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Präzisionsarbeit

Wir wissen jetzt auf die zweite Kommastelle genau, wie viele SPD-Mitglieder sich an dem Votum für oder gegen eine Große Koalition mit CDU/CSU beteiligt haben. Wie viele von ihnen von dem Wahlzettel überfordert waren und deshalb eine ungültige Stimme abgegeben haben. Oder online ihre Stimme abgeben durften, weil die Zeit für eine Briefwahl zu kurz war. Nachdem sie im Ausland leben. Außerdem wurden wir informiert, wie viele Personen an der Auswertung der Stimmen beteiligt waren, und wem alles und weshalb gedankt werden musste. Ach ja, das Ergebnis wurde auch noch mitgeteilt.

Was wir ganz und gar nicht wissen, dass ist, was einen Journalist bewogen hat, die etwas dämliche Frage zu stellen, ob es den SPD-Mitgliedern im Willy-Brandt-Haus verboten gewesen sei, bei Bekanntgabe des Ergebnisses zu applaudieren oder anderweitig Emotionen zu zeigen. Auf jeden Fall hat er nicht bedacht, dass keinerlei Erkenntnisse darüber vorliegen, dass zum Beispiel beim Gang nach Canossa von den Betroffenen applaudiert worden wäre. Geschweige denn von Mitgliedern des französischen Königshauses auf der Fahrt zum Schafott.

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Ü-60-Party

Unter anderem auch die Bilder von den Regionalkonferenzen der SPD, bei denen Teile der Führungsriege um ein „Ja“ für die GroKO warben, waren symptomatisch. Hätte es nicht die Kommentare dazu gegeben, man hätte es genauso gut für einen Bericht von der Kaffeefahrt eines Seniorenheims halten können. Und das ist kein Einzelfall, das ist nicht auf die SPD beschränkt. Bei Parteitreffen von CDU/CSU sieht es nicht anders aus. Auch hier könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass sich eine Rentnergang zu einer Ü-60-Party geschleppt hat.

Und wenn noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel ankündigt, ihr eventuelles Kabinett zu verjüngen, dann ist damit zu rechnen, dass der Altersdurchschnitt wahrscheinlich um satte 1 1/2 Jahre von 71 auf 69 1/2 Jahre gesenkt wird. Langer Rede kurzer Sinn: Politik, wie sie sich in der Öffentlichkeit in weiten Teilen darstellt, scheint eine Rentner-Veranstaltung zu sein. Auch wenn die Beteiligten zumeist sehr viel mehr Geld dafür bekommen als der Großteil der Rentner hierzulande im Portemonnaie hat. Was gleichzeitig ein Grund dafür sein könnte, dass sich Politiker so sehr an ihre Posten klammern.

Damit soll nicht die Behauptung untermauert werden, dass sich junge und jüngere Menschen nicht für Politik interessieren und für sie engagieren. Aber sie haben es ganz offensichtlich verdammt schwer. Zum einen sind sie nicht so präsent in der Berichterstattung, weil sie andere Kommunikationswege haben. Sie brauchen nicht unbedingt Regionalkonferenzen und Bierzelte, um sich zu vernetzen und auszutauschen.

Vor allem aber wird es ihnen nicht gerade leicht gemacht, in den Parteien-Hierarchien nach oben zu kommen. Muss doch zumeist erst Gevatter Tod seinen Job machen, damit Politiker einen Posten räumen. Aber eine Gesellschaft besteht nicht nur aus Menschen jenseits der besten Jahre. Sie muss auch und in diesen Zeiten mehr denn je von jenen repräsentiert werden, die die Zukunft noch vor sich haben. Sonst geriert der gesamte Staat zu einem gigantischen Seniorenheim. Es gibt Länder, in denen man dies bereits erkannt hat.

