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Wieder Vereinigung

So eine Gelegenheit darf man sich einfach nicht entgehen lassen. Wenn es auch nicht für den Spruch reicht, „ich habe es schon immer gesagt“, zumindest kann ich mir anmaßen zu sagen, dass ich es schon damals vorhergesehen hätte. Was mir zugegebenermaßen in anderem Zusammenhang nicht gelang. Wir kannten uns seit Schulzeiten. Alles deutete auf eine gemeinsame Zukunft hin. Doch dann wurden unsere Wege getrennt. Sie studierte dort. Ich arbeitete hier. Wir verloren zwar nie ganz den Kontakt, aber erst durch eine glückliche Fügung kamen wir eines Tages wieder zusammen. Um es kurz zu machen: Heute leben wir zwar beide in der gleichen Stadt, treffen uns hin und wieder. Aber wir sind geschiedene Leute, finden einfach keinen gemeinsamen Nenner mehr.

Doch nun zu meiner auch belegbaren Behauptung, dass ich es wenigstens einmal schon „gleich gesagt habe“. 1991 erschien nämlich ein Buch, das sich mit rechtsradikalen und neonazistischen Aktivitäten und Tendenzen in den damals noch ganz neuen Bundesländern beschäftigt. Es hat den vielleicht etwas kryptischen Titel „Von links nach rechts“, einer der beiden Autoren ist der Publizist Kurt Hirsch, der andere bin ich.

Immerhin warnte auch die damalige Ausländerbeauftragte Liselotte Funcke bereits davor, dass „Ausländer zu Sündenböcken gemacht werden für die allgemeine Unzufriedenheit“, während andere von einer „Randerscheinung des Umbruchs“ sprachen. Resümee des Buches hingegen: „Die Geschichte wiederholt sich nicht schematisch, doch was offensichtlich immer wiederkehrt, das sind die Bürger und Politiker, die sich zu verschiedenen Zeiten immer wieder ähnlich artikulieren und so, gewollt oder nicht gewollt, bewußt oder nicht bewußt, zu neuen Wegbereitern des alten Rechtsradikalismus werden.“ Klingt in diesen Tagen und nach dieser Bundestagswahl vielleicht nicht so ganz falsch. Auch wenn es mir lieber wäre, wenn ich falsch gelegen hätte.

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Polizeibericht

Eine junge Frau wird auf dem Heimweg überfallen, vergewaltigt und dann ermordet. Das geschah Mitte Oktober in Freiburg. Jetzt zur Adventszeit hat laut Medienberichten die Polizei einen Tatverdächtigen verhaftet. Die Kommentare im Zusammenhang mit dieser Meldung in einem Online-Portal zeigen überraschenderweise, dass es Bürger gibt, die sehr viel mehr über dieses Verbrechen wissen.

 So schreibt eine Sonja B., dass nach ihren Informationen der Verdächtige ein „Jungnazi“ sei, der „seine gesamte Freizeit bei irgendwelchen npd- oder afd-Jugendgruppen“ verbracht und schon längst alles zugegeben habe. Wohingegen ein Norbert S. vermutet, dass die „sehr knappe Stellungnahme“ der Polizei darauf beruhe, dass wahrscheinlich „die Politik erst wieder gefragt werden [muss] was dem Volk mitgeteilt werden darf“. Womit er auf einer Linie liegt mit einem John Coffee.

Der schreibt nämlich: „Die schwierigste Aufgabe liegt natürlich noch vor den Ermittlern und Polizeisprechern=Politisch korrekte Umschreibungen für Herkunft&Identität des Täters zu finden und nur vage Auskünfte dazu als sensible Fakten zu rechtfertigen..“ Was nach der Silvesternacht von Köln nur dahingehend interpretiert werden kann, dass er davon ausgeht, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um einen Ausländer handelt, also vielleicht um einen Flüchtling aus Syrien oder Nigeria.

Und damit eine beunruhigende Entwicklung aufzeigt. Dass sich nämlich jetzt offensichtlich auch schon Ausländer respektive Flüchtlingen aus Syrien oder Nigeria der rechtsradikalen Szene anschließen. Kein Wunder also, wenn ein tom hack  zu dem Schluss kommt: „Wahrscheinlich ist auch hier Putin wieder schuld! Kranke idiotenrepublik!!!“ Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen. Außer der Frage vielleicht, warum das alles der Polizei nicht bekannt zu sein scheint.

