vier Wänden verbringen dürfen, um euch die Sichtweise von Jakob Augstein, Verleger und Chefredakteur der Wochenzeitung „der Freitag“ zu Gemüte zu führen. Lesen bedeutet ja noch nicht zustimmen. Es besteht keine Infektionsgefahr.

https://www.freitag.de/autoren/jaugstein/rausch-des-notstands