Geniale Lösung

Also, wenn das mal keine Überraschung ist. Ich dachte ja eigentlich, dass sie sich in Berlin sagen, „wir machen durch bis morgen Früh und singen bums fallera“, und erst am unsinnigen Donnerstag mit ihrem Koalitionspapier herausrücken. Weil da wahrscheinlich eh‘ kaum jemand in der Lage wäre, es zu lesen. Geschweige denn, es zu verstehen. Aber nein. Kommen sie jetzt doch noch heute, quasi in allerletzter Sekunde und mit einem Geniestreich um die Ecke, um nicht zu sagen, aus ihrer Reha-Klinik. Dort dauert die Behandlung ja auch oft länger, als zuerst einmal angenommen.

Man hat es zwar noch nicht Schwarz auf Weiß gelesen, geschweige denn in den angeblich sozialen Medien bestätigt bekommen. Aber es ist zumindest schon was durchgesickert. Dass nämlich Martin Schulz Außenminister wird. Und Horst Seehofer Innenminister. Was im Klartext bedeuten würde, dass der SPD-Vorsitzende nicht mehr SPD-Vorsitzender wäre. Was ihm die Basis danken wird. Und dass Horst Seehofer seinen Lebenstraum verwirklichen und die einströmenden Flüchtlinge einzeln zählen könnte. Da wäre die Obergrenze also auch sicher. Und der Söder glücklich. Einfach genial.  

Wonniges Wohnen

Man sieht sie im Fernsehen und natürlich oft auch in der Realität. An den angesagten Reisezielen oder letzten touristischen Geheimtipps. Mit ihren High-Tech-Wohnmobilen mit Dusche und WLAN, immer gut gebräunt, meistens bester Laune. Weil sie nämlich nicht nur mal gerade eine Woche weggefahren sind. Sondern eher schon im zweiten oder dritten Monat in sonnigen Gefilden unterwegs sind. Und ihre Botschaft lautet: Herrlich ist das Rentner-Leben.

Nicht so häufig und schon eher ganz selten in den begehrten Urlaubsorten auf den fünf Kontinenten sind hingegen jene zu sehen, die zwar auch Rentnerinnen oder Rentner sind, aber vorrangig in einer leicht zugigen kleinen Wohnung aus den 1950-er Jahren sitzen. Gerade so über die Runden kommen. Und natürlich jubeln würden, wenn sie jetzt die Schlagzeile der Online-Ausgabe einer bekannten Wochenzeitung lesen könnten: Milliarden für die Rentner: Union und SPD auf teurem Sozialkurs.

Doch sie können ihre Baldrian-Tabletten beruhigt in der Schublade lassen, denn dass jetzt deswegen unbedingt mehr Geld auf ihren Konten landet, der Monat nicht schon eigentlich am 20. zu Ende sein müsste, ist unwahrscheinlich. Beschäftigt man sich nämlich ein wenig mit den Details der beabsichtigten Regelungen und Ausgaben, dann läuft es eher darauf hinaus, dass sich die Besitzer eines Wohnmobils unter den Rentnern endlich einen Induktionsherd leisten können. Und für die anderen vielleicht eine extra Packung Schmelzkäse herausspringt. Von Aldi.

Es wird zur Jagd geblasen

Ist das nicht eine großartige Idee. Juso-Vorsitzender Kevin Kühnert will ja möglichst viele Menschen jetzt noch schnell überreden, Mitglied der SPD zu werden. Um dann und im besten Fall bei der anstehenden Abstimmung über eine GroKo gegen selbige zu stimmen. Einmal abgesehen davon, dass Mancher wieder einmal sein Vorurteil gegenüber Träger des Namens Kevin bestätigt sieht, werden wohl nicht nur die GroKo-Gegner in der SPD von dieser Aktion profitieren.

Die SPD zwar insgesamt durch die zusätzlichen Mitgliederbeiträge. Vielleicht kommt ja so genug Geld zusammen, dass man nicht nur ein komplett neues Outfit für den Vorsitzenden anschaffen kann, sondern im günstigsten Falle auch noch einen komplett neuen Vorsitzenden. Aber durch einen Trend, der sich bereits insbesondere im Osten der Republik abzeichnet, würde noch jemand profitieren.

