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Vorweihnacht

Man muss keine Supermärkte mit ihren Regalen voller Lebkuchen und Stollen aufsuchen, auch nicht durch die vorweihnachtlich geschmückten Straßen laufen. Man kann sogar getrost das Radiogerät und den Fernseher aus lassen, muss noch nicht einmal auf den Screen des Smartphones starren. Es genügt voll und ganz, nur zum Briefkasten zu gehen und die Post zu holen. So weiß jedermann und jede Frau, was für eine Zeit wir haben. Denn es stapeln sich regelrecht die Briefe von karitativen Einrichtungen, die daran erinnern, dass immer und irgendwo auf dieser Welt Menschen gibt, denen es bei weitem nicht so gut geht wie uns.

Also ist Weihnachtszeit. Und ich habe mich gefragt, warum wir Bürger helfen müssen. Und warum das die Staaten nicht stemmen können. Und bin zu dem Schluss gekommen, dass das so ist, weil sonst der Staat kein Geld mehr hätte für all die Ausgaben, die notwendig sind, um genug Elend auf der Welt zu produzieren, damit wir zur Weihnachtszeit für karitative, nicht staatliche Einrichtungen zu spenden. Und uns so wenigstens zur Vorweihnachtszeit wir richtig gute und empathische Menschen fühlen können. Würden alle Staaten hingegen aufhören, Elend zu produzieren, dann wäre sicher genug Geld da, um dafür zu sorgen, dass kein Mensch mehr Not leiden müsste. Also nicht alle Menschen. Denn wir würden Not leiden, weil wir in der Vorweihnachtszeit nichts Gutes tun und spenden könnten.

Rückblick

Wenn es einmal ein leichtes Hungergefühl gab, dann nur, weil ich einmal mehr versucht habe, wenigstens ein paar Gramm von den Kilos los zu werden, die ich zu viel habe. Das größte Missgeschick, das mir in den vergangenen 12 Monaten passiert ist, war eine Reifenpanne. Die aber relativ schnell behoben war. Es hat noch nicht einmal geregnet an jenem Tag. Und was sich als ein wirkliches Unglück hätte erweisen können, das blieb dank ärztlichem Können und Willenskraft dann doch aus. Ansonsten haben Pharmakonzerne und Gesundheitswesen nur das gerade Notwendige an mir und den Meinen verdient.

Zwar war nicht jeder Morgen von dem fröhlichen Tirili eines Vogels und warmen Sonnenstrahlen begleitet. Doch es gab viele Momente und Stunden, in die man sich zufrieden zurück lehnen konnte, die Füße auf einem Hocker und die Einsamkeit im Schrank eingeschlossen. Um sich Menschen, die einem lieb waren in der Summe der Tage, und ein Dach über dem Kopf, das weder Regen noch Terror herein ließ. Letzterer kam über die Mattscheiben und konnte ausgeschaltet werden, wenn es einem zu viel wurde. Wie übrigens auch das ganze übrige Elend auf der Welt.

Das zwar manchmal ein wenig Schlaf rauben konnte. Aber selbst in einer Flüchtlingsunterkunft noch immer weit genug weg war, um sich verwundert zu fragen, woher dieser Hass kommt, der die Häuser so oft in Brand steckte. Und einmal gab es keine Mangos, als wir sie gebraucht hätten. Aber ansonsten würde ich mich schämen müssen, wenn ich sagen würde, dass mein Schicksal es nicht gut mit mir meinte. Denn es wäre eine Lüge. Zufriedenheit ergibt sich nun einmal nicht dadurch, dass man immer mehr will. Die fühlt man wahrscheinlich  nur, wenn man auf das schaut, was wirklich da ist.

Ein offener Brief

Selbst wenn ich nicht mehr vor die Haustür gehen würde, weder Fernsehen schauen noch Radio hören würde, es würde genügen, zum Briefkasten unten im Hausflur zu gehen. Und ich wüsste, dass Weihnachten vor der Tür steht. Denn es wird mir per Post mitgeteilt, dass kranke und behinderte Kinder und Erwachsene für jede Freude dankbar sind. Wäre ich von alleine nie darauf gekommen. Und natürlich wusste ich bis zu diesem Brief auch nicht, dass man mit einer Spende helfen kann, dass sie ein bisschen Freude haben.

Ich habe allerdings auch die Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass eine andere Einrichtung weiterhin mit innovativen, pädagogischen Konzepten die Lebensläufe von Kindern und jungen Müttern in positive Bahnen lenken kann. Die zwar nicht das Geld hat, um mit großen Kampagnen an die Öffentlichkeit zu treten. Aber immerhin hat sie das Geld für einen Hochglanz-Flyer mit Fotos von Kleinkindern und Säuglingen. Und auch das Finanzamt hat die Gemeinnützigkeit und Mildtätigkeit anerkannt.

Ich kann allerdings auch Pate für einen Elefantenzahn werden. Damit ein Elefant in eine bessere Zukunft blicken kann. Ich nehme mal an, dass dies keine zahnlose Zukunft sein soll. Jedenfalls kann ich da zwischen Bronze, Silber und Gold wählen. Was die Entscheidung erleichtert. Schließlich bekomme ich bei einer silbernen oder goldenen Patenschaft einen Plüschelefanten. Und außerdem weiß ich von den Olympischen Spielen, dass eine Silbermedaille zwar auch schön ist, aber trotzdem nur bedeutet, dass ich nicht der Sieger bin. Also bleibt natürlich nur die goldene Patenschaft.

