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Problemlösung

Immer wieder erstaunlich, wie einfach manches zu regeln ist. Zugegebenermaßen jetzt auch keine sensationell neue Erkenntnis, schließlich sind die alten Römer schon darauf gekommen. Aber dass es auch in unserer globalen, medialen Welt so gut funktioniert, das hat mich dann doch überrascht. Man braucht nur 24 Fußball-Nationalmannschaften, ein Land, das lieber in Fußball-Stadien investiert als in neue Schulen, und außerdem Fernsehsender, die Millionen dafür zahlen, dass sie die Spiele im Fernsehen zeigen dürfen.

Und schon gibt es die Flüchtlingskrise nicht mehr. Wenn jetzt nicht die Spaßbremsen von der UNICEF wegen der Lage von Flüchtlingskindern in deutschen Willkommens-Camps etwas rumgemosert hätten, wüsste man wahrscheinlich noch nicht einmal mehr, dass wir Flüchtlinge im Lande haben. Noch nicht einmal von den wilden AfD-Schwestern ist diesbezüglich etwas zu hören. Mein Vorschlag: Die permanente Fußball-Europameisterschaft. Vielleicht bekäme man mit der sogar die Finanzkrise in den Griff.

Sex oder Angst

Allem Anschein nach ist man im Innenministerium eines Bundeslandes etwas unzufrieden mit den jüngsten Wahlerfolgen der AfD. Weshalb jetzt der zuständige Minister anlässlich der Veröffentlichung der Verbrechensstatistik für das vergangene Jahr ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass zwar insgesamt weniger Fälle zu verzeichnen waren, dafür aber der Anteil von „Nichtdeutschen“ bei den Tatverdächtigen auf einen neuen Höchststand von 31,5 Prozent gestiegen wäre. Zitat laut eines wöchentlich erscheinenden Magazins: „Es kommen da nicht nur Friedensengel in unser Land. Wir brauchen eine klare Begrenzung der Flüchtlinge, weil uns das sonst auch in krimineller Hinsicht über den Kopf wächst.“

Sieht man einmal davon ab, dass das Deutsch fast kriminell ist und eine klare Begrenzung der Flüchtlinge bedeuten würde, dass selbige hinter Begrenzungen unterzubringen sind, so dürfte diese Aussage auf jeden Fall dafür sorgen, dass bei den in näherer Zukunft anstehenden Wahlen die AfD, die ja fast ausschließlich mit der „Flüchtlingskrise“ auf Stimmenfang geht, noch einige Prozentpunkte zulegt. Denn während es für den üblichen Konsum durchaus belegbar heißt, dass „Sex sells“, sich also mit weiblichen Reizen der Umsatz ankurbeln lässt, so lautet für rechte Parteien das Credo: Angst bringt Stimmen! Das weiß offensichtlich auch dieser Innenminister.

Sieg auf der ganzen Linie

Der Konkurrenzkampf verschärft sich. Nachdem lange Zeit niemand Horst Seehofers „Obergrenze“ etwas entgegen setzen konnte, ist es jetzt ganz unbestritten der AfD-Bundesvorsitzenden Frauke Petry und der AfD-Europaabgeordneten und stellvertretenden  AfD-Vorsitzenden Beatrix von Storch gelungen, die Führung respektive die Plätze 1 und 2 im bundesweiten Wettbewerb „Beste Stammtisch-Parole“ zu übernehmen. Petry mit der ja eigentlich schon lange erwarteten Forderung, notfalls auch mit der Schusswaffe illegale Grenzübertritte zu verhindern. Von Storch mit einem lapidaren „Ja“ auf die Frage eines Facebook-Kommentators, ob man denn auch bei Frauen mit Kindern den Zutritt mit Waffengewalt verhindern wolle.

Da konditionell derzeit offensichtlich nicht in bester Verfassung, hat der CSU-Vorsitzende beschlossen, sich lieber wieder mehr im Wettbewerb „Jagt die Merkel“ zu engagieren und als ersten Schritt, und um hier seine derzeitige Führung weiter auszubauen, einen Besuch bei Russlands Präsidenten Putin anberaumt. Da sich Russland nach der angeblichen Entführung eines Kindes mit russischem Pass in Berlin aktiv in die deutsche Flüchtlingsfrage eingebracht hat, ist allerdings anzunehmen, dass Seehofer mit diesem Besuch versucht, gleichzeitig auch Punkte für die „Beste Stammtisch-Parole“ zu sammeln, um sich Platz 1 zurück zu erobern.

Schöne neue Welt

Als wir zum Beispiel alle Charlie waren, und unbeschadet der Tatsache, dass es einige immer noch sind, weil das Abonnement noch läuft, waren wir da nicht sicher, dass nichts mehr sein würde wie zuvor? Und wer noch nicht davon überzeugt war, hat er diese Einschätzung nicht spätestens übernommen und bei Facebook mit der französischen Flagge ein Zeichen gesetzt, als mehr als hundert Passanten und Konzertbesucher in der Hauptstadt Frankreichs ermordet und sogar ein Länderspiel auf deutschem Boden abgesagt wurde?

