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Gesinnungswandel

Wahrscheinlich ist jetzt wieder einmal so eine Zeit, in der es dringend notwendig ist, das eine oder andere Vorurteil über Bord zu werfen. Auch wenn man auf dem flachen Land wohnt. Ich jedenfalls hätte nie gedacht, dass ich eines Tages Worten des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble applaudieren würde. Und damit mich voll und ganz hinter die Person stellen würde. Auch wenn ich dort nicht sichtbar bin.

„Nicht alles muss vor dem Schutz von Leben zurücktreten“, hat er jetzt gesagt, und dass die im Grundgesetz verankerte Menschenwürde nicht ausschließe, „dass wir sterben müssen“. Um dem hinzuzufügen: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig.“ Und ich finde, dass man ihm da nicht widersprechen kann. Es sei denn, man fragt nicht danach, wo denn der Schutz von Leben ist, wenn zum Beispiel Frauen und Kinder ermordet werden.

Und dann gibt es da noch eine andere Geschichte. Im belgischen Brügge hat es eine Frau geschafft, dass sie in ihrem Hotel trotz Corona Gäste begrüßen konnte. Sie hatte sich gefragt, wo denn Obdachlose hin sollen, wenn es verboten ist, auf öffentlichen Plätzen zu verweilen. Ihre Antwort: Am besten in einem Hotel wohnen. Und die Stadt Brügge hat mitgespielt. Weshalb jetzt die Obdachlosen, die in den städtischen Unterkünften keinen Platz finden, ihre Nächte im Hotel verbringen. Frühstück inklusive. Tagsüber können sie dann in eine Tagesstätte.

„Ich hatte noch nie eine so respektvolle Klientel“, sagt die Hotelbesitzerin, und ist voll des Lobes, dass ihre Gäste auch noch freiwillig aufräumen und abwaschen. Aber es gibt noch mehr gute Nachrichten. Denn die Airline Condor wird vom Staat mit 550 Millionen Euro vor der Pleite bewahrt. Wohl auch um Leben zu schützen. Und jetzt die allerbeste Nachricht: Der Verteidigungshaushalt stieg im vergangenen Jahr um 10 Prozent. Was erklärt, warum es für die eine oder andere Maßnahme im Kampf gegen den Klimawandel leider nicht gereicht hat.

 

 

 

 

Tag des Kindes

https://www.zeit.de/kultur/2020-04/fluechtlingspolitik-deutschland-aufnahme-kinder-fluechtlingslager-grosse-koalition

Es fällt nicht leicht, der Neid ist groß, aber gesiegt hat dann doch die Vernunft. Deshalb heute hier und an dieser Stelle ein Link, eine Adresse, die aufzurufen man und Frau nicht versäumen sollten. Was mein großes Ziel ist, aber immer wieder wortreich von mir verfehlt wird, dass ist in diesem Beitrag nämlich gelungen: Den Nagel auf den Kopf zu treffen. Genau das zu sagen, was dazu zu sagen ist. Das hat Mely Kiyak in ihrer „Deutschstunde“ umgesetzt. Großartig. Und beschämend zugleich. Weil es so richtig ist. Also lesen!

Entdeckung

Es ist immer auch eine Chance, solch eine Tragödie. Die Möglichkeit zum Beispiel, Entdeckungen zu machen. Vielleicht nicht gleich neue Kontinente. Aber Menschen zum Beispiel, die Pflegerinnen oder Pfleger, Kassiererinnen oder Kassierer, Paketausfahrerinnen oder Paketausfahrer sind, und dann von heute auf morgen zu Helden gemacht wurden. Obwohl sie das nie wollten.

Und so etwas ähnliches passiert jetzt mit Großeltern. In Familien, in denen Kindern, wenn sie fragten, was das denn sei, Oma und Opa, zur Antwort bekamen, dass das die Leute wären, die zu Weihnachten und Geburtstag Geld schickten, werden auf einmal bittere Tränen vergossen, weil man Oma und Opa zu Ostern nicht besuchen kann. Weil sie zum Beispiel auf Teneriffa von der Rückholaktion „Deutsche Luftbrücke“ vergessen wurden.

