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Krokodilstränen

Während sich nicht geringe Teile der Weltbevölkerung darüber erregen, dass Facebook Schwächen im Fach Erdkunde gezeigt hat, nachdem auch Menschen in Franken, Belgien oder Hawaii die Möglichkeit eingeräumt wurde, mittels « Safety Check » Freunden zu signalisieren, dass sie den Terroranschlag von Lahore, Pakistan, überlebt haben, scheint das Attentat selber weltweit keine besondere Empörung hervor zu rufen. Bezogen auf deutsche Lande kann es natürlich daran liegen, dass Politiker im Osterurlaub sind, und der Rest der Nation noch von dem Ergebnis der fußballerischen Begegnung zwischen Deutschland und England zu sehr geschockt ist, um irgendwelche Anteilnahme zu signalisieren.

Nichtsdestotrotz stellt sich und nicht zum ersten Mal die Frage, ob sich eigentlich Betroffenheit an geografischen Voraussetzungen orientiert. Eine Frage, der sich auch Facebook schon einmal stellen musste. Nachdem nämlich der Safety Check nach den Anschlägen von Paris im vergangenen November aktiviert worden war, nicht aber nach dem Attentat in Beirut am Tag zuvor. Bei Facebook hat man dazugelernt, weil es hier ja auch nicht um Betroffenheit und Mitgefühl geht. Der Rest der Welt scheint sich hingegen immer noch nur dann zu entsetzen, wenn quasi die Detonation zu hören war, sich also mehr oder minder vor der eigenen Haustür ereignete.

Um auch dem Bild vom regelwütigen Volk zu entsprechen, schlage ich deshalb vor, Zonen einzurichten. Je nach der Zahl der Opfer kann dann demnach ein ganzer Staat geschockt sein. Bei entsprechenden politischen Verflechtungen respektive intensiven Handelsbeziehungen kann dieser Schock allerdings auch auf Nachbarländer ausgedehnt werden. Bewegt sich die Zahl der Opfer zum Beispiel in einem fünfstelligen Bereich, darf sich die Anteilnahme auch auf andere Kontinente erstrecken. Wobei dann allerdings natürlich auch noch nach Naturkatastrophen und Terroranschlägen unterschieden werden muss.

Schließlich ist ein Angriff auf eine Demokratie westlicher Prägung höher zu werten als einer in einem Land wie Pakistan, das keine westlichen Werte zu bieten hat. Auch wenn sich hier der Grad der Betroffenheit natürlich latent erhöht durch die Frauen und Kinder unter den Opfern und die Tatsache, dass es sich zum Teil um Christen handelte. Womit wieder einmal der Zeitpunkt gekommen wäre zu betonen, dass ich ein Mensch von schlichtem Gemüt bin. Diese Menschheit hat fliegen gelernt. Sie kann sich über tausende von Kilometer verständigen. Sie hat sogar einen Schuh geschaffen, bei dem sich die Schnürung selbsttätig zuzieht. Und sie soll nicht in der Lage sein, dem Tod von Menschen ein Ende zu machen, deren einziger Fehler ist, am falschen Ort zu sein oder den falschen Glauben zu haben?

Machen wir uns doch nichts vor. Der einzige Grund, warum es diesen Terror gibt, besteht doch darin, dass nicht wirklich etwas dagegen unternommen wird. Weil viele Menschen und ganze Staaten daran verdienen. Die von anderen Staaten nicht daran gehindert werden, weil sie doch als Exportland benötigt werden für die eigene Wirtschaft. Weil unser eigentliches Trachten doch nur darin besteht, nicht selber eines der Opfer zu werden. Wen haben die täglichen Terroranschläge im nach-amerikanischen Irak interessiert? War doch weit genug weg. Und Verwandtschaft haben die wenigsten von uns in Bagdad. Auch wenn das sicher diskriminierend für Krokodile ist, aber wäre es nicht mal langsam an der Zeit, die Krokodilstränen zu trocknen und zu überlegen, ob wir diese Heuchelei noch bis ans Ende aller Tage betreiben wollen? Sagen wir doch einfach mal die Wahrheit.

 

Schöne neue Welt

Als wir zum Beispiel alle Charlie waren, und unbeschadet der Tatsache, dass es einige immer noch sind, weil das Abonnement noch läuft, waren wir da nicht sicher, dass nichts mehr sein würde wie zuvor? Und wer noch nicht davon überzeugt war, hat er diese Einschätzung nicht spätestens übernommen und bei Facebook mit der französischen Flagge ein Zeichen gesetzt, als mehr als hundert Passanten und Konzertbesucher in der Hauptstadt Frankreichs ermordet und sogar ein Länderspiel auf deutschem Boden abgesagt wurde?

