Schlagwort-Archive: Flüchtlingslager

Herzenslust

Die Gans ist noch nicht einmal in der Röhre, aber irgendwie scheinen nicht wenige Menschen schon satt zu sein. Und natürlich denke ich dabei nicht an ein Flüchtlingslager im Libanon, ich denke da eher an unsere heimische Region. Auch wenn es auch hier sicher Menschen gibt, bei denen der Ofen kalt bleibt. Einmal, weil sie nichts haben, wofür sie selbigen unbedingt bräuchten. Dann wohl sicher auch, weil es welche gibt, die gar keinen Herd haben, weil sie vielleicht nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Ich denke aber eher an jene, bei denen es eher der Überdruss ist, der zur Verweigerungshaltung führt.

Die vielleicht sogar lieber an ferne Gestade fahren um dieser heimatlichen Traditionen zu entkommen, also der weihnachtlichen Gans zum Beispiel. Oder hierbleiben und am liebsten Weihnachten ausfallen lassen würden. Weil sie vielleicht schon längst nicht mehr wissen, was da eigentlich gefeiert wird. Für die Weihnachten einfach nur aus Geschenken und Essen besteht, garniert mit einer Tanne, in deren Zweigen Strom sparende LED-Lämpchen glitzern, die nach Lust und Laune ihre Farbe wechseln können.

Menschen also, für die inzwischen Weihnachten jene Zeit des Jahres ist, in der man nach Herzenslust und ohne schlechtes Gewissen shoppen kann. Ist ja schließlich, um anderen eine Freude zu machen. Auch wenn man das den Gesichtern nicht unbedingt immer ansieht. Womit Weihnachten einen Status erreicht hätte, der als symptomatisch anmutet für die Sinnhaftigkeit manches Daseins. Dass wir nämlich zu großen Teilen und wohlwollend unterstützt von einer sich als Ratgeber gerierenden Industrie nur noch dazu da sind, um zu konsumieren, was angeblich unser Leben lebenswert macht.

Und dabei irgendwie aus den Augen verlieren, dass es in einem Leben doch etwas mehr geben kann, als sich kaufend Bestätigungen für das Dasein zu holen. Die These ist möglicherweise etwas gewagt, aber ich könnte mir zumindest vorstellen, dass auch in einem menschlichen Umgang mit Menschen, in Beziehungen zu ihnen und mit ihnen durchaus ein Dasein eine zufrieden stellende Bestätigung erfahren könnte. Kann allerdings nicht garantieren, ob deshalb dann an Weihnachten wieder eine Gans schmecken würde.

 

Momente des Glücks

Ich gebe es zu, ich habe geweint. Und das, obwohl ich ja überhaupt nicht so der emotionale Typ bin. Bei mir gibt es sonntags den Tatort, Rosamunde Pilcher kommt einfach nicht in Frage. Aber bei diesen Bildern war es um mich geschehen. Es war, als würde auf einmal dichter Nebel von gleißendem Sonnenlicht durchbrochen werden. Es war einer jener beglückenden Momente, wenn der junge Tag die schwarze Nacht vertreibt. Ein Kinderlachen ein großes Loch in die Wand reißt, die düstere Gedanken um einen Menschen gebaut haben. Kurzum, ich sah den Fernsehbericht von Merkels Reise in die Türkei, von ihrem Besuch in einem Flüchtlingslager, praktischerweise doch ein gutes Stück von der syrischen Grenze entfernt.

Wo, um das Glück perfekt zu machen, nicht nur den Flüchtlingen ganz offensichtlich türkischer Honig um den Mund geschmiert worden war. Was auch rein physikalisch deren anhaltendes Lächeln ebenso erklären könnte wie das der Politiker vor Ort. Dabei war es eigentlich nur sekundär, dass Merkel und ihr Begleiter, EU-Ratspräsident Tusk, voll des Lobes waren bezüglich der Anstrengungen der Türkei in der Flüchtlingsfrage. Und umgekehrt der türkische Regierungschef und offensichtlich mit Erlaubnis des Präsidenten Erdogan in Aussicht stellte, auch die EU zu loben, wenn diese endlich die Visa-Freiheit für Türken für den Schengenraum eingeführt haben würde.