Verwundert fragen sich nunmehr alte Menschen, wer denn da im Garten ihres Einfamilienhauses steht und mit durchtränkten Taschentüchern winkt. Weil sie einfach ihre Kinder nicht erkennen, gar nicht wussten, dass sie schon Enkelkinder hatten. Seit der Schutz der alten Herrschaften es verlangt, dass man ihnen nicht zu nahe kommt, hat Deutschland Oma und Opa entdeckt. Und trauert, dass sie jetzt so fern sind, wie man sie sich schon immer gewünscht hat. Halt! Nicht ganz Deutschland. Es gibt ja auch Migranten.

Schwindel

Mir ist schwindlig. Hier 800.000 Euro für eine Firma in Not. Zig Milliarden für Kurzarbeit oder Soloselbständige, für kleine Betriebe und Geschäfte. In dreistelliger Milliardenhöhe. Was da von der Politik hierzulande momentan aufgeboten wird, ist gigantisch. Und hätte man sich gewünscht, als es noch um den Klimawandel ging, um Kohlekraftwerke, Straßenverkehr oder alternative Energien. Aber vielleicht wusste die Politik schon damals mehr und hat sich das Geld aufgespart für die Coronakrise.
Jedenfalls habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass diese Coronakrise Synonym für ein Wirtschafts-Stützungsprogramm ist. Denn ginge es in erster Linie um die Kranken, dann müssten doch vor allem Krankenhäuser, Ärzte, Pflegepersonal oder Wissenschaftler die Milliarden bekommen, damit sie die Kranken versorgen können. Aber vielleicht liegt es einfach daran, dass den Investoren Personen respektive Einrichtungen aus dieser Branche nicht so wichtig sind.
So richtig erbärmlich finde ich allerdings, was mit den Kindern in den griechischen sogenannten Flüchtlingslagern geschieht. Nämlich nichts. Stopp! Stimmt nicht. Luxemburg hat zehn Kindern die Einreise erlaubt. Oder waren es sogar zwölf? Wie auch immer, irgendwie scheint man dort das Geld dafür aufgebracht zu haben. Aber wahrscheinlich hat Luxemburg auch nicht so viele Corona-Infizierte.
Eines ist jedenfalls unübersehbar: Corona hat die absolute Priorität. Überlagert alles. Es scheint keine Flüchtlinge mehr zu geben, ihre Kinder sowieso nicht. Auch keine Kinder und Frauen, die geschlagen und missbraucht werden, keine Menschen, die nicht wissen, wo sie was zu essen kriegen. Für sie ist momentan kein Platz in den Finanzplänen, noch nicht einmal in den Pressekonferenzen der Politiker. Vielleicht ist das einfach zu viel verlangt, in einer Krise auch noch an etwas anderes zu denken als an die Krise.

Mangelware

Es langweilt, ich weiß. Und außerdem verstehe ich ja mittlerweile, dass die Menschen mehr Toilettenpapier gekauft haben, als sie in fünf Jahren trotz einer alljährlichen Diarrhö verbrauchen können. Ich gehe davon aus, dass diese Menschen glauben, man könne sich vor dem Virus schützen, wenn man sich in Toilettenpapier einwickelt. Warum aber in ganz Deutschland und noch nicht einmal bei dem US-Weltmarktführer des Onlinehandels ein kleiner Behälter simpler Flüssigseife, die einen nicht zum Anlaufpunkt für Insekten aller Art macht, zu bekommen ist, das ist mir schleierhaft.

Was glauben denn die Menschen, die jetzt Flüssigseife vermutlich Hektoliter weise ihr Eigen nennen, was passieren wird? Dass erst das Virus kam und jetzt stündlich mit dem Einmarsch der chinesischen Truppen zu rechnen ist? Deutschland jahrelang im Krieg versinken wird? So oft kann man doch gar nicht die Hände waschen, dass solche Unmengen benötigt werden. Der Bedarf ergibt sich noch nicht einmal, wenn jetzt von heute auf morgen alle Männer entdecken sollten, dass Mann nach dem Pinkeln sogar Hände waschen kann. Was natürlich ein immenser Schub in der Evolution wäre.

