Standpunkt

 

Es liegt wirklich nicht daran, dass ich keine Lust habe, mir selber etwas einfallen zu lassen. Ich übe mich eher in der schweren Disziplin, die Arbeit anderer Menschen als wertvoller zu betrachten als die eigene. Sind wir doch einmal ehrlich: Hier der fröhlich dilettierende „Welterklärer“, dort der Sohn von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein und Literat Martin Walser. Ich zum Beispiel habe nur einen Vater. Und der war weder Literat noch Journalist mit dem Potential, Minister zu stürzen. Also nutzt diesen herrlichen Tag, den wir zu Hause in den vertrauten vier Wänden verbringen dürfen, um euch die Sichtweise von Jakob Augstein, Verleger und Chefredakteur der Wochenzeitung „der Freitag“ zu Gemüte zu führen. Lesen bedeutet ja noch nicht zustimmen. Es besteht keine Infektionsgefahr.

https://www.freitag.de/autoren/jaugstein/rausch-des-notstands

 

Fürs Leben lernen

So hätte ich das auch gerne gehabt. Prüfung, Schweißausbruch, Panik. Dann die göttliche Eingebung. Handschriftlicher Vermerk: Kann ich nicht wissen, das ist Stoff aus dem Corona-Jahr! Es ist faszinierend, Generation X, das war vorgestern. Demnächst haben wir “Generation C“. Die Generation, umfassend die jetzt Siebenjährigen bis zu den jetzt Siebzehn-, Achtzehnjährigen, denen einfach mehr oder minder der Lehrstoff fehlt, der im Corona-Jahr dran gewesen wäre.

Wer, bitte schön, ist Brecht? Kenne ich nicht. Wahrscheinlich wäre der 2020 dran gewesen. Aber schließlich muss man ja nicht alles wissen. Und letztendlich, so richtig ändern wird es sowieso nichts. Bildungstechnisch war ja schon immer der Unterschied zwischen gut bemittelt und schlecht ausgestattet. Ersteres bezieht sich auf die finanzielle Ausstattung. Letzteres auf die Möglichkeiten, an Bildung teil zu haben.

Aber wahrscheinlich sind nach dem Corona-Jahr die Verhältnisse endlich allgemein klarer. Endlich mal wieder der kleine Unterschied unübersehbar. Ich deutscher SUV – du japanischer Kleinwagen. Wir Wochenendtrip nach Dubai – ihr Urlaub an der Adria. Wir Einkommen – ihr Hartz IV. Bei Aldi können wir uns ja weiterhin treffen, Schnäppchen lieben auch Millionäre. Und reiche Eltern haben schon immer die Bildungsdefizite des Nachwuchs ausgeglichen.

Aber es ist ja für einen guten Zweck. Hat Schatten-Kanzler Drosten gesagt. Es kann Leben retten. Da darf man nicht so pingelig sein, wenn dadurch Leben, gelinde gesagt, beeinträchtigt werden. Und was ist schon Zukunft, wenn wir uns noch nicht einmal in der Vergangenheit um die Vergangenheit gekümmert haben. Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg doch auch ein Wirtschaftswunder vollbracht. Jetzt haben Schülerinnen und Schüler die Chance, ein Schulwunder zu vollbringen.

Ego cogito ergo sum

 

Hat René Descartes behauptet: Ich denke, also bin ich. Obwohl er Franzose war, kein Grieche. Hat sich aber trotzdem geirrt. Wusste schließlich und aus zeitlichen Gründen ja nicht, wie sich der Mensch unserer Tage in dieser Hemisphäre verhalten würde. Doch dank der aktuellen „Krise“/Pandemie ist das unmissverständlich klar geworden.

 

Die Basis: Nach dem Shutdown (finde ich zutreffender, schließlich hat uns die Schließung der Geschäfte und Einrichtungen mitten ins Herz getroffen), offiziell als Lockdown bezeichnet, haben viele Menschen eine gewisse Sinnentleerung empfunden. Von der Langeweile ganz zu schweigen.

 

Und da halfen auch nichts die Netflix-Flatrate und Sky im Sonderangebot. Die Verzweiflung ging bei einigen Menschen so weit, dass sie sogar versuchten, ein Buch zu lesen. Was natürlich misslang, weil in Büchern einfach die Farbe fehlt und das Grau in Grau noch mehr aufs Gemüt schlägt.

