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Liebe der Algorithmen

Also da können andere wirklich noch etwas von der AfD lernen. Was ihre Klamotten angeht, sind sie ja nicht immer so richtig stilsicher. Was allerdings ja auch einfach daran liegen könnte, dass diese schicken braunen Uniformen bei uns nicht so gerne gesehen sind. Aber wenn es um Social Media geht, da sind sie ganz weit vorne.
Sie kriegen nämlich bei Facebook für so einen richtig guten Knaller-Post annähernd drei mal mehr Likes als alle anderen inländischen Parteien zusammen. Weil die nämlich noch nicht gemerkt haben, wie so eine Plattform für Freunde funktioniert. Es geht nämlich gar nicht darum, was man postet. Die berühmt berüchtigten Algorithmen müssen nur merken, dass sich Leute dafür interessieren. Und schon schlagen sie den Post noch viel mehr Menschen vor.
Und so weiter. Und so weiter. Und so weiter. Und was interessiert Menschen eigentlich zu jeder Tages-und Nachtzeit? Klar doch: Diffamierungen, Lügen, Übertreibungen. Und am liebsten unter der Gürtellinie. Oder knapp darüber. Argumente? Das ist was für Weicheier. Für Pussys. Und bringt keine Likes. Auch nicht im Zusammenhang mit Wahlen. Da sind die ganz einfachen Unwahrheiten ganz besonders beliebt.

Streikbewegung

Es war ein schwarzer Tag heute. Und durchaus im wahrsten Sinne des Wortes. Denn man sah vor allem Schwarz, wenn man zum Beispiel wissen wollte, wie oft Angelina Jolie schon verheiratet war. Auf Wikipedia bekam man jedoch nur ein paar magere Zeilen  auf schwarzem Grund zu sehen. Und erfuhr nichts über Angelina Jolie, sondern nur, dass Wikipedia streikte. Um damit gegen die Urheberrechtsreform der EU zu protestieren. Zumindest gegen Teile davon, auch wenn Wikipedia davon nicht direkt betroffen ist.

Die Angst geht nämlich um im Internet. Dass nämlich die Urheberrechtsreform zum Beispiel YouTube den Garaus machen wird. Und der freien Meinungsäußerung gleich mit. Weil mit den von der EU geforderten Filtern alles rausgefiltert wird, was bisher so großen Spaß auf YouTube gemacht hat. Nur damit Urheber noch öfter an der Copacabana Urlaub machen können.

 Sinnvoller wäre es allerdings gewesen, wenn Google heute gestreikt hätte. Denn dann wäre wohl kaum so publik geworden, dass bei Facebook sich wieder mal eine Sicherheitslücke als riesiges Loch erwies. Durch das die Kennwörter sichtbar waren von schätzungsweise 200 bis 600 Millionen Usern. Also werde ich jetzt bis Mitternacht warten müssen um herauszufinden, wie oft Angelina Jolie schon verheiratet war. Ob jemand mein Passwort bei Facebook kennt, werde ich ja bei Wikipedia nicht erfahren.

Wahlkampf

Brasilien hat einen neuen Präsidenten. Und die Netzgemeinde ein Problem. Also zumindest der Teil, der sich nicht für Rassisten, Rechtsradikale und Faschisten, frauenfeindliche Hetze, alternative Fakten und notorische Lügner begeistern kann. Denn während uns Mark Zuckerberg noch in Anzeigen erklären muss, wie wir Facebook zu unserem Facebook machen können, haben Rechtspopulisten wie Jair Bolsonaro schon längst begriffen, wie man sich des Internets bedient, um Wahlen zu gewinnen. Oder zumindest seine Unterstützer.

Nämlich mit Fake-News, mit denen man zum Beispiel die sogenannten sozialen Medien flutet. Und so gegen Zeitungen oder den Gegenkandidaten hetzt. Ihn unterstützende Unternehmer haben dafür 2,8 Millionen Euro locker gemacht. Und ihre Wirkung konnten die Falschmeldungen, vor allem über WhatsApp verbreitet, in aller Ruhe entfalten. Weil es wieder mal dauerte, bis die Profile gesperrt wurden, hinter denen vier Agenturen stehen sollen. Und Reichweite hatte die Kampagne auch: WhatsApp hat in Brasilien 120 Millionen User.

