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Goethe irrt

Johann Wolfgang soll ja behauptet haben, dass das Reisen bildet. Darauf kam er wohl nur, weil er nicht Gelegenheit hatte, in einem Flughafen An- und Abreisende zu beobachten, ihren Gesprächen zu lauschen. Ich hatte jetzt wieder einmal und aufgrund einer erklecklichen Verspätung die Möglichkeit dazu, weshalb ich nun auch überzeugt bin, dass Oscar Wilde ebenfalls gewaltig irrte, als er sagte, „Reisen veredelt den Geist und räumt mit allen anderen Vorurteilen auf“.

Denn nachdem sich der Großteil der Gespräche darum drehte, warum es jetzt wieder einmal so lange mit dem Gepäck gedauert hat, ob es in erreichbarer Nähe einen Imbiss gibt, und wo denn bitte der Abholdienst des Hotels bleibt, hatte ich eher den Eindruck, dass das Edle wohl auf dem Gepäckband verloren gegangen ist. Wohingegen Vorurteile bestens in den Koffern verstaut waren.

Nicht ganz richtig lag allerdings auch Erich Kästner, für den die etwas einfacheren Menschen in fremden Ländern angeblich die Museen besuchen. Wohingegen die Klugen in „die Tavernen“ gehen würden. Wer den Reiseberichten von Mallorca-Heimkehrern lauscht, kann das auf gar keinen Fall bestätigen. Eher ist man geneigt, Kurt Tucholsky zuzustimmen, der der Ansicht war, dass man als deutscher Tourist im Ausland vor der Frage stünde, „ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon andere deutsche Touristen dagewesen sind“.

Aber immerhin hat der französische Existenzialist Alber Camus Weitblick bewiesen. „Früher zeichnete man auf Reisen, um sich erinnern zu können, wo man war. Heute filmt man auf Reisen, um zu erfahren, wo man gewesen ist.“ Eine Behauptung, die inzwischen von einem Großteil der mehr als 50 Millionen Deutschen und mehr als einer Milliarde Menschen weltweit, die alljährlich eine Reise machen, tagtäglich aufs Neue bestätigt wird. Weshalb man etwas provokant geneigt ist, dem großen Meister der Literatur und des Reisens, Goethe, in einem anderen Punkt Recht zu geben. Er hat nämlich auch gesagt: „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“ Man darf sich fragen, auf welchem Wort die Betonung liegt.

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Neuanfang

Man kann sich das ja in etwa so vorstellen: Da ist eine Beziehung in die Brüche gegangen. Man hat sich eine Auszeit gegönnt. Ist dann, zumindest auf einer Seite, auch mal auf Partnersuche gegangen zwischendurch. Hat aber auch nicht geklappt. Aber weil man an die armen Kinderlein denkt, möchte man trotz alledem einen Neu-Anfang probieren.

Man setzt sich also zusammen, alle Kränkungen und unterschiedlichen Standpunkte im Gepäck, die letztendlich mit zur Trennung geführt haben. Und als dann jemand nachfragt, wie denn das Gespräch verlaufen sei, vor allem, weil ja vorher noch vor Freunden schwer gestänkert worden war, da lautet die Antwort: Das Gespräch sei „ernsthaft, konstruktiv und offen“ gewesen.

Aber möglicherweise ist das der Unterschied. Während in einer realen Beziehung das Gespräch wohl mit Tränen, erneuten gegenseitigen Anschuldigungen und einem mitternächtlichen Drama geendet hätte, gehört es einfach zum Handwerk von Politikern, jemand freundlich anzulächeln, der noch kurz zuvor ziemlich Unflätiges vom Stapel gelassen hat. Vielleicht sollte man in Beziehungen öfter mal so tun, als wäre man in der Politik.