Brüder und Schwestern

Vielleicht sollte man sich einmal vorstellen, dass Geschwister schon als Kleinkinder getrennt werden und in verschiedenen Familien aufwachsen. Familien, die zu diesem Zeitpunkt nicht nur räumlich getrennt sondern auch in völlig unterschiedlichen Situationen leben. Auch wenn sie früher, bevor sie die Kinder in ihrer Obhut hatten, Tür an Tür wohnten, gemeinsam viel Zeit verbrachten, vielleicht ein Herz und eine Seele waren. Ja und dann, nach mehr als 40 Jahren, werden diese Geschwister wieder vereint. Von heute auf morgen sollen sie wieder zusammen leben. Zwar nicht unbedingt in derselben Wohnung. Aber Tür an Tür. Und sie sollen jetzt so tun, als ob sie eine große Familie wären. Mit ihren jeweiligen Kindern. Den langjährigen Freunden.

Wer Kinder hat, der weiß, wie unterschiedlich Geschwister sein können. Wer eine Schwester hat, einen Bruder, oder sogar mehrere von beidem, der sieht zwar durchaus auch gewisse Gemeinsamkeiten. Aber auch jeden Tag, wie anders die anderen Geschwister sind. Daran ändert auch der Spruch, dass Blut dicker wäre als Wasser, nichts. Schließlich sollte man nicht vergessen, dass in Familien öfter Blut fließt als anderswo.

Ebenso dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass Kinder von äußeren Umständen, von Menschen außerhalb der Familien, beeinflusst werden. Die Entwicklung also noch unterschiedlicher verläuft, wenn sie in anderen Verhältnissen, in anderen wirtschaftlichen Situationen aufwachsen. Weshalb man sich wirklich fragen muss, wer um Himmels Willen daran glauben kann, dass aus einem Geschwisterpaar, dass voneinander getrennt und in völlig anderen Welten aufgewachsen ist,  plötzlich, von heute auf morgen, ein Herz und eine Seele werden könnte.

Da kann man ebenso gerne glauben, dass sich Menschen aus fernen Ländern, mit anderer Religion und einem ganz anderem Weltbild, mit staatlich verordneten Programmen in eine Gesellschaft integrieren lassen. Wir können uns darüber freuen, dass uns die Zusammenführung der beiden Kinder zumindest einen Feiertag beschert hat. Aber wir sollten uns ansonsten keiner Illusion hingeben. Und über das Wort Einheit kann man dann ja vielleicht in vier bis fünf Generationen nachdenken. Falls die Geschwister bis dahin nicht schon wieder verschiedene Wege eingeschlagen haben. Vielleicht sollte die Politik inzwischen über ein Integrationsprogramm nachdenken.

Ein Herz für Ausländer

Es ist, wie ich es vermutet habe. Man muss nur richtig hinsehen, und schon kann man entdecken, wie viel Gutes getan wird. Nehmen wir zum Beispiel die Schweiz. Soll ja angeblich nicht sehr freundlich zu Ausländern sein. Stimmt aber überhaupt nicht. Jetzt wurde sogar das extrem strenge Nachtflugverbot für den Züricher Flughafen außer Kraft gesetzt. Damit sich ein Mann aus Katar in Zürich medizinisch versorgen lassen kann. Ein „medizinischer Notfall“, wie das zuständige Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt bestätigte. Zwar war die Maschine schon gestartet, bevor eine Ausnahmegenehmigung erteilt worden war. Aber wie sich zeigte, hatte man zu Recht auf das gute Herz der Schweizer Behörden gehofft.

Inzwischen wurde zudem bekannt, dass es sich bei dem medizinischen Notfall nicht, wie ursprünglich verlautbart, um einen Beinbruch handelte. Laut der Sprecherin der behandelnden Schulthess Klinik musste „ein chirurgischer Eingriff an der linken Hüfte“ vorgenommen werden. Was wiederum die Aufhebung des Nachtflugverbots für zwei weitere Maschinen nachvollziehbar macht. In einer der beiden Maschinen aus Katar, einer A330, befindet sich eine „integrierte Intensivstation“. Der ausländische Patient ist übrigens nicht auf einer der Baustellen für die Fußball-WM in Katar verunglückt. Scheich Hamad bin Khalifa al Thani, Katars Staatsoberhaupt, hat im marokkanischen Skigebiet Ifrane Skiurlaub gemacht.

Wenn sie alle weggehen würden

Das war natürlich mein Fehler. Man kommt einfach nicht auf die Idee, an einem Samstagabend um kurz nach sechs Uhr einen Freund zu besuchen, von dem man weiß, dass er ein absoluter Fußballfan ist. Auf jeden Fall kam ich so in den Genuss, die Sportschau ansehen zu dürfen. Bekam ich die Gelegenheit, gefühlte zehn Stunden lang Männern in kurzen Hosen dabei zuzuschauen, wie sie sich gegenseitig das Leben schwer machten bei dem Versuch, die Massen zum Jubeln zu bringen. Doch es war nicht ganz umsonst. Ich habe dabei nämlich eine für mich durchaus überraschende Erkenntnis gewonnen.

