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Erklärung der Erklärung

Das ist doch wirklich verführerisch. Endlich einmal nicht für Hebammen unterschreiben, oder gegen Unkrautvernichtungsmittel. Endlich einmal seinen Namen unter eine Petition setzen – und sich dabei in bester Gesellschaft zu befinden. Nämlich in der Gesellschaft von Intellektuellen, DDR-Regimekritikern, Publizisten,  Schriftstellern und Professoren und, und, und. Gut Sarrazin hat jetzt nicht gerade den allerbesten Ruf, aber ein schwarzes Schaf gibt es ja immer.

Jedenfalls hat das auf den ersten Blick einen Hauch von ’68 und im Namen Seriosität: „Erklärung 2018“. Und dann auch noch der Hinweis, dass der Auslöser für diese Erklärung die „Sorge um Deutschland“ sei. Doch das Glück währt nur kurz, denn auch die Erklärung ist nur kurz. Und eindeutig. Was da so professoral und bedeutsam und beindruckend daherkommt, ist nur eine Außenstelle der AfD. Man sorgt sich wieder mal nur wegen der „illegalen Masseneinwanderung“.

morgen

Für alle, die sich zu Hause in ihren gemütlichen Sesseln und auf den Sofas noch immer auf dem Flatscreen oder auch auf dem Smartphone mit wohligem Schaudern ansehen, welche Katastrophen auf uns zukommen, anstatt endlich mal den Arsch hoch zu kriegen und was zu tun, hier eine Empfehlung: Schaut euch den Film „Tomorrow“ an. Kostet weniger als ein Friseurbesuch. Und man braucht nicht einmal vor die Haustür zu gehen. DVDs werden ja bis ans Sofa geliefert. Vorabinformationen unter http://www.tomorrow-derfilm.de/ und das schöne Gefühl, dass es noch nicht zu spät sein muss, gibt es gratis.

Und wenn dann auch noch ein Wunder geschieht, wird sich für die Eine oder den Anderen das Engagement für diesen Planeten nicht mehr nur auf die Mülltrennung oder hin und wieder auf den Kauf eines Fair-Trade-Artikels beschränken. Sie werden mit Freunden reden, mit Nachbarn, mit Bekannten. Pläne schmieden und in die Tat umsetzen. Weil es einfach das bessere Gefühl ist, wenn man sagen kann: Ich habe es wenigstens versucht. Und nicht nur tatenlos zugesehen.

 

Zeitungslektüre

Freitag habe ich mir mal eine Zeitung gekauft. So ein richtig dickes Ding. Wenig Bilder. Und nicht gerade billig. Aber hin und wieder kann man sich das schon leisten. Dachte ich mir. Sonst lese ich nämlich ja eigentlich nur diese kostenlosen Werbeblätter. Da steht ja auch einiges drin. Was gerade der Kirchenchor einstudiert. Tipps für die kalte Jahreszeit. Rezepte für eine gesunde Ernährung. Und vor allem erfährt man, was es gerade an Sonderangeboten gibt. Also ich finde, auch daran lassen sich gesellschaftliche Entwicklungen ablesen. Doch was ich jetzt in dieser richtigen Zeitung gelesen habe, das hat mich dann doch extrem verunsichert. Um nicht zu sagen, es hat mich komplett runtergezogen.

 

Vielleicht ist es ja eine Zeitung, die von der Vereinigung der Psychiater gesponsert wird. Denn nach der Lektüre braucht man unbedingt eine Therapie, wenn man vor hat, noch ein Weilchen zu leben. Dabei ist es gar nicht so, dass die Artikel alle so auf Weltuntergangsstimmung getrimmt sind. Im Gegenteil. Alles sehr sachlich. Sehr realistisch, hat man den Eindruck. Das scheint eben wirklich alles nicht so besonders gut auszusehen. Um nicht zu sagen, es läuft offensichtlich verdammt viel schief auf diesem Planeten. Was die Mehrzahl der Menschen aber nicht sonderlich zu interessieren scheint. Sodass man geneigt ist zu sagen, ich warte jetzt, bis es bei Aldi oder Lidl ein günstiges Angebot an Pistolen gibt Und dann jage ich mir eine Kugel in den Kopf. Oder ich spare mir das Geld und lese in Zukunft nur noch Werbeblätter.

