Schlagwort-Archive: Bundestagswahlen

Besitzanspruch

All die Jahre und Jahrzehnte habe ich gerätselt, wem nun eigentlich dieses Deutschland gehört. Ich wurde auf eine harte Geduldsprobe gestellt, doch das Warten hat sich gelohnt. Gestern Abend kam die Erleuchtung, via Bildschirm und von einem Mann, der es wissen muss. „“Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen“, sagte der AfD-Spitzenkandidat Gauland vor laufenden Kameras. Und meinte damit natürlich Deutschland. Also gehörte es ganz offensichtlich der AfD, denn schließlich kann man sich ja nur zurück holen, was einem schon einmal gehört hat.

Aber andererseits gibt es die AfD ja noch nicht so lange. Doch wenn es also zwischenzeitlich jemand anderem gehörte, also den Amerikanern oder den Russen zum Beispiel, dann kann man das eigentlich nur so verstehen, dass sich die AfD womöglich in der Rechtsnachfolge der NSDAP sieht und deshalb jetzt Besitzanspruch auf Deutschland und das Volk erhebt. Das wäre wahrscheinlich die einzige logische Erklärung.

Advertisements

Schicksalswahl

Morgen ist es also so weit. Gefühlt die 783. Schicksalswahl der Republik. Die banale Wahrheit sieht etwas anders aus. Zum Beispiel bedeutet der morgige Abend ein ziemliches Desaster. Wegen der Bundestagswahl fällt nämlich der Tatort aus. Und ist das wirklich eine Alternative, wenn Politikerinnen und ihre männlichen Pendants überraschende Aussagen machen zum Wahlausgang respektive wieder einmal erzählen, was sie zu tun gedenken, wenn sie in der Regierungsverantwortung sein werden beziehungsweise in der Opposition? Ich bin nicht ganz überzeugt, dass dies an Spannung einen Tatort übertrifft.

Und dann ganz zu schweigen von einem weiteren Dilemma. Denn sind wir doch einmal ehrlich: Alle, oder zumindest sehr viele sagen, dass man unbedingt zur Wahl gehen soll. Jetzt kenne ich aber einen Haufen Menschen, denen es schon sehr schwer fällt, sich bei Starbucks für einen bestimmten Kaffee zu entscheiden. Wie sollen die in einer so folgenreichen und verantwortungsvollen Frage zu einer Entscheidung kommen? Ist es nicht geradezu unverantwortlich, sie einer solchen Situation, einem solchen Druck auszusetzen? Wäre es für sie nicht sinnvoller, zu Hause zu bleiben und abends lieber einen aufgezeichneten Tatort aus dem Jahr 2008 zu schauen?

 Dann könnten sie in Zukunft wenigstens sagen, dass wieder einmal die anderen schuld waren. Dass sie von nichts wussten. Schließlich kann ja keiner nachweisen, was passiert wäre, wenn sie zur Wahl gegangen wären, wenn sie sich für eine Partei, eine oder einen Abgeordneten entschieden hätten. Die Welt ist nämlich nicht nur schwarz oder weiß. Es gibt nicht nur gut oder böse. Laut oder leise. Oder wie es eine Passantin aufgrund einer Reporterfrage formulierte: Nicht jeder Kanake ist schlecht.

 

TV-Duell

Das ist mir noch nie passiert. Ich habe bis jetzt noch jeden Liebesfilm, sämtliche Tatorte, Talk-Shows oder Dokumentationen über das Balzverhalten von Regenwürmern offenen Auges bis zur letzten Sekunde ausgehalten. Beim TV-Duell des Jahres bin ich nach fünf Minuten sanft entschlummert. Und diese fünf Minuten sind mir schon lang vorgekommen. Meine Lebensbegleiterin kann ich auch nicht fragen, welches ihr Eindruck war von diesem Rededuell zwischen noch Kanzlerin und dem möchte-es-gerne-werden-Kanzler, sie hatte vorsichtshalber einen Mädelsabend organisiert, irgendwo in einem netten kleinen Restaurant. Sie ist eine sehr kluge Frau.

Doch zumindest war die Analyse im Nachgang sehr aufschlussreich. Eigentlich hat die Kanzlerin das Rede-Duell gewonnen, wenn auch je nach Umfrage weit vor oder auch gerade noch so vor Herausforderer Martin Schulz. Wenn man also den ganzen Brimborium, der um diese Veranstaltung gemacht wurde, betrachtet, so hat dieses Jahrhundertereignis die Gewissheit gebracht, dass alles ist wie immer: Niemand weiß etwas Genaues. Weshalb meine Voraussage für den Wahlausgang in etwas mehr als drei Wochen nun ganz eindeutig ist: Wir werden nach der Auszählung der Stimmen wissen, wer gewonnen hat. Und hoffentlich kommt nächsten Sonntag wieder ein Tatort.

Nachbarschaft

Das ist schon ein bisschen der Fluch dieses weltumspannenden Internets. Nicht einmal an einem Strand ist man vor Ablenkung vom Erholungsurlaub sicher. Natürlich gibt es WLAN. Und so kehrte ich heute, noch immer leicht gerötet und deshalb mehr oder minder bekleidet, dem Meer für einen Moment den Rücken und gedanklich in die Heimat zurück. Anlass die neuesten Meldungen von unserem Maut-Minister. Die wirklich hoffen lassen, dass Deutschland auf dem besten Weg zur Weltmacht ist.

