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Gerichtsentscheidung

Ein Mann wird abgeschoben. Obwohl ein Gericht die Abschiebung untersagt hat. Das ist zwar unangenehm in einem Rechtsstaat, aber es kann eben mal passieren. Und wenn  die Politiker, die dafür gesorgt haben, dass der Beschluss des Gerichtes missachtet wurde, sich mit etwas Asche „mea culpa“ auf die Stirn schreiben, dann muss einem trotzdem nicht bange werden.

Wenn aber dann der Innenminister eines Bundeslandes, der Mitglied der CDU ist, sagt: „Die Unabhängigkeit von Gerichten ist ein hohes Gut. Aber Richter sollten immer auch im Blick haben, dass ihre Entscheidungen dem Rechtsempfinden der Bevölkerung entsprechen.“ Und hinzufügt: „Wenn die Bürger Gerichtsentscheidungen nicht mehr verstehen, ist das Wasser auf die Mühlen der Extremen.“

Dann macht das Angst. Denn es zeigt, dass dieser Innenminister noch nicht das Prinzip der Gewaltenteilung verstanden hat, die im Grundgesetz der BRD verankert ist. Er scheint die Justiz für ein Instrument der Politik zu halten. Weshalb er mit einem Nebensatz Recht hat. So eine Aussage ist Wasser auf die Mühlen der Extremen. Und zwar jener, die diesem CDU-Mann offensichtlich näher stehen, als einem lieb sein kann.

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Von links nach rechts

Es kommt ja inzwischen immer häufiger vor. Und das in Bevölkerungsschichten, von denen man bisher annahm, dass sie eigentlich immun sein müssten. Oder wer hätte vor zehn Jahren geglaubt, dass ein strammer Linksaußen eines Tages zum inneren intellektuellen Kern einer AfD gehören könnte. Was man dereinst schon an sich für einen Widerspruch gehalten hätte. Aber nun findet es statt. Gymnasiallehrer, die sogar Fritz Teufel persönlich oder zumindest vom Hörensagen kannten, schütteln jetzt bedenklich den Kopf, wenn jemand gegen den Innen- und Heimatminister wettert. Weil er doch wenigstens die Ängste der Bürger versteht, denn schließlich kann er sich selber sehr gut verstehen.

Noch verblüffender: ein Journalist zum Beispiel, der dereinst und als Redakteur des „Spiegel“ schon einen Helmut Kohl als nicht links genug kritisierte. Und sich jetzt bei Beatrix von Storch für das ganze Bild in Positur bringt. In der Hoffnung, dass aufgrund der gemeinsamen Positionen ein bisschen PR für sein aktuelles Buch rausspringt. Dezenter Hinweis: Dieser Journalist heißt nicht Marylin Monroe.

Die Namen der Stellungswechsler könnten spielend Seiten füllen. Man findet Professoren darunter, Mediziner und noch ein paar andere hochgeschätzte Berufsgruppen. Sogar Richter. Das man fast geneigt ist zu sagen: Also wenn die das sagen, dass Gauland und Weidel Recht haben, dann kann das ja nicht so falsch sein. Kann allerdings auch zu der Vermutung führen, dass es einfach Wirkung zeigt, wenn im Kampf gegen die Rechtsaußen oft genug wiederholen, welche Ängste der rechten Bürger sie ernst nehmen. Wobei es natürlich nie nachvollziehbar sein wird, ob sie da nicht auch von sich selber sprechen. Was allerdings ebenso abwegig ist wie die Überlegung, dass mancher in diesem Kampf gegen Rechts selber ein bisschen Schlagseite bekommt, weil er seine eigenen Ängste nicht gänzlich vernachlässigen möchte.

Verhaltene Freude

Eigentlich müsste man ja jubeln. Endlich einmal war die Empörung groß und laut genug, dass der ansonsten unerschrocken uneinsichtige US-Präsident eingelenkt hat. Könnte man zumindest glauben. Hat er doch nun dafür gesorgt, dass die Kinder von unerwünschten Grenzgängern nicht mehr von den Eltern, von Mutter und Vater, getrennt werden.

Warum aber beschleicht mich dieses Gefühl der Beklemmung. Weil die Kinder jetzt nämlich mit Mutter und Vater ins Gefängnis wandern? Vielleicht weil ich befürchte, dass der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, jenes Staates, der ein unerbittlicher Kämpfer für Menschenrechte und Wächter aller Moral war, dass dieser Präsident nicht versehentlich ein Gefühl wie Empathie entdeckt hat?  Sondern vielmehr gemerkt hat, dass diese Art der von ihm sonst so geliebten Aufmerksamkeit schlecht für seine Deals ist?

