Archiv der Kategorie: Glosse

Besitzanspruch

All die Jahre und Jahrzehnte habe ich gerätselt, wem nun eigentlich dieses Deutschland gehört. Ich wurde auf eine harte Geduldsprobe gestellt, doch das Warten hat sich gelohnt. Gestern Abend kam die Erleuchtung, via Bildschirm und von einem Mann, der es wissen muss. „“Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen“, sagte der AfD-Spitzenkandidat Gauland vor laufenden Kameras. Und meinte damit natürlich Deutschland. Also gehörte es ganz offensichtlich der AfD, denn schließlich kann man sich ja nur zurück holen, was einem schon einmal gehört hat.

Aber andererseits gibt es die AfD ja noch nicht so lange. Doch wenn es also zwischenzeitlich jemand anderem gehörte, also den Amerikanern oder den Russen zum Beispiel, dann kann man das eigentlich nur so verstehen, dass sich die AfD womöglich in der Rechtsnachfolge der NSDAP sieht und deshalb jetzt Besitzanspruch auf Deutschland und das Volk erhebt. Das wäre wahrscheinlich die einzige logische Erklärung.

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Bikini oder Burgunder

Heute entscheidet sich,  ob wir morgen noch gut und gerne leben. Frauen noch Bikini tragen und Burgunder saufen. Wir endlich neu denken. Dass es laut und fordernd wird und die Rente endlich sicher. Was mir gefehlt hat für all diese hoch interessanten Aussichten und Versprechen, das war der genaue Zeitpunkt. Gilt das ab Mitternacht? Oder erst ab Mittag zwölf Uhr? Gibt es vielleicht eine Übergangszeit von vier Jahren? Vielleicht kann das ja alles erst in Kraft treten, wenn die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen sind?

Vielleicht ist es das, was Demokratie ein bisschen schwierig macht. Die Zeitangaben sind so ungenau. Schließlich weiß letztendlich doch niemand, wie lange „niemals“ dauert. Wann „sofort“ anfängt. Und vor allem, wann es aufhört. Ganz zu schweigen von dem Phänomen, dass ein Versprechen ganz leicht von einem anderen Versprechen aufgehoben werden kann. Wahrscheinlich versprechen deshalb alle mehr Sicherheit. Glaubwürdig erscheint da nur die Partei, die mehr Glatze als Schulz und mehr Hitler als Erdogan verspricht. Das ist zeitlos.

Schicksalswahl

Morgen ist es also so weit. Gefühlt die 783. Schicksalswahl der Republik. Die banale Wahrheit sieht etwas anders aus. Zum Beispiel bedeutet der morgige Abend ein ziemliches Desaster. Wegen der Bundestagswahl fällt nämlich der Tatort aus. Und ist das wirklich eine Alternative, wenn Politikerinnen und ihre männlichen Pendants überraschende Aussagen machen zum Wahlausgang respektive wieder einmal erzählen, was sie zu tun gedenken, wenn sie in der Regierungsverantwortung sein werden beziehungsweise in der Opposition? Ich bin nicht ganz überzeugt, dass dies an Spannung einen Tatort übertrifft.

Und dann ganz zu schweigen von einem weiteren Dilemma. Denn sind wir doch einmal ehrlich: Alle, oder zumindest sehr viele sagen, dass man unbedingt zur Wahl gehen soll. Jetzt kenne ich aber einen Haufen Menschen, denen es schon sehr schwer fällt, sich bei Starbucks für einen bestimmten Kaffee zu entscheiden. Wie sollen die in einer so folgenreichen und verantwortungsvollen Frage zu einer Entscheidung kommen? Ist es nicht geradezu unverantwortlich, sie einer solchen Situation, einem solchen Druck auszusetzen? Wäre es für sie nicht sinnvoller, zu Hause zu bleiben und abends lieber einen aufgezeichneten Tatort aus dem Jahr 2008 zu schauen?

 Dann könnten sie in Zukunft wenigstens sagen, dass wieder einmal die anderen schuld waren. Dass sie von nichts wussten. Schließlich kann ja keiner nachweisen, was passiert wäre, wenn sie zur Wahl gegangen wären, wenn sie sich für eine Partei, eine oder einen Abgeordneten entschieden hätten. Die Welt ist nämlich nicht nur schwarz oder weiß. Es gibt nicht nur gut oder böse. Laut oder leise. Oder wie es eine Passantin aufgrund einer Reporterfrage formulierte: Nicht jeder Kanake ist schlecht.

 

Live-Stream

Vor lauter Aufregung konnte ich letzte Nacht kaum schlafen. Und wie ich jetzt auch noch die Stunden bis 19 Uhr rumbringen soll, ist mir absolut schleierhaft. An irgendeine Arbeit, bei der ich mich konzentrieren muss, ist nicht zu denken. Am besten wäre wohl, ich würde die Straße fegen. Oder Wäsche bügeln. Da vergeht auch die Zeit am schnellsten. Ich brauche für ein Hemd mindestens eine halbe Stunde. Das Einzige, was mich beruhigt, das ist die Mitteilung von BILD-Online, dass ich den Event im Live-Stream auf dem Computer verfolgen kann. Und um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, habe ich schon mal den Schlafsack gepackt, das Nötigste im Rucksack verstaut.

