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Sonntag mit Schneegestöber

Früher war das Leben vielleicht deswegen etwas unbeschwerter, weil man weniger davon wusste. Ich spreche jetzt von einer Zeit, in der es noch kein Internet, also keine Informationen im Sekundentakt gab. Sondern Nachbarn, die eventuell von einem anderen Nachbarn etwas gehört hatten. Weshalb man über eine Magenverstimmung in dem Haus um die Ecke informiert war, aber nichts darüber wusste, was in der nächstgelegenen größeren Stadt passierte. Und wenn, dann mit einer zeitlichen Verzögerung von mindestens ein paar Tagen, wenn nicht Wochen.

Es hat 24 Minuten gedauert, bis ich die ersten Fotos von dem Flugzeugabsturz in der Nähe von Moskau auf dem Smartphone hatte. Wohl gemerkt, von dem Moment des Absturzes an gerechnet. Wenn einem da nicht der Faschingskrapfen im Halse stecken bleibt. Und natürlich sterben deswegen nicht weniger Menschen, wenn ich nichts über ihren Tod weiß. Aber vielleicht entschließt sich mein Magengeschwür, sich diskret zurück zu ziehen.

Vielleicht brauche ich nicht mehr Aufregung, als der Blick aus dem Fenster beschert, in dessen Viereck sich gerade dicke Schneeflocken erdwärts bewegen. Vielleicht hat man als Mensch einfach nicht genug an Empathie zur Verfügung, um vom Elend auf allen fünf Kontinenten zu wissen, ohne daran Schaden zu nehmen. Vielleicht könnten wir uns besser um unsere Nächsten kümmern, wenn wir nicht so bekümmert wären von Not und Tod auf dem ganzen Erdball.

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PETs Wochenschau

Als Herr Alexis Tsipras wieder aus Berlin abreiste, sah es auf einmal nach Entspannung aus im deutsch-griechischen Verhältnis. Auch wenn die Mundwinkel von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht unbedingt den Eindruck vermittelten, dass ihre Besitzerin bei dieser Gelegenheit dem jugendlichen Charme des griechischen Ministerpräsidenten erlegen wäre, so schien zumindest wieder ein Dialog möglich. Der aber, so zumindest der Eindruck für Außenstehende, gleich wieder und jäh von einem Flugzeugabsturz unterbrochen wurde.

Die einzig wirklich gute Nachricht der Woche deshalb: Bei der Abstimmung über die Pkw-Maut im Bundestag am Freitag konnte Frau Merkel wieder lachen. Für einen Moment zumindest. Wahrscheinlich war ihr eingefallen, dass dieses Jahrhundert-Projekt zum Erhalt der deutschen Verkehrs-Kultur von Bayern-Ministerpräsident Seehofer und seinem Verkehrs-Statthalter Dobrindt sowieso wieder von Brüssel gestoppt werden würde.

Abgesehen von dieser einen Ausnahme war die Nation in Schock-Starre, der auch alle mehr oder weniger satirische TV-Sendungen wie „heute-show“ oder „extra 3“ zum Opfer fielen. Und aus der sie erst wieder gegen Ende der Woche von einer deutschen Tageszeitung geholt wurde, die aus mir unverständlichen Gründen seit geraumer Zeit auf das wohl vertraute, tägliche Frauen-Brust-Bild verzichtet. Die bange und von unzähligen Moderatoren und Reportern und anderen Menschen sehr oft wiederholte Frage nach dem „Warum“ dieses Flugzeugabsturzes wurde nämlich von dieser Tageszeitung dahingehend beantwortet, dass sie, die Tageszeitung, alle Unterlagen hätte, um sie zu beantworten. Klingt kryptisch, ist aber symptomatisch für diese Tageszeitung.