Haarspitzenspalterei

Vielleicht ist es die reine Wortklauberei. Ich persönlich halte es hingegen für einen durchaus fälligen Einwand. Vor allem, weil wir in der nächsten Zeit und insbesondere nach dem kommenden Wochenende mit diesem Begriff wohl im gefühlten Sekundentakt konfrontiert werden. Einen ersten kleinen Vorgeschmack haben wir ja jetzt schon bekommen, nach den Kommunalwahlen in Hessen. Da hat Frau Merkel jedenfalls schon mal gesagt, dass die AfD die Gesellschaft spaltet.

Wohingegen laut Vertretern der AfD es eher die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin ist, die die Gesellschaft spaltet. Und Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber sogar findet, dass dies Angela Merkel höchst persönlich tut, während zum Beispiel das Magazin Cicero eher glaubt, dass es die Globalisierung ist, die die Gesellschaft spaltet. Wofür die Partei Die Linke hingegen die Armut verantwortlich macht und die HU Berlin die hohen Managereinkommen.

Doch ich glaube ja eher – und das insbesondere am Weltfrauentag -, dass die Gesellschaft insbesondere durch die Gegebenheit gespalten wird, dass es Frauen und Männer gibt. Was schon einmal ein erstes Indiz dafür sein könnte, dass diese Gesellschaft eigentlich gar nicht  gespalten werden kann, weil sie sowieso schon immer aus unzähligen Einzelteilen bestand.

Oder wann wäre eine Gesellschaft schon einmal ein fester Block gewesen, eine homogene Masse, fest genug, dass man überhaupt in der Lage wäre, da mal einen Keil hinein zu treiben. In meinen Augen und auch nach meiner ganzen Erfahrung ist es unmöglich, einen Haufen Holzspäne zu spalten. Spalten kann ich nur einen Holzscheit. Und das dann auch nur ein paar Mal. Sonst wird es gefährlich für die Finger.

Es scheint da eine Sehnsucht zu geben. Nach Einheit. Nach dem Wir-Gefühl. Doch alleine schon ein Blick nach Brüssel sollte doch genügen, um endgültig davon zu überzeugen, dass bezogen auf eine Gesellschaft Einheit ein theoretischer Wert ist. Vielleicht einmal für Sekundenbruchteile existent. Zum Beispiel beim gemeinsamen Abendessen. Weil alle das Champagner-Sorbet großartig finden. Sogar der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu. Weshalb ihn vielleicht Erdogan absetzt.

Aber dann ist es auch schon wieder vorbei. Statt also dauernd von Spaltung zu reden, brauchen wir vielleicht einfach nur mehr Mut zur Wirklichkeit. Es ist wirklich ganz einfach zu sagen, dass im hessischen Büdingen die NPD 14,2 Prozent der Stimmen bekommen hat. Im Stadtteil Michelau sollen es knapp 32 Prozent gewesen sein. Und das nur, weil in Büdingen die AfD nicht angetreten war. Das ist fast so viel, wie die NSDAP im November 1932 bei der Reichstagswahl bekommen hat.

Eine neue Allianz?

Es gab Stimmen in der Vergangenheit, die sagten, dass in diesem Blog der Name eines bestimmten Ministerpräsidenten zu oft auftauche. Deshalb ist heute einmal und weil Wochenende ist, ein Bundesminister im Fokus. Und zwar der Minister für Wirtschaft und Energie und Vorsitzende der SPD, Sigmar Gabriel. So viel Ausgewogenheit soll schon sein. Insbesondere, nachdem ja auch Wahlen vor der Tür stehen. Mit denen es aber sicher nichts zu tun hat, was Herr Gabriel jetzt forderte.