Jedenfalls waren diese Bilder herzergreifend. Diese ganzen adrett gekleideten Kinder, die mit einem glückseligen Lächeln im Kindergarten Bilder malten. Ganz wunderbar und nagelneu die Zelte in diesem Flüchtlingslager mit vermutlich hochmodernen sanitären Anlagen, in dem man keinen Moment daran zweifelte, dass es auch kostenloses W-LAN, verschiedene Restaurants, Schulen und ein Einkauf-Center mit Friseur und einem Maniküre-Salon gibt. Um es auf den Punkt zu bringen: Da können selbst wir Deutschen uns eine riesengroße Scheibe abschneiden. Einfach vorbildlich. Und der lebendige Beweis, dass die Türkei ihren Teil der Abmachungen mit der EU voll und ganz erfüllt hat. Dass das Wohlergehen von hunderttausenden Syrern mit Leichtigkeit die paar läppischen Journalisten im Gefängnis und den Tod von terroristischen Kurden, also auch Frauen und Kindern, aufwiegt.

Und wenn er auch nur einen Rest von Empathie in seinem verdorbenen Satiriker-Herz hat, wird Böhmermann angesichts dieser Bilder ohne jedes Murren eine Haftstrafe wegen Majestätsbeleidigung antreten. Amnesty International wird endlich aufhören, die Lüge zu verbreiten, dass von der Türkei Syrer nach Syrien abgeschoben würden. Und auch wir werden mit einem Lächeln zusehen, wenn hunderttausende Syrer einen türkischen Pass bekommen und in Züge nach Europa gesetzt werden. Schließlich war der Türkei Visafreiheit für ihre Bürger versprochen worden, damit es den Syrern endlich wieder gut geht. Geschäft ist Geschäft.

Über gute Manieren und Zoowärter

Ich liebe ja diese Weisheiten, dass immer alles zwei Seiten habe oder von der Kehrseite der Medaille. Auch wenn ich sehr große Probleme habe, bei einem Ball zum Beispiel die zweite Seite zu finden. Auf jeden Fall versuche ich ausgehend von diesen Sinnsprüchen aus vermutlich prähistorischen Zeiten einer Sache stets neue Aspekte abzugewinnen. Wie auch im vorliegenden Fall. Da kursiert nämlich ein Video im Internet von einer Flüchtlings-Helferin aus Österreich, das sie in einem ungarischen Lager nahe der Grenze zu Serbien respektive einer entsprechend genutzten Halle aufgenommen hat.

Das Erste, was hier auffällt, ist die Tatsache, dass man jetzt offensichtlich auch in geschlossenen Räumen zur Käfighaltung bei Flüchtlingen übergegangen ist. Weshalb hier natürlich die EU gefordert ist, auf schnellsten Wege entsprechende Richtlinien bezüglich Durchmesser der Drahtquadrate und Dicke des Drahtes und der Mindestflächen pro Flüchtling raus zu geben. Aber das nur nebenbei. Entscheidend bei dieser Aufnahme ist nämlich, dass sie während der Essensausgabe gemacht wurde.

Weshalb das dafür zuständige Personal, zumeist mit einem Mundschutz und Schutzhandschuhen ausgerüstet, die Packungen – vermutlich Toastbrot, es ist nicht genau zu erkennen – über die mehr als mannshohen Gitter in die dahinter sich drängende Menge wirft. Was natürlich sofort an Fütterungen von Affen oder Raubtieren in einem Zoo erinnert. Auch wenn ich mich zu erinnern glaube, dass dort die Tiere ihr Fressen oft eher gereicht als hingeschmissen bekommen. Aber auch das ist eher zweitrangig.