Weil zum Beispiel in Sachsen-Anhalt überdurchschnittlich viele neue Mitglieder zu verzeichnen sind – ein SPD-Sprecher sieht sogar „exorbitant“ viele –, liegt die Vermutung nahe, dass sich hier wohl besonders viele Rechte und AfD-Anhänger ein Parteibuch bei der SPD abholen. Um sich so effizient und ganz im Sinne des GroKo-Gegners und AfD-Vorsitzenden Gauland an der Jagd auf Frau Merkel zu beteiligen. Wäre nur noch zu klären, ob nicht nur eine doppelte Staatsbürgerschaft sondern auch eine doppelte Parteizugehörigkeit möglich ist.

Es ist vollbracht

Heureka! Könnte man sagen, wenn man des Alt-Griechischen mächtig wäre. Jedenfalls ist nicht nur der Groschen sondern auch eine Entscheidung gefallen. Vor wenigen Minuten hat der SPD-Vorstand das Ergebnis verkündet, und es bedeutet ein „Ja“ zu Koalitionsverhandlungen. Was auch bedeutet – natürlich auch Alexander Dobrindt sei Dank –, dass der Zwergenaufstand niedergeschlagen wurde. Und selbst wenn man nicht unbedingt ein Verfechter von weiteren vier Jahren behäbigen Regierens ist, weitere Monate ohne eine Regierung wären jetzt auch nicht so prickelnd gewesen.

Was mich ganz persönlich am meisten an einer Groko stört, das ist der Verdacht, dass es zu einem Wiedersehen kommen könnte mit manchem Gesicht, das schon in der vergangenen Legislaturperiode latente Brechreize ausgelöst hat. Der sich nicht unbedingt und einzig auf ein Pflanzengift oder Auto-Schadstoffe zurückführen lässt, aber doch zumindest in einem engen Zusammenhang mit diesen steht.

Ich wünsche mir eine Chance für neue Gesichter, wohl wissend, dass auch hinter diesen nicht immer und zu allen Gelegenheiten ein kluger Kopf stecken wird. Ganz ohne Nostalgie wird es sowieso nicht abgehen. Schließlich bleibt uns Frau Merkel erhalten. Die Aufgabe könnte also lauten: Bewahren und trotzdem in die Zukunft schauen. Das könnte sich auszahlen. Auch ohne Steuersenkung für Vielverdiener.

Google statt GroKo

Daran sollten sich alle Beteiligten an diesem Trauerspiel, das schon bald sein dreimonatiges Jubiläum feiern darf, ein Beispiel nehmen. Google sondiert nicht, Google handelt. Gründet zum Beispiel die Google Zukunftswerkstatt, die alle unterstützt, die den Aufbruch wagen möchten. Steht genauso in einer Broschüre, mit dem schönen Slogan „Aufbruch Wirtschaft“. Der die Herzen manches FDP-Funktionärs sicher höher schlagen lässt, auf jeden Fall das ihres Vorsitzenden.

Doch auch für SPD-Sympathisanten ist was dabei. Nämlich die gute Nachricht, dass im Kreis Olpe Weltmarktführer für Beschäftigung sorgen, dank Digitalisierung und Google. Wäre also ein Modell für den Kohleausstieg. Und damit sich niemand von der CDU benachteiligt fühlt, hat sich Google auch mit der Digitalbotschafterin der Noch-Bundesregierung vernetzt. Nur der Rest der Noch-Opposition bleibt etwas außen vor, kann sich aber bei einem der kostenlosen Kurse von Google anmelden, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Für Einsteiger, die Grundlagen der Digitalisierung verstehen und nutzen wollen. Oder für Kreative, die ihr Potenzial freisetzen möchten.

Die Botschaft: Google ergreift die Initiative. Google fördert. Google gibt die Richtung vor. Ohne lange zu sondieren. Ohne überhaupt zu sondieren. Denn Google braucht nur Google. Und vielleicht noch die Millionen täglicher Nutzer, die Google mit den Daten versorgen, mit denen Google Geld verdient. Ohne einen Penny dafür bezahlt zu haben. Woran sich auch eine zukünftige Regierung in diesem, unserem Lande ein Beispiel nehmen sollte. Falls es demnächst mal eine gibt.