Auch wenn dann kaum noch Geld übrig bleibt, um viele Menschen in Afrika vor der Erblindung zu retten. Was mit einem Antibiotikum erreicht wird, das nur so wenig kostet, dass man mit dem Gegenwert für eine Blautanne mittlerer Größe fast drei Schulklassen behandeln kann. Eine Spende wäre völlig gefahrlos, wie mir die Institution versichert, da meine dafür erforderlichen Angaben nach dem evangelischen Datenschutzgesetz verwendet werden. Steht da wirklich so. Und hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Wie übrigens überhaupt dieser postalische Ertrag eines einzigen Tages.

Denn, liebe gemeinnützige Einrichtungen, was sich vielleicht noch nicht rumgesprochen haben wird, ich weiß sogar den Rest des Jahres, was es an Elend und Not auf der Welt gibt. Und, das ist vielleicht noch eine Überraschung, ich bekomme im Dezember keine einmalige und höchst erkleckliche Erhöhung meiner Bezüge, die mir erlauben würde, alle mir angetragen Patenschaften anzunehmen respektive Spendenaufrufen Folge zu leisten. Außerdem finde ich Kinderfotos zwar durchaus berührend, habe aber ein eher seltsames Gefühl, wenn ich sie im Zusammenhang mit der Aufforderung sehe, zu spenden.

Auf jeden Fall werde ich alle diesbezüglichen Briefe und Broschüren sorgfältig aufbewahren. Denn immer im Dezember wird hier in der Gegend von Jugendlichen Altpapier gesammelt. Und der Erlös daraus geht an ein soziales Projekt.  In Afrika. Oder auf Haiti. Und ich spende dann wieder im Januar und Februar. Wenn ich nicht mehr das Gefühl habe, dass man mich anlässlich des Festes der Liebe und des Konsums unter Druck setzen will. Ein latent schlechtes Gewissen habe ich sowieso ganzjährig. Da halte ich diese Vorweihnachtszeit mit ihren hohen moralischen Ansprüchen an meinen Geldbeutel auch noch aus.

Entrüstungs-Entschleunigung

Wenn es nicht um Menschen ginge, um deren Schicksale, man müsste eigentlich ganz offen sagen, dass es so langsam wirklich nur noch zum Gähnen langweilig ist. Wen kann das noch interessieren, wer bei wem irgendwo im Gedärm zugange ist, um sich Flüchtlinge vom Hals und sie aus dem anlaufenden Wahlkampf heraus zu halten? Ob nun auch in Deutschland offen und in bester nationalsozialistischer Tradition türkische Einrichtungen zur Denunziation aufgerufen werden, damit ein Möchtegern-Macht-Politiker so viele Verleumdungsklagen anstrengen kann, wie Frau von Storch Follower bei Facebook hat? Ich habe übrigens schon eine Selbstanzeige gemacht, damit ich Strafmilderung bekomme. Mein Nachbar, der Busfahrer ist, hat gesagt, bei Verleumdungsklagen wäre das wie bei Steuerhinterziehung. Und der muss es ja wissen.

Auf jeden Fall scheint es auch keinen großen Sinn zu machen, gebetsmühlenartig Hungersnöte und Kinderarbeit anzuprangern, Gewalt gegen Frauen und die Macht der Märkte, das langsame Sterben der Um- und Tierwelt, die Gleichgültigkeit und Dummheit der Mehrheit der Menschheit. Ein Blick zurück genügt, um zu sehen, dass es zwar immer Menschen gab, die gegen schreiendes Unrecht gekämpft haben. Aber man sieht auch, dass manches zwar gelindert wurde, aber der Mensch immer Mensch blieb. Mit all seinen guten und den so oft überwiegenden schlechten Seiten. Was in meinen Augen und in seiner Konsequenz im Mythos von Sisyphos eine schöne Metapher gefunden hat.

Erlaubt sie mir doch eine fast angenehme Müdigkeit, ein Ruhebedürfnis, das zwar nicht unendlich andauern wird, für den Moment aber danach schreit, mich eher an dem Gekrähe eine Enkels zu erfreuen, an den vorsichtig knospenden Rosen, an der Aussicht auf eine wärmende Sonne. Alles Dinge, die man genießen kann, ohne das Elend und die Ungerechtigkeiten zu leugnen. Doch ich glaube mittlerweile, dass man die schönen Dinge des Lebens genießen muss, dass man sie pflegen und suchen muss, um überhaupt in der Lage zu sein, sich dem Elend und den Ungerechtigkeiten zu stellen, sich ihnen zumindest versuchsweise entgegen zu stellen. Etwas drastisch ausgedrückt: Wer immer nur in Exkrementen watet, wird sich irgendwann von diesen nicht mehr besonders unterscheiden. Ich werde mich also heute auf Rosen betten. Morgen und übermorgen vielleicht auch.