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Schweigen

Tage gibt es, da wäre so viel zu sagen. Ein Blick über die Straße. In eine Zeitung. Auf einen TV-Bildschirm. Und dann macht man vielleicht noch eine Email auf. Und hat schon wieder etwas, worüber man sprechen müsste. Aber es kommt kein Wort über die Lippen. Weil man das Gefühl hat, das jedes Wort nur wieder das Fass zum Überlaufen bringen könnte. Und dann eine Flut losbricht, die Dämme einreißen kann.

Und alles überdeckt, was einem eigentlich wichtig ist. Was einem eigentlich sehr viel mehr wert ist als dieses Gerede, das einem den letzten Nerv raubt. Weil man es wieder und wieder hört.  Seit Jahren. Seit Jahrzehnten. Seit Jahrhunderten. Es will einem einfach nicht in den Kopf, dass die Menschen nicht damit aufhören. Und weil man alles sein möchte, nur nicht so wie sie, deshalb schweigt man. Vielleicht aber auch, weil man weiß, dass man genauso ist wie sie.   

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Verhaltene Freude

Eigentlich müsste man ja jubeln. Endlich einmal war die Empörung groß und laut genug, dass der ansonsten unerschrocken uneinsichtige US-Präsident eingelenkt hat. Könnte man zumindest glauben. Hat er doch nun dafür gesorgt, dass die Kinder von unerwünschten Grenzgängern nicht mehr von den Eltern, von Mutter und Vater, getrennt werden.

Warum aber beschleicht mich dieses Gefühl der Beklemmung. Weil die Kinder jetzt nämlich mit Mutter und Vater ins Gefängnis wandern? Vielleicht weil ich befürchte, dass der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, jenes Staates, der ein unerbittlicher Kämpfer für Menschenrechte und Wächter aller Moral war, dass dieser Präsident nicht versehentlich ein Gefühl wie Empathie entdeckt hat?  Sondern vielmehr gemerkt hat, dass diese Art der von ihm sonst so geliebten Aufmerksamkeit schlecht für seine Deals ist?

Und es außerdem nicht funktioniert hat, mit dem angsterfüllten Schluchzen der Kinder den Kongress dazu zu bewegen, ihm endlich die Finanzierung der amerikanischen Mauer nach chinesischem Vorbild zu genehmigen. Möglich ist es natürlich auch, dass er durch die Bilder, die in diesem Zusammenhang um die Welt gingen, seinen Plan gefährdet sah, der fünfte US-amerikanische Präsident zu werden, der den Friedensnobelpreis bekommen hat.

Uneingeschränkte Freude kann also nur darüber aufkommen, dass das Nobelpreis-Komitee im Falle der angeblichen Nominierung Donald Trumps für den Friedensnobelpreis die Polizei eingeschaltet hat.

Sinnloses Glück

Damit hier auch einmal etwas Intelligentes steht, also ein Gedanke beispielsweise, der nicht nur Hand und Fuß hat, sondern auch noch zum Denken anregt, habe ich mich entschlossen, heute einmal jemand anderes zu Wort kommen zu lassen. Nämlich die Zeit-Redakteurin Iris Radisch. Die im Falle eines Falles von einem Gefühl von Sinnlosigkeit Albert Camus liest. Was ich nachvollziehen kann, mir hilft das auch. Doch was sie Kluges in diesem Zusammenhang schrieb, das wäre mir nie im Leben eingefallen.

Hier ihre Begründung für den Griff zum Buch: „Denn das ganze Glücks- und Lebenssinngequatsche geht mir im Grunde ziemlich auf die Nerven. Ständig soll man glücklich sein. Als wenn es nicht reichen würde, dass man lebendig ist. Solange man lebt, also richtig lebt, spielt die Sinnlosigkeit keine Rolle.“ Es ist sinnlos, darüber nachzugrübeln, warum mir das nicht eingefallen ist. Obwohl ich es doch ganz genauso sehe.     

Erfolgs-Story

Angeblich hat die SPD zwanzigtausend Flüchtlinge rausgeschlagen. Was ja durchaus beachtlich ist, wenn man davon ausgeht, dass die UNO-Flüchtlingshilfe von etwa 65 Millionen Flüchtlingen weltweit ausgeht. Jedenfalls ist jetzt angeblich von 180 000 bis 220 000 Flüchtlingen jährlich die Rede, über die nachzudenken eine künftige GroKo gewillt wäre.