Und dann ist mir noch etwas ganz absurdes eingefallen. Das Geld, das in Deutschland für Hamsterkäufe ausgegeben wurde, das hätte man doch wunderbar dazu verwenden können, um beispielsweise ein paar tausend unbegleitete Kinder aus der Hölle von Lesbos, die sich im offiziellen Sprachgebrauch gerne hinter dem romantischen Namen Moria versteckt, zu befreien und nach Deutschland zu holen, hier ein bisschen aufzupäppeln. Das hätte doch hierzulande kein Arsch gemerkt, dass keine 27 Pakete Toilettenpapier das Kinderzimmer verstopfen.

Hurensöhne

So ein 29. Februar, das wäre doch ein geschenkter Tag. Hat heute morgen ein Rundfunk-Moderator gesagt. War sicher gut gemeint. Außerdem konnte er da ja noch nicht wissen, was das für ein Tag werden würde. Auf jeden Fall kann man nur hoffen, dass solche Tage allerhöchstens alle vier Jahre vorkommen. Denn ich bin davon überzeugt, dass dieser Tag der Anfang von etwas Neuem war. Dass wir irgendwann zurückdenken werden, und wir werden sagen: An diesem Tag hat es angefangen. Am 29. Februar 2020. Am Tag der Hurensöhne. Als in einem Fußballstadion Plakate ausgerollt wurden, um einen Menschen mit diesem Wort zu verunglimpfen. Und 22 Fußballspieler in bester Eintracht und als Gegenpol sozusagen aus dem Stand heraus das Spiel beendeten.

Obwohl man nach den bisherigen rassistischen Vorfällen glaubte, dass es nicht mehr schlimmer kommen könnte. Aber das hatte man vom Corona-Virus auch geglaubt, als es nur in China wütete und der Absatz deutscher Autos auf dem chinesischen Markt zurück ging. Aber selbst die Nachricht, dass jetzt in der BRD auch vier Kinder betroffen wären, machte diesen 29. Februar noch nicht zur Schnittstelle. Dazu war der Mann aus Ankara nötig, der in ein anderes Land eingedrungen war, und jetzt Flüchtlinge an die Grenzen der Türkei schickte, um die EU dazu zu bewegen, ihm in seinem Krieg zu Hilfe zu kommen. Weshalb ich schon beim Einmarsch vorsichtshalber auf den Kalender geschaut hatte. Und feststellen musste, dass schon wieder 80 Jahre vergangen waren.

Doch  das Szenario heute ist auch so komplett, jetzt verdient es den Namen Bruchstelle. Was sich an diesem 29. Februar so konzertiert gezeigt hat, das wird uns noch lange beschäftigen. Vielleicht so sehr beschäftigen, dass wir noch mehr vernachlässigen, den Planeten vielleicht doch noch bewohnbar zu erhalten. An diesem 29. Februar habe ich jedenfalls genug Anlass gesehen, wieder Tagebuch zu schreiben, zu dokumentieren, was nach diesem Tag geschehen wird. Und wenn es nur ist, um zu beweisen, dass ich mich getäuscht haben werde. Der Tropfen auf dem heißen Stein, das  war übrigens die Bewertung eines wunderschön gelegenen Ressorts in Myanmar. Eine Frau aus Deutschland war tausende Kilometer gereist, um mit Begeisterung festzustellen, dass es morgens zum Frühstück sogar Gouda gegeben habe. Doch immerhin weiß ich jetzt, dass es nicht nur Hurensöhne gibt  auf diesem Planeten.

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Geprägte Länder

Die Libanesin Nadine Labaki, Regisseurin und Schauspielerin, hat einen Film gemacht. In Deutschland ist er jetzt unter dem Titel „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ in die Kinos gekommen. Er spielt in Beirut, und die Hauptrolle hat ein kleiner Junge. Der im Film seine Eltern verklagt, weil sie ihn in die Welt gesetzt haben, ohne für ihn sorgen zu können. Weshalb der Junge für sich selber und andere sorgt. Der kleine Junge ist in dieser Rolle wunderbar authentisch, vielleicht auch, weil er das Leben auf der Straße kennt.

Besonders vielsagend ist da der Kommentar eines in Deutschland lebenden vermutlichen Mannes im Zusammenhang mit einer Online-Filmbesprechung. Er schrieb: „Es ist wirklich schrecklich, was Kindern in muslimisch geprägten Ländern angetan wird.“ Diese Sichtweise verhindert nämlich bestens zum Beispiel zu sehen, was Kindern in westlich geprägten Ländern angetan wird. Aber das interessiert ihn wahrscheinlich auch nicht. Sonst müsste er ja vielleicht sogar Betroffenheit verspüren, wenn er sich eingestehen würde, dass es vor seinen Augen passiert.

