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Kennenlerngespräche

Es gibt, bevorzugt in Radio und Fernsehen, ein Genre, dass sich großer Beliebtheit erfreut, obwohl es eigentlich nichts anderes ist, als ein Gespräch zwischen zwei Menschen. Und insofern über das klassische Interview hinausgeht, als eben nicht konkreten Fragen nachgegangen wird, sondern sich, im günstigsten Fall, im Gespräche ein Bild eines Menschen, des Eingeladenen nämlich, und seines Lebens ergibt.

Da ist mir eines ganz besonders aufgefallen. Dass es fast ausschließlich alle vorgestellten Menschen entweder bereits zu einer gewissen Bekanntheit gebracht haben. Und infolgedessen ihr Leben als etwas besonderes betrachtet wird. Oder dass sie durch einen schweren Schicksalsschlag, zumeist eigene Krankheit oder Tod eines anderen Menschen, und dessen Bewältigung gerade die Chance bekommen haben, bekannt zu werden. Dem entnehme ich, dass das Leben eines halbwegs gesunden Menschen, den gerade mal seine Familie, Anverwandten, Freunde, Arbeitskollegen und vielleicht noch Kassiererinnen oder Kassierer an der Kasse des bevorzugten Supermarktes kennen, nicht besonders interessant ist.

Obwohl dieser Mensch, nehmen wie einmal an, dass es ein Mann ist, sich nie im Leben wie gewisser Filmregisseur aufgeführt hat. Im Gegensatz zu Berühmtheiten aus verschiedenen Berufsgruppen auch immer brav seine Steuern bezahlt hat. Das einzige, was ihn befähigen könnte, für solch eine Sendung interessant zu sein, das wäre vielleicht, wenn er Opfer eines Amokläufers werden würde. Schade nur, dass Tote nicht reden können.  

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Sehnsuchtsland

Was ist das für ein Land. Hier braucht man keine Angst haben, dass überraschend Populisten eine Wahl gewinnen. Hier gibt es stabile Mehrheiten, die keine, sich über Monate hinziehende Koalitionsgespräche notwendig machen. Und das Soziale scheint hier geradezu zu Hause zu sein. Gibt es doch einige Berichte, dass verschiedene Wähler netterweise gleich die natürlich schon ausgefüllten Wahlzettel von Nachbarn und Freunden mitgenommen und in die Wahlurnen geschmissen haben.

In diesem Land gibt es auch kein andauerndes Gerede, dass die Bevölkerung gespalten wäre. Und wenn es trotzdem mal zu vereinzelten ungerechtfertigten diesbezüglichen Behauptungen kommt, vielleicht sogar der amtierende und natürlich gleichzeitig zukünftige Präsident völlig ungerechtfertigt kritisiert wird, dann sorgt ganz schnell die klare und sehr frische Luft Sibiriens dafür, dass dem oder den Betroffenen der Kopf wieder klar wird.

Und nur vor Neid erblassen kann man, wenn man sich ansieht, welch hohes Niveau die IT-Experten in diesem Land haben. Die schaffen wirklich jede Firewall. Nur wenn es darum geht, Staatsfeinde im Ausland nicht nur mundtot zu machen, stellen sie sich etwas dilettantisch an. Also da könnte dieses Land wirklich noch etwas vom Mossad lernen. Aber dass das noch besser wird, dafür zu sorgen, hat der neue alte Präsident jetzt ja sechs Jahre Zeit. Wenn man das nur auch von einer anderen Großmacht sagen könnte.

Hundeleben

Wer hat nicht schon einmal in die traurigen Hundeaugen geblickt, wenn die Champagnerkorken knallen, Weinflaschen entkorkt werden, Menschen also fröhlich miteinander und zur Freude der Finanzämter, Ärzte und Krankenhäuser feiern. So ein Schlückchen in Ehren kann eben niemand verwehren, und irgendwo muss ja die ausgelassene Stimmung herkommen. Doch der zweitbeste Freund von Männern hat da immer das Nachsehen, blieb für den Hund bisher doch gerade mal eine Schüssel mit Wasser, um ebenfalls in Feierlaune zu kommen.