Wurden dann nicht sogar die ganz Hartgesottenen durch die Flüchtlingsströme (O-Ton Schäuble) endgültig mitgerissen und eingereiht in die Phalanx derer, die gar nicht mehr darüber diskutierten, sondern jedem, der es hören wollte oder auch nicht,  sagten, dass jetzt alles anders wäre, gedanklich quasi kein Stein mehr auf dem anderen sei, das Abendland neu gedacht werden müsse?

Sie haben sich alle geirrt. Das Korsett unseres Zusammenlebens, die Rückenstützen unserer Gesellschaft, sie sind die gleichen wie zuvor. Sie haben in keiner Weise an Stabilität geschweige denn etwas von ihrer Wirkung und heilenden Kraft eingebüßt. Denn die Probe aufs Exempel hat ergeben, dass der von mir bevorzugte linksdrehende Joghurt bei dem von mir bevorzugten Discounter immer noch am gleichen Platz im Regal steht. Die Bundesliga-freie Zeit von den meisten Frauen und wie zuvor als Belastung empfunden wird. Und noch nicht einmal das Interesse an einer Sendung wie „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ in irgendeiner Weise nachgelassen hat.

Oder um es etwas anders auszudrücken, ganz offensichtlich waren die Ereignisse noch nicht nachhaltig beeindruckend genug, um Bewegung in die Köpfe zu bringen, alte Krusten aufzubrechen, Verhaltensweisen zu ändern. Wir sitzen – im übertragenen Sinne natürlich nur – weiterhin mit unseren gut gepolsterten Ärschen auf den Sofas und schauen uns die Welt und sogar die eigene von außen an. Vergessen dabei immer noch völlig, dass wir mittendrin sind und eines Tages vor dem LED-TV aufwachen werden mit dem Gefühl, dass wir etwas ganz Wichtiges versäumt haben.

Weshalb es auch keine neue Aufrichtigkeit in der Literatur geben kann. Das ist, um auch der Herkunft dieses neuen Trends Rechnung zu tragen, einfach nur Bullshit. Denn zum einen ist sowieso schon alles einmal gesagt worden. Und außerdem würde Aufrichtigkeit bedeuten, dass die Ratlosigkeit thematisiert, zugegeben wird, die uns alle insgeheim schon längst überfallen hat. Vielleicht ist es ein erster kleiner Beginn, wenn ich sage, dass ich heute nicht in einer Jogginghose schreibe. Ich bin nackt. So fühle ich mich jedenfalls. Und sehr ratlos. Auch ausgelöst von einem neuen High-Light aus dem Repertoire des möglichen US-Präsidentschafts-Kandidaten Donald Trump. Der bei einer seiner Wahlveranstaltungen in Iowa laut The Guardian gesagt hat: „Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemand erschießen, und ich würde keine einzige Wählerstimme verlieren.“ Schöne neue Welt, du bist ganz die alte geblieben.

Zeichen setzen

Man kann es nicht anders sagen. Es ist beeindruckend. Die Oper in Sidney, in den Farben der Trikolore erstrahlend. Wenn an der New Yorker Metropolitan Opera unter Leitung von Placido Domingo Chor und Publikum die Marseillaise singen. Oder am gestrigen Abend im Londoner Wembley Stadion vor dem Freundschaftsspiel zwischen England und Frankreich die beiden Trainer Roy Hodgson und Didier Deschamps und Prinz William Kränze niederlegen, bevor mehr als 70.000 Stimmen die Marseillaise intonieren. Der Text wurde übrigens für jene, die nicht so fließend Französisch sprechen, auf den Leinwänden eingeblendet. Während der Schweigeminute war hingegen kein Laut im Stadion zu hören.

Doch auch in Deutschland haben nicht nur Bürger sondern auch die Politik ein Zeichen gesetzt. Nachdem die französische Regierung sich auf Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrags berufend die übrigen Mitgliedstaaten um Hilfe gebeten hat im Kampf gegen den Terrorismus, hat Kanzlerin Angela Merkel „jedwede Unterstützung“ versprochen und einen Bundeswehreinsatz erst einmal ausgeschlossen. Eindrucksvoll auch die Bilder aus dem leeren Stadion in Hannover, nachdem das Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Holland, mit dem ebenfalls ein Zeichen gesetzt werden sollte, in letzter Minute abgesagt wurde. Begründet wurde die Absage mit einem Hinweis auf einen Sprengstoffanschlag, den es gegeben habe. Sprengstoff wurde in den folgenden 12 Stunden nicht gefunden.