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Stimmgewaltig

Ich konnte noch nicht abklären, ob es bereits eine anerkannte Sportart ist, es Vereine gibt oder Wochenendseminare zur Weiter- und Ausbildung, oder das Ganze noch unter dem Aspekt „privates Vergnügen“ verbucht werden muss. Auf jeden Fall findet es in der Öffentlichkeit statt. Und das Einzige, was man dazu braucht, ist ein Konzert. Unabhängig davon, ob es in einem Saal stattfindet, oder unter freiem Himmel. Auch wenn sich dadurch natürlich die Anforderungen verändern. Wie selbstverständlich auch durch die Art der Musik. Ob es also ein Rock-Konzert ist, klassische Musik gespielt wird, oder sentimentale Lieder gesungen werden.

Eine Voraussetzung muss auf jeden Fall erfüllt sein: eine zweite Person ist unbedingt erforderlich. Mutet es doch wirklich mehr als seltsam an, wenn jemand nur mit sich selber spricht. Das Zwiegespräch ist Kern und Angelpunkt bei diesem oft und gerne praktizierten Wettbewerb der Stimmen. Wohingegen der Ablauf immer gleich ist. Sowie die Musik einsetzt, beginnt man ein Gespräch mit einem Nebenmann oder auch einer Nebenfrau.

Und die Herausforderung besteht nun darin, sofort auf die Lautstärke der Musik mit noch mehr Lautstärke im Gespräch zu reagieren. Meister dieses Fachs ist, wer anhaltend lauter sprechen kann, als die Musiker spielen. Was natürlich eine gewaltige Herausforderung ist, wenn die Musik elektrisch verstärkt wird. Und wer es schafft, dass das Publikum nur noch dem Gespräch lauscht und die Musik komplett vergisst, der hat natürlich den Olymp in dieser Disziplin erreicht.  

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Neuanfang

Man kann sich das ja in etwa so vorstellen: Da ist eine Beziehung in die Brüche gegangen. Man hat sich eine Auszeit gegönnt. Ist dann, zumindest auf einer Seite, auch mal auf Partnersuche gegangen zwischendurch. Hat aber auch nicht geklappt. Aber weil man an die armen Kinderlein denkt, möchte man trotz alledem einen Neu-Anfang probieren.

Man setzt sich also zusammen, alle Kränkungen und unterschiedlichen Standpunkte im Gepäck, die letztendlich mit zur Trennung geführt haben. Und als dann jemand nachfragt, wie denn das Gespräch verlaufen sei, vor allem, weil ja vorher noch vor Freunden schwer gestänkert worden war, da lautet die Antwort: Das Gespräch sei „ernsthaft, konstruktiv und offen“ gewesen.

Aber möglicherweise ist das der Unterschied. Während in einer realen Beziehung das Gespräch wohl mit Tränen, erneuten gegenseitigen Anschuldigungen und einem mitternächtlichen Drama geendet hätte, gehört es einfach zum Handwerk von Politikern, jemand freundlich anzulächeln, der noch kurz zuvor ziemlich Unflätiges vom Stapel gelassen hat. Vielleicht sollte man in Beziehungen öfter mal so tun, als wäre man in der Politik.

Straßenszene

Ein Wochentag, irgendwo in Deutschland. Es ist späterer Morgen. Die Menschen sind an ihrem Arbeitsplatz. Sofern sie einen haben. Manche haben Arbeit, sind aber trotzdem in den Straßen unterwegs. Zum Beispiel die beiden Männer, die sich zufällig vor der Post getroffen haben. Sie haben sich lange nicht gesehen. Bleiben also auf dem Bürgersteig stehen, unterhalten sich. Um das, was dann geschieht, zu verstehen, muss man wissen, dass vor der Post eine Parkbucht für mehrere Fahrzeuge angelegt ist. Es gerade keinen freien Platz gibt. Und die beiden Männer dort auf dem Bürgersteig stehen, wo die Parkbucht beginnt und vielleicht gerade noch ein Meter hinter dem ersten Auto in der Reihe frei ist.

Die Männer sind mit ihrem Gespräch gerade bei der allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung angelangt, als sich ein Auto nähert, schon weit vor der Parkbucht auf den Bürgersteig fährt. Weshalb es plötzlich vor den beiden Männern steht. Was die ältere Frau hinter dem Steuer nicht zu beeindrucken scheint. Sie gibt den Männern vielmehr lebhaft Zeichen, dass sie doch zur Seite gehen sollen. Woraufhin ihr einer der beiden Männer bedeutet, dass dies ein Bürgersteig wäre und kein Parkplatz für Autos. Das überzeugt die Fahrzeuglenkerin aber überhaupt nicht.

Sie macht einen kleinen Bogen um die beiden Männer herum, um sofort wieder scharf nach rechts zu lenken. Weshalb sie einen der beiden Männer mit ihrem Fahrzeug anfährt und zur Seite schiebt. Steht dann, als sie aussteigt, zumindest mit den Vorderrädern in der Parkbucht. Der größere Teil des Fahrzeuges befindet sich allerdings auf dem Gehweg, ragt teilweise in die Straße hinein. Und als die Fahrzeuglenkerin aussteigt, erklärt sich auch ihr Verhalten. Die Frau muss einen Brief zur Post zu bringen. Ist offensichtlich in Eile, hat keine Zeit, sich dem Protest des angefahrenen Mann zu widmen.

Da ist ihr natürlich nicht zuzumuten, dass sie einen der etwa 20 Meter entfernten freien Parkplätze auf der gegenüberliegenden Straßenseite ansteuert. Sie ist schließlich nicht mehr die Jüngste. Und ihr Name steht für das größte Autohaus am Platz. Zeitweilig mit Millionenumsätzen und daraus resultierendem großem Privatvermögen. Im Gemeinderat tauchte der Name auch auf. Er hat Gewicht. Wahrscheinlich ist sie im Vorstand von mindestens einem Verein. Singt sie im Kirchenchor. Weshalb sie auch voraussetzen kann, dass man weiß, wer sie ist. Das Rätsel ist also gelöst. Wir befinden uns in Deutschland. In Bayern. In einer Kleinstadt.