Also so ein Hauch von Supermacht und Trumpismus war da nämlich meiner Meinung nach schon zu spüren, nachdem was der Herr Bundesminister jetzt vom Stapel gelassen hat. Zwar hat er es noch nicht getwittert, wie das große Vorbild, aber zumindest war es ganz offensichtlich so eine Art  Wahlveranstaltung, wo er geredet hat. Im Rahmen eines Brauereifestes. Was auf jeden Fall einiges erklären könnte, aber nicht alles.

Da hat der Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt laut einer durchaus glaubwürdigen, weil CSU-nahen Zeitung nämlich empfohlen, aufzuhören mit seinem Nachbarn zu reden, falls der sich überlege, bei der Bundestagswahl im September SPD zu wählen. Und da kann ich nur sagen, das ist doch schon einmal ein Anfang. Vielleicht gibt es ja als nächstes Verhaltensregeln für Migranten von ihm, falls die nicht die CSU wählen. Nachdem man mit denen ja sowieso nicht reden kann, kann das dann wohl nur eine handfeste Reaktion sein?

Mutige Menschen gesucht

Sicher haben es schon ein paar Leute gemerkt. Im September geht es nicht nur darum, die Populisten in Zaum und am besten auch gleich noch Flüchtlinge hinter einem Zaun zu halten. Noch nicht einmal die Frage, ob nun Schwarz-Gelb-Grün oder Rot-Rot-Gelb oder Khaki-Schwarz-Violett die Lösung für die nächsten vier Jahre ist, ist von besonderer Bedeutung. Viel interessanter ist die Frage, ob überhaupt jemand für die Regierungsverantwortung zur Verfügung steht, die oder der den Mut hat, unerquickliche aber unbedingt notwendige Schritte anzugehen.

Denn die Gefahr, das sind nicht der Feinstaub, nicht die Flüchtlinge, nicht die Banken, nicht die AfD – und auch nicht die Ehe für alle. Die größte Gefahr, das ist das Nichtstun. Denn es gäbe viel zu tun. Eigentlich schon seit Jahren. Aber bisher wird nur getönt. Am liebsten darüber, was man schon alles getan hat. Und in einem Punkt stimmt es ja auch. Die Energiewende, hin zu den erneuerbaren Energien, das war schon mal was. Nämlich ein erster Schritt. Der zweite Schritt aber war der in die Stagnation. Was dann kam, das war Kosmetik.

In den vergangenen zehn Jahren ist nämlich vor allem eins passiert: Sämtliche Ziele wurden verfehlt. Und es wurde nicht nur knapp vorbeigeschossen. Weshalb jetzt vielleicht ein günstiger Zeitpunkt wäre, noch einmal darüber nachzudenken, was man will. Darauf hoffen, dass es noch so lange gut geht, bis man unter der Erde ist? Auf ein Wunder warten? Darauf, dass sich unsere Kinder schon irgendwie aus der Bredouille ziehen werden? Es die Natur oder der Papst schon richten werden? Oder vielleicht die CSU?

Um es klipp und klar zu sagen: In meinen Augen ist das keine Schicksalswahl. Aber immerhin haben wir noch eine Wahl. Zumindest, wenn sich jemand findet, der nicht mit Almosen und Schlagwörtern um sich wirft. Sondern klipp und klar sagt, dass es wohl erst einmal ziemlich unangenehm werden wird. Vielleicht sogar das Recht auf einen SUV auf der Kippe steht. Und auch der Wochenend-Kurz-Trip in die USA. Ganz zu schweigen vom Kilo Hackfleisch für 2,99 €. Die anderthalb Liter Cola für 49 Cent. Also jemand, der Dinge tut, die wahrscheinlich erst einmal weh tun. Aber die Chance mit sich bringen, dass wir noch eine Chance haben. Falls es also so jemand gibt, dann möge er sich doch bitte bald melden. Am 24. September ist es zu spät.

Schicksalswahl

Natürlich ist es ein herber Verlust für die SPD, dass sie jetzt nicht nur ihre Hochburg NRW verloren hat, sondern auch noch ihre Power-Frau Hannelore Kraft. Aber wie heißt es so schön und richtig: Aller guten Dinge sind drei. Und daraus sollte man eine Lehre ziehen. Nachdem es nun also weder im Saarland noch in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen damit geklappt hat, mit dem Schulz-Zug die politische Landschaft Deutschlands neu aufzuteilen, kann man sich doch die komplette Bundestagswahl sparen. Und die so eingesparten Steuer-Millionen für den Bau von Schulen und die Einstellung von kompetenten Lehrern verwenden.

Das wiederum könnte nämlich die Grundlage sein, dass es vielleicht noch nicht 2021 aber zumindest bei späteren Wahlen nicht nur politisch besser informierte Wähler, sondern auch Politikerinnen und Politiker mit Ideen und konkreten politischen Vorstellungen gibt. Die sich nicht nur daran ausrichten, was nach ihrer Ansicht Wähler hören wollen. Vorausgesetzt natürlich, dass bis dahin die AfD-Vorsitzende Alice Weidel noch nicht Bundeskanzlerin ist.