Und als Zuckerl obendrauf für die SPD-Basis soll der Solidaritätszuschlag reduziert werden. Schließlich wird es keine Steuererhöhung für Spitzenverdiener geben wird. Und außerdem ist nach dem Abschneiden der AfD in den einstmals neuen Bundesländern Solidarität in diesem Zusammenhang nicht mehr unbedingt das Wort der Stunde.

Einen Kompromiss hat man auch für die Bürgerversicherung gefunden. Mit der es vielleicht möglich geworden wäre, die Zwei-Klassen-Gesellschaft im sogenannten Gesundheitswesen zu beenden. Aber nachdem für den Eintritt dieses Super-Gaus prophylaktisch schon viele Ärzte die Beantragung von Hartz IV in Aussicht gestellt haben sollen, hat man jetzt dem Hörensagen nach lieber vereinbart, dass sich in Zukunft wieder Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Beiträge teilen.

Und damit das Soziale komplett in den Mittelpunkt gerückt wird, und so vielleicht sogar die Jusos begeistert werden können, hat man offensichtlich das Thema Umwelt erst mal weitestgehend ausgeklammert und stattdessen eine Erhöhung des Kindergeldes um 25 Euro avisiert. Weshalb einen dann doch ein bisschen das Gefühl beschleichen möchte, dass vielleicht das eine oder andere von den SPD-Forderungen auf der Strecke geblieben sein könnte. Und das eventuell dem Verhandlungsgeschick der Sozialdemokraten anzulasten wäre.

Denn wenn die SPD der CSU signalisiert hätte, dass sie lieber einen Seehofer als Bundeskanzler hätte und Dobrindt unbedingt Finanzminister werden müsste, dann hätte sie im Gegenzug auch die Erhöhung des Spitzensteuersatzes für hohe Einkommen zugestanden bekommen. Die CDU hätte wohl trotzdem zu ihrer Verantwortung gestanden, für Volk und Vaterland, und letztendlich zugestimmt. Eine günstigere Gelegenheit, Angela Merkel los zu werden, wäre ja wohl nicht mehr so schnell gekommen.

Bonn(e) nuit

Heute ist also der große Tag. Ein Meilenstein bekommt seinen Platz, das Spektakel beginnt. Und es wird wohl erneut eine Klimakonferenz sein, die Geschichte schreibt. Es werden Absichten vereinbart werden, die zwar nicht unbedingt besagen, dass irgendetwas davon umgesetzt wird. Aber man wird das gute Gefühl haben, dass jetzt etwas passieren könnte. Es also noch nicht zu spät ist, die Menschheit noch gerettet werden kann.

Und es gibt sogar Leute, die zumindest den Eindruck vermitteln, dass sie daran interessiert wären. Auch wenn Chinas Mann No. 1, Herr Xi Jinping, vor allem daran denkt, dass dies ein neuer, lukrativer Markt sein könnte, wenn er davon spricht, dass China alles tun werde, um die in Paris anvisierten Klimaziele einzuhalten. Doch leider haben wir keinen Herrn Xi.

Denn Frau Merkel würde Deutschland zwar weiterhin gerne als Vorreiter verkaufen, die Einsicht, dass das vielleicht Konsequenzen haben müsste, hat sich noch nicht durchgesetzt. Außerdem gibt es jetzt ein kleines Problem.

Es gibt Herrn Lindner und die F.D.P. Denn vor die Frage gestellt, ob man bereit sei fürs Klima Arbeitsplätze „zu opfern“, also den „industriellen Selbstmord“ zu riskieren, möchten Herr Lindner und die F.D.P lieber die Menschheit opfern. Dass in Deutschland wieder liberale Politik gemacht wird, ist eben wichtiger.

 

Sommer

Man hat auch in diesem Jahr wieder den Eindruck, dass der Großteil der Menschen jedes Jahr aufs Neue überrascht ist. Natürlich haben viele so eine dumpfe Ahnung, die nebulöse Erinnerung ans vergangene Jahr. Aber dass es im Sommer richtig warm werden kann, mitunter sogar heiß, das überrascht sie dann offensichtlich doch. Nur so lässt sich erklären, dass jetzt wieder so viele Gespräche um die Temperaturen kreisen und nicht immer so positiv besetzt sind, wie das zum Beispiel Gespräche und ihr Tenor im Winter vermuten lassen würden.