Er will, offensichtlich nach sehr reiflicher Überlegung, ein „Solidaritätsprojekt für unsere eigene Bevölkerung“. Denkt dabei aber nicht daran, dass dies ein Ausgleich sein soll für all die Milliarden, die zum Beispiel für Subventionen in den unterschiedlichsten Bereichen ausgegeben werden. Nein, sein Motiv ist viel konkreter. Wie er jetzt in dem ZDF-Talk „Maybrit Illner“ sagte, höre er jetzt in deutschen Landen immer öfter von den Menschen da draußen den Satz: „Für die macht ihr alles, für uns macht ihr nichts!“ Was „supergefährlich“ sei und eben ein Solidaritätsprojekt „für unsere eigene Bevölkerung“ erfordere, damit die Menschen merkten, „dass ihre Bedürfnisse nicht weiter unter die Räder geraten“.

Zur Erläuterung: Mit „die“ sind laut Sigmar Gabriel die Hunderttausende Flüchtlinge gemeint, die nach Deutschland kamen und wohl noch kommen werden. Und er fordert explizit, dass eben nicht nur für die Integration von Flüchtlingen Geld ausgegeben werden dürfe, weil uns sonst „die Gesellschaft auseinanderfliegt“. Es sollten vielmehr im Rahmen dieses Solidaritätsprojektes in den sozialen Wohnungsbau und Kita-Plätze investiert und niedrige Renten aufgestockt werden.

Weshalb sich jetzt natürlich die Frage stellt, was den Vizekanzler, Bundeswirtschaftsminister und Vorsitzendem der SPD veranlasste zu glauben, dass die Sendung „Maybritt Illner“ zeitgleich bei einer Pegida-Kundgebung auf dem Dresdner Theaterplatz zu sehen sein würde. Oder ob er sich damit Tatjana Festerling, die sich gerade „voll und ganz hinter die Clausnitzer“ und das Vorgehen der dortigen Polizeikräfte stellte, und der Pegida als Redner  für den nächsten „Montagsspaziergang“ empfehlen wollte. Eine diesbezügliche Anfrage an das Ministerium wurde noch nicht beantwortet.

Schlimme Wörter

Wenn man so vor seinem 56“ Smart-TV sitzt, vielleicht noch mit einem Glas Rioja Vina Imas Gran Reserva von Baron de Ley in der Hand oder auch nur einem Budweiser, dann kommt man nicht gleich auf die Idee, dass einem etwas Wichtiges vorenthalten würde. Gut, in der Garage steht kein Maserati, aber ein SUV aus diesem Preissegment ist ja auch nicht zu verachten. Außerdem ist der Urlaub schon gebucht, eine Städtereise geplant, und wenn der Fasching vorbei ist, wird man sicher wieder mal mit der Familie in die Therme fahren, um ein bisschen Wellness zu machen.

Vielleicht sollte man in solchen Momenten nicht den Fehler machen und nach einer Zeitung greifen, in der dann vielleicht auch noch über das Schicksal einer Familie berichtet wird, die den Vater, einen Onkel und Cousins verloren hat. Oder vielleicht ein Kind. Zwei Kinder. Hab und Gut. Die Existenz. Das kann einen nämlich ganz schön runterziehen und den besten Wein etwas schal schmecken lassen. Zumindest, wenn man gerade sentimental veranlagt ist, sich hin und wieder Mitgefühl erlaubt. Wohl wissend, dass man an diesem Schicksal natürlich nicht schuld ist.

Doch wenn es ganz schlimm kommt, es vielleicht auch schon das zweite oder dritte Glas ist, dann können einem schon auch mal seltsame Gedanken kommen. Zum Beispiel, ob es nicht angebracht wäre, mit seinen Lebensumständen, mit seinem ganzen Leben vielleicht etwas zufriedener zu sein. Nicht immer so viel zu lamentieren. Dass man so viele Steuern zahlt, so wenig Freizeit hat. Es im Bett keinen richtigen Spaß mehr macht. Das Kind so schlecht in der Schule ist.