Und es außerdem nicht funktioniert hat, mit dem angsterfüllten Schluchzen der Kinder den Kongress dazu zu bewegen, ihm endlich die Finanzierung der amerikanischen Mauer nach chinesischem Vorbild zu genehmigen. Möglich ist es natürlich auch, dass er durch die Bilder, die in diesem Zusammenhang um die Welt gingen, seinen Plan gefährdet sah, der fünfte US-amerikanische Präsident zu werden, der den Friedensnobelpreis bekommen hat.

Uneingeschränkte Freude kann also nur darüber aufkommen, dass das Nobelpreis-Komitee im Falle der angeblichen Nominierung Donald Trumps für den Friedensnobelpreis die Polizei eingeschaltet hat.

Zu Ende gedacht

Warum regt sich jetzt alle Welt respektive unser beschaulicher germanischer Mikrokosmos inklusive gemischt-sozialem Netz schon wieder so auf? Was hat er denn getan, der Herr Lindner von der FDP? Mal abgesehen davon, dass ich es schon ein klein bisschen diskriminierend finde, dass er ausgerechnet Bäckereien genommen hat. Ich zum Beispiel habe ein sehr liebevolles und kindheitsgeprägtes Verhältnis zu Bäckereien. Allein schon wegen des Duftes. An den ich mich zumindest noch vage erinnern kann. Heutzutage hat man ja nur noch Dieselgeruch in der Nase. Weil gerade die Lieferung angekarrt wurde. Doch ich schweife ab. Kern der Sache ist, dass der Herr Lindner recht hat. AfD hin oder her. 

Fakt ist nämlich, dass man es ja eigentlich immer sieht, ob das da jemand aus dem Viertel ist oder aus dem Dorf, die oder der gerade seine Brötchen kauft oder das Dinkelbrot. Man weiß, wer da nicht hingehört. So wie man ja auch in der Fremde einen Landsmann oder eine Landsfrau immer gleich erkennt. Das sieht der Herr Lindner alles ganz richtig. Und was man eben nicht sieht, das ist der genehmigte Asylantrag. Oder die unbefristete Arbeitserlaubnis.

Das Einzige, was man also Herrn Lindner vorwerfen kann, das ist, dass er die Sache nicht zu Ende gedacht hat. Obwohl es doch so einfach wäre. Man bräuchte einfach nur mal wieder eine Art Kennzeichnungspflicht. Irgendwas zum Aufnähen. Vielleicht ein durchgestrichener Halbmond? Wenn der Asylantrag noch nicht anerkannt ist. Und schon wüsste man auch beim Metzger, ob man Angst haben muss. Oder nicht. Wäre ich eine Frau, würden mir allerdings auch IT-Spezialisten aus Indien außerhalb von Bäckereien Angst machen.

Anfang

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Weiß zwar nicht, woher ich das habe. Jedenfalls ist es mir gerade eingefallen. Ohne zu googeln. Ehrenwort. Auslöser waren gute Wünsche für das Neue Jahr. Die mir immer mehr das Gefühl vermitteln, dass sie etwas Beschwörendes haben. Als ob das nicht so verinnerlicht wäre mit dem Zauber eines Anfangs. Es klingt mir eher danach, als wäre es den meisten Menschen einfach nur lieb, wenn alles so bliebe, wie es ist. Natürlich immer gerne mit leichter Tendenz nach oben. Also ein bisschen mehr Geld, ein bisschen mehr Gesundheit, mehr Urlaub – vielleicht auch ein bisschen mehr guten Sex. Und etwas weniger Gewicht.

Aber ansonsten klingt durch dieses ganze Jahreswechsel-Gedröhne eher ein verzagter Ton, man könnte es wohl sogar Angst nennen. Wenn wir einmal annehmen, dass Angst Geräusche machen kann. Es scheint mir jedenfalls kein Zauber sondern eher ein Zaudern zu sein, verbunden mit der vagen Hoffnung, dass irgendwie daran gerüttelt werden könnte, dass sich wieder einmal eine Jahreszahl ändert. Weil man doch eigentlich im Stillen nur hofft, dass alles so bleiben möge wie bisher.

Aber sind wir doch einmal ehrlich. Abgesehen davon, dass wir vielleicht jedes Jahr länger brauchen, um uns vom Sylvester-Rausch zu erholen, würden wir denn ohne das Geböller und den vielen Alkohol überhaupt richtig merken, dass ein neues Jahr vor uns liegt, hier ein Anfang sein kann, dem ein Zauber inne wohnt? Schließlich ist die Miete die gleiche, ganz abgesehen von den Menschen an unserer Seite. Wahrscheinlich ändert sich auch am Aussehen nicht so sehr viel, und schon gar nicht an unseren Gedanken. Doch wäre es nicht zumindest ein gut zu merkendes Datum, für einen Anfang?