Die zum Beispiel eine Frau sehen konnten, die angeblich brutal von den Anhängern der Arbeiterpartei des Herausforderers von Bolsonaro zusammengeschlagen wurde. War aber dann doch eine Schauspielerin. Außerdem schon verstorben. Konnte der Algorithmus ja nicht ahnen. Der orientiert sich daran, wie oft eine Meldung geklickt wird. Und schiebt sie immer schön weiter nach oben, je häufiger sie geklickt wurde. Dass sich Präsidentensohn Eduardo während des Wahlkampfes mit Ex-Trump-Wahlkampfchef Steve Bannon getroffen hat, hat damit natürlich nichts zu tun. Aber ich würde gerne darauf verzichten, dass Facebook mein Facebook ist, wenn sich Zuckerberg darum kümmern würde, dass Facebook oder sein WhatsApp nicht den Hetzern, Rassisten und Faschisten gehört.

Falsches Liegen

Facebook, dieser chillige Freizeitpark für Tierfreunde, Selfie-Shooter und Pöbel-Enthusiasten, machte ja in letzter Zeit ein bisschen den Eindruck, als wolle es sich ein neues Image zulegen. Jedenfalls vermittelten das die ganzseitigen Anzeigen in Printmedien und auf anderen Werbeträgern. Doch jetzt können wir aufatmen: Facebook bleibt der Hort der Meinungsfreiheit. Und zwar auf der ethischen Grundlage jenes Landes, in dem man getrost und seit dem Amtsantritt des 45. Präsidenten mehr denn je wirklich alles sagen kann, was einem auch immer und in welchem Geisteszustand auch immer in den Sinn kommt.

 Denn Chef und Erfinder Mark Zuckerberg hat sich wieder einmal für diese so fast grenzenlose Freiheit ganz persönlich stark gemacht. Und versprochen, dass auch in Zukunft auf Facebook jeder den Holocaust leugnen kann, der will. Und die Begründung ist schlüssig: Es gebe nun einmal Dinge, bei denen verschiedene Menschen falsch liegen würden. Und das gar nicht einmal unbedingt mit Absicht. Schließlich würde ihm das auch selber passieren, dass er mal was Falsches sage.

Und da möchte man ihm ja nun wirklich nicht widersprechen, das scheint sogar zur Abwechslung einmal das absolut Richtige zu sein. Zumindest was seine Aussage zu seiner Person betrifft. Mit der er sich sogar wohltuend vom 45. Präsidenten der USA absetzt, der käme nämlich nie auf eine solche Idee. Und so hat wieder einmal der gesunde Menschenverstand gesiegt, auch wenn es wohl ziemlich krank ist, zu leugnen, dass die Leute falsch liegen, obwohl man weiß, dass sie falsch liegen.

Zucker in kleinen Dosen

Wer noch irgendeinen Zweifel hatte, der ist jetzt widerlegt. Denn selten ging eine Inszenierung so sehr zu Lasten des Ensembles. Weil sich nämlich alles, angefangen mit der Beleuchtung, über die Kulisse bis hin zum Text, auf den Hauptdarsteller konzentrierte. Man kennt ja Filme, in denen der Regisseur und die Hauptrolle in einer Hand liegen. Hier aber haben zwar andere Regie geführt – und trotzdem einem Mann die ganze Bühne überlassen. Was natürlich auch seinen Reiz haben kann, hier jedoch etwas abgestanden rüberkam, hat man diese Vorstellung schon an anderer Stelle, mehr als 6.000 Kilometer entfernt und dank großen Medieninteresse trotzdem überall auf der Welt gesehen.

Zumindest kann nach dieser „Befragung“, die eigentlich eher eine Anhörung war, weil nämlich die Fragenden vor allem andächtig zuhörten, was der Hauptdarsteller zu sagen hatte, die Geburt eines neuen Wortes verkündet werden. Um genau zu sein, eines Verbs: zuckerbergen. Was natürlich kein Begriff aus der Zuckergewinnung ist, sondern vielmehr Synonym für eine süß-klebrige Art, mit immer den selben Floskeln Fragen zu ignorieren. Basierend auf der Überzeugung, dass alle anderen Menschen ihm erstens nichts zu sagen hätten, weil er zweitens über so viel Geld regiert, dass er sich für unantastbar hält. Hat eigentlich schon mal jemand daran gedacht, dass sich Zucker in Flüssigkeit auflöst?