Weshalb sich der Rest der Republik weiterhin in Spekulationen übte, bis hin zu der Theorie, dass der Co-Pilot, der angeblich diesen Absturz herbeigeführt hat, vom griechischen Ministerpräsidenten höchstpersönlich rekrutiert worden sein soll, um so der griechischen Regierung mehr Zeit für ihre „Schularbeiten“ zu verschaffen. Worüber dann wiederum die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ausgesprochen erfreut war, da auf diese Art und Weise kaum spekuliert wurde,  ob das Debakel gegen die australische Mannschaft der Anfang vom Ende des amtierenden Fußball-Weltmeisters von 2014 sein könnte.

Und noch jemand profitierte von diesem tragischen Flugzeug-Absturz: Die Medien. Was in dieser Woche alles aus dem Programm genommen wurde, um der aktuellen Berichterstattung vom Flugzeug-Absturz Platz zu machen, damit kann in diesem Jahr gut und gerne das Sommerloch gestopft werden. Vorausgesetzt, es kommt nicht noch etwas anderes dazwischen.

Die wesentlichere Erkenntnis aus dieser Tragödie ist jedoch, dass offensichtlich ein Allgemeinplatz seine Gültigkeit verloren hat. Wer bisher noch glaubte, dass „Sex sells“, der wurde jetzt eines anderen belehrt: Zumindest die Medien verkaufen sich dem Anschein nach mit Entsetzen am besten. Mit Sex verkauft sich anscheinend nur noch Sex. Und auch nur dann, wenn er korrekter Weise Pornografie genannt wird. Weshalb sich mir aktuell die Frage aufdrängt, ob eigentlich auch die Berichterstattung über einen Flugzeug-Absturz pornografisch sein kann.

Montabaur wird weltbekannt

Ich hatte es mir so sehr erhofft. Aber zugegeben, ich war nicht sehr zuversichtlich. Jetzt ist es also passiert. Wieder muss ich mich einreihen in den Chor der Medien. Muss noch einmal ein Thema aufgreifen, das natürlich noch nicht „abgehakt“ sein kann. Aber so viel Respekt und Anteilnahme verdient hätte, dass die Menschen, die jetzt trauern müssen, in Ruhe gelassen werden. Mitnichten.

Es ist noch schlimmer geworden. Seit der Verdacht in die Welt gesetzt wurde, dass ein Mensch wissentlich und willentlich 149 andere Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in den Tod gestürzt hat. Und was mich in den Wahnsinn treibt dabei, das ist die Tatsache, dass fast alle jene, die jetzt vor die Mikrofone der Fernsehsender und Rundfunkanstalten gezerrt werden oder freiwillig treten, völlig „fassungslos“ sind, angesichts dieser „unbegreiflichen“ Tat.

Aber hundertprozentig überzeugt sind, dass es genau so geschehen ist. Geradezu mit felsenfester Überzeugung davon ausgehen, dass dieser Mann schuld ist am Tod von 149 Menschen. Und wenn das nicht völlig absurd wäre, könnte man fast glauben, dass sie dabei waren. In diesen letzten acht Minuten. Gesehen haben, wie der Pilot versucht hat, die Tür des Cockpits aufzubrechen, gehört haben, dass keine Reaktion aus diesem Cockpit kam.

Und zwar ebenso der Mann von der Straße, der, wenn er aus Montabaur stammt, natürlich auch weiß, dass jener Co-Pilot ein unauffälliger und stiller Mensch war; wie unser Staatsoberhaupt, das höchstwahrscheinlich noch nie in Montabaur war, aber ebenso überzeugt zu sein scheint, dass dieser Co-Pilot am Tod der anderen Passagiere schuld ist. Und während bei einem sogenannten Steuersünder in den Medien oder von Politikern stets bis zur letzten Sekunde der Urteilsverkündung von dem „mutmaßlichen“ Steuersünder die Rede ist, spricht hier schon jede vom Schuldigen, als wären Untersuchung und das gerichtliche Verfahren schon längst abgeschlossen.

Ich kann das nicht. Ich weiß nur, dass bis jetzt alles nur eine Vermutung ist. Plausibel vielleicht. Aber eine Vermutung. Was offensichtlich niemand daran hindert, so zu tun, als wären es Fakten. Man spricht schon vom Todespiloten. Aber es ist immer noch eine Vermutung. Die vor allem das Ansehen der beteiligten Firmen nicht so sehr ramponiert wie ein technischer Defekt oder Wartungsmängel. Ein psychisch kranker Mensch ist einfach wertneutraler und noch unbegreiflicher.