Die eigentliche Botschaft dieser Bilder ist für mich eine andere. Ich sehe hier einmal mehr den Beweis, wie flexibel sich Menschen einer Situation anpassen können. Denn ich bin überzeugt, dass zumindest der eine oder andere dieser „Zoowärter“ noch am Abend zuvor ganz manierlich und mit Messer und Gabel in einem Restaurant gegessen hat. Vielleicht sprach man bei Tisch über einen neuen Film von Lars von Trier, ein Buch über die Entwicklung von humanitären Maßnahmen in der dritten Welt oder über die aktuelle Papst-Enzyklika „Laudato si“.

Weshalb ich dann auch voll und ganz hinter Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber stehe, der gefordert hat, dass Flüchtlinge die „deutsche Leitkultur“ anerkennen müssten, da man bei aller „Hilfsbegeisterung“ nicht die Menschen vergessen solle, denen Flüchtlinge Angst machen. Ich hätte jetzt allerdings nur sehr gerne von Herrn Stoiber gewusst, welche Leitkultur zuständig ist, wenn jemandem hilfsbegeisterte Flüchtlingshelfer wie jene in Ungarn Angst machen.

Die Intelligenz des Schwarms

Jetzt hat sie ihren Hashtag, die Angela. Sie wird gedisst, beleidigt, verhöhnt, im besten Falle kritisiert. Und was hat sie getan? Bundeskanzlerin Angela Merkel hat unfreiwillig das getan, was Politiker ansonsten akribisch verbergen, kaschieren. Sie hat gezeigt, dass sie hilflos ist. Auch wenn es sicher schon bekannt ist, kurz die Situation: Merkel will von Schülern wissen, was für sie „Gut leben in Deutschland“ bedeutet. Hätte sie nicht tun sollen, zugegeben.
Denn ein Mädchen, Palästinenserin und mit Zwischenstation in einem libanesischen Flüchtlingslager ins gelobte Deutschland gekommen, möchte nicht einmal besonders gut leben in Deutschland. Ihr würde es reichen, wenn sie überhaupt hier bleiben und zum Beispiel studieren könnte.

Und als sich ihre Hoffnungslosigkeit in Tränen manifestiert, weiß die Bundeskanzlerin erst einmal nicht mehr weiter. Angela Merkel hat ein Handicap. Sie hat menschliche Regungen. Wendet sich dem Mädchen zu, streichelt es ausgesprochen unbeholfen, bevor sie wieder Bundeskanzlerin wird. Und ich sage es ganz offen, ich verstehe diese Schmähungen nicht, die jetzt zum Beispiel bei Twitter unter dem Hashtag #merkelstreichelt über sie hereinbrechen. Was hätte sie tun sollen? Sagen, dass das alles kein Problem ist, dass das Mädchen natürlich da bleiben kann, und ihr Familie selbstverständlich auch?

Wie unterbemittelt muss man denn sein, zu glauben, dass das möglich ist? Wie unbedarft muss man sein, jetzt zum Beispiel zu sagen, die Reaktion Merkels sei „das falsche Signal an die Fachkräfte von morgen“ gewesen. Wissen diese Menschen nicht, wo sie leben. Dass Politik und Menschlichkeit nun wirklich keine besonders engen Freunde sind. Ich finde, die Reaktion von Angela Merkel in dieser Situation war das Beste, was sie seit langem gezeigt hat. Mich hat beeindruckt, wie sie den Moderator nach seinem dämlichen Einwurf, es sei schließlich eine belastende Situation, zusammengestaucht hat, für diesen Moment den letzten Rest Kontenance verlor.

Hätte dieser berühmt berüchtigte Schwarm die viel beschworene Intelligenz, dann hätte sich allenfalls der Moderator einen Hashtag verdient. Denn obwohl ich aus dem Fanclub von Angela Merkel schon zu Kohls Zeiten und nach meinen Bemerkungen über ihre gerüschten Blusen rausgeflogen bin, kann ich in dieser Angelegenheit nicht anders, als sie zu loben. Sie hat gezeigt, dass Hilflosigkeit für sie kein Fremdwort ist. Dass sie unbeherrscht sein kann. Menschliche Regungen hat. Herz, was begehrst du mehr. Ich schaue mir das Video immer wieder an.