Verstellte Sichtweise

Man muss nicht alles gut heißen, wofür man durchaus Verständnis hat. Ich finde es ein bisschen übertrieben, wie sich manche Menschen in gefühlter Dauerschleife mit sich selber beschäftigen, sich in Zeiten von Social Media anscheinend im Sekundentakt den Freunden oder auch der Welt präsentieren. Kann es aber rational durchaus nachvollziehen, dass es eine gewisse Genugtuung bedeutet, sich selbst in bestem Licht darzustellen. Schließlich schaue ich ja auch in den Spiegel, bevor ich für ein Blind Date das Haus verlasse.

Wo mir allerdings jeder Zugang verwehrt ist und jegliches Verständnis fehlt, das ist, wenn Menschen sich allem Anschein nach nicht satt sehen können am Leid anderer Menschen. Und auch noch alles daran setzen, die grausamen Bilder für sich als Foto oder Film zu bewahren, am besten gleich noch mit allen Facebook-Freunden zu teilen. Bevorzugtes Terrain für diese Abart menschlicher Neugierde: Deutschlands Autobahnen oder Landstraßen. Was jetzt auch von zwei jungen Filmemachern mit einem Video thematisiert wurde.

Die hoffentlich nachdenklich stimmende Pointe in diesem kleinen Film: Das so begeistert von einem jungen Mann und seinen Freunden fotografierte und gefilmte Unfallopfer ist die Mutter des jungen Mannes. Was zwar in der Realität kaum vorkommt, aber in dieser Überspitzung bestens die alles an Empathie außeracht lassende seelische Grausamkeit von sensationsgeilen Gaffern aufzeigt. Die wohl einem diesen Menschen erst bewusst werden kann, wenn der Schmerz sie selber trifft. Ein Verwandter oder geliebter Mensch das Opfer ist.

Man muss zugeben, dass sie Vorreiter haben. Dass es Medien gab und gibt, die mit ihrer sensationslüsternen Berichterstattung über Unfälle, Amokläufe, Terroranschläge und Morde Kasse machen. Aber es gibt auch Medien, die die Menschen auffordern, kein Essen gedankenlos wegzuschmeißen, und es interessiert sie nicht. Das ist also als Ausrede untauglich. Was bleibt, ist die Vermutung, dass das dokumentierte Unglück und Leid eines anderen Menschen vielleicht die Illusion nähren soll, man selber sei davor gefeit. Ein Irrtum.

EU-Erweiterung

Es könnte sein, dass die EU Nachwuchs bekommt. Und zwar mit einem Land, das es noch gar nicht gibt. Aufmerksam bin ich geworden, als ich diese Woche gelesen habe, dass Bayerns Ministerpräsident mit seinem ganzen Tross, sprich Kabinett, nach Brüssel gefahren ist, um dem EU-Kommissar Oettinger zu sagen, dass er mit dem neuen Finanzplan der EU nicht einverstanden ist. Und das wäre schon einmal Punkt 1. Denn schließlich können ja nur Mitgliedstaaten beim Etat der der EU mitreden. Also muss Bayern zumindest kurz vor dem Abschluss der Beitrittsverhandlungen stehen

Und dann habe ich noch Hinweise gefunden, dass Söder ein großes Vorbild hat. Nämlich Donald Trump. Den erfolgreichsten US-Präsidenten aller Zeiten. Wie dieser twittert Söder, richtet Video-Botschaften ans Volk, agiert von seinem Facebook-Konto aus. Mit einer Botschaft: Bayern first! Und er ist bereits in einer Fernsehsendung aufgetreten. Außerdem hält Söder wohl nicht allzu viel von einer Demokratie.

 Zumindest lässt das Ambiente, von dem aus er seine Video-Botschaften verbreitet, darauf schließen, dass er eher an eine Monarchie denkt, die trotzdem modern bleiben will. Worauf das geplante Raumfahrtprogramm hinweist. Wohingegen seine Pläne für die gesetzlichen Möglichkeiten der Polizei wohl davon ausgehen, dass das Volk erstens dumm ist und zweitens deshalb der totalen Überwachung bedarf. Womit er dann vielleicht eher an Kim Jong-un erinnert.