Wurden dann nicht sogar die ganz Hartgesottenen durch die Flüchtlingsströme (O-Ton Schäuble) endgültig mitgerissen und eingereiht in die Phalanx derer, die gar nicht mehr darüber diskutierten, sondern jedem, der es hören wollte oder auch nicht,  sagten, dass jetzt alles anders wäre, gedanklich quasi kein Stein mehr auf dem anderen sei, das Abendland neu gedacht werden müsse?

Sie haben sich alle geirrt. Das Korsett unseres Zusammenlebens, die Rückenstützen unserer Gesellschaft, sie sind die gleichen wie zuvor. Sie haben in keiner Weise an Stabilität geschweige denn etwas von ihrer Wirkung und heilenden Kraft eingebüßt. Denn die Probe aufs Exempel hat ergeben, dass der von mir bevorzugte linksdrehende Joghurt bei dem von mir bevorzugten Discounter immer noch am gleichen Platz im Regal steht. Die Bundesliga-freie Zeit von den meisten Frauen und wie zuvor als Belastung empfunden wird. Und noch nicht einmal das Interesse an einer Sendung wie „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ in irgendeiner Weise nachgelassen hat.

Oder um es etwas anders auszudrücken, ganz offensichtlich waren die Ereignisse noch nicht nachhaltig beeindruckend genug, um Bewegung in die Köpfe zu bringen, alte Krusten aufzubrechen, Verhaltensweisen zu ändern. Wir sitzen – im übertragenen Sinne natürlich nur – weiterhin mit unseren gut gepolsterten Ärschen auf den Sofas und schauen uns die Welt und sogar die eigene von außen an. Vergessen dabei immer noch völlig, dass wir mittendrin sind und eines Tages vor dem LED-TV aufwachen werden mit dem Gefühl, dass wir etwas ganz Wichtiges versäumt haben.

Weshalb es auch keine neue Aufrichtigkeit in der Literatur geben kann. Das ist, um auch der Herkunft dieses neuen Trends Rechnung zu tragen, einfach nur Bullshit. Denn zum einen ist sowieso schon alles einmal gesagt worden. Und außerdem würde Aufrichtigkeit bedeuten, dass die Ratlosigkeit thematisiert, zugegeben wird, die uns alle insgeheim schon längst überfallen hat. Vielleicht ist es ein erster kleiner Beginn, wenn ich sage, dass ich heute nicht in einer Jogginghose schreibe. Ich bin nackt. So fühle ich mich jedenfalls. Und sehr ratlos. Auch ausgelöst von einem neuen High-Light aus dem Repertoire des möglichen US-Präsidentschafts-Kandidaten Donald Trump. Der bei einer seiner Wahlveranstaltungen in Iowa laut The Guardian gesagt hat: „Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemand erschießen, und ich würde keine einzige Wählerstimme verlieren.“ Schöne neue Welt, du bist ganz die alte geblieben.

Freie Wahl

Der Endspurt hat begonnen. Noch sechs Tage, dann steht vielleicht nicht nur Weihnachten vor der Tür sondern auch noch ein großer Teil der Verwandtschaft. Ich habe deshalb größtes Verständnis dafür, dass an jedem Tag, an dem Geschäfte geöffnet haben, die Zeit knapp ist. Und so ist es heute jedem überlassen, ob er sich die Zeit nehmen will für einen Beitrag, den ich für ein Online-Magazin geschrieben habe. Oder ob er sich lieber aufmacht in die Schlacht, die die ganze Frau und den ganzen Mann erfordert und auch als Weihnachtseinkauf bezeichnet wird. Wer aber für fünf Minuten Ablenkung ganz froh ist, der muss einfach nur auf diesen Link gehen: Freie Wahl

Schweigende Lämmer

Es wurde mit Sicherheit an dieser Stelle schon einmal thematisiert. Und wahrscheinlich hat irgendein Wissenschaftler aus den Disziplinen Soziologie, Psychologie oder vielleicht sogar der Mathematik sich schon mit diesem Phänomen beschäftigt. Aber offensichtlich ist es niemandem gelungen, zu einer so plausiblen Erklärung zu kommen, dass die Sache damit ein für alle Mal für mich erledigt gewesen wäre. Im Gegenteil. Ich staune immer mehr darüber.

Nehmen wir einmal das jüngste Beispiel, den „Krieg“ gegen den sogenannten Islamischen Staat. Nämlich den Einsatz der Bundeswehr an der Seite dieser mehr als unheiligen Allianz. Wenn ich das annähernd richtig mitbekommen habe, hat die Vorsitzende der Bundestagsfraktion Die Linke, Sahra Wagenknecht, den Einsatz mit einer flammenden Rede vor dem Bundestag kritisiert. Und das war es dann schon auch. Selbst die Friedensbewegung hat gar nicht erst die Plakate ausgerollt. Sie hat wohl beschlossen, wirklich nur noch zu Ostern auf die Straße zu gehen.

