Schlagwort-Archive: Massaker

Country & Western

Die Bilanz war noch nicht gezogen, da kletterten schon die Kurse in die Höhe. Und während auf Twitter die Beleidbekundungen im Sekundentakt geschrieben wurden, hatten unter anderen auch die Aktien von einem der Marktführer, zu dem auch die Produkte von Smith & Wesson gehören, zum Handelsauftakt um fast vier Prozent zugelegt. Es gibt allerdings an die 500 Menschen, die nicht an den Aktiengeschäften partizipieren können. Mehr als 50, weil sie tot sind. Über 400 Menschen, weil in Krankenhäusern ihre Schussverletzungen behandelt werden müssen. Sie haben außerdem gemeinsam, dass sie Besucher des „Route 91 Harvest Music Festivals“ waren, auf einem Gelände gleich gegenüber vom Mandalay Bay Hotel.

Von dessen 32. Stockwerk aus ein 64-Jähriger US-Amerikaner ohne Migrationshintergrund mit einer automatischen Waffe mehr als zehn Minuten lang und nur unterbrochen für jeweils etwa 30 Sekunden, die er für das Nachladen brauchte, wahllos auf die Festivalbesucher schoss. Es gibt bis jetzt allerdings noch keine Hinweise, dass sich die Börsenaufsicht wegen eventueller Insidergeschäfte mit dem Fall beschäftigen wird. Vielmehr und nachdem der IS sich zu dem Massaker bekannt hat, ist eher damit zu rechnen, dass US-Präsident Trump neue Einreiseverbote verhängen und fordern wird, dass in Zukunft Festivalbesucher Waffen mitführen dürfen. Damit sie sich verteidigen können.

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Hitzeschaden

Immer mehr und auf Grund mannigfaltiger Beispiele komme ich zu der unumstößlichen und deprimierenden Überzeugung, dass der Mensch an sich und leider auch im Allgemeinen ein vollkommen unvollkommenes Geschöpf ist. Wenn ich mich anderweitig in der Natur so umschaue, dann finden sich natürlich auch das Eine oder Anderes, was man sich durchaus leicht optimiert vorstellen könnte. Nur hat diese eventuelle Unvollkommenheit bei weitem nicht die Tragweite wie beim Menschen. Nachdem dieser ja am liebsten glaubt, die Welt nach seinem Gutdünken, das sich allzu oft als ausgesprochen schlecht entpuppt, gestalten zu müssen. Und die eigene Spezies gleich und vorrangig mit.

Eltern glauben, dass ihre Kinder ihrem Vorbild folgen müssten. In Beziehungen wird an Stellen Symbiose gesucht, an denen Gegensätzlichkeit höchst wahrscheinlich viel spannender wäre. Und Politiker gehen sowieso grundsätzlich davon aus, dass sie wüssten, wo es lang gehen müsste. Wobei es sie auch nicht beunruhigt, dass die Kollegin oder ein Kollege ganz andere Verfahrensweisen und Ziele anvisiert. Von Fanatikern, von denen es auch nicht gerade wenige gibt,  wollen wir gar nicht erst sprechen.

Weshalb ich für meinen Mikrokosmos ein Projekt gestartet habe. Ich will einmal sehen, was passiert, wenn ich nicht mehr allem und jedem erzähle, was er wie zu tun und zu lassen hat. Und besonders interessant finde ich dabei auch, was mit mir passieren wird, wenn ich das eine Weile durchhalte. Werde ich zu mehr Gelassenheit finden? Oder als Nächster in den Schlagzeilen auftauchen, der ein Massaker veranstaltet hat? Vorsichtshalber sollte ich mir vielleicht ein Beispiel an der Nachbarskatze nehmen. Die lässt sogar Vögel in Ruhe.

Kandidat im Zwiespalt

Eigentlich hätte es nicht besser kommen können. Ein Mann mit Migrationshintergrund, weil die Eltern aus Afghanistan stammen. Der dann auch noch und wenig überraschend ein Muslim ist. Und der richtet in Orlando ein Blutbad an, wie es sogar die USA noch nicht gesehen haben. Was Besseres hätte dem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner wirklich nicht passieren können. Was er ja auch gleich mit der Forderung honoriert hat, dass Präsident Obama wegen des Massakers zurücktreten müsse. Wahrscheinlich weil es diesem nicht gelungen ist, die Republikaner dazu zu bringen, der von ihm, also von Obama angestrebten Verschärfung der Waffengesetze zuzustimmen.