Und im schlimmsten Fall taucht dann auch noch wie aus dem Nichts ein Wort auf, von dem man eigentlich glaubte, dass es schon vor Jahrzehnten zum Unwort des Jahres erklärt und dann durch Gesetz verboten worden wäre: Bescheidenheit. Weshalb man dann vielleicht zu einem Wörterbuch greift und anschließend gleich noch mal zur Flasche. Doch spätestens wenn man feststellt, dass man ja zum totalen Außenseiter werden würde, wenn man zufrieden mit seinem Leben und auch noch bescheiden wäre, stellt sich wieder eine gewisse Beruhigung ein. Schließlich kann man doch nichts dafür, dass diese Gesellschaft Begriffe wie Zufriedenheit oder Bescheidenheit einfach nicht schätzt.

Minderheiten

Strebe einen Schichtwechsel an. Möchte gerne von der schweigenden Mehrheit zu der Minderheit von einem Prozent wechseln, die in Deutschland zwei Drittel des Vermögens besitzen. Bin auch mit umgehenden Vorbereitungsseminaren einverstanden, eventuell auf Schloss Elmau. Zeitlich gänzlich unabhängig. Bräuchte allerdings einen Shuttle-Service oder Tickets für öffentliche Verkehrsmittel, da die Anfahrt mit Fahrrad wohl zu zeitraubend wäre. Offerten an peterklaertdiewelt@gmail.com

Kant und die Faltencreme – die Montagsglosse

Es gibt Themen, die scheinen irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein. Keiner spricht darüber. Aber für viele Menschen ist es ein Thema. Wie zum Beispiel Faltencremes. Viele benutzen sie. Doch niemand verliert ein Wort darüber. Obwohl es für die Einen ein Fass ohne Boden ist, eine Investition ohne Rendite. Und für andere eine Glaubensfrage, ähnlich fundamentalistisch vertreten wie manche Parole auf Montagsmärschen.

Was aber in beiden Fällen auf der Strecke bleibt, das ist quasi die philosophische Tiefenwirkung von Faltencreme. Der Bezug, der allen großen Philosophen von Kant bis Marcuse entgangen ist. Dem ersteren, weil damals Faltencremes noch nicht so sehr en vogue waren. Dem anderen vermutlich, weil vor allem die Frauen in seiner Umgebung, vom Geist der 1968-er Jahre umweht, diesem Utensil aus dem Beauty-Case des Establishments völlig entsagten.

Dabei genügt doch schon ein philologisch umflorter Blick auf den ersten Teil des Wortes, um den Philosophen zu wecken. Auf die Falten nämlich! Denn während bei einem jungen Menschen noch gerne behauptet wird, dass eine Körperpartie glatt sei wie ein Baby-Po, wird ein derartiger Vergleich angesichts eines 72-Jährigen eher selten gezogen. Falten sind nun einmal Ausdruck und Synonym für das Altern, für körperlichen Verfall, und somit für die Endlichkeit menschlichen Daseins, sprich den Tod.

Also ist eine Faltencreme und seine Anwendung oft nichts anderes als der unbewusste Versuch des Menschen, gegen seine Vergänglichkeit anzukämpfen. Mit Ausnahmen natürlich. Wer zum Beispiel nach einer alkoholreichen Nacht versucht sich das Gesicht, das vielleicht unterhalb der Augen in fataler Weise an einen einstigen Fernsehkommissar erinnert, mit Faltencreme aufzubügeln, der ist einfach nur verzweifelt. Und ebenso wenig geht es um philosophische Aspekte, wenn etwas reifere Damen in einer Werbung behaupten, eine Faltencreme habe es geschafft, sie um Jahrzehnte jünger aussehen zu lassen. Dieses Aussehen haben sie nämlich nur Computerprogrammen zu verdanken, die auch noch aus einem Pekinesen ein aalglattes Geschöpf machen könnten.

Auch wenn solche haltlosen Versprechen von den Herstellern von Faltencremes gerne mit dem hochtrabenden Begriff „Unternehmensphilosophie“ verbunden werden, geht es dabei nur um Gewinnmaximierung. Und nicht um die Vergänglichkeit des Menschen. Allerdings wäre es auch mal eine Überlegung wert, ob nicht auch das Wort Gewinnmaximierung einen philosophischen Hintergrund haben könnte. Vielleicht fällt ja jemandem was ein, wenn er vor dem Spiegel steht und Faltencreme aufträgt.