Oder was ist mit Paris, mit dem Weltklimagipfel? Das Interesse an diesem Thema war auch in diesem Blog schon nach drei Tagen so im Keller, dass es zu den Akten gelegt werden musste. Und das, obwohl jetzt sogar schon Bayerns Umweltministerin davon ausgeht, dass da etwas im Argen sein könnte, mit diesem Klimawandel. Und so leicht lassen sich die Bayern sonst wirklich nicht beeindrucken. Außerdem neigen sie nur zur Panikmache, wenn sie damit jemanden vorführen können. Siehe Flüchtlingskrise. Trotzdem gehen die Menschen wie gewohnt nur auf die Straße, um zu shoppen bis der Kreditrahmen gesprengt ist.

Womit wir auch schon bei einem weiteren Thema wären. Den hunderttausenden Flüchtlingen nämlich. Die verschwunden zu sein scheinen, seit sie nicht mehr zu tausenden an den Grenzen stehen und als moderne Karawanen an Zäunen und auf Bahnhöfen für eindrucksvolle Bilder sorgen. Oder sollte mir die Berichterstattung aus den deutschlandweiten Unterkünften ebenso gänzlich entgangen sein wie die öffentliche Diskussion über das weitere Schicksal dieser Menschen?

Natürlich kommt jetzt der ja durchaus berechtigte Einwand, dass wir schließlich nicht die ganze Welt retten könnten und nebenbei ja auch noch arbeiten müssten und uns nicht in Dauerschleife um die großen Fragen unserer Zeit kümmern könnten. Dem ich nur entgegen halten möchte, dass ich eigentlich nur an Themen gedacht habe, die uns direkt betreffen. Die nicht geringe Auswirkungen auf uns haben werden. Aber nicht einmal die sind in der Lage, größere Teile der Bevölkerung aus der Lounge, dem Erlebnisbad oder von der Kasse weg zu holen.

Weshalb ich inzwischen glaube, dass es offensichtlich so eine Art schwarzes Loch für Bedrohungen gibt. In dem diese wie eine Sternschnuppe verschwinden. Um spätestens dann aber wieder im Bewusstsein der Menschen aufzutauchen, wenn es zu spät ist, etwas zu unternehmen. Es wird Zeit, dass ein Wissenschaftler dafür einen Namen findet. Damit auch einfache Menschen wie ich wenigstens wissen, unter welchem Stichwort das nächste wichtige Thema abgelegt werden kann.

Schelte im Shelter

Warum nur werden Menschen – und dazu auch noch Würdenträger – dafür kritisiert, dass sie den Mut haben zu sagen, was gesagt werden muss. Wenn zum Beispiel ein CSU-Landrat Probleme anspricht, die unter den Nägeln brennen und einen Namen haben: Flüchtlingskrise. Alleine wenn man bedenkt, wie oft dieser Begriff in den Nachrichten fällt, dann sollte es doch keine Frage mehr sein, dass es sich hier wirklich um eine Krise handelt. Und erst recht, wenn in einem sogenannten Warteraum für Flüchtlinge das „reine Chaos“ herrscht, wie dieser Landrat entsetzt feststellen musste.

Doch den eigentlichen Skandal hat dieser unerschrockene Politiker erst aufgedeckt, als sich Bundesinnenminister de Maizière bei einem Besuch in Lobhudelei für die freiwilligen Helfer erging, anstatt sich mit den wirklichen Problemen zu beschäftigen. Vor laufenden Fernsehkameras sagte er dem Bundesminister nämlich ins Gesicht, dass der Bau der als Warteraum genutzten Baulichkeiten nicht mit der bayerischen Bauordnung vereinbar ist. Was nichts anderes heißt, als dass die Flüchtlinge in Schwarzbauten untergebracht werden. Die hilflose Reaktion des Bundesministers: „Was sollen denn dann jetzt die Konsequenzen sein? Sollen wir das alles hier jetzt wieder abreißen, oder was?“

Sprach’s und ergriff die Flucht, wie eine Zeitung meldete. Ließ den Landrat also zurück mit der Last, dass die betroffene Kommune seines Landkreises für Krankenhaustransporte und anschließende Behandlungen aufkommen muss, dass sie plötzlich für bis zu 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge pro Woche zuständig ist. Wie der Landrat sagte. Was nichts anderes bedeutet, als dass in einem Jahr mehr als 2000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut werden müssen. Weshalb dann nicht nur im Warteraum sondern auch beim Jugendamt das „reine Chaos“ herrschen wird. Das Wort Chaos stammt übrigens aus dem Griechischen, wie ich überrascht festgestellt habe, und stand ursprünglich für „der unendlich leere Raum“.