Waren sie doch damals von den Unbilden der Kälte geprägt und von dieser Sehnsucht nach Wärme und Sonne. Und jetzt haben wir Sonne, und es ist warm, und schon dürfte es auch durchaus gerne ein bisschen kälter sein. Womit wir schon bei einem der ganz großen philosophischen Themen wäre, einem, das bis weit in die menschliche Psyche hineinwirkt. Etwas landläufig ausgedrückt geht es also um die Frage, warum der Ist-Zustand für Menschen so oft eher unerträglich ist.

Beispiel Liebe. Da wird Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um das Objekt der Liebe und nicht selten und je nach Geschlecht auch der Begierde an sich zu ketten. Ist es dann jedoch gelungen, so setzen schon erste Absetzungstendenzen ein. Und wenn es nur die Flucht in den Haushalt oder auf den Fußballplatz ist. Oder nehmen wir die angeblich schönsten Tage des Jahres. Egal ob es jetzt Weihnachten ist oder der Urlaub, zumeist stimmt dann doch wieder etwas nicht. Sei es, dass der Braten zu trocken oder der Urlaub zu feucht ist. Der größte Nachteil: Es stört den Gesamteindruck. Das Grundgefühl.

Warum sich also nicht einmal für etwas entscheiden. Und dann auch die Konsequenzen akzeptieren, die nicht so ganz in die ursprüngliche Vorstellung passen. Denn, es wurde sicher schon auf diesen Seiten einmal erwähnt, die Sternstunden, wenn alles hundertprozentig stimmig ist und unseren Vorstellungen entspricht, sie sind so selten wie Schnee im Sommer. Und vor allem sind diese Sternstunden fast immer nur Sekunden, maximal Minuten lang. Ansonsten gibt es kein vollkommenes Glück. Auch nicht im Sommer.

 

Die Medaille hat eine Kehrseite

Hin und wieder sollte man auch mal wieder der Wahrheit Genüge tun. Was hiermit für meinen Teil geschehen soll. Einer Wahrheit insofern, dass es nicht nur ein Bild gibt. Nicht nur eine Farbe. Nicht nur ein Gefühl. Dass in diesem Land zum Beispiel großartige Menschen leben, die nicht nur mitfühlen können sondern auch dieses Mitgefühl in Taten umsetzen. Dass das Manko oft nur ist, dass all die dumpfen Parolen-Schreier und Hass-Tiraden-Brüller viel lauter zu sein scheinen.

Und es gibt trotz allen Elends, trotz aller Grausamkeit und Menschenverachtung, dieses stille, leise Glück. Das das Leben lebenswert machen kann. Wenn es denn nicht übersehen wird, verschwindet unter dem Berg unerfüllter Wünsche. Die in unserer Hemisphäre zumeist am leichtesten von irgendwelchen Elektromärkten, Bekleidungshäusern, Autohändlern oder Touristik-Unternehmen befriedigt werden können.

Aber ich denke eher an jene Augenblicke, die, in einem schwachen Moment jemandem anvertraut, eventuell nur ein mitleidiges Lächeln entlocken. An die kleinen, aber nicht selbstverständlichen Dinge und Vorkommnisse. Und nein, ich habe keinen Esoterik-Ratgeber aus der Bibliothek ausgeliehen. Ich finde nur, dass die meisten Menschen unserer Hemisphäre viele gute Gründe hätten, hin und wieder glücklich zu sein. Weil sie ein Dach über dem Kopf haben. Essen auf dem Tisch steht. Es vielleicht sogar Menschen gibt, mit denen sie gerne zusammen sind, fröhlich sein können – oder auch ernst.

Und nein, es soll hier auch nicht die Dankbarkeits-Keule geschwungen werden. Ich fände es völlig ausreichend, wenn manche Menschen hin und wieder einmal daran denken würden, dass es ihnen vielleicht gar nicht so schlecht geht, wie sie oft glauben. Auch wenn das Auto größer, der Urlaub länger, das Restaurant teurer und der Lebenspartner vielleicht ein bisschen jünger sein könnte.

Ich kann aus dem Fenster sehen, erhasche mit dem Blick ein wenig Grün. Ich rieche das Essen, das auf dem Herd kocht. Ich bin nicht alleine. Ich habe ein Zuhause. Und ich muss nicht alles vergessen, was da draußen passiert, um es zu genießen. Und auch kein schlechtes Gefühl haben, wenn ich es genieße. Denn es ist etwas, das ich teilen kann.