 

Doch heute Morgen wurden mir die Augen geöffnet. Als mich nämlich ein Weg an einem Baumarkt vorbeiführte. Wo eine Menschenschlange von DDR-Ausmaßen mit gebührendem Abstand auf Einlass in das geöffnete Geschäft wartete. Aufschlussreich waren allerdings die Gesichter, die mit vollgepackten Wagen den Baumarkt verließen. Heute würde auch Descartes sagen: Ego emõ ergo sum! Ich kaufe, also bin ich!

Endlich Hoffnung

Wir haben doch darauf gewartet. Auf ein Zeichen, das Mut macht. Eine klare Sprache spricht. Wieder an die Zukunft glauben lässt. Ich weiß, jetzt ist Vorsicht geboten, man darf nicht übertreiben. Und ein geöffneter Baumarkt oder ein Möbelgeschäft, das ist ja schon einmal ein Anfang.

Nur fehlte die Symbolkraft. Etwas, woran man sich in diesen kargen Zeiten ohne Wochenendtrip nach London oder Mailand, ohne Fußballbundesliga und einen Hauch von Ballermann in der Disco klammern kann. Doch zumindest in Rheinland-Pfalz hat man das begriffen. Dort hat man die Golf-Plätze wieder geöffnet. Die SPD-geführte Landesregierung hat verstanden, was die breite Masse jetzt braucht.

Sondermeldungen

Gerade hatte ich die Schutzmaske etwas nach unten geschoben, um den nächsten Bissen in den Mund zu schieben, als die Sendung auf BR Heimat für eine Sondermeldung unterbrochen wurde. Kanzlerin Angela Merkel hatte nämlich soeben die Diskussionen über weitergehende Lockerungen der Beschränkungen im Kampf gegen das Coronavirus „außergewöhnlich scharf kritisiert“. Außerdem zeigte sie sich laut Meldung sehr besorgt, dass sich zu wenige Menschen an die Kontaktbeschränkungen halten könnten.

Etwas verwundert, dass sie so gut informiert ist über das Gespräch, das ich gerade mit meiner Gattin führte, stand ich sofort auf, um den Abstand zwischen mir, meiner Frau und Alexa abzumessen. Schließlich hatte ich kurz zuvor zu meiner Frau gesagt, dass es schon seltsam sei, dass Kinos oder Theater, vom Staat weitgehend allein gelassen, ums Überleben kämpften, während Volkswagen eine staatliche Kaufprämie fordere, auch für „Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren“.

Was ja andererseits bestens zusammenpasse mit dem was kürzlich Gesundheitsminister Jens Spahn gesagt hatte: „Arbeiten gehen, für den Lebensunterhalt sorgen, darauf können wir weniger gut verzichten als auf die Party, auf den Club, auf das Fußballspiel.“ Was dann noch von der Mitteilung abgerundet worden war, dass Kultureinrichtungen und Tattoo-Studios geschlossen bleiben. Weshalb ich gleich nach der Suppe zu meiner Frau gesagt hatte: „Das ist ja langsam wie bei Stalin.“

„Alexa“, sagte ich deshalb, und um mich etwas zu beruhigen, „ spiele ‚Orphans‘ von Coldplay“. „Warum das denn?“ fragte meine Frau, „kann es sein, dass du Fieber hast?“ „Nein“, sagte ich, „habe ich nicht, ich will nur hören, wie Chris Martin singt ‚I want to know when I can go back and get drunk with my friends‘,“. Doch kaum hatte ich mir zum siebten Mal nachgeschenkt, da unterbrach Alexa die Musik für eine weitere Sondermeldung.

Söder hatte gerade bekannt gegeben, dass ab nächste Woche in Bayern Maskenpflicht ist. Und betont, dass Bayern das erste „westdeutsche Bundesland“ mit einer Pflicht für einen Mundschutz sei. Weshalb ich mich nun frage, ob wir alle so eine Maske im weiß-blauen Rautenmuster tragen müssen, wie sie Söder in die Kamera hielt – und ob da sein Name drauf steht?

Tag des Kindes

https://www.zeit.de/kultur/2020-04/fluechtlingspolitik-deutschland-aufnahme-kinder-fluechtlingslager-grosse-koalition

Es fällt nicht leicht, der Neid ist groß, aber gesiegt hat dann doch die Vernunft. Deshalb heute hier und an dieser Stelle ein Link, eine Adresse, die aufzurufen man und Frau nicht versäumen sollten. Was mein großes Ziel ist, aber immer wieder wortreich von mir verfehlt wird, dass ist in diesem Beitrag nämlich gelungen: Den Nagel auf den Kopf zu treffen. Genau das zu sagen, was dazu zu sagen ist. Das hat Mely Kiyak in ihrer „Deutschstunde“ umgesetzt. Großartig. Und beschämend zugleich. Weil es so richtig ist. Also lesen!

Herrliche Zeiten

Ich finde das ein bisschen umständlich und zeitaufwändig. Die Bayerische Staatsregierung hat das beschlossen. Die Bayerische Staatsregierung teilt dieses mit. Die Bayerische Staatsregierung will vermeiden, dass… . Warum sagen wir nicht einfach „Söder“. Das ist kürzer. Und trifft ebenso den Kern der Sache. Also hat Söder jetzt auf der Suche nach einem bayerischen Sonderweg, der unmissverständlich Bayerns Führungsrolle in Deutschland dokumentiert, beschlossen, dass es auf die Beibehaltung der Kontaktbeschränkungen, die ja eigentlich Kontaktverbote sind, ein Sahnehäubchen gibt:

Der Mensch in Bayern hat nun die Möglichkeit, den „Kontakt zu einer Person außerhalb seines Haushalts“ aufzunehmen. Sie oder er darf sich mit einem Menschen der Wahl im Freien treffen, sogar mit ihm reden, vielleicht sogar in der Sonne sitzen. Ich nehme mal an mit gebührendem Abstand. Und da muss ich sagen, dass ist ein großer Schritt. Hier deutet sich ein Weg an, der aus der derzeitigen Situation führen könnte. Wir dürfen uns allerdings nicht allzu große Hoffnungen machen.

In den USA beispielsweise hat es von 1776 bis 1865 gedauert, bis die Sklaverei zumindest auf dem Papier abgeschafft war. In der alltäglichen Realität ist ein Ende der Sklaverei allerdings bis heute noch nicht so richtig angekommen. Freuen wir uns also über die kleinen Schritte in Bayern. Vielleicht geht ja Söder ein schärferes Tempo. Schließlich darf man inzwischen laut Gerüchten in Bayern sogar auf einer Parkbank sitzen und ein Buch lesen. Während in Hessen Menschen ohne Sicherheitsabstand festgenommen werden, die mit Sicherheitsabstand für Flüchtende demonstriert hatten.

Schmeckt so gut

Herrn Söder habe ich heute schon zwei Mal gesehen. In der ARD und im ZDF. Womit ich nicht behaupten will, dass er sich nicht auch auf weiteren Kanälen um jeden Einzelnen in Deutschland sorgte. Doch nicht nur durch seine Auftritte ist klar: Es geht um Alles. Es ist die größte Bedrohung seit der Pest im Mittelalter. Einen anderen Schluss lassen die Maßnahmen, Politiker und die Berichterstattung nicht zu. Und der bewundernswerte Wille des deutschen Volkes, stoisch zu akzeptieren, dass ihm gerade vieles von dem genommen wird, was ihm einstmals garantiert wurde. Aber wer will jetzt schon kleinlich sein.

Viel lieber sind wir in anderen Bereichen ausgesprochen großzügig. Und ausnahmsweise spreche ich mal nicht von Flüchtenden, die jetzt nicht einmal mehr fliehen können. Ich möchte einfach einmal lobend erwähnen, dass Politik und Berichterstattung sensibel genug sind, in dieser ohnehin so schwierigen Krise nicht auch noch über eine weitere Pandemie von größerem Ausmaß zu sprechen. Nämlich über Adipositas. Darüber, dass in Deutschland 2017 an Übergewicht und Fettsucht mehr als 160.000 Menschen starben. Weltweit waren es 2,8 Millionen. Laut WHO. Tendenz übrigens stark steigend.

Und im Gegensatz zu Corona gäbe es ja außerdem schon ein Gegenmittel, nämlich die Ernährung. Oder präziser gesagt: das was die Menschen nicht essen sollten. Weshalb sich die Bundesministerin für Ernährung die Lebensmittelindustrie ja schon zur Brust genommen hat. Freiwillig müssen die jetzt für Abhilfe sorgen. Was sich bereits in verstärkter Werbung bemerkbar macht. Die Rechtsanwälte und Gutachter sind sicher auch schon in Stellung gegangen. Hat bis jetzt immer geholfen.

Wohnkultur

Bei einem klassischen Filterkaffee ist das relativ einfach. Man füllt gemahlene Kaffeebohnen in den Papierfilter, der zuvor in den sogenannten Handfilter aus Porzellan oder auch Kunststoff eingesetzt wurde, der seinerseits auf einer Kaffeekanne ruht. Dann wird das Kaffeepulver solange mit heißem Wasser übergossen, bis die gewünschte Menge an Kaffee erreicht und durch den Papierfilter gelaufen ist. Und wahrscheinlich ist diese einfache Handhabung auch mit einer der Gründe, warum so viele Menschen diese Art der Kaffeezubereitung bevorzugen.

 

Wohingegen die meisten Menschen davor zurückschrecken, sich mit dem Kapitalismus zu beschäftigen. Sie sich lieber als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verkaufen als selber andere für sich arbeiten zu lassen und beispielsweise Waren zu verkaufen. Obwohl die Frage, wie denn der Kapitalismus eigentlich funktioniere, ebenso einfach zu beantworten ist. Es ist so einfach, dass sogar ich es am frühen Morgen anhand einer Werbe-Mail begriffen habe.

 

Verschickt wurde diese Mail von einem Unternehmen, das sich ansonsten dem Verkauf von Gegenständen für eine „anspruchsvolle Wohnkultur“ widmet. Darunter Bettwäsche aus Leinen-Baumwollmix, Homewear wie eine kuschelige Wellnessjacke oder auch Tischdecken, speziell zu Ostern mit Hasenmotiven. Aus aktuellem Anlass bietet dieses Haus der anspruchsvollen Wohnkultur nun auch ein „4er Set: Kochfeste Mund- und Nasenmaske aus reiner Baumwolle“ an. Und natürlich ist es zweilagige Bio-Baumwolle. Das Set zu 49,95 € zuzügl. Versandkosten. Das Pflegepersonal landauf, landab wird begeistert sein.

 

Entdeckung

Es ist immer auch eine Chance, solch eine Tragödie. Die Möglichkeit zum Beispiel, Entdeckungen zu machen. Vielleicht nicht gleich neue Kontinente. Aber Menschen zum Beispiel, die Pflegerinnen oder Pfleger, Kassiererinnen oder Kassierer, Paketausfahrerinnen oder Paketausfahrer sind, und dann von heute auf morgen zu Helden gemacht wurden. Obwohl sie das nie wollten.

Und so etwas ähnliches passiert jetzt mit Großeltern. In Familien, in denen Kindern, wenn sie fragten, was das denn sei, Oma und Opa, zur Antwort bekamen, dass das die Leute wären, die zu Weihnachten und Geburtstag Geld schickten, werden auf einmal bittere Tränen vergossen, weil man Oma und Opa zu Ostern nicht besuchen kann. Weil sie zum Beispiel auf Teneriffa von der Rückholaktion „Deutsche Luftbrücke“ vergessen wurden.

Verwundert fragen sich nunmehr alte Menschen, wer denn da im Garten ihres Einfamilienhauses steht und mit durchtränkten Taschentüchern winkt. Weil sie einfach ihre Kinder nicht erkennen, gar nicht wussten, dass sie schon Enkelkinder hatten. Seit der Schutz der alten Herrschaften es verlangt, dass man ihnen nicht zu nahe kommt, hat Deutschland Oma und Opa entdeckt. Und trauert, dass sie jetzt so fern sind, wie man sie sich schon immer gewünscht hat. Halt! Nicht ganz Deutschland. Es gibt ja auch Migranten.