Denn schon ab dem zweiten Spielbericht habe ich mir vorgestellt, dass alle nicht-deutschen Spieler oder solche mit einem Migrationshintergrund einfach mal das Spielfeld verlassen würden. Und es war schon schnell klar, dass dann keines dieser Spiele stattfinden könnte. Als ich dann endlich wieder zu Hause war, noch leicht betäubt und benebelt von dem, was ich gerade hatte erleben dürfen, habe ich diesen Gedanken dann noch ein bisschen und akribisch weiter verfolgt.

Mich also gefragt, wie das wohl aussähe, wenn alle Nicht-Deutschen oder solche mit einem Migrationshintergrund, die im Gesundheitswesen tätig sind, in Krankenhäusern also oder auch in der Altenpflege, von heute auf morgen weggehen, dieses Land verlassen würden. Oder all jene, die in der Gastronomie arbeiten, die Jobs machen, die diejenigen, die sich vielleicht auch noch sehnlichst ein Deutschland nur für Deutsche wünschen, nie im Leben machen würden. Weil sie ihnen zu schmutzig, zu anstrengend, unter ihrer Würde sind.

Der Gedanke ist nicht neu. Absolut beeindruckend und faszinierend wird er aber konsequent zu Ende gedacht und bildhaft umgesetzt. Wenn man sich mal ganz genau vorstellt, wie das dann auf den Spielfeldern in unseren Fußballstadion aussehen würde. In den Krankenhäusern, in Seniorenheimen, in Gaststätten und Restaurants, auf den Straßen. Es ist ein wirklich erschreckendes Bild. Angsteinflößend. Beunruhigend. Deprimierend. Ein solcher Zustand würde mein Leben, unser aller Leben komplett aus den Angeln heben, verändern und verarmen lassen. Alleine schon, wenn man daran denkt, dass es höchstwahrscheinlich nur noch Pizza aus der Tiefkühltruhe geben würde.

Afrika und das Matterhorn

Ich bin verwirrt. Bis jetzt hatte ich nämlich überhaupt kein Problem damit. Die Situation war ja eindeutig. Ich bin hier geboren. Meine Eltern sind auch hier geboren, die Großeltern. Sogar die Ur-Großeltern. Und wer aus dem Irak kommt, aus Syrien, dem Kosovo, Nigeria, Somalia oder der Ukraine, das ist ein Ausländer. Und vielleicht sollte ich an dieser Stelle gleich erwähnen, dass ich weder in Dresden noch in irgendeiner anderen Stadt bei irgendeiner von diesen „-idas“ mit marschiere. Nein, ich unterschreibe sogar Aufrufe von Pro Asyl, und manchmal spende ich sogar Sachen für Asylbewerber. Und gegen Muslime habe ich auch nichts.
Ich bin auch nicht besonders stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Auch wenn ich mich natürlich darüber gefreut habe, dass wir Fußball-Weltmeister geworden sind. Oder wenn wir wieder einmal Export-Weltmeister wurden. Aber ich bin halt ein Deutscher. Also hier in Deutschland beheimatet. Dachte ich jedenfalls. Bis ich diesen Artikel gelesen habe.
Der fing ja ganz harmlos an. Dass sich die Erdteile verschieben, war da zu lesen. Und was das für Veränderungen ergeben kann, und was da noch alles passieren kann. Wirklich hoch interessant. Und dann wurde beschrieben, was schon alles passiert ist. Also vor Millionen Jahren. Und plötzlich stand dann dieser Satz da, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Dass nämlich zum Beispiel das Matterhorn früher zu Afrika gehört hätte, bevor die Kontinente auseinander gedriftet wären.
Dass heute das Matterhorn zu der Schweiz und zu Italien gehört, das weiß ich natürlich. Aber weil ich mir nicht vorstellen kann, dass damals vor Millionen Jahren nur das Matterhorn zu Afrika gehört hat sondern sicher auch noch ein großer Teil der Alpen und wahrscheinlich auch noch ein bisschen was vom Alpenvorland, bin ich total verunsichert. Denn nachdem ich ja aus dem Alpenvorland stamme, frage ich mich, ob ich, wenn man es ganz konsequent betrachtet, in Wirklichkeit nicht auch aus Afrika stamme. Also eigentlich jetzt in Deutschland auch ein Ausländer bin. So wie ein Nigerianer. Oder ein Tschetschene. Ja, inzwischen frage ich mich sogar, ob wir nicht alle irgendwie und überall Ausländer sind. Wenn man es nur konsequent genug betrachtet.
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