Doch dieses Elend hat ein Ende. Dank eines Metzgers aus der Pfalz. Er hat nämlich die Fleischportion als Drink to go erfunden. Also Fleisch, das flüssig daher kommt, in Flaschen abgefüllt und bis dato in drei Geschmacksrichtungen vorgesehen ist. Was von einer Hundebesitzerin dankbar aufgegriffen wurde. Ihre Hunde bekommen jetzt zu besonderen Anlässen flüssiges Fleisch. Oder, wie sie es einem Reporter gegenüber nannte: Hundechampagner. Und um die Gleichbehandlung von Mensch und Tier abzurunden, werden von ihr dem Zamperl auch mal Kugeln mit schwarzem Trüffel serviert. So ein Tier soll ja auch nicht leben wie ein Hund.

 

Abstellgleis

Angenehme Außentemperaturen. Ein fast wolkenloser Sternenhimmel. Bier und Rotwein. Natürlich auch Mineralwasser und Fruchtsäfte. Ein paar Häppchen. Es war einer dieser Sommerabende mit Freunden, wie sie sogar das sommerliche Stadtleben erträglich gestalten, weil die Diskussionen aus verständlichen Gründen nicht zu hitzig werden, alles mit einer eher trägen Freundlichkeit über die Bühne geht. Und dann fiel, vielleicht auch bedingt durch die Altersstruktur der Anwesenden, das Wort „Abstellgleis“. Was augenblicklich zu einem langen Moment der besinnlichen Stille führte. Zu einer etwas beunruhigenden Ruhe. Waren doch nicht wenige der Gäste bereits kurz vor respektive im vollzogenen Ruhestand. Um nicht das noch weniger geliebte Wort Rentner zu verwenden.

Natürlich wandte man sich irgendwann wieder erfreulicheren Themen zu, es kam auch wieder Gelächter auf. Wobei nicht eindeutig feststellbar war, ob dieses dem Wein oder der Stimmung zu verdanken war. Was am nächsten Morgen unweigerlich zu dem Gedankenspiel führte, ob den ein „Abstellgleis“ wirklich so etwas Bedrohliches ist, eines der Damoklesschwerter, die über den eher greisen Häuptern schweben, neben Bluthochdruck und Krebsgefahr.

Vielleicht war es der morgendlichen Stimmung geschuldet, dass ich zu dem Schluss kam, dass ein Abstellgleis eigentlich eher etwas Beruhigendes ist. Schließlich ist man dort ja nicht von der Welt abgeschnitten. Die Lokomotive, die einen dort hin bugsiert hat, kann einen ja auch wieder dort wegholen. Und andererseits hat man erfreulicherweise keinen fortwährenden Durchgangsverkehr, muss nicht dauern auf vorbeibrausende Züge achten, kann sich in Ruhe und Beschaulichkeit der Umwelt widmen, vielleicht sogar den anderen Waggons auf benachbarten Abstellgleisen. Ich finde, jeder schon etwas betagtere Mensch sollte das Recht auf ein Abstellgleis haben. Wenn man sich dort richtig einrichtet, kann das ein wunderbarer Ort sein.

Voyeurismus trifft Sadismus

Über diesen Jungen wurde schon im vergangenen Jahr berichtet. Sein Großvater ist sehr reich. Im Heimatland des Jungen, der inzwischen 17 Jahre alt sein müsste, nennt man ihn einen Oligarchen. Auch über seine Mutter wurde berichtet, dass sie vermögend sei. Ob das wirklich das auslösende Moment ist, müsste ein Psychiater klären. Denn die Summen, die der Junge für sein seltsames Hobby ausgibt, sind überschaubar. Er nennt es ein Projekt, wenn er jungen Leuten oder auch Obdachlosen 100 Euro oder auch mal mehr oder weniger gibt, damit sie seinen Urin trinken, sich junge Frauen vor ihm und in der Öffentlichkeit ausziehen, von ihm im Beisein ihrer Freunde küssen lassen oder sich Menschen klebrige Flüssigkeiten über den Kopf gießen.

Warum er solche Szenen dann auch noch bei YouTube einstellt und dort sogar eine eigene Seite hat, ließe sich vielleicht ebenso von einem Psychiater zu klären wie das Phänomen, dass diese Videos im Schnitt zwischen 5 bis 6 Millionen Mal angeklickt und von YouTube nicht gelöscht werden. Wobei es auch nicht sonderlich erhellend ist, dass seine „Opfer“ freiwillig mitmachen und sich für ihre Handlungen ja auch bezahlen lassen. Mit Not alleine lässt sich das nicht erklären. Ebenso wenig wie sich das große Interesse an den Videos dieses Jungens mit einer vermutlich sadistischen Neigung nur mit dem Hang zu einem alltäglichen Voyeurismus erklären lässt. Ein Psychologe hat einmal in einem Zeitungsartikel resümiert: Wir sind allesamt gestört! Es fällt manchmal sehr schwer, ihm zu widersprechen.   