Und ich nehme auch nicht an, dass dieser vermutliche Mann den Film gesehen hat. Denn wenn man ihn gesehen hat, wird man nicht solche Kommentare schreiben. Sondern sich einfach hoffentlich mal wieder nur noch schämen, dass überhaupt Kinder auf dieser Welt dem ausgesetzt sind, was Erwachsene ihnen antun. Und daran sind immer mehr Menschen beteiligt als nur die Eltern oder die Prägung eines Landes. Daran ist der Großteil der angeblichen Erwachsenen beteiligt. Es gibt also keinen Grund, sich diesen Film nicht anzuschauen. Er betrifft sie.

Wenn Buben spielen

Fast sieht es so aus, als hätten sie lediglich Spielzeug zu Weihnachten geschenkt bekommen. Und jetzt spielen sie natürlich damit rum. Der Eine stellt zum Beispiel seine Zinnsoldaten in Positur, schließlich hat ein anderer versprochen, Platz zu machen. Voller Begeisterung wird auch dem Flug von Geschossen nachgeschaut, auch wenn sie beim Nachbarn landen.

Nur einer der Buben hat nicht bekommen, was er wollte, weshalb er trotzig in der Ecke steht. Könnte man also sagen, nicht der Rede wert, ist doch schon immer so an Weihnachten gewesen. Wenn diese Kindsköpfe nicht schon ziemlich alt wären. Und die Präsidenten von Israel, der Türkei, Russlands oder der USA. Weshalb die Spiele nicht lustig sind.

Vergebliche Suche

Nein, dass ich gestern nichts geschrieben habe, das lag jetzt wirklich nicht daran, dass ich keine Lust hatte. Oder keine Idee. Ich wollte einfach wieder mal eine gute Nachricht bringen. Und ich gebe zu, ich hatte so sehr auf Horst Seehofer gehofft. War wohl keine gute Idee. Also habe ich mir dies und das angeschaut, mich durch hunderte Seiten gezappt. Verschiedenste Themen abgeklopft. Politik, Umwelt, Medizin, Sex im Alter. Kein Treffer. Bis ich heute zufällig in Indien gelandet bin. In Mumbai. Und bei Afroz Shah.

Der eigentlich Anwalt ist. Jetzt aber mit einem Heer von Helfern Strände vom Plastikmüll befreit. Während hierzulande Autofahrer noch nicht einmal in der Lage sind, ihre fetten Hintern vom Plastikbezug des Autositzes zu schälen, um vor den Konzernzentralen klar zu machen, dass sie gedenken etwas für die Umwelt ihrer Kinder zu tun. Nämlich keine neuen Dreckschleudern zu kaufen, sondern Alternativen zu verlangen, die nicht nach den Aktionären schielen. Und so gesehen ist das dann auch keine gute Nachricht.

Etwas Schönes

Ich habe heute einen TV-Bericht gesehen, über eine Frau, die Kinder bei sich aufnimmt. Deren Mütter im Gefängnis sind. Und weil sich der Staat nicht darum, landen dann die Kinder sehr oft auf der Straße. Und dabei ist es unerheblich, in welchem Land das ist. Wichtig ist nur, was diese Frau macht. Zum Beispiel auch, dass sie, wenn sie die Erlaubnis von den Behörden bekommt, mit den Kindern ins Gefängnis geht. Zu ihren Müttern. Und als sie wieder gehen mussten, hat ein kleiner Junge geweint. Andere Kinder waren nur traurig.

Aber sonst lachen diese Kinder oft. Und ich habe gemerkt, dass es gut tut, zu sehen, wie jemand Gutes tut. Und dass das animiert, auch etwas Gutes zu tun. Und ich mit ganz wenig anfangen möchte. Heute. Weil ich mir denken, dass wir vielleicht öfter mal etwas Schönes sehen müssen, um vielleicht etwas Schönes tun, etwas Gutes. Vielleicht mehr über solche Menschen zu schreiben, zum Beispiel.