Könnte ja schließlich sein, dass auch gleich der Termin genannt wird, wann das neue iPhone mit den bahnbrechendsten Neuerungen seit Jahren im Apple-Store zu haben sein wird. Angeblich soll ja der Fingerabdruck-Sensor durch Gesichtserkennung ersetzt werden. Weshalb wohl auch das Display jetzt die ganze Frontseite ausfüllen wird. Gibt ja schließlich auch breitere oder längere Gesichter. Letztere wahrscheinlich spätestens, wenn die Preise bekannt sind. Doch ich habe auch da vorgesorgt. Ich habe mein Carbon-Rennrad verkauft. Die Saison ist jetzt eh gelaufen.

 

TV-Duell

Das ist mir noch nie passiert. Ich habe bis jetzt noch jeden Liebesfilm, sämtliche Tatorte, Talk-Shows oder Dokumentationen über das Balzverhalten von Regenwürmern offenen Auges bis zur letzten Sekunde ausgehalten. Beim TV-Duell des Jahres bin ich nach fünf Minuten sanft entschlummert. Und diese fünf Minuten sind mir schon lang vorgekommen. Meine Lebensbegleiterin kann ich auch nicht fragen, welches ihr Eindruck war von diesem Rededuell zwischen noch Kanzlerin und dem möchte-es-gerne-werden-Kanzler, sie hatte vorsichtshalber einen Mädelsabend organisiert, irgendwo in einem netten kleinen Restaurant. Sie ist eine sehr kluge Frau.

Doch zumindest war die Analyse im Nachgang sehr aufschlussreich. Eigentlich hat die Kanzlerin das Rede-Duell gewonnen, wenn auch je nach Umfrage weit vor oder auch gerade noch so vor Herausforderer Martin Schulz. Wenn man also den ganzen Brimborium, der um diese Veranstaltung gemacht wurde, betrachtet, so hat dieses Jahrhundertereignis die Gewissheit gebracht, dass alles ist wie immer: Niemand weiß etwas Genaues. Weshalb meine Voraussage für den Wahlausgang in etwas mehr als drei Wochen nun ganz eindeutig ist: Wir werden nach der Auszählung der Stimmen wissen, wer gewonnen hat. Und hoffentlich kommt nächsten Sonntag wieder ein Tatort.

Mitmenschen

Was für ein Abenteuer. Und man braucht nicht einmal ein Flugzeug zu besteigen. Es genügt völlig, eine Entfernung von 93  Kilometern zu bewältigen. Und schon ist die Welt eine gänzlich andere. Zwar sehen die Menschen durchaus noch so aus wie zuvor. Und noch nicht einmal die Sprache ist eine andere. Doch ein Umstand verändert von hier auf jetzt, von gestern auf heute, alles. Alles gerät aus den Fugen. Kein Internet.

Also abgeschnitten von den Lieben zu Hause respektive in Litauen, Portugal oder sonst wo. Ist schließlich Urlaubszeit. Abgeschnitten allerdings auch von jeder Information. Wer hat denn schließlich noch Reiseführer dabei, Landkarten, Restaurant-Führer. Jetzt weiß ich aber wenigstens, was eine Panikattacke ist. Habe ich mir wirklich nicht so schlimm vorgestellt. Ganz zu schweigen davon, dass ich gleich eine zweite bekam, als ich im Internet nach einem Arzt suchen wollte.

Dass diese Zeilen jetzt trotzdem zu lesen sind, ist nur einem sehr sozial eingestellten Mitmenschen zu verdanken. Der die Not erkannte und mit seinem Mini-Router aushalf. Als die Internet-Verbindung hergestellt war, wusste ich jedenfalls, wie sich Robinson Crusoe gefühlt haben muss, als er das Segelschiff auf den Strand zukommen sah. Und ich habe erkannt, das eine Aspekt hinsichtlich des Internets bisher viel zu sehr vernachlässigt wurde: Der nicht vorhandene Zugang zum Internet befördert den Zugang zu fremden Menschen. Sollte man vielleicht zur gelegentlichen gezielten Maßnahme machen. Wir sind jetzt übrigens heute Abend bei dem netten Mitmenschen zum Essen eingeladen.

Neue Erkenntnisse

Vielleicht darf man es sogar als kleine Sensation bezeichnen. Mir fiel es jedenfalls wie Schuppen von den Augen. Und eigentlich verwundert es mich, dass noch niemand schon eher darauf gekommen ist. Denn schließlich ist es doch kein Geheimnis mehr, dass in nicht wenigen Beziehungen eine Art von Automatismus herrscht. Und leider fast ausschließlich in einer Konstellation. Da ist dann ein Mann, der seine Frau, sei sie mit ihm verheiratet oder auch nur zusammen lebend, mehr oder minder als sein Eigentum betrachtet. Insofern jedenfalls, als er ihr an den Kopf werfen kann, was er will. Glaubt, mehr oder minder mit ihr machen zu können, was ihm gerade in den Sinn kommt. Gewalt nicht ganz ausgeschlossen.

Es ist leider eine Spirale, die sich bis hin zur Eskalation dreht und zumeist nur von der Frau unterbrochen werden kann. Sich diese aber bis dahin an die Hoffnung klammert, dass er sich schon noch ändern wird. Sicher wieder der nette, zuvorkommende Mann werden wird, der sie mit seinem zugewandten Wesen, seinen Versprechungen und durchaus auch mit seiner Männlichkeit dereinst beeindruckte. Eine Hoffnung, die allerdings mehr als trügt. Und zieht man das alles in Betracht und vergleicht es mit den Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland, so muss man zwangsläufig zu der doch überraschenden Erkenntnis kommen, dass der deutsche Michel eigentlich eine Frau ist. Was mit Sicherheit die Gender-Diskussion weiter anfachen wird.