Ist eigentlich schon jemand aufgefallen, dass die Griechen allem Anschein nach ihren Haushalt saniert haben. Putin seine Truppen aus der Ost-Ukraine abgezogen hat? Man könnte es glauben, wenn man Nachrichten hört oder sieht. Was mich vermuten lässt, dass spätestens nächste Woche wohl wieder eine ganz andere Sau durchs Dorf getrieben wird. Vielleicht hält man sich ja wenigstens dann mal zur Abwechslung an Fakten.

Am Ort des Unglücks

Wieder einmal steht ein Land unter Schock. Ich nenne es Betroffenheit. Wenn so etwas Fürchterliches passiert, dann ist man betroffen, wenn man nicht direkt betroffen ist. Wenn Menschen durch einen Tsunami getötet wurden. Bei einem Terroranschlag. Durch einen Flugzeugabsturz. Aber keine Angehörigen durch die Flutwelle starben. Der Anschlag Schiiten galt. Niemand, den wir kannten, in dem zerschellten Flugzeug saß. Dann sind wir betroffen.

Weshalb mich Politiker geradezu aggressiv machen, die „an den Ort des Unglücks“ eilen, Staatsbesuche unterbrechen. Auf allen TV- und Rundfunkkanälen im Sekundentakt beteuern, wie „geschockt“ sie sind, und dass sie alles tun werden, was in ihrer Macht steht. Glaubt denn wirklich ein Mensch, dass Frau Merkel „an dem Ort des Unglücks“ erscheinen wird? Vielleicht zwischen steilen Felsen nach Opfern sucht?

Wahrscheinlich fliegt sie im Helikopter über die Absturzstelle, sagt dann vor laufenden Kameras, wie geschockt sie ist, und steigt dann wieder in ein Flugzeug, um zurück nach Berlin zu fliegen. Hauptsache, da gewesen. Und weil das nicht so viel Bildmaterial hergibt, sehen wir erneut Menschen in einem Flughafen, die in die Kamera sagen, dass sie geschockt sind und nicht wissen, ob sie jetzt noch in den Urlaub fliegen sollen.

Was mich dann aber in einen Zustand versetzt, wie er auch durch eine Magen-Darm-Grippe verursacht wird, das sind die Medien. In stundenlangen Sondersendungen zeigt das Fernsehen in Endlosschleife Filmmaterial von 38 Sekunden Dauer. Die immer wieder gleichen geschockten Politiker. Moderiert von Menschen, die auch immer wieder das Selbe sagen. Wohingegen im Rundfunk zusätzlich Passanten von der Straße erschüttert sein dürfen, Prominente zitiert oder ihre Tweets vorgelesen werden.

Von Experten-Gesprächen bekomme ich Brechreiz. Experten wissen natürlich auch nichts Konkretes. Ergehen sich dafür aber umso länger in Vermutungen. Und manchem ist sogar unverhohlene Genugtuung anzusehen, dass er endlich mal wieder gefragt wurde. Und wenn ich dann von der Toilette zurück komme, könnte ich mir erneut mitteilen lassen, dass ein Land geschockt ist, würde wohl gerade ein anderer Experte befragt werden. Wenn ich das TV-Gerät nicht schon längst zertrümmert und das Radio im Klo versenkt hätte.

Es ist ein Zirkus, der da veranstaltet wird. Ein Medien-Zirkus, der ein Unglück ausschlachtet. So die Opfer des Unglücks missbraucht. Das Leid der Hinterbliebenen. Mitgefühl sieht anders aus. Vielleicht stimmt ja etwas nicht mit mir. Aber wenn ich betroffen bin, dann fällt mir nicht viel ein, was ich sagen könnte. Und sagen sollte. Dann sehe ich mich gerade noch in der Lage zu schreiben, dass es mich ankotzt, was da veranstaltet wird. Ein Schock sieht anders aus.