Ein absurder Gedanke

Vielleicht ist es ja ein eher absurder Gedanke. Aber es ist ja auch eine etwas absurde Geschichte, von der heute Morgen im Rundfunk berichtet wurde. Und dieses Mal waren es nicht die Schweizer, nein, in den USA wurde das erfunden. Man weiß nicht von wem und auch nicht wann, man kennt nur das Resultat: den International Lazy Day, den Internationalen Tag der Faulheit. Also der Aufruf, jedes Jahr am 10. August einfach mal alle viere von sich zu strecken, den Wecker ebenso zu ignorieren wie irgendwelche Ermahnungen oder Anordnungen, dies oder jenes zu tun.

Ich habe jedenfalls sofort diesen Aufruf ignoriert und mich vielmehr gleich an die Arbeit gemacht. Was wohl an meinem Naturell liegt. Das ich offensichtlich mit vielen Bürgern hierzulande teile, weshalb wir ja auch Export-und Fußball-Weltmeister sind. Hatte dann auch bald Erfolg und im Bücherregal zumindest schon einmal Paul Lafargues kleines Manifest „Das Recht auf Faulheit“ gefunden. Und ich gebe es offen zu, er hat mich auf diese absurde Idee gebracht.

Stellen wir uns doch einfach einmal vor, dass nicht die Faulheit sondern der Fleiß quasi ein Schimpfwort wäre. Dass Wachstum kein Dogma mehr wäre sondern öffentlich geächtet. Und das neue Credo aus dem alten Rom käme. Und zwar von Marcus Tullius Cicero, der in seiner Schrift „Über den Redner“ von der „Muße mit Würde“ sprach. Der damals zwar eher an den Staat dachte und die Muße vor allem darin sah, dass sich der Staat weder politischen noch kriegerischen Auseinandersetzungen aussetzt. Aber warum sollte man diesen Gedanken nicht auch auf uns Bürger ausdehnen. Schließlich sind wir nicht nur das Volk sondern auch diejenigen, die alle Zechen dieses Staates zahlen.

Eine Muße in Würde könnte ja so aussehen, dass wir so viel arbeiten, dass es vielleicht nicht mehr für SUVs reicht und zwei Mal im Jahr für eine Fernreise – aber für den Lebensunterhalt. Wir dafür aber den halben Tag Zeit haben, uns den schönen Dingen des Lebens zu widmen, der Familie, den Freunden, unseren Hobbys. Und so vielleicht zu zufriedeneren Menschen werden. Weshalb es kaum noch Mord und Totschlag gibt. Frauen und Kinder in Frieden und unbehelligt leben können.

Außerdem gibt noch weniger Verkehrstote. Weil Frust nicht mehr durch Aggressivität kompensiert werden muss. Wir sind so ausgeglichen, dass wir sogar kaum noch um uns selber kreisen müssen sondern uns gerne um andere kümmern, das sogar als befriedigend empfinden. Und weil es die Muße ja ganz umsonst gibt, müssen wir auch keine so große Angst mehr haben, dass uns etwas weggenommen wird. Wir können friedlich mit anderen Menschen zusammen leben, woher sie auch immer gekommen sind.

Ich weiß, das ist jetzt noch nicht sehr akribisch durchdacht, und natürlich müsste man auch die Ergebnisse diverser wissenschaftlicher Studien abwarten. Aber zumindest der gedankliche Ansatz wäre doch durchaus einmal eine Diskussionsgrundlage. Also sowie ich Zeit habe, werde ich mich intensiver damit beschäftigen. Aber jetzt muss ich erst mal zur Arbeit. Und außerdem hat meine Frau mich gerade daran erinnert, dass ich auch den Müll mit runter nehmen muss und nicht vergessen darf, in die Apotheke zu gehen. Vielleicht komme ich ja Morgen dazu, mich intensiver mit der Muße zu beschäftigen.