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Kaugummi und Schmetterlinge

Es gibt Dinge im Leben, die an einem hängen bleiben. Nicht wie klebriger Kaugummi sondern eher wie ein Schmetterling, der vergessen hat, wieder weg zu fliegen. Ich habe seit Jahrzehnten kein Gedicht mehr geschrieben. Doch kürzlich war ein Bekannter in Wien. Er hat mir in den höchsten Tönen von dieser Stadt vorgeschwärmt. Mich hat aber am meisten begeistert, dass mir ein Gedicht wieder einfiel, das ich vor gefühlt hundert Jahren geschrieben habe. Heute ist es mir in die Hände gefallen, weil ich etwas anderes suchte.

 

Eine Straße in Wien

 

Sie fiel vom Dach

Auf das Pflaster

Der Essiggasse

Der Sprung

Scheint logisch

Da sie

Auf das Leben

Sauer war

 

© peter b. heim

 

Väter und andere Merkwürdigkeiten

Genau genommen gibt es Väter eigentlich schon ziemlich lange. Umso erstaunlicher, dass man erst im 20. Jahrhundert auf die Idee kam, ihren unermüdlichen Einsatz als Väter etwas zu würdigen. Einmal abgesehen von den USA, wo der Auslöser dafür wirklich ein Vater war, der sich für seine sechs Kinder nach dem Tod der Mutter aufgeopfert hatte, basiert zum Beispiel hierzulande der Vatertag allerdings eher  auf dem Brauch, heranwachsende junge Männer in die Sitten der Männerwelt einzuführen, sie also mit Alkohol und käuflicher Liebe vertraut zu machen. Woraus die Gepflogenheit resultierte, in geselliger Männerrunde Ausflüge in die Natur oder auch in entsprechende Etablissements zu veranstalten.

Davon ist man mittlerweile etwas abgerückt. Erstens weil Heranwachsende eigentlich schon als Halbwüchsige dank Koma-Saufen und Internet-Porno-Seiten mit den Sitten der Männerwelt vertraut sind. Und zweitens, weil Ausflüge in die Natur zu sehr den unzähligen Wochenendausflügen mit der Familie ähneln. Deswegen geht der neue Vatertags-Trend eher in Richtung Event. So wie ja auch viele andere Trends in Richtung Event gehen. Einschließlich des samstäglichen Erlebnis-Einkaufs im Outlet-Center. Möchte Papi also einmal Ferrari fahren? Kein Problem. Es gibt natürlich ein Vatertags-Special-Preis-Angebot. Oder doch lieber mit einer Planierraupe durch eine Mondlandschaft pflügen? Auch da kann dem Kind im Manne geholfen werden.

Doch das sind die Vergnügungen für Männer, deren bester Freund die Ehegattin ist. Alle anderen wollen sich natürlich im Rudel beweisen, ein Mann unter Männern sein. Weshalb der Bollerwagen mit dem Fass Bier etwas ausgedient hat und durch den Pulk mit Rennrädern ersetzt wurde. Weshalb man am Vatertag oft nicht weiß, ob das jetzt eine Ausflugsgesellschaft ist oder nicht doch zum ersten Mal die Giro d’Italia auf deutschem Boden stattfindet. Hoch im Kurs sind allerdings auch kollektives Bungee Jumping oder Wildwasser-Rafting. Oder gemeinschaftliche Ausflüge mit dem Ziel „Saunabereich“ in einem Erlebnisbad.

Etwas verhalten ist hingegen die Entwicklung, was, einst ausgelöst durch Gender-Debatte und berufsbedingte Depressionen, den Vatertag im Familienkreis betrifft. Wo dann eigentlich nichts anderes passiert als sonst an einem Nicht-Arbeitstag: Mutti kocht, und die Kinder fragen, wann denn der Papi endlich wieder arbeiten geht. Genervt von der Anweisung, für den vermutlichen Erzeuger Gedichte aufzusagen oder irgendwelche Geschenke zu basteln. Weshalb kluge Frauen dem Allerliebsten eben lieber ein neues Fahrradtrikot kaufen und ihn mit seinen Kumpels zum Spielen schicken. So haben sie den ganzen Tag Zeit, sich auf ihre abendliche Aufgabe vorzubereiten. Als Krankenschwester. Verbunden mit der Hoffnung, dass sein Zustand höchstens den Gedanken an die Tradition des Vatertags zulässt, er zu Sex aber dann nicht mehr in der Lage ist.

Schöne Grüße von Knecht Ruprecht

– Knecht Ruprecht –
nach Theodor Storm
Von draußen, vom Industriepark komm ich her;
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Überall in den Augenschlitzen
sah ich blanken Hass nur blitzen,
und zwischen den Regalen des Outlet-Store
lugte ängstlich das Christkind hervor.

Und wie ich mich stell an der Kasse an,
da rief’s mich mit heller Stimme an:
„He, du“, rief es, „du alter Gesell´,
heb deine Beine und spute dich schnell!
Bis Weihnachten ist nicht mehr lang,
und du suchst hier nach Geschenken bang,
wo doch alt und jung nur alles raffen sollen,
was eigentlich niemand wird haben wollen,
und morgen fliegst du schon nach Antalya,
und feierst Weihnacht dort wie jedes Jahr!“

Ich sprach: „Oh lieber Herre Christ,
mein Einkauf fast zu Ende ist;
ich muss nur noch schnell zum Media-Markt,
wo auch mein vollgepacktes Auto parkt.“

„Hast denn das Smartphone auch bei dir?“
Ich sprach: „Das iPhone, das ist natürlich hier;
denn mit Apple von Steve Jobs Konzern
chatten alle Kinder gern.“

„Hast denn die Reizwäsche auch bei dir?“
Ich sprach: „Die Dessous, die sind hier;
da waren wieder tolle Sachen feil,
da wird meine Frau wieder richtig geil!“

Christkindlein sprach: „So ist es ein schöner Advent;
so geh mit Gott, mein braver Konsument!“
Von draußen, vom Industriepark komm ich her;
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, ihr lieben Kinderlein!
wird der Handel recht zufrieden sein?