Auf jeden Fall hätte Trump jetzt mehr denn je Munition für seine Forderung, keine Muslime mehr ins Land zu lassen und am besten gleich noch alle Muslime, die bereits in den USA leben, auszuweisen. Doch da gibt es einen kleinen Zwiespalt. Trump ist nun nicht gerade der größte Freund von Schwulen und Lesben. Dafür hat er einige Beweise abgeliefert. Und nun musste der Attentäter von Orlando das Blutbad ausgerechnet in einer Schwulen- und Lesben-Bar anrichten. Doch vermutlich wird es dem Heilsbringer Amerikas trotzdem gelingen, auch daraus Kapital zu schlagen.

Vielleicht wird er fordern, nicht nur Muslime sondern auch Schwule und Lesben auszuweisen. Damit in Zukunft solche Tragödien wie in Orlando nicht mehr möglich sind. Dass sich jetzt auch noch der sogenannte Islamische Staat als Trittbrettfahrer geriert und behauptet, hinter dem Anschlag von Orlando zu stehen, könnte jedenfalls dafür sorgen, dass Hilary Clinton noch mehr ins Hintertreffen gerät. Jetzt wird Trump wahrscheinlich behaupten, dass dieser Anschlag nur möglich war, weil sie ihren privaten Email-Account für ihre Korrespondenz als ehemalige US-Außenministerin benutzt hat.

PETs Wochenschau

Manchmal möchte ich einfach nur, dass es aufhört. Wenigstens für eine Weile. Dass es eine Atempause gibt. Per Gesetz: Mindestens für drei Wochen nach einem Flugzeugabsturz keine weiteren Katastrophen mehr. Und schön fände ich auch, wenn man aufhören würde, Stürmen, denen Menschen zum Opfer fallen und die einiges an Verwüstung anrichten, niedliche Namen zu geben. Wie Niklas. Kann man so einen Sturm, wenn man merkt, dass er etwas heftiger ausfällt, nicht wenigstens und aus aktuellem Anlass Herodes nennen?

Und wenn es dann trotzdem schon wieder ein neues Desaster sein muss, ließe sich das nicht gleich mit einer völlig bescheuerten Verschwörungstheorie verbinden. Der Mensch braucht Erklärungen. Wenn er schon nicht in der Lage ist, die Realität zu begreifen. Weil es da meistens nicht viel zu begreifen gibt. Warum jetzt also nicht einfach behaupten, dass die somalische Terror-Miliz al-Shabaab von irgendeinem TV-Nachrichten-Sender dafür bezahlt worden ist, im kenianischen Garissa die Universität zu überfallen und 147 Studenten zu ermorden. Damit wieder stundenlang ein- und dieselbe 45-Sekunden-Sequenz gezeigt werden kann.

Stattdessen bleibt wieder nichts anderes, als fassungslos zu sein und nach Erklärungen zu suchen. Die es nicht gibt. Denn natürlich lässt sich sagen, dass die Dschihadisten offensichtlich aus religiösen Gründen mordeten. Denn schließlich sollen sie sich gezielt Studenten ausgesucht haben, die nicht aus dem Koran zitieren konnten. Also Christen. Und erschossen diese. Aber ist das eine Erklärung? Erklärt das, warum es für manche Menschen keine Menschlichkeit zu geben scheint?

Aber vielleicht ist ja das die Erklärung: Es gibt sie in Wirklichkeit gar nicht, diese Menschlichkeit. Sie ist nur eine Illusion. Eine Mär. Der Ausnahmezustand. Eine These, die von einem Blick auf die Menschheitsgeschichte durchaus gestützt würde. Und auch durchaus die Reaktion der Menschheit auf solche Verbrechen erklären würde. Nämlich Betroffenheit. Solidaritäts-Bekundungen für Opfer und Hinterbliebene.

Und dann wieder zurück zur Tagesordnung. Wenn doch sowieso keine Nachteile für die heimische Wirtschaft zu befürchten sind. Außerdem hat man ja auch noch was anderes zu tun. Schließlich muss zum Beispiel TTIP noch zu Ende verhandelt werden. Sonst gibt es nämlich kein Wachstum. Und dann können wir uns vielleicht noch nicht einmal die Betroffenheit und die Solidarität mit den Opfern leisten.

Das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Iran in Lausanne ist da kein Widerspruch. Denn auch der Iran ist ein Markt. Und ein großer Markt noch dazu. Da möchte man ungern darauf verzichten. Und nimmt es sogar in Kauf, dass jetzt die Atommacht Israel beleidigt ist, dass der Iran jetzt vielleicht gar nicht zur Atommacht wird und sich bei der Urananreicherung über die Schulter schauen lässt. Der drohende Verlust eines Feindbildes ist halt auch nicht so leicht zu verkraften.