Denn es gäbe doch so viel, womit wir endlich anfangen sollten. Zum Beispiel könnten wir damit aufhören, uns etwas vorzumachen. Unverdrossen zu glauben, dass im Großen und Ganzen doch eigentlich alles in Ordnung wäre. Nur weil wir unseren Urlaub schon gebucht haben, unsere nette kleine Komfortzone nicht in Gefahr zu sein scheint, der Lebenspartner auch noch irgendwie auszuhalten ist.

Doch ich rede noch nicht einmal vom großen Aufbruch. Nicht davon, jetzt alles anders zu machen. Ich finde es nur eine schöne Vorstellung, dass Menschen anfangen, sich mit dem auseinander zu setzen, was ist. Alleine schon daraus würden sich nicht wenige Änderungen ergeben. Auch wenn diesen und zugegebenermaßen nicht immer ein Zauber inne wohnen würde. Der kommt meistens erst so richtig, wenn man sich an das Neue, an die neue Sicht der Dinge gewöhnt hat. Der Umgang mit Realität will gelernt sein. Und setzt den Mut voraus, sich Realitäten zu stellen. Einen Mut, den ich uns allen wünsche. Zumindest ein bisschen mehr davon.

Hannah ist schwanger

Die Angst. Der beständige und treue Begleiter alles Unbekannten. Es gibt eine herrliche Szene in der Serie „Girls“. Hannah ist schwanger. Und ihr Ex-Freund Adam hat gerade entdeckt, dass er wieder ihr Freund sein will und das Kind mit ihr aufziehen möchte. Sie sitzen auf einer Bank, hinter ihnen vermutlich der Hudson-River. Schließlich leben sie in New York. Gerade waren sie noch in einer Mall, haben nach Baby-Wiegen und Kommoden geschaut. Und jetzt erzählt Adam voller Enthusiasmus , dass er das alles selber bauen will, und sie eine Wohnung suchen sollten, und wie das Kind heißen könnte, wenn es ein Junge wird.

Die Kamera verharrt auf dem Gesicht von Hannah. Bis ihr die Tränen die Wangen runter laufen, ihre Lippen zittern, sich die Augen irgendwo an einem Horizont verzweifelt festkrallen. Sie hat Angst. Eben noch voller Vorfreude, ausgelassen fröhlich, jetzt hat sie eine wahnsinnige Angst. Vor dem, was kommt. Weil sie nicht weiß, was kommt. Weshalb sie diese Angst überschwemmt wie ein Fluss, der über die Ufer tritt. Weil diese Angst Menschen irrationale Dinge tun lässt. Weil sie sich nicht von Ratio, von der Vernunft einhegen lässt wie eine Herde von Schafen. In den meisten Fällen bleibt nichts anderes als sie auszuhalten.

Die große Angst

Es kommt zwar nicht mehr ganz so häufig vor, aber es gibt sie immer noch. Paare, die zehn Jahre und länger zusammen leben, sich nichts mehr zu sagen haben, sich nicht mehr ausstehen können, sich befehden, mitunter bis aufs Messer. Aber eben zusammen bleiben. Weil scheinbar nichts so schlimm sein kann, als das Leben zu verändern. Und die Angst vor diesem Schritt sitzt tief und ist auch schon viel früher da, nicht erst, wenn die Situation fast ausweglos erscheint.

Und es gibt natürlich noch andere derartige Situationen. Im Job zum Beispiel. Und immer nach dem gleichen Muster: Lieber aushalten, als etwas ändern. Fast könnte man den Eindruck haben, dieses Verhalten wäre in den menschlichen Genen eingraviert. Gesichert ist hingegen die Erkenntnis, dass auch die Politik nicht frei davon ist. Ein Beleg dafür wurde gerade in Berlin abgeliefert. Die Sondierungsgespräche der Jamaika-Parteien sind letztendlich an der Angst vor Veränderung gescheitert.

So wie auch jede Chance, vielleicht doch noch Kohlen aus dem Feuer zu holen, um zum Beispiel die Klimaerwärmung zu reduzieren, daran scheitert. Lieber rennen wir offenen Auges ins Verderben, als unser Leben zu verändern. Denn das müssten wir. Jetzt. Wir müssten damit aufhören, wahllos in der Gegend und in der Welt herum zu fahren und zu fliegen. Wir müssten uns fragen, ob wir wirklich alles brauchen, was wir haben. Alles kaufen müssen, was der Geldbeutel hergibt.

Wir müssten aufhören, Waren über aberwitzige Entfernungen zu transportieren, damit wir zwischen 35 Fleisch- und 73 Obstsorten auswählen können. Und vielleicht nicht mehr unser Büffet mit Rosen aus Afrika schmücken. Kurzum, wir müssten unser Leben verändern. Etwas ganz Neues machen. Etwas ganz Anderes. Und deshalb rennen wir lieber zum Psychiater und in die Apotheke, um die Situation auszuhalten. Als zu versuchen, unsere Angst vor der Veränderung zu besiegen.