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Frühling

Sie leuchten dieses Jahr ganz besonders in der Landschaft, die Forsythien mit ihrem kräftigen Gelb. Aber allenthalben haben Farben das Zepter in der Natur übernommen. Die Wiesen sind schon wieder recht saftig, Bäume haben ihr erstes Grün angelegt. Die Vögel zwitschern schon mit Tagesanbruch und sind den ganzen restlichen Tag damit beschäftigt, dem Nachwuchs ein Heim zu bauen. Alles signalisiert Aufbruch und Neuanfang. Sogar die Knospen des etwas bedächtigeren Flieders scheinen kurz davor zu stehen zu explodieren. Die Raketen, die in Syrien niedergegangen sind, haben das schon hinter sich.

Ablenkungsmanöver

Nachdem die unabhängige „Organisation für das Verbot chemischer Waffen“ (OPCW) festgestellt hat, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass der bei der Gift-Attacke auf den russische Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia verwendete Giftstoff explizit aus Russland stammt, bleibt nach meinem unmaßgeblichen Eindruck nur eine Erklärung für das Verhalten von Englands Premierministerin Theresa May. Dass sie sofort und ohne Beweise vorzulegen Russland dafür verantwortlich machte und russische Diplomaten des Landes verwies, hat wohl nur dazu gedient, in England die Diskussion über den Brexit und seine Folgen runterzufahren.

Ganz anders also als in Afghanistan, das zugegebenermaßen momentan auch keinen Austritt vorhat, der der Bevölkerung schwer zu erklären wäre. Die haben sogar von einem hohen US-Militär die Bestätigung bekommen, dass die Drohnen, die mit ihren Bomben Zivilisten in ihrem Land töten, Kinder, Frauen, junge und alte Männer, aus den USA kommen und von deren Soldaten gesteuert und eingesetzt werden. Wobei es bis heute keinen Beweis dafür gibt, dass es unter diesen hunderten Getöteten und Verletzten auch nur einen einzigen Ex-Spion gegeben hat. Bis jetzt ist jedenfalls noch nicht einmal bekannt, dass die afghanische Regierung auch nur im entferntesten daran denkt, US-Diplomaten auszuweisen.

Marschflugkörper

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Volk einen Führer gewählt hat, der besser bei seinen Leisten geblieben wäre. Also zum Beispiel Maler von Bildern nach Ansichtskarten, Imam oder Immobilienhai. Das Fatale daran ist nämlich, dass, ist einmal die Wahl getroffen, das Volk nicht im Entferntesten daran denkt, den Irrtum einzugestehen und zu revidieren.

Nein, trotzig beharrt es darauf, dass mit diesem Mann alles besser wird. Selbst dann noch, wenn aus Säbelrassen Realität geworden ist. Zum Beispiel 59 Tomahawk-Marschflugkörper auf einen Stützpunkt der syrischen Luftwaffe in der Nähe der Stadt Homs abgefeuert werden.

Weltkrieg als Mystery-Saga

Natürlich sind ein paar Vorurteile meinerseits mit im Spiel. Zum Beispiel, was die Berichterstattung im Internet im Allgemeinen und auf Seiten, auf denen außerdem Diätprogramme und Treffen mit jungen Frauen angeboten werden, im Besonderen betrifft. Schließlich bin ich mir darüber im Klaren, dass es hier um Gewinnmaximierung geht und nicht unbedingt um investigativen Journalismus. Den es ja allem Lügenpresse-Gegröle zum Trotz immer noch gibt. Trotzdem könnte sich hier etwas abzeichnen, was Geschichtsbilder nachhaltig übermalen könnte. Sie vielleicht schon bei der gerade nachwachsenden Generation ziemlich verändert. Und wohinter noch nicht einmal eine konkrete Absicht stehen muss.

Dass es sich im vorliegenden Fall um eine Journalistin handelt, ist ohne jede Bedeutung. Nicht ganz bedeutungslos dürfte hingegen das Alter sein. Sie ist Mitte Vierzig. Und hat einen Beitrag für ein Online-Portal geschrieben über die Altlasten des Ersten Weltkrieges in Frankreich. Übertitelt mit “Mystery: Frankreichs verbotene Zonen – Betreten kann tödlich sein“. In dem sehr ausführlich geschildert wild, was dieser Erste Weltkrieg so alles in der französischen Erde um Verdun zurückgelassen hat. Und was Frankreich alles unterlassen hat, um dieses Kriegs-Erbe zu beseitigen. Wohingegen es bezüglich der Hintergründe gerade mal für zwei Sätze reicht. Immerhin erfährt man, dass das Deutsche Reich Frankreich erobern wollte, der Angriff aber vor Paris stockte. Und dass beide Seiten damals neue Waffentechnologien einsetzten, „so auch Giftgas“.

Ach ja, und natürlich erfährt man auch, wie viele Tote es an dieser Westfront gegeben hat. Und dann geht es ganz schnell zurück zu den Wäldern, die nicht betreten werden dürfen. Weshalb ich mir sehr gut vorstellen kann, dass wohl in nicht allzu ferner Zukunft auch das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg in Artikeln und Beiträgen in einer etwas abgeschliffenen, um nicht zu sagen, sehr vereinfachten Form vorkommen werden. Und das höchstwahrscheinlich dort, wo zukünftigen Generationen wohl vor allem Wissen vermittelt werden wird, nämlich im Internet. Sie werden also im günstigsten Fall über den Zweiten Weltkrieg erfahren, wie viele Tote es gegeben hat. Und dass Hitler expandieren wollte, der Vormarsch aber irgendwann stockte.

Ansonsten wird dann wohl ausführlich über die Umweltschäden berichtet werden, die der Krieg verursachte. Vielleicht auch noch die Frage erörtert, ob nicht auch der Klimawandel durch den Zweiten Weltkrieg ausgelöst wurde. Und ob es wohl immer noch Fliegerbomben gibt, die entschärft werden müssen. Und das ist mir zu wenig. Ich zweifle nicht daran, dass sich Geschichte in den Augen der Betrachter im Verlauf der Jahrhunderte zwangsläufig verändert. Doch in welche Richtung diese Veränderungen gehen, das muss man nicht dem Zufall oder dem Zeitgeist überlassen. Dass es Verbrechen an der Menschheit waren, und wer dafür Verantwortlich war, dass ein ganzer Kontinent ins Desaster getrieben wurde, dafür sollte stets noch ein Nebensatz möglich sein. Auch nach hundert Jahren.