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Am Ort des Unglücks

Wieder einmal steht ein Land unter Schock. Ich nenne es Betroffenheit. Wenn so etwas Fürchterliches passiert, dann ist man betroffen, wenn man nicht direkt betroffen ist. Wenn Menschen durch einen Tsunami getötet wurden. Bei einem Terroranschlag. Durch einen Flugzeugabsturz. Aber keine Angehörigen durch die Flutwelle starben. Der Anschlag Schiiten galt. Niemand, den wir kannten, in dem zerschellten Flugzeug saß. Dann sind wir betroffen.

Weshalb mich Politiker geradezu aggressiv machen, die „an den Ort des Unglücks“ eilen, Staatsbesuche unterbrechen. Auf allen TV- und Rundfunkkanälen im Sekundentakt beteuern, wie „geschockt“ sie sind, und dass sie alles tun werden, was in ihrer Macht steht. Glaubt denn wirklich ein Mensch, dass Frau Merkel „an dem Ort des Unglücks“ erscheinen wird? Vielleicht zwischen steilen Felsen nach Opfern sucht?

Wahrscheinlich fliegt sie im Helikopter über die Absturzstelle, sagt dann vor laufenden Kameras, wie geschockt sie ist, und steigt dann wieder in ein Flugzeug, um zurück nach Berlin zu fliegen. Hauptsache, da gewesen. Und weil das nicht so viel Bildmaterial hergibt, sehen wir erneut Menschen in einem Flughafen, die in die Kamera sagen, dass sie geschockt sind und nicht wissen, ob sie jetzt noch in den Urlaub fliegen sollen.

Was mich dann aber in einen Zustand versetzt, wie er auch durch eine Magen-Darm-Grippe verursacht wird, das sind die Medien. In stundenlangen Sondersendungen zeigt das Fernsehen in Endlosschleife Filmmaterial von 38 Sekunden Dauer. Die immer wieder gleichen geschockten Politiker. Moderiert von Menschen, die auch immer wieder das Selbe sagen. Wohingegen im Rundfunk zusätzlich Passanten von der Straße erschüttert sein dürfen, Prominente zitiert oder ihre Tweets vorgelesen werden.

Von Experten-Gesprächen bekomme ich Brechreiz. Experten wissen natürlich auch nichts Konkretes. Ergehen sich dafür aber umso länger in Vermutungen. Und manchem ist sogar unverhohlene Genugtuung anzusehen, dass er endlich mal wieder gefragt wurde. Und wenn ich dann von der Toilette zurück komme, könnte ich mir erneut mitteilen lassen, dass ein Land geschockt ist, würde wohl gerade ein anderer Experte befragt werden. Wenn ich das TV-Gerät nicht schon längst zertrümmert und das Radio im Klo versenkt hätte.

Es ist ein Zirkus, der da veranstaltet wird. Ein Medien-Zirkus, der ein Unglück ausschlachtet. So die Opfer des Unglücks missbraucht. Das Leid der Hinterbliebenen. Mitgefühl sieht anders aus. Vielleicht stimmt ja etwas nicht mit mir. Aber wenn ich betroffen bin, dann fällt mir nicht viel ein, was ich sagen könnte. Und sagen sollte. Dann sehe ich mich gerade noch in der Lage zu schreiben, dass es mich ankotzt, was da veranstaltet wird